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Die Wahrheit · 1909-09-15 · Heft 37 (15.9.1909) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 37 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 37. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Seite 11. Brauch darf nicht ius Lächerliche fallen, fondern muß alten ethischen Gehalt aufweisen." In uuserm Zeitalter, in welchem B a 1 a c b a wie Minhag ihre Gewichtigleit fast eingebüßt haben, so daß vieles bereits geschichtlich geworden, hat man diesem Gegenstand des Synagogenwesens und besonders seiner Geschichte viel Aufmerksamkeit zngewendet. In den bekannten Schriften und Abhandlungen von Dukes, Z u n z rc. findet man das fast unübersehbare Material wohl gesichtet, den literatur- und kulturhistorischen Stoff gründlich n a ch g e w i e se n, aber hoch nicht so geordnet, daß man heute nur znzngreisen brauchte, um einen einzelnen Ritus zu studieren. Wer dies tun will, muß sich sein Material von neuem erst mühsam zusammenklanben, da für manchen Ritus sogar jeder Nachweis fehlt, wie z. B. für den l i t t h a u i s ch e n, dem anch meine Gemeinde K ön i g s b e r g folgt.*) Andererseits haben so manche Einzelriten ihre Muster gefnnden. So bearbeitete Z u n z in der Zeit d. Jud. 1839/40 den Ritus von Avignon; die Werke Josef Omez, Noheg Kazon Josef, Dibre Kehilloth und Aron Fnld in dem Gebetbuch Tefillath Jisroel (Frankfurter Ansg.) und zwei meiner hebr. Handschriften beschäftigen sich mit dem Frankfurter; Maase Rab mit dem Ritus von Wilna, der für unsere Begriffe sehr freisinnig gehalten ist und sogar den Reformern zum Vorschub diente (vgl. diese Z e i t s ch r. 1906, Nr. 40, S. 10, wozu ich hier noch nachtragen möchte, daß Znuz. Ritus 181 den § 36 erwähnt und daß er auch in Rippmanns Schnlchan ha-Keria S. 194 b angeführt wird); Lnzzattos Einleitung znm Machsor Romi behandelt den römischen Ritus; Polaks Einleitung zum Machsor Minhag Aschkenas (unter dem Titel Na'rsb Oober) den deutsche n, mit welchem sich auch die Tekanoth der Gemeinde Amsterdam beschäftigen. — Levysohn -Peiskrelscham machte sich durch seine Schrift Nebors Minbagim (von welchem auch ein Plagiat von Finkelstein-Miskolcz unter dem vorge- *) Ueber die Juden in Litthauen sagt M. F r i e d e b e r g, der ein Privileg des Litthanersürsten W i l o w d vom 24. Juni 1388 für die unter ibm angesiedelten Juden als ihr ältestes Dokument erklärt: „Witowd hatte von seinen Feldzügen ans der Krim mehrere hundert jüdische Familien milgenommen, die sich zn dem in der Krim vorherrschenden karaäijchen Zweige des Judentums zählten und deren Nachkommen noch heute in Tro ki am Niemen (4 Meilen von Wilna), bei Kowno u. s. w., existieren. Litthauen war im 15. und 16. Jahrhundert Hauptsitz der literarischen Kultur der Karaiten, sodaß Professor R i t t a n g e l aus Königsberg die Reihe der zahlreich nach Litthauen reisenden Professoren eröffnete, die sich dort mit dem Studium dieser Ansiedelungen beschäftigten. Die Stellung, welche Witowd und seine Nachfolger den Inden zur Hebung des Verkehrs in dem noch zum großen Teil wenig kultivierten Lande eröffneten. zog namentlich rm 16. Jahrhundert zahlreiche Kolonisten aus dem Westen an. Schon als im 13. Jahrhundert die deutsche Zivilisation über weite Strecken slavischer und altprenßischer Lande zog, Schlesien von derselben ergriffen ward, war das Deutschtum in das innere Leben Polens vorgedrungen; mit der Bereinigung Polens und Litthauens drangen diese nichtkaraitischen Einwanderungen auch mehr nach Litthau. Die Inden kamen und standen mit dem deutschen Element. Bon den Rhein- und Maingegenden, von Bayern, Schwaben, Böhmen und Oesterreich kamen Schaaren jüdischer Familien, deren Namen, Art und Sprache noch heute auf den deutschen Ursprung Hinweisen. Die deutsch-rabbinische Schule schlug ihr Zelt in Posen und Litthauen aus und verwandelte sich nach und nach erst in eine eigenartige polnische Richtung. Im Familienkreise, im Lehrhanse rc. behielten die Juden in Litthauen neben dem Hebräischen das Deutsche als eine zweite heilige Sprache. Die häufigen Synoden der Dissidenten in Polen gaben das Muster für die Errichtung einer jiibifctjeu- „Bier Länder-Synode" für Großpolen, Kleinpolen, Rußland und Litthauen. Die Urkunden dieser Synode sind entweder in jüdisch-deutscher Mundart oder in hebräischer Sprache abgefaßt. Die Synode hatte auch die Bücherzensur, und kraft derselben privilegierte sie 2 jüdischdeutsche Bibelübersetzungen, die zur Ausbreitung der deutschen Sprache im Osten ebensosehr beitrugen wie die Lesebücher für Frauen u. dgl. Diese eigenartige, vielversprechende Kultnrentwicklnug wurde durch den Aufstand der Zaparoger Kosaken in der Mitte des 17. Jahrhnnderts vernichtet. Dreitausend litthanische Inden