Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 38 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063507--06279-3073270- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8. Nr. 38. Die Wahrheit, feierlicher Weise ist das Gebnrtsfest Seiner Majestät in den Kolonien begangen worden und es wurden Huldignugstelegramme an das Allerhöchste Hoflager abgeschickt, welche hnldvollst beantwortet worden sind. Während des nun 17-jährigen Bestandes har der Verein insgesamint bei 8000 Kinder mit einem Kostenaufwande von X 600.000.— in seine Institutionen entsendet. Sitz des Vereines IX., Türkenstraße 17. Wren. (Verein der Sabbathfreunde, II., Kleine Schiffgaffe 10.) Die Sommerferien lähmen in Wien alle Vereinsrätigkeiren. Der Verein der L-abbatfteunde hat sich während des ersten Halbjahres seiner Existenz darauf beschränkt, die Stellenvermittlung zu pflegen und Vorarbeiten für - den Herbst zu machen. Von 132 Stellensucheuden wurden 40 plaziert zur vollen Zufriedenheit derselben und der Arbeitgeber. Wir birten dringend alle Herren Chefs, die Samstag ihre Betriebe geschlossen halten oder aus religiösem Gefühle einzelnen Angestellten den Samstag freigeben wollen, uns ihre freien Stellen anszugeben. Nachdem der Vortrag des Herrn M. A. Löb, Obmann des reichsdeutschen Verbandes, einen durchschlagenden Ersolg hatte und die daran geknüpfte Diskussion ausklärend und anregend wirkte, bereitet der Verein einen Cyklus ähnlicher Veranstaltungen vor, der nach den Feiertagen beginnt. Es ist lebhaft zu bedauern, daß aus den konservativeu, ja selbst aus den strengreligiöseu Kreisen noch Biele, auch der Besten dem Vereine ferne stehen. Möge sich doch die Ansicht endlich durchringen, daß es nicht genügt, selbst koniervativ oder religiös zu sein, sondern daß die Erhaltung und Förderung religiösen Lebens der wichligste Faktor zum Bestände des Judentums ist. Wien. (T a u z i n st i t u t H e i m a n n.) Mit Beginn der kommenden Saison tritt das renommierte Wiener Tanzinstitut Heimann, 2. Bez., Praterstraße 43, in das zweite Bierteljahrhnnderr seines Bestandes. Die verflossene Saison war sür das Jnstirur eine Jnbelsaison und brachte sowohl der Anstalt, wie auch deren Inhabern zahlreiche Ehren. Nahezu 8000 Schüler und Schülerinnen aus den besten Familien der Residenz haben seil dem Bestände der Schule dieselbe frequentiert, ein untrüglicher Beweis für die große Beliebtheit, deren sich das Tanzinstitut Heimann in allen Kreisen der Wiener Gesellschaft erfreut. Nunmehr hat, wie wir erfahren, der Sohn des Inhabers, Herr Rudolf Heimann. die Leitung des Instituts übernommen. Herr Rudolf Heimann, der seit mehreren Jahren in derselben Tanzschule als Tanzlehrer tätig ist, hat sich durch seine Tüchtigkeir auf dem Gebiete des Tanzunterrichtes und der Anstaiidslehre bereits einen Namen gemacht und sein konziliantes Wesen ist zweifellos geeignet, das anerkannte Renommee des alten Tanzinstitutes zu erhalten und womöglich zu erhöhen. Wie«. Im Tempel in der Kluckygasse im XX. Bezirk gestaltete sich der Gottesdienst am verflossenen Neujahrsfeste in wirklich erhebender Weise. In einer schwungvollen Predigt, welche Herr Rabbiner Dr. Armin A b e l e s am zweiten .T"i Tage hielt, wählte er die vier Töne der Posaune als Thema. Diese gleichsam als die menschlichen Altersstufen symbolisierend, entrollte er ein lebenswahres Bild der Vergänglichkeit alles Profanen und richtete hierauf einen flammenden Appell an die Jugend sowohl, wie au unsere Frauen, nach wie vor, die Pionniere der Religion zu bleiben. Unter dem mächtigen Eindrücke dieser Predigt rezitierte sodann Oberkantor Baffer, assistiert von einem unter der Leitung des Herrn H