Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 38 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Nr. 38 studierte bis in den Abend hinein. So verdiente sich der Knabe selbst Geld, um studieren zu können, aber die ganze Woche mußte er mit einem Minimum von Schlaf anskommen. Nur am Sonnabend und Sonntag, wo er keine Kollegs hatte, konnte er ein wenig von dem verlorenen Schlaf nachholen. Sechs Jahre lang führte er dieses Leben der energischsten Anstrengung und größten Entbehrung tapfer durch, bis er sein Diplom als Arzt erlangt hatte. Das lvar im Jahre 1891, und gleich darauf hatte er, über viele Mitbewerber den Sieg davontragend, das Glück, als Arzt von der Peary-Expedition nach Nordgrönland mitgenommen zu werden. Nachdem er wieder nach Hause zurückgekehrt war, mühte er sich als Arzt sechs Jahre lang in Brooklyn um sein Brot; als aber ein Arzt für die belgische antarktische Expedition gesuchte wurde, telegraphierte er sofort an die Expeditionsleitnng und stellte sich als Freitvilliger zur Verfügung. Das Anerbieten wurde angenommen, und er stieß in Rio de Janeiro zu der Expedition. Seit dieser Zeit hat er sich dann an einem kühnen Fvrschungsunternehmen nach dem anderen erfolgreich beteiligt. Obgleich das Gewaltregiment des Einwanderungs-Kommissärs auf Ellis Island dank den Bemühungen angesehener jüdischer Männer etwas gemildert worden ist, steht es doch immer noch schlimm genug um die unglücklichen Einwanderer, die diese „Insel der Seligen" betreten. Am klarsten beweist dies die Ziffer der im Monate Juli zurücktrausportierten jüdischen Einwanderer: 327. während im gleichen Monate des Vorjahres nur zwischen 30 und 50 von diesem harten Schicksale betroffen wurden/ Im ganzen brachte der Juli über 8000 jüdische Einwanderer, davon 6000 aus Rußland hierher. Eine Schwierigkeit liegt darin, daß das Einwanderungsgesetz solche Immigranten ansschließt, welche wahrscheinlich der „öffentlichen Fürsorge zur Last" fallen werden. Dieser vieldeutige Ausdruck läßt sich natürlich, wenn man keinen guten Willen hat, auf 90% der Einwanderer anwenden, die ja alle nicht als Millionäre nach Amerika kommen. Erfreulicher Weise hat nun das Handelsamt ausdrücklich festgestellt, daß eine „Belastung der öffentlichen Fürsorge" schon dann ausgeschlossen erscheinen muß, wenn für den betreffenden Einwanderer von privaten Hilfsgesellschaften gesorgt werden soll. Das weitgehendste Wohlwollen der obersten Behörde nützt aber nichts, so lange der Einwanderungs-Kommissär selbst von einem illiberalen und jndenfeindlichen Geiste beherrscht wird. Silan;! Von I. Mendel. Ein Schauder! Eine Predigt! . . . Ganz meiner Meinung. Auch mich nberläuft es heiß und kalt, wenn ich nur daran denke. Würde ich nicht fürchten, als dummer Kahal-Polterer verlacht zu werden, ich würde hinausbrüllen: Ich mag es nicht. Ich mag nicht die „göttliche Komödie," ich mag nicht religiöses Theater, ich mag nicht die Buden mit dem Wachmann draußen, und Snobs und Schauspieler drin; ich mag es nicht, es ist mir höchst zuwider. Ja, stünde man nicht in Verdacht, als Buschmann betrachtet zu werden — Jean Jacques Rousseau nahm dieses Kreuz auf sich — so würde ich. sagen — eben wie ein Wilder — ich mag auch die menschliche Komödie nicht! Ich hasse als unerzogener „Halbasiate" den deklarierten und undeklarierten Schein, die offene und die versteckte Eitelkeit, das unsichtbare und das sichtbare Spiel; hasse die Schminke in allen ihren Formen. Einstndiertes, Eingelermes ist mir ein Greuel, Gemachtes eine Schmach. Gefühlsgrammophone sind die größten Widerfacher Gottes, das Niedrigste und Tiefste. Also auch wir wollen bilanzieren, aber faktisch. Wir alten Juden kennen keinen Unterschied zwischen religiösem, nationalem und kulturellem Neujahr; für uns sind das verschiedene Modi einer und derselben Substanz. Neujahr ist eben gewesen, ein Jahr ist vorüber. Wie ist unsere Situation? Die Beantwortung ist keine leichte, da die Fragestellung sehr kompliziert ist. Gibt es eine alljndische Situation? Wir drehen uns im Kreise. Das Schabloitisieren ist hier wie überall sehr ge- Seite 5. jährlich; von einer Logik der Tatsachen darf in diesem