entkamen auf Schiffen nach T c x e l in den Niederlanden. Zu Tausenden wurden Edelleute, Geistliche und Juden, an denen die tariarischen Horden ihre Wut kühlten, niedergemetzelt. Weder das polnisch-litthauische Reich, das schon 1772 seinen Untergang besiegelt sah. noch die dortige jüdische Bevölkerung hat diese Krisis jemals ganz überwunden." (Nach einem Bericht des Tilsiter Tageblattes über eine Monatsversammlung der dortigen litthauisch-literarischen Gesellschaft unter Vorsitz des Superintendenten H o f f h e i n z. — Leider fehlt dem mir vorliegenden Zeitungsausschnitt das Datum). schobenen Druckort Amsterdam erschien) eilten Namen; die Schriften Minbage Jescliurcm, Sefer Matammim und Cbaje Jebuda gehen wie Levysohn mehr dem Ursprünge von Gebräuchen nach, während der F ü r t h e r Ninbag in einer besonderen Schrift festgelegt ist. (Fortsetznng folgt.) Syrmgogengesinrge von S. T e n n e n b a u m, Oberkantor in Stuttgart. Es ist für die Fachgenossen eine freudige Genugtuung, wenn ein begabter Kollege aus seiner langjährigen Reserve heraustritt und sie mit einer Liebesgabe in der Form interessanter Kompositionen überrascht. Freund T e n n e n b a u m, Oberkantor in Stuttgart, sendet dem Schreiber dieser Zeilen ein solches Heft: „S y n a g o g e n g e f ä n g e für M ü n n e r ch o r, K a n t or und Chor U n i s o u o," das den Manen verstorbener Kirchenvorsteher und dem bekannten Kirchenrat, weiland Dr. von Wasser m a n n, in Dankbarkeit und Verehrung gewidmet ist. Diese pietätvolle Widmung zengt jedenfalls für die edeldenkende Gesinnung des Verfassers, sie gibt aber gleichzeitig anch ein Bild des harmonischen Verhältnisses, das im Laufe der Jahre zwischen Gemeinde und Kantor sich entwickelt hat, und bürgt für eine gewisse gegenseitige Zufriedenheit, die zu jener Unabhängigkeit führt, von der der Schreiber dieser Zeilen in einem früheren Artikel gesprocheil hat. Doch nun zum Gegenstand selbst. Die Festtage nahen heran und es war vom Verfasser gut gewählt, für dieselben etwas zn bringen, was der Anwendung harrt und bedarf. Warum aber alles für Männerchor? Vielleicht liegt es in den Chorverhältnissen, vielleicht in einer konservativen Anschauung, derznfolge der Münnerchor den Wünschen der Stuttgarter Pairs besser entspricht, als ein den radikalsten Fortschritt dokumentierender Mädcheuchor, oder vielleicht ist gar die Ursache in den so schwer zn erziehenden Knabenstimmen und den niemals zn vermeidenden Knabenunarten zu suchen. Doch das ist Nebensache. Mit dem Eingangsliede Na towu in F-Dnr. feierlich gehalten, beginnt die Serie. Zn bemerken wäre, daß sich der Verfasser nicht nach einer eigentlichen Ordnung hält, sondern sein Werk mit ans der Literatur lose heransgenommenen Gesangstncken ausstattet. So erscheint als zweite Nummer das ganze Ausheben von Jomim nöroim von Vajebi binsoa angesangen; doch stoßen wir hier bei den 8ob'16sob essre middos auf eine merkwürdige Eigenart, die tonlich geschickt wiedergegeben ist: Chor Adonoj in O-Moll. Der Kantor wiederholt in 6-Dur aber in der Regina-Intonation (Iomtof-Leienen) und diese Regina wird hier geschickt harmonisiert, worauf der Chor wieder 6-Moll schließt. Das nun folgende „Waani sefillosi" zeigt sich im Gewände des traditionellen anderthalb Tonsystems (Iischtabach-Steiger.) Beim „Scb’ma“ ist die gewöhnliche alte Art beibehalten, doch wurde sie schon mehrfach effektvoller ausgestattet. Bei „Godlu“ erfolgt die hübsche Wendung, wie sie Snlzer vorschreibt. "W’sos batöro ein Chor Unisono mit mannigfaltigem Modulieren durch die Tonarten G-Moll, Oos, F, B nnd B-Dur. Erhabene Worte in zn schillernder Verkleidung, jedoch ist der Schlnßakkord B-Dur gilt erdacht, als wäre er bestimmt, in seiner Helle den strahlenden Ruhm der Thora weithin leuchten 311 lassen. Ascbre hoom, T’hillas, Jeballeln, alles rationell wiedergegeben. Bodo al erez hübscher Eigenbau, doch ilnwillkürlich bei den Hallelujas in Lewandowski einmündend. Nun folgt die Biöcrs ds resistance. Eine Mnßas-Keduscha. nnd wir können sagen, äußere musikalische Verhältnisse haben sich wohltuend hier geltend gemacht. Lebt ja doch unser Kollege fast mehr als ein Vierteljahrhnndert in einer süddeutschen Metropole, wo die Mnsikwogen ihren flimmernden Gischt hoch sprühen lassen, die menschlichen Sinne einnehmend und ersntlend. So hat sich auch Freund Tennenbanm dem Zauber des deutschen Liedes gern hingegeben und in seiner Keduscha deutsches Wesen in behaglichster Form, a la Reinhold Becker, walten lassen. Das Resumö des Ganzen: Ein Werkchen, dessen Inhalt dem allgemeinen Wunsche entsprechend, das nationale Moment in den Vordergrund treten läßt, doch den modernen Anforderungen zu genügen trachtet. B. Singer, Jungbunzlan.

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