i r s ch m a n n vorzüglich geschulten Chor das Mussafgebet mit der ganzen Kraft seiner Begeisterung, was bei allen Tempelbesuchern ein Gefühl wahrster Andacht auslöste. Prag. Samstag, den 18. d. M., starb hier im 85. Lebensjahre der langjährige Prager Religionslehrer Herr Benedikt Senat, eine durch sein Wissen, seine Herzensgute und Frömmigkeit ausgezeichnete Persönlichkeit. Das Leichenbegängnis fand Montag, den 20. unter großer Beteiligung aller Kreise statt. Lehrer Donat wirkte durch Jahrzehnte an der Prager Talmud-Thora-Schule, deren Zierde er war. Eine große Zahl dankbarer Schüler wird wehmütig des guten Meisters, edlen Menschen und frommen Juden gedenken. Sein langes Leiden zeigte seine Geduld und Gottergebenheit. Möge ihm die Erde leicht sein. Gr.-Meseritsch. Am 8. d. M. war uns das seltene Glück beschieden, Se. Majestät den Kaiser Franz Josef I. in der hiesigen Stadt begrüßen zu können. Zum Empfange Sr. Majestät, der zu den Kaisermanövern hieher gekommen war, hatten sich auf dem Bahnhofe außer den zahlreichen Vertretern der hohen Behörden, der Geistlichkeit, der Gemeinden, Vereine rc. auch unser langjähriger, verdienstvoller Kultusvorsteher. Herr I. G. Müller und der Rabbiner Herr Dr. Johann S t ö ß l e r eingefunden. Se. Majestät zeichnete diese beiden Vertreter der hiesigen Kultusgemeiude durch Ansprachen aus, indem höchstderselbe sich nach den Verhältnissen unserer Gemeinde, nach deren Größe und Seelenzahl, sowie nach der Zeitdauer der Amtswirksamkeit des Herrn Rabbiners huldvollst erkundigte. — Am 9. September l. I. als am Vorabende des Sterbetages weil. Ihrer Majestät der Kaiserin Elisabeth, Hochs. And., fand im hiesigen, festlich beleuchteten und mit Traueremblemen stimmungsvoll verzierten Tempel ein Trauergottesdienst mit reichhaltigem Programm, unter bewährter Leirung unseres Oberkautors Steiner statt. Die Vorbereitungen hierzu waren auf das sorgfältigste getroffen, um den Festgottesdienst erhebend und wirkungsvoll zu gestalten und kann mit Befriedigung konstatiert werden, daß sowohl die ergreifende Gedenkrede des Herrn Dr. S t ö ß l e r und im Anschluffe daran das vor offener Bundeslade vorgetragene Seelenheilgeber für die verewigte Kaiserin Elisabeth, ebenso auch die mit Harmonrumbegleitung zum Vortrag gebrachten Solo- und exakt einstudierten Choralgesänge vom Oberkantor Steiner als hervorragende Leistungen besonders hervorgehoben zu werden verdienen. Bedauerlich ist nur, daß wenige Vertreter der hohen Behörden, trotz zahlreicher Einladungen, dem Gottesdienste anwohnten, doch war der Tempel, sowohl von hiesigen Leuten, als auch von fremden Gästen in allen seinen Räumen dicht gefüllte Bregenz. Zum Empsange des Kaisers Franz Josef in Bregenz war auch der Landescabbiner für Tirol und Boralberg, Dr. Josef Link eingeladen und vorgestellt worden. Se. Majestät beehrte den Rabbiner mit einer Ansprache, erkundigte sich nach den Verhältnissen der Gemeinde und war von der gegebenen Auskunft sehr befriedigt. Als der Kaiser den Rabbiner über seinen Stndiengang befragte und erfuhr, daß derselbe uns Ungarn gebürtig sei, bediente sich der Kaiser der ungarischen Sprache^ Nachmittags wurde der Rabbiner als Ehrengast auf der Kaisertribüne geladen. Szenicz. Am 20. September ist Frau Regine M a r m o r st e i n, die edle Gattin unseres allverehrren Rabbiners, nach langem Leiden gestorben. Welch hohe Verehrung die Heimgegangene genoß, beweist die nachstehende Parte, die vom hiesigen Frauenvereine ausgegeben wurde: Aufs tiefste erschüttert, geben wir die traurige Nachricht, daß die allseits verehrte Gründerin und Präsidentin unseres Vereines. Frau Regine M a r m o r - st e i