Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 37 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Nr. 37. Posch haschschono. Mächtig erklingt im Tempel Gottes die Posaune und in I Scharen eilen unsere teuern Glaubensbrüder herbei — nach einer einjährigen Rast — zur Kontrollversammlnilg. „Sieh!" > rusen sie aus, „wir sind dir — Owinu malkenu — treu gej blieben, wir haben nicht, trotz Verachtung und Boykott der anderen! Völker, das Wasser der Taufe über unser Haupt fließen j lassen; wir sind nach wie vor deine trenergebenen Kinder Israel : geblieben!" „Gut, gut! ', spricht unser Vater im Himmel, „bald! werden wir vernehmen, welche euere Wünsche sind tind tiach j Tunlichkeit sie bewilligen."! Und der 8ollellaoll-2!illllur beginnt mit vollem Tone sein! Gebet. Er steht für sich, für seine Familie und für die ganze! Gemeinde Gottes. Es quillt perlend sein Wort, so gemüterhebend, j wunderlich erquickend, daß den Zuhörern daS Herz schwillt, i daß ihnen unwillkürlich die Tränen ans den Augen stürzen. Und j :vo das Gebet von „Parnosok“ spricht, von langein Leben, von! Glück und Zufriedenheit, da sprechen sie die Stellen mit ans- : richtiger Andacht mit. Unsere frommen und guten Patriarchen und die Engel, die Israel hold sind, Michael, Gabriel, Uriel und Raphael, drängen sich au die Glorie Gottes heran und flehen um Schutz imb Gnade für das Volk Gottes. Und unser Vater im Himmel — gelobt und gepriesen sei sein Name! — spricht: „Solachti!“ — Alle Sünden, die Israel im herben Kampfe ums sauere Dasein beging, sie seien, dieweil es ehrlich bekennt und bereut,- vergeben und vergessen, Israel werde des Segens Gottes voll und ganz teilhaftig.-Da erhebt der königliche Sänger David seine herrliche Stimme und spricht: ..Allgütiger Vater, höre auf die Stimme deines ergebenen Knechtes. Du hast ganz Israel mit deinem reichen Segen beglückt. O vergib dem Staubgeborenen, daß er zu dir also spricht. Sieh', der Vorbeter, gewiß einer der Würdigsten deiner Gemeinde, da er von deinen Kindern entsandt wurde, deinen Namen zu preisen und für dein Volk zu bitten. Wie ivillst du ihm Parnosok geben? Der edle Säuger kann doch nicht Masso umatton seinen Brüdern gleich, auf welchem Wege du ihm den Segen verheißest, betreiben? Er muß warten, was ihm seine Brüder zuteilen, und die, wehe mir! hören und sehen ihn während des ganzen Jahres nicht mehr, ja sie feilschen, wer die nötigsten Kultnsstenern entrichten soll!" Da spricht der Herr in seiner unerschöpflichen Gerechtigkeit: „Mein königlicher Sohn, du bist im Rechte! Es soll mit dem Füllhorn des Glückes allmälig zurückgehalten werden, bis Israel zur Einsicht kommt, daß der gottbegnadete Sänger nicht seinen Brüdern gleich — Masso umatton betreiben kann". Armin W—tsch. „Polen." Von Ed. Birnbaum. I. Der polnische Ritus und sein S y n a g v g e n g e s a n g im Kreise d er m i t t e l a l t er l i eh e u S y n a g o g e u- R i te u. Motto: rc- NLIU .-NI rer -,rix rn irir: m;röcn -urr abim „Der spricht dies, jener das, und sie alle irren ini Wald e d c r Rite n umher". David Abudrahanl (1340). Zn Bezug auf Riten im allgemeineit sagt R. T a m (gest. 1171), da.er von der Thora-Vorlesnug des Maphtir am Feiertag spricht und ansführt, daß, obgleich im Talmud nur von den Opfern, die im Leviticns Vorkommen, die Rede ist, für uns doch der im spätrabbiuischen Schrifttum begründete „M i n h a g" (Brauch, Ritus) bindend sein müsse, den Maphtir aus dem 4. B n ch Moses vorlesen zu lassen, wie wir an Fasttagen gegen die Bestimmung des Talmud den Abschnit *?rr>i lesen, — an dieser Stelle sagt R. T a m: rrc:?