Punkte am wenigsten die Rede sein. Die Kategorien sind auf das Judentum noch weniger anwendbar, wie ans das Ding an sich. Man darf aber auch nicht von einer Logik reden, dies hieße wieder ein Prinzip aufstellen, was wir durchaus vermeiden wollen. Zuweilen setzt sich auch die Logik durch. Es bleibt uns demnach nur die beschreibende Methode und das Aufsuchen der nächsten Ursachen übrig. Wie ist unsere Situation? Da wären wir wieder schön beim Anfang. Unsere Silnalion. Haben wir eine? Herzl sagte einmal: „Wir leiden, also sind wir." Der große realistische Romantiker übersah, daß nicht alle Juden leiden. Es gibt überall, sogar im finstern Galizien, eine Anzahl glücklicher Juden und die Glücklichen sind auch — wenn auch nur stillschweigend, verschämt, verstohlen — die Leitenden und diese Leitenden beherrschen die Lage, bestimmen die Situation. Denn wirkliche Mächte, wenn sie sich mit Inden beschäftigen, fragen sie um ihre Meinung. Und ihre Meinung ist: sür das Judentum Herrenhansmitglied zu werden, für das Jndenlnm Großlieferant zu fein, für das Judentum das Judentum zu Tode schweigen. Es ist für den jüdischen Journalisten, wenn er kein bezahlter Lakai ist, sehr schwer ernst zu bleiben. Ist er kein Idiot und hat er noch nichts — so weit hält die Ehrlichkeit an — so weiß er, daß die jüdischen Zeitungen einflußlose Fetzen sind; daß die leitenden Personen in sie nie einsehen, mit Ausnahme des Tratsches; daß sie (die Zeitungen) nur dazu da sind, um die vakanten Schochetposten und die Gebetstunden anzugeben; daß die „Freie Presse" — freilich als Ausdruck der mächtigen Inden vom Scholtenring — stillschweigend die jüdische Politik beherrscht. Ja, nicht nur in staatlicher Politik ist die jüdische Presse ohnmächtig, sondern auch in rein kultureller; auch diese wird nicht in den jüdischen Redaktionsstnben, ja nicht einmal in der Kultnsstube. sondern weit jenseits von Seitenstetten und Leopoldstadt gemacht. . . . von eben den Mächtigen, die uns. ob wir wollen oder nicht, nach außen und nach oben repräsentieren. .. . Wenn man sich also bewußt ist, für die Bibliothek zu schreiben, so politisiert man nicht gerne Und dennoch müssen wir es. Vielleicht doch . .. Vielleicht schütter das Volk doch einmal sein Joch ab. Viel darf man zwar nicht erwarten. Unsere Weisen, die ausgezeichnete Psychologen waren, sagen: „Bevor eine menschliche Sonne ganz untergeht, wartet schon eine neue." Dies galt von guten und schlechten Sonnen. Harrimans Tod hat keine Baisse verursacht, denn der neue Harriman — Ariman — existiert!!! Aber Pessimismus und ironisierender Skeptizismus ist nicht jüdisch. Die Größe des Judentums besteht in dem unverwüstlichen Glauben an eine Erhebung, eine Erlösung, eine Besserung des Menschen, an das Anfhören, an das Verschwinden des Bösen, an das messianischen Zeitalter, das kommen wird und kommen muß. Nicht durch Cook und Peary — wären sie dazu berufen, so würden sie nie persönliche Erfolge erzielen, so würden sie nie einen Rothschild zwingen, die Feder in die Hand zu nehmen. Die Entdecker und Ueberwinder der eiskalten Pole des Egoismus waren schon früher und werden wieder ans treten, aber nicht aus den Sphären, aus denen die sogenannte Kulturwelt schöpft. Ich bin etwas vom Thema abgekommen, ans dem Schweifen in ferne Welten habe ich fast das Nächstliegende vergessen. Unsere Situation? Innere und Aeußere? Beginnen wir mit dem Land, in dem die Majorität der Inden wohnt. Rußland: Die Reaktion hat die letzten Reste der Revolution ausgerottet, hat sie moralisch diskreditiert. Mit dem Schwinden des letzten Freiheitsfunkens ist auch die Hoffnung auf eine menschenwürdigere Behandlung der Juden geschwunden. Daß es Juden waren, die der Petersburger schwarzen Horde das Geld gaben für Pogrome und Galgen ändert an der Sache nichts. Die Moskauer Henkerregierung erholt sich von Tag zu Tag, reorganisiert Finanzen und Armeen, erneuert ihr Prestige, gewinnt allmählich ihren alten diplomatischen Einstnß zurück. Die Existenz der dortigen 6 Millionen Juden hängt von ihrer Gnade ab. Unsere Brüder dort sind wie alle übrigen Nationen von der Enttäuschung erfaßt worden; man versucht sich einzu-