n, geb. Rosenfeld, Rabbinersgattin, am 20. September 1909 nach« langem schweren Leiden im 48. Lebensjahre sanft verschied. Die so plötzlich Verstorbene war eine edelgesinnte Dame, die unserem Vereine seit der Begründung in selbstloser Weise Vorstand. Berlim Bor Schluß des jüngst in Berlin abgehaltenen zahnärztlichen Kongresses wurde über den Ort des nächsten Kongresses beraten, wobei von deutscher Seite Petersburg vorgeschlagen wurde. Einige russische Teilnehmer wiesen aber darauf hin, daß der Aufenthalt in Petersburg sür die ausländischen jüdischen Zahnärzte mit Schwierigkeiten verbunden sein würde. Als Beispiel führten sie an, daß zu dem letzten Allrussischen Zahnärztekongreß in Petersburg auch einige ausländische Spezialisten und Professoren eingeladen waren, die den Kongreß mit den neuesten Erfindungen und Fortschritten auf diesem Gebiete bekannt machen sollten. Unter den Eingeladenen befanden sich auch einige Juden, die sich aber am Kongreß wegen der Aufenthaltsschwierigkeiten in Petersburg nicht beteiligen konnten. Der Kongreß beschloß darauf, den nächsten Zahnärztlichen Kongreß, der im Jahre 1914 stattfindeu soll, in London abznhalten. Berlin. Das Leichenbegängnis des berühmten Rezitators Alexander S t r a k o f ch hat am 20. September nachmittags unter großer Beteiligung am jüdischen Friedhöfe zu Weissensee stattgefnnden. Jnnulten eines Haines von Palmen und Lorbeer war der mit Blumen und Kränzen geschmückte Sarg aufgebahrt. Rabbiner Dr. Weise hielt die Gedenkrede. Er rühmte den Idealismus in Strakosch Streben und den tiefen Ernst seines Ringens um das, was er für sein künstlerisches Ideal hielt. Nachdem Dr. Weise mit Worten des Trostes an die Hinterbliebenen geschlossen hatte, ergriff Felix Holländer namens des Deutschen Theaters das Wort. Es sprachen ferner warme Abschiedsworte Universitätsdozent Dr. Emil Milan, der Leiter der Reinhardtschen Theaterschnle Dr. Leg band und namens der Familie der Schwiegersohn des Verstorbenen, Kunstkritiker Anton Lin du er. Gesang beschloß die Feier. Dann wurde der Sarg hinausgetragen auf den Friedhof und Strakosch zur ewigen Ruhe bestattet. Die Direktion des Hofburgtheaters und des Deutschen Bolkstheaters in Wien hatten besondere Deputationen mit Kränzen entsendet. Außerdem waren sämtliche Berliner Bühnen bei der Trauerfeier vertreten. Aufruf! An die jüdischen Bäter und Mütter! „Eine herrliche Gabe habe Ich in meiner Schatzkammer, Sabbath heißt sie, Sie gebe Ich Dir, Volk Israel!" Der Sabbath! Dieses herrliche Kleinod, zur körperlichen Erholung und geistigen Erhebung bestimmt, diesen Prüfstein für die moralische Kraft des Juden im Kampfe gegen religiösen Niedergang unseren Kindern unversehrt zu erhalten, ist die erste Pflicht. Mögen uns auch zahlreiche Beispiele lehren, daß unsere Jugend leider oft nicht stark genug ist, im harten Ringen ums Dasein an den Sabbath festznhalten, an uns darf es nicht fehlen, ihr nach Möglichkeit Hindernisse aus dem Wege zu räumen, und dieses Erziehungswerk kann nicht zu früh begönnen werden. Der Schulbeginn ist uns Anlaß, die jüdischen Eltern aufmerksam zu machen, daß die vielverbreitete Ansicht, daß. unsere Kinder in den öffentlichen Schulen zur Sabbathentweihnng gezwungen werden können, eine irrige ist. Ueber Einschreiten kompetenter Faktoren, hat das hohe Kultusministerium verfügt, daß auff Verlangen jüdischer Eltern, deren Kinder an Sabbathen von jeder manuellen Arbeit zu befreien sind. Erfahrung und Statistik erweisen, daß Schüler, die von dieser Befreiung Gebrauch machen wollen, in allen Lehranstalten zu den besten Schülern zählen können. Verein der Sabbathfreunde: M. F e l s e n b u r g M. N a s ch Obmann. Schriftführer.