Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 37 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 37. Die Wahrheit Gelte 9. Wenn man mal die „Götterdämmerung" gab, Hab' nie ich's Theater betreten, Zwei Opern ins Herz ich geschlossen nur Hab' „Die Jüdin" und den „Propheten". 'ne Rolle Hab' ich nie gespielt, Ich lebte fiu* mich ganz stille, Nnr eine hat mein Herz erfüllt Und das war die Megille. Vom Weibe blieb fern ich, so wie sich's gebührt, Entbehrte den Reiz eines Kusses, Nie Hab ich noch eine Nekaiwe berührt, Ich küßte nur immer Mesuses. D'ranf sagte der Herr mit lächelndem Mund: ..Fürwahr, dn bist rein aller Sünden, Solch' Künstler des Lebens kann ich bis zur Stund' In meinem Himmel nicht finden. Komm! setz' dich aus ewigliche Frist, Hier an die Stufen des Thrones, Denn mit einem Schaute, wie dn einer bist, Da Hab' ich das größte Rachmones." Verschiedene Nachrichten. Wien.' („Li vj a s Chen", II., S t e f a n i e st r a ß e 2.) Samstag, beit 18. b. M., 4 Uhr nachmittags Bortrag bes Herrn I. R o s n e r. Thema: „Tsckuwa Tfila Uzdaka". Wien (P r. R e l i g i o n s s ch u l e ber „Adass Jisroe 1", II., Malzgasse 16.) ilMr beehren nns anzuzeigen, baß bie Einschreibung an unserer Schule sür Knaben unb Mäbchen Sonntag, den 19. September 1909 von d—lj2l Uhr vormittags im Schulgebänbe (Talmud Thora-Lehranstalt) stattfinbet. Weiterhin an jedem Sonnrag von 8—12 Uhr vormittags und Mittwoch von 2—6 Uhr nachmittags. Schulbeginn: Mittwoch, den 22. September. Im Interesse des Unterrichtes ersuchen wir um rechtzeitige Einschreibung. Der Borstand. Wien. Die philososophische Fakultät der großherzoglich hessischen Lanbesuniversität sandte dem als Rabbiner und Gelebrren vielverbienten Dr. M. H. Frieblänber gelegentlich seines fünfzigjährigen Doktorjubilänms in Anerkennung seiner bis in die letzte Zeit hinein fortgesetzte ersprießlichen literarischen Betätigung ihren Glückwunsch zum Gedächtnisse des Tages, an dem ihn die Fakultät vor 50 Jahren zum Doktor, der Philosophhie ernannt und erneuerte ihm das Diplom. Herr Dr. M. H. Frieblänber, der mehr denn 40 Jahre als Rabbiner segensreich wirkte und noch heute als Prediger und Exhortanl in Wien sich großer Beliebtheit erfreut, ist auch unseren Lesern durch seine ebenso interessanten als wertvollen historischen Beiträge vorteilhaft bekannt. Die besondere Auszeichnung des greisen Gelehrten wird in weiteren Kreisen mit großer Genugtuung begrüßt werden. Wien. Freitag, den 10. b. M. ist Herr Moritz Löbl zu Grabe getragen worden, den eine tückische Krankheit in jungen Jahren dahingerafft hatte. Der Heimgegangene war Mitglied des Wr. kausmännischen Gesangs- Vereines, und sein prachtvoller Bariton erregte bei den öffentlichen Äufführungeil des Vereines und so auch bei der letzten Bekleidungsfeier des Vereines zur Bekleidung und Unterstützung armer alter Männer, wo der Verein sich dem wohltätigen Zwecke bereitwilligst zur Verfügung stellte, allgemeine Bewunderung. Beim Leichenbegängnisse waren die Mitglieder des Vereines in großer Zahl, eine Abordnung des Wiener Männergesangsvereines und viele Freunde der trauernden Familie anwesend. Nach den rituellen Gesängen, die erster Kantor I. Schleifer in erhebender Weise exekutierte, hielt der Obmann des kaufmännischen Gesangsvereines, kaiserl. Rat Wilh. Pollak, dem Heimgegangenen einen tiefempfundenen Nachruf und dann stimmten die Bereinsinitglieder einen ergreifenden Trauerchoral an. Bromberg. Vor ungefähr llj2 Jahren ist hier die Errichtung eines jüdischen Altersheims geplant worden. Für diesen Zweck haben bereits einige Herren größere Summen gestiftet, so daß der hierzu vorhandene Fond bereits Mark 20.000.— beträgt. Der Bau ist zur Aufnahme von vorläufig 12 Insassen bestimmt und soll in praktischer Ausführung der Neuzeit entsprechend, zirka Mark 50.000.