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Die Wahrheit · 1909-09-15 · Heft 37 (15.9.1909) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 37 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 37. Die Wahrheit Seite 7. „So oft ich in irgend einem Artikel die Frage der Judenverfolgung streifen mußte, erhielt ich sofort eine Menge aiioii y m er Schmäh- oder Drohbrief e, zum Teil voller lächerlicher Anschuldigungen, wie z. B., daß ich von den Juden gekauft sei, znm Teil sogar voller Drohungen, mit mir, als einem Verräter am russischen Volk, kurzen Prozeß zu machen." Der mutige russische Vorkämpfer für wahres Menschentum ist zwar fest davon überzeugt, daß, wenn man heute den Inden in Rußland die völlige Gleichberechtigung gewährte, in 10—15 Jahren von ihrer berüchtigten Solidarität keine Spur mehr übrig sein würde, und daß die Juden sich alsdann von ihren russischen, polnischen, tartarischeu Mitbürgern in nichts unterscheiden würden. Gleichwohl steht er persönlich ans dem Standpunkte, daß jedem Volksstamm, jedem Volkstum das unveräußerliche Recht zusteht, die Verwirklichung der moralischen und ethischen Ideen anznstreben, für deren Träger es sich kraft seiner Ueberlieserungen und seiner Geschichte hält." Daß einzelne Volksstämme und Völkerschaften in ihrer Umgebung vollkommen ausgeheu und ihre Eigenart gänzlich einbüßen, dünkt dem Verfasser ein wahrer Verlust für die Menschheit, der das Leben der Völker grau, langweilig und inhaltsleer macht. Graf Tolstoi schließt diesen Teil seiner Anssührnugen mit dem Bekenntnis: „Ich verabscheue von ganzem Herzen alle Gleichförmigkeit, alles schonungslose Nivellieren, bin überzeugter Anhänger des Individualismus in allen menschlichen Einrichtungen; daher empfinde ich eine gewisse Traurigkeit bei dem Gedanken, den ich nun mcht von mir weisen kann, daß alle diese Bemühungen doch vergeblich sein werden, daß unmittelbar nach der Emanzipation der russischen Juden der Prozeß des Anfgehens aller Juden in ihrer indoeuropäischen Umgebnng in beschleunigtem Tempo vor sich gehen wird, besonders dann, wenn die gemischren Ehen zahlreicher werden sollten. Zweifellos wird es immer Russen, Deutsche, Franzosen mosaischen Glaubens geben. Aber sie werden doch echte Russen, Deutsche, Franzosen sein, und ihr Semitismus wird bald in Vergessenheit geraten. Dieser Prozeß scheint mir ernstlich und durch nichts mehr aufgehalten werden zu können als durch die antisemitische Agitation und die Unduldsamkeit der Nichtjnden. Mit dem Verschwinden dieser beiden Momente wird die Assimilation vielleicht sogar zu beiderseitigem Bedauern, aber über den Willen einzelner hinweg, mit Riesenschritten vorwärts gehen. Vom ästhetisch-theoretischen Standpunkt aus wird das sehr zu bedauern, vom politisch-praktischen aber wahrscheinlich freudