Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 38 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit dir. 38. richten, wie es halt geht. Der Idealismus der Revolution hat naturuotwendig einem individuellen Materialismus Platz gemacht. Es sucht jeder sich mit dem Bestehenden auszusöhnen und abzufinden und für sich herauszuschlagen, was herauszuschlagen ist. Die Gemeinden sind zerrüttet — resp. es gibt keine — der alte, feurige Glaube tot, die Tradition gerissen, jede moralische Autorität geschwunden. Der geistige Pogrom war furchtbarer und stärker als der physische; jener beginnt zu heilen, während dieser noch sortdauert. Die Rabbinerkonserenzeu und die Versuche des Baron Günzburg bestätigen nur das Gesagte. Rumänien: das Alte, fortgesetzte Degeneriernugstätigkeit von seiten der Regierung und immer tieferer, innerer Verfall und Abfall der Juden. Hatte man früher geglaubt, je unterdrückter das jüdische Volk ist, desto zäher bewahrt es seine Kultur, seine Eigenart, seine idealen Güter, so haben wir in Rumänien ein Schulbeispiel für die Unrichtigkeit dieser Meinung. Die alten bis jetzt aufgestellten Theorien stellen sich heraus als veraltet, als zumindest nur für eine bestimmte Zeit, ein bestimmtes Land, eine bestimmte Klasse oder ein Geschlecht richtig. So wandert das jüdische Volk noch immer nach den Vereinigten Staaten und hauptsächlich nach New-Iork, Philadelphia u. s. w. gegen alle Warnungsrufe der Herren vom grünen, praktischen Tische. Und wer darf es wagen, zu behaupten, daß die Massen instinktiv nicht richtig handeln, daß ihr gesunder Wille zum Leben nicht besser fühlt, wo er sich behaupten kann und wo nicht? Und jener große Dollarkessel bringt das Unglaubliche zustande. Er nimmt ihnen die Eigenart, die jüdische Tiefe, den Ernst, das ganze nationale Sein und macht aus ihnen neue Mestizen, neue, oberflächliche, kleine, weiße Sklaven. Und wer weiß, wer versteht es anders zu machen? Man hat zwar eine sehr schöne Idee von einer Konzentration in Palästina, aber erstens, was soll mit den 99^0/g. Golut-Jnden geschehen?' Dann scheint gerade die Renaissance der Türkei, von der man sich so viel Gutes für die Besiedlung Palästinas durch Inden versprach, derselben noch feindlicher gegenüberznstehen, als der alte Despotismus. Die verjüngte Türkei ist gesonnen, statt eine jüdische Konzentration in ihrem Reiche zu dulden, lieber und vor allem die noch so -fest in ihrer Eigenart wurzelnden Spaniolen in sich aufznsaugen, zu ottomanisieren. Dies haben wir schließlich auch in Persien zu erwarten, wenn die Konstitution mehr als eine Farce sein soll. Von einem Muley-Hafid, der seinen Gegner in einem Käfig herumführen läßt und ihn dann den Löwen zum Fräße hinwirst, darf man billigerweise keine Besserung in der Behandlung der Juden erwarten: alles beim Alten — höchstens, daß die Alliance, so wie überall, wo sie ihre Unheilsschulen gründet, den Abfall und die Sittenverderbnis befördern wird. In Deutschland werden die Juden noch immer zu Kommerzienräten, aber nicht zu Reserve-Leutnants ernannt; es scheint ihnen aber trotzdem nicht schlecht zu gehen. Und hätten sie in sich nicht den furchtbaren deutschen Chauvinismus ausgenommen und würde die preußische Pickelhaube von ihnen nicht jede östliche Bluterfrischnng feruhalten, so könnte man von den dortigen Juden viel erwarten. Unter den obwaltenden Verhältnissen leider sehr wenig, so viel wie nichts. Italien hat schon lange anfgehört, im jüdischen Leben ein Faktor zu sein. Dasselbe gilt von Frankreich, trotz dem Pariser- Ghetto. Und fast identisch liegt die Lage in Belgien. In Holland leben noch die alten Formen, der Geist ist längst tot. Nicht besser bestellt ist es bei den autochthonen englischen Juden. Die Ghettos in London und Liverpool können daran nichts ändern, sie selbst sind mit dem Todeskeim behaftet; die dritte Generation ist assimiliert urrd verloren. Sich an der Politik des Staates als Nation zu beteiligen, dazu scheinen die österreichischen Juden wie vom Schicksal auserwählt zu sein. In diesem Nationalitätenstaate dünkt man, wo jedes Natiönchen sich voll ausleben will, werden auch die Judeu doch wohl eiusehen, daß es für sie das Vernünftigste ist, sich als besondere politische Nation zu fühlen. Und die Völker glaubt man, werden mit dieser Haltung zufrieden sein. Leider ist dies nicht der Fall, die Inden, die die jüdische Politik machen, wollen davori nichts wissen, und die einzelnen Nationen möchten ihrerseits die Judeu untereinander aufteilen. Vorläufig verhält sich die Sache so, daß die besitzenden und daher maßgebenden Inden die nationale jüdische Politik ablehneu. Und die Nationen verlangen vorderhand territoriale Autonomie, in deren Rahmen für eine jüdische selbstverständlich kein Platz ist. Zieht man noch in Betracht, daß die höchsten staatlichen Machtfaktoren an dem Historischen festhalten, und daher eher für eine territoriale, mit der Tradition übereinstimmende Autonomie, als für eine nationale zu haben sein werden, so kommt man zu dem Schluß, daß die Chancen der letzteren sehr schwach, fast null sind. Trotz alldem kann es für uns nicht gleichgiltig sein, ob der Bieuerthsche Absolutismus, oder zumindest halbkonstitntionelle Zustände herrschen sollen. Ist das Parlament nicht ansgeschaltet, so zählen auch die paar jüdischen Stimmen und können zuweilen entscheidend sein. Der Absolutismus braucht uns nicht. Die innere Politik ist der Abglanz der äußeren: dieselben Dirigenten, dieselben Spieler, dieselben ausführenden Freigelassenen, dieselben Lakaien, dieselben Hörigen, dieselbe Lüge, dieselbe Heuchelei, dieselbe systematische Systemlosigkeit, dieselbe Verkümmerung alles Jüdischen, dieselbe Auflösungs-Tendenz. Eine Bilanz mit lauter Defizit und das Untröstliche dabei, das Voraussehen, daß die Aussichten für die Zukunft noch trüber sind, daß die Indifferenz täglich zunimmt und der alte, jüdische Idealismus stündlich abnimmt. Menschlich gesehen, ist die jüdische Lage verzweifelt, von draußen und innen Abfall und Gleichgiltigkeit. Nur ein Gott kann es noch anders machen. Haben wir ihn noch? Tempeliittd Kantorfnbiliinm. In überaus solenner Weise wurde am 1. Tage Roschhaschono der 25-jährige Bestand der Synagoge des Tempelvereines für den VI. und VH. Bezirk und gleichzeitig das 25-jährige Amtsjubiläum des Oberkantors Simon D ü u m a n u gefeiert. Das herrliche Gotteshaus war in allen seinen Räumen dicht gefüllt und bemerkte man unter den Anwesenden: In Vertretung der Kultusgemeinde den I. Vizepräsidenten Landesschulrat Doktor- Gustav K o h n mit dem Kultnsvorsteher kaiserl. Rat Sachs und den I. Sekretär kaiserl. Rat Dr. Lieben, den gesamten Vorstand des Tempelvereines mit dem Präsidenten Dr. Jakob Engel an der Spitze, in Vertretung des österr.-nng. Kantorenvereines Sekretär Dr. L ö w y, den Obmann des Tempelvereines im XHL Bezirke Dr. Salomou K r e u b e r g e r, den Schriftführer des Tempelvereines Wieden und Margarethen Herrn Frankl, den Obmann .des Humanitäts-Vereines Nachlath Jesckurun Dr. Karl L ö w y, Redakteur Dr. Bloch rc. Der Gottesdienst wurde mit besonderer Feierlichkeit zelebriert und bei dem Ausheben ertönten, nachdem der Vorstand vor dem Allerheiligsten Aufstellung genommen hatte, die weihevollen Klänge des großen Hallelnjah. Als Erster wurde der Präsident Doktor- Jakob Engel zur Thora gerufen, der nach dem Vorlefen des Thora-Abschnittes das 8obe>Ii6o1isjoiin sprach und hierauf den anwesenden Gästen, dem Gesamtvorstande, dem Rabbiner, dem jubilierenden Oberkantor und den Funktionären, den Bezirksvereinen und den Vereinsmitgliedern einen Mischeberacli machen ließ, wobei er ansehnliche Beträge für den Tempelbaufond und andere wohltätige Zwecke spendete. Seinem Beispiele folgten sämtliche zur Thora Gerufenen. Als Maftir wurde der Jubilar, Oberkantor D ü u m a n n, aufgernsen und ihm zu Ehren rezitierte Kantor C z u z k a, von Chor und Orgel begleitet, einen von Herrn Rabbiner Dr. T a g l i ch t verfaßten MisclieberacJi, den der Organist Herr Z e r z in Musik gesetzt hatte. In der Festpredigt gedachte Rabbiner Dr. Taglicht zunächst des Heimgegangenen Erbauers des Gotteshauses und ehemaligen Präsidenten des Vereines, Baurat Max Fleischer, würdigte die Bedeutung der vor 25 Jahrerz erfolgten Einweihung dieses Tempels, mit welcher ein mächtiger Impuls in der religiösen Entwicklung der Wiener Knltusgemeinde gegeben wurde und feierte dann die hervorragenden Verdienste und die von tiefreligiösem Sinne geleiteten künstlerischen Bestrebungen des jubilierenden Oberkantors. Im Mussafgottesdienste zeigte sich Oberkantor Dünm a n rr als Meister des Gesanges und feinfühligen Interpreten