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Die Wahrheit · 1909-09-15 · Heft 37 (15.9.1909) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 37 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 37. Gemeinde oder der Kantor, oder das Gebetbuch? Es werde Licht! Angesichts des Kristallhimmels aber, der die Aeußerungen des Herrn Dr. Diamant überwölbt, konnte es nur deshalb, weil auch die Sonne nicht ohne Flecken ist, geschehen, daß dieser lichtspendende Rabbiner die Anhörung eines Kantors ans einem jüdischen Gemeindetage, welch letzterer über den Gesamtgottesdienst — also auch über den musikalischen Teil desselben — und über die Rechte und Pflichten des Kantors zu Gericht sitzt, nicht als Notwendigkeit, sondern n u r als Auszeichnung bezeichnet. Und nur weil der Scharssinn häusig die Gründlichkeit besiegt, konnte es dem bewährten scharfen Auge des Oberrabbiners Herrn Dr. Diamant, dem Auge, das in dem Aussatze seines Besitzers mit großer Klarheit durch viele Jahrhunderte blickt, entgehen, daß auf dem Agramer Gemeindetage sowohl ein Lehrer (Herr Professor Dr. Gavro Schwarz) wie auch ein Sekretär (meine Wenigkeit, die sich nicht in zwei Hälften teilen kann) anwesend waren. Das eine ist aber für mich nun ganz sicher: Herr Dr. Diamant wird, bei seinem allseits gepriesenen Wohltätigkeits- und Gerechtigkeitssinne, in Zukunft allen Ländern Europas bei ähnlichen Veranstaltungen die Agramer K u l 1 u s g e m e in d e als glänzendes Vorbild preisen und nicht umgekehrt. Jetzt erst hat mich der ehrwürdige, mit meinen Gefühlen korrespondierende Oberrabbiner dort, wo er mich schon vor vierzehn Tagen haben wollte, beim ungarisch-jüdischen Kongreß, bei meinem berühmten Lehrer Friedmann und bei den jüngsten Wiener und Berliner Gemeindetagen. Wer Friedman n war? Vor allem der Schöpfer des modernen jüdischen Rezitativs, ein Kantor, von dem die Kantoren rezitieren, die Juden „beten" lernten. Wer ihn hörte, beneidete den Höchsten durch ihn, auch wenn die Lippen des Hörers unbeweglich blieben. Seine Töne waren Gebet und Klage, Lob und Preis. In jeder Funktion ging sein ganzes Herz auf. Er war aber auch ein glänzender Redner, der die ungarische, deutsche und hebräische Sprache beherrschte, Komponist und Philosoph, ein gediegener Charakter, ein bekannter Wohltäter der leidenden Menschheit. Uno dennoch war er nicht Mitglied des Kongresses, dem er bezüglich der Gestaltung des Gottesdienstes, die beherzigenswertesten Winke von musikalisch-ästhetischem Standpunkte bätte geben können. Kennzeichnet das ihn oder den Kongreß? Wahrlich die Mitgliedschaft Friedmanns wäre für den Kongreß eine Auszeichnung gewesen, eine weit größere als die Anwesenheit jener Chassidim aus dem Unterlande, die auf dem Kongreß als Don Quichottes hoch auf ihren Rosinauten saßen und dort oben unter der Herrschaft verjährter Gedanken geknutet wimmerten, die das Alter der Mücke, welche dem Titus in die Nase flog, ans die Minute ausrechnen konnten, die auch am Vormittage keine Trauung vollzogen, weil sie bestimmt wußten, daß die Engel vormittags keine Zeit haben und die es eben deswegen auf dem Kongresse zuwege brachten, daß sich in Ungarn bis auf den heutigen Tag wohlgezählte drei I n d e n t ü m e r etablieren konnten. Der Kongreß! Alexander der Große soll ausgernfen haben: „Wäre ich nicht Alexander, dann möchte ich wohl Diogenes sein." Der Geist Friedmanns aber sagt mit Bezug auf diesen Kongreß: „Wäre ich nicht Friedmann, ich möchte noch lange nicht der Kongreß sein." Die Mitteilung des Herrn Kollegen Heule in Hamburg aber, des Vorsitzenden des allgemeinen Kantorenverbandes Deutschlands, auf die Herr Dr. Diamant reflektiert, muß interpretiert, soll sie verstanden werden. Herr H e n l e beschwert sich, daß auf dem jüngsten Berliner Gemeindetage Rabbinen und Religionslehrer, aber keine Kantoren anwesend waren, sagt aber bald