Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 38 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 38. Die Wahrheit Seite 9. (Alle Rechte Vorbehalten.) Gin neues Acht. Von Adolf Heinrich Landau (Wiener-Neustadt). (Fortsetzung.) Er küßte der Schwiegermutter die Hand, dann schüttelte ihm sein Schwiegervater herzlich die Rechte. „Ich gratuliere dir aufrichtig. Ludwig. Jedenfalls ist es schon etwas, wenn man berufen wird." Dr. Fuchs zeigte ihm die Berufung. Die Damen sahen auch in den Brief. „Primo loco! Das sind günstige Auspizien." sagte der alte Herr. Grete war eine nette Gymnasiastin von fünfzehn Jahren gewesen, als der Theologe Fuchs als Korrepetitor ins Haus gekommen war. Der ernste Student hatte es mit seiner Aufgabe sehr genau genommen und hatte kein Auge für das flotte Mädel gehabt, das mit sechzehn Jahren schon als Schönheit galt. Grete war über ihren Lehrer recht erbost gewesen, daß er nur in die Reden Ciceros und nicht in ihre schönen blauen Augen .blicken wollte. Da hatte sie eines Tages einen tollen Einfall und fragte ihn plötzlich: „Gefalle ich Ihnen gar nicht. Herr Fuchs?" Fuchs, der gerade über die Formel der Hyperbel nachgedacht hatte, sah sie mit großen Augen an, dann sagte er ganz ruhig: „Sie gefallen mir sehr gnt, wenn Sie etwas können, wenn Sie aber fleißiger wären, würden Sie mir noch besser gefallen." Das junge Mädchen hatte sich damals gedacht: An dem ist wohl Hopsen und Malz verloren. Bald darauf war fein Vater, ein armer Lehrer, gestorben und Fuchs hatte mit seiner Mutter ständigen Aufenthalt in Wien genommen. Bittere Tage und schlaflose Nächte hatte er dnrchzukämpfen gehabt, bis er endlich Mut gefaßt und dem Vater seiner Schülerin seine Not geschildert hatte. Der alte Herr hatte ein ziemlich gutgehendes Geschäft, war aber keineswegs ein reicher Mann. Die Not des jungen Theologen hatte ihn aber so berührt, daß er ihm sofort mit einer größeren Summe aushalf und ihn bat. sich ihm stets auvertrauen zu wollen. Grete stand bald vor der Matura und Fuchs hatte sie iäglich einige Stunden unterrichtet, da sagte sie eines Tages zu ihn:: „Herr Fuchs, geben sich meinethalben wirklich zuviel Mühe." „Ich tue es gerne, liebes Fräulein." „Wirklich?" „R e ch r gerne!" Noch nie hatte sie ihn so gesehen. Wie schön er war! Von da an begann sie ihn zu lieben und sie lernte mit solchem Eifer, daß sie mit Auszeichnung maturierte. Damals hatte sie sich bei ihm innig bedankt, und als er sie darauf gefragt hatte, ob er noch weiter ins Haus kommen dürfe, da hatte sie mit der ganzen Herzlichkeit eines achtzehnjährigen Kindes gesagt: „Ich bitte Sie darum." Der ungezwungene Verkehr mit dem reizenden Kinde öffnete erst Dr. Fuchs die Augen. Er sah ein herrliches Wesen, das er ja erziehen geholfen uiib das in vielen Dingen mit ihm harmonierte. Er führte sie ins Theater, er führte sie auf den ersten Ball und als er sie einmal im tränten Gespräche fragte, ob sie seine Liebe erwidern könnte, da gab sie ihm einen herzhaften Kuß. — Wie schön war jener Tag! Er war gerade vor feiner Promotion znm Doktor der Philosophie gewesen. Und bald darauf stand er vor den Eltern der Grete nnd bat um ihre Hand. Sein Schwiegervater hatte ihm herzlich auf die Schulter geklopft und gesagt: „Wir könnten uns wahrlich keinen besseren Sohn