— kosten. Da hier ein dringendes Bedürfnis für Errichtung eines solchen Altersheims vorhanden ist. so ist hier Gelegenheit gegeben, ein gutes Werk durch baldige Zuwendungen weiterer Spenden zu unterstützen. Spenden nimmt dankend Herr Fabriksbesitzer Robert Aron. Bromberg, entgegen. (Alle Rechte Vorbehalten.) Gin neues Licht. Von Adolf Heinrich Landau (Wlener-Neustadt). (Fortsetzung.) IV. Dr. Fuchs ging gerade seiner Wohnung zu, als itim der Briefträger ein rekommandiertes Schreiben überreichte. Dr. Fuchs erschrak — denn er dachte, man schicke ihm schon seine Zeugnisse zurück. An die Mauer gestützt, unterschrieb er rasch den Empfangsschein, dann riß er das Kuvert auf. Da stand schön gedruckt: „Vom Vorstand der jüdischen Gemeinde in Rabenheim. Zahl 296, VI." Und darunter mit blauer Maschinenschrift: „Euer Ehrwürden! Sehr geehrter Herr Doktor! Der Knltusrat hat in seiner Sitzung vom 28. Juni a. c. einstimmig beschlossen, Euer Ehrwürden primo loco zu einer Probepredigt zu berufen. Ich erlaube mir daher. Euer Ehrwürden höflichst einznladen, Samstag, den 4. Juli, in unserer Synagoge einen Probevortrag abhalten zu wollen. Als Text der Predigt wurden die Worte Bileams im laufenden Wochenabschnitte gewählt: Na town oholecho Jakob. Der Vorstand hat gleichzeitig beschlossen, Euer Ehrwürdeu Freitag, 5 Uhr nachmittags, am hiesigen Bahnhofe zu erwarten. Indem ich Euer Ehrwürden hievon geziemend in Kenntnis setze, bitte ich Euer Ehrwürden, den Allsdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung entgegennehmen zu wollen, mit der ich zeichne als Ihr ergebener Dr. Süß." Atemlos rannte Dr. Fuchs die drei Stockwerke hinauf. „Muttinko. ich bin berufen worden", rief er mit Freudentränen in den Angen, während ihn die alte Frau schweigend umarmte. Wer kennt d i e s e Fr e n d e u n d wer w e i ß sie zu schützen, wenn ein leiser H o f f n n n g s s ch i m m e r plötzlich zu einem erqnickenden L i ch tstrah l der G l ü ck s s o n n e wird? „Dli kanilst von Glück reden, wenn du nur berufen wirst", hatte ja damals die Mutier gesagt — und nun wurde er gar primo loco berufeu! Zwei- und dreimal las er ben Brief, dann eilte er im kleinen Zimmer auf und ab und dachte über seine Predigt nach. „Der Text liegt mir gar nicht, man kann ans ihm nichts machen, gib acht, ich falle ganz sicher durch." Die Mutter tröstete ihn. „Geh' etwas essen, Lntschi, dann setze dich gleich nieder und arbeite die Predigt aus. D u hast noch immer gefallen, verliere nur nicht gleich den Kopf." „Essen kann ich nicht, der Hals ist mir wie zngeschnürt." „Aber dn hast ja seit Früh' nichts im Mund' gehabt." „Laß mich, Muttinko, ich laufe jetzt zur Greterl hinauf, vielleicht kann ich dann etwas essen." Und nun eilte er zu seiner Braut in die Stephaniestraße, immer noch in Gedanken versunken über den Text seiner Predigt. Bei der Stephaniebrücke stieß er mit einem Wasserer zitsammen. „Sö, wann S' stoßen wöll'n, kaufen S' Jhner an' Stößer! ' rief ^ihm dieser nach und alle Kutscher lachten. Jetzt wurde Dr. Fuchs aufmerksam. „Was hat er gesagt? Stößer?" Richtig, jetzt fiel ihm ein. daß sein Zylinder schon schäbig sei, er müsse sich alio einen neueil kaufen, dann brauche er einen schönen Ornat, einen Seidentallith mit Goldborte — das koste alles Geld und nur vier Tage Zeit! Da fiel ihm wieder die Predigt ein und laut sagteer vor sich hin: „Ich falle ganz sicher durch." Da stand er vor der Wohnung seiner Schwiegereltern; mechanisch drückte er auf die elektrische Klingel und ein reizender Blondkopf öffnete ihm, es war seine Braut. Dr. Fuchs küßte ihr die Hand. „Was ist denn, krieg ich keinen Kuß?" Er küßte sie wie geistesabwesend auf den roten Mund. „Ja, was hast dn denn?" fragte das Mädchen erstaunt. „Ich bin nach Rabenheim berufen worden", sagte Dr. Fuchs mit saurer Miene. Mit einem Sprung war das süße neunzehnjährige Kind im Zimmer. „Papa, Mama, der Ludwig ist nach Rabenheim berufen", rief Grete erfreut und eilte wieder ihrem Bräutigam entgegen, der langsam eintrat. (Fortsetzung folgt.)