darauf, daß in den meisten Gemeinden Deutschlands die Kantoren auch Religionslehrer sind. Da es unmöglich ist, daß die Einberufer die delegierten Religionslehrer aus der Minorität, d. i. aus dem Kreise jener Herren wählten, die keine Kantoren sind, so waren ja Kantoren eingeladen und Herr Heule kann nur meinen, daß auch den wenigen Kantoren der großen Gemeinden, die Nnr-Kantoren sind, eine besondere Vertretung gebührt hätte. Darüber läßt sich jedoch streiten und dieses Vorgehen der Einberufer, das Auffasfnngssache ist, täte der von Herrn Dr. Diamant gepriesenen Mnstergiltigkeit der deutschen Inden keinen Eintrag. Wäre ich aber boshaft, so würde ich Herrn Dr. Diamant fragen, ob er die Inden Preußens auch bezüglich ihres Berliner Beschlusses, der in der Gestalt des kategorischen Imperativs den Rabbinen die endgiltige Entscheidung in religiösen Fragen entzieht, für mustergiltig hält? Da ich aber nicht boshaft bin, unterdrücke ich diese Frage. Wer aber die Genesis des allgemeinen österreichischen Gemeindebundes kennt, den darf es nicht wundern, daß der Wiener Gemeindetag uns Kantoren ignorierte. In der ersten Versammlung war man nahe daran, fast einstimmig zn beschließen. daß kein einziger Rabbiner in das Statutenkomitee und in die Bundesleitung zu wählen sei. Nur der Klugheit des Präsidenten der Wiener Kultnsgemeinde Herrn Dr. Stern war es gelungen, einen Beschluß dnrchzusetzen, demgemäß Herr Oberrabbiner Dr. Güdemanu als Ehrenmitglied in das Statutenkomitee entsendet wurde. Daß es dieser hochgelehrte, weise Rabbiner verstanden hat, den Rabbinen Sitz und Stimme im Gemeindebunde zu verschaffen, ist selbstverständlich. Der Kantoren hingegen nahm sich niemand an, deshalb gingen sie leer ans. Und so darf der hochgebildete, außerordentlich musikalische Wiener Oberkantor Singer wohl kaiserlicher Rat sein, im Rate der Juden aber soll er als Experte für die Kantorenschule, mit der sich der österreichische Bund befassen wird, nicht sitzen. Wie Herr Dr. Diamant sieht, gehören drüben in Oesterreich Rabbiner und Kantor derselben Gattung an, mit dem Unterschiede, daß dort der Rabbiner eine agitationssähigere Art dieser Gattung ist. Die Quintessenz des Gesagten ist: die intelligente, vornehm und liberal denkende kroatische Judeuheit sollte nicht Ursache mit Wirkung verwechseln, vielmehr solchen Prinzipien den Vorzug geben, die nicht geeignet sind/ die amtierenden Kantoren abzustoßen und einen würdigen Nachwuchs nicht anzuziehen. Der Ueber-Ueber-Chotzid. Er war schon als Choßid zur Welt gekomm' Ihn labt nicht der Honig des Witzes Er ging mit gesenkten Augen nur — fromm Er war lauter Hanf nur und Zizzes. Er flehte znm Herrn für die Menschen all Um Glück und um langes Leben, Doch hat er noch nie, selbst im dringendsten Fall, Den Armen 'neu Pfennig gegeben. Und als die Stunde nun rückte heran, Wo Körper und Seele sich teilen, Da kam unser Choßid im Himmelreich an, Wo nur die Chassiden weilen. Und Gott unser Herr sich vom Throne erhebt Und spricht mit heiligen Gebärden: „Sag' au, mein Choßid, wie hast du gelebt, Auf meiner so schönen Erden?" Da stellt sich der Choßid in Positur Und spricht, mein Herr, o verzeihe, Mein Leben war immer ein heiliges nur Von der Sude bis zur Lewaie. In meinem Leben fand ich nur schön Die Psalmen und die Gebete, Nie Hab' ich ein Schauspiel von Ibsen geseh'n Und auch den ..Faust" nicht von Goethe. Nur einmal griff aus Versehen ich Nach einem Bande von Heine, Da wusch ich die Hände mir säuberlich, Nn hoffentlich sind sie jetzt reine. Ich lieb' Lewandowski als Komponist Und nicht etwa Bach oder Haydn, Auch Snlzer mir riesig sympathisch ist, Den Beethoven mag ich nicht leiden. Ein Maler wie Raphael ist mir verhaßt, Auch Rembrandt ist nicht meine Wonne, Ein Bildnis hat richtig mein Geist nur erfaßt, Ein Misrach mit strahlender Sonne.

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