wünschen, als Sie, Herr Doktor!" I Darauf hatte ihm der alte Herr mitgeteilt, daß er seiner! Tochter vorläufig 25.000 Kronen als Mitgift geben wolle und! das Geld, daß er ihm bis nun geliehen, als nicht gegeben b e l r a ch t e. Dieser Edelmut hatte Dr. Fuchs fast zu Tränen gerührt. Stets fand sein Schwiegervater Gelegenheit, ihm in zartester Form Geldgeschenke zu machen, denn wenn Dr. Fuchs auch als Lehrer an einem Privatgymnasium sein Auskommen fand, so hatte er noch immer viele Verpflichtungen von früher zu erfüllen. —- Dr. Fuchs kam fast täglich zu seiner Braut. Sie war ein lustiges, herziges Mädchen, das ihre Heiterkeit auch ihrer Umgebung mitzuteilen wußte. Jetzt aber saß Dr. Fuchs ganz traurig neben seiner Braut. „Aber warum so niedergeschlagen?" fragte ihn die Schwiegermutter. „Ich habe bloß vier Tage Zeit und kann mich nicht gehörig vorbereiten. Es ist gar nicht anders denkbar, ich werde sicher d u r ch f a l l e n." Alle lachten laut, besonders Grete. Wußte sie doch, daß Fuchs ein großer Angstmeier war, aber stets Erfolg hatte. „Ihr habt gut lachen." sagte er, „aber ich weiß nicht, wo mir der Kops steht." „Nun. nun," meinte der Schwiegervater. „Du darfst nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Heute ist Dienstag. Heute und morgen kannst Du den Text ansarbeilen. Donnerstag lernst Du ihn auswendig. Freitag fährst Du hin und am Abend mußt Du Dir die ganze Predigt laut vorsagen, am besten vor dem Spiegel stehend, und dann m N ß es gehen." „Weißt Du was." sagte Grete, „ich fahre mit und werde Dich ansfragen." Dr. Fuchs sprang hastig auf. „Um. alles in der Welt, fahre Du nur nicht mit!" „Ja, warum denn nicht. Du kannst mich ja als Deine Schwester vorstellen." „Nein, nein, ich darf Dich nicht sehen. Greti, s o n st bringe ich sicher kein Wort heran s." Wieder mußten alle lachen. Noch einige Zeit blieb er im trauten Kreise, dann empfahl er sich. Alle wünschten ihm recht glücklichen Erfolg nnd sein Schwiegervater begleitete ihn bis znm Postamt an der Stephaniebrücke. Beim Abschied drückte er ihm zwei Hundertkronennoten in die Hand. „Kaufe Dir einen schönen Ornat." sagte er und ehe Dr. Fuchs etwas erwidern konnte, war der alte Herr im Postamte verschwunden. Dr. Fuchs ging langsam der Berggasse zu. Beim Schottenring traf er seinen Freund, mit dem Silberstock herumschlagend. „Servus Fuchs, wo steckst Du denn?" „Ich bin nach Rabenheim berufen worden." sagte er nachdenklich. Sein Freund wurde kreideweiß. „Was? Du? Kerl, das nenn' ich eine San. Ja, hast denn Du die Religiousprüfnng?" „Gewiß, schon ein Jahr." ..Wieviele waren denn schon dort zur Probe?" „Ich bin der erste." „Das kannst Du Deiner Großmutter erzählen." „Bitte!" Dr. Fuchs zeigte ihm die Berufung. „Was? Den Text der Probepredigt geben die dort an? Das ist wirklich nicht schlecht." „Ich glaube, das ist ein Beschluß des letzten Gemeindetages." „Nun. ich wünsche Dir einen guten Magen, diese Juden dort zu verdauen." ..Wenn ein Doktor an der Spitze steht und einen solchen Brief schreibt, dann kann die Gemeinde nicht so schlecht sein." „Uebrigeus bist Du ja noch nicht akzeptiert." Höhnisch lachend sagte dies der Freund und ging weiter. Da siel ihm ein. daß Fuchs verlobt sei und freudig dachte I er: „Da kriegt er sicher einen Schmiß!" (Fortsetzung folgt.)