*-i -nar 'pa -nv'vrr '-h •p-.s-’! ctsx -cm rn:K "isc “iKrri mabnai nr-nr-, . o;n:ei e-rarpn -nrn cm1? b s'rr „Wer nicht bewandert ist im Gebetbuch des Amram ® A o li, in dem Werke Halachoth gedolotli, dem Traktate „Soferim“, in den Perikopen des R. Elieser, in den Midraschim „B. a b b o t h“, im T a l m n d und in den anderen a g g a d i s ch e n Schriften, der hat kein Anrecht, die Bestimmungen der Alten und ihre festgesetzten Riten einzureißen". Er sügt dann hinzu: arra bv anma nmm „Gar viele Bräuche sind uns durch sie (diese Schriften) überliefert." (8eter Hajoschar ed. Ros entha! S. 81; vgl. Lonzano, Sekte., jad. S. 122; Ker. Chem. 7, S. 3 und 19). Aehnlich äußert sich zu dem betreffenden Gegenstand der so anna (M, Rothenburg. Resp. Nr. 110), indem er sich aus die angeführte Stelle des R. Tam beruft, (ed. Bloch. Budapest 1895, der die Parallelstellen in Tosaphot und 0r. Oll. hinzusügl). Wie sehr die M i n h a g i m hochgehalten wurden, erhellt aus der Tatsache, daß man häufig zur Bekräftigung irgend eines Ritus wiederholt die alten Worte findet: ammrK n;ar nmn (Habel gut Acht auf den Brauch der Väter) aa'Tr arvTDK j,-üö (Ter Brauch der Väter ist fznr Nachachtnngj in Eure Hand gegeben) kt,min wrrcK jruö (to Brauch der Väter ist „heilige Lehre"!) Zur Kenntnis der Riten und ihrer Geschichte führt Z u n z an einer Stelle aus (Ritus 21): „Der Brauch größerer Gemeinden wurde für naheliegende Orte eine Richtschnur, gleich wie Lehrer und Vorbeter für die Gemeinden eine Autorität geworden . . . Wahrscheinlich entstanden aus diese Art die M i u h a g i m des Vorbeters Meir v a r I s a a k in Wor m s, nach dessen Ausspruch selbst R a s ch i einzelnes im Rituale geändert." (Vgl. auch Resp. Maharil Nr. 56. M. Vitry 198. Sellill. Pellet 290). Es kann heute nicht meine Aufgabe sein, hier über die Geschichte der Riten im allgemeinen zu sprechen; aber bevor ich aus meinen eigentlichen Gegenstand eingehemuß daraus hingewiesen werden, daß der „polnische Ritus" nur ein Glied in dem großen Kreise von mittelalterlichen Riten darstelll und den Abndraham so schön den „Wald der Riten" nennt (Vorrede). Uns sind gewöhnlich nur der Minhag A s chk e n a s, Mink Polen nnd Litthauen oder der Mllillag S e p h a r d geläufig. Manchmal begegnet man in den Gebetbüchern auch den Bemerknngen : „In Franks u r t, in K r a k a n, in Metz, in Posen, in Prag wird dies nicht gesagt" rc. Es dürste sich aber verlohnen, hier eine Reihe von Städten nnd Ländern anfznführen, die im Laufe der Zeiten für die verschiedenenMiullagirn maßgebend wurden. Es seien nur genannt: Arabien, Avignon, Babylonien, Böhme n, B rü u n. Carpentras, Catalonien, Cavaillon. Corfn, Deutschland, Ege r, Erfurt, Franks n r t, Frankreich, F ü r t h, Italien. Krakau, L i t t h auen, Lombardei (von der wir eine Menge deutscher Melodien überkommen haben!), Lothringen (mit Metz), Magdeburg, Mähre n, M a i n z, Monpellier Narbonne, Wiener-Neustadt (über die das Werk „Lek et jo sek er" nnd die Schriften von Dr. Arthur Goldman n, Dr. Jgn. S ch w a r z nnd Dr. Sigmnnd H u s s e r l neue Aufschlüsse bringen, die ich aber im Laufe dieser Arbeit zu ergänzen hoffe), ferner Nürnberg, Oesterreich, P a l ä st i n a, Persien, Polen, Posen, Prag, Provence, R e g e n s b n r g, Rheinland, Rom, Romania, S a ch s en, Schwaben, Spanien, Speyer, S t e i e rm a r k. Toledo, Tunis, U n g a r n, W o r m s, W ü r z b u r g. Ans manche dieser Namen werde ich im Lause dieser Abhandlung znrückkommen, zumal bei Verfolgung der variierenden Lesarten im polnischen Ritus wie auch bei Feststellung gewisser Traditionen im Synagogengesang. Hier sei nur erwähnt, daß in diesen Ländern nnd Städten sich hie nnd da Abweichungen vom alten Ritus herausgebildet haben, die gelegentlich an Stellen, wo "es sich um den Streitpunkt zwischen Gesetzmäßigkeit (Halacha) nnd Brauch (Minkag) handelt, vom rabbinischen Schrifttum in Diskussion gezogen zu werden pstegen, lim dann zu dem Grundsätze geführt zu werden: .pp-m jroö robn -ipiy jhjö „Ein Brauch hat die Kraft, ein Gesetz aufzuheben." Allerdings darf es kein map sondern muß ein pp-m j.-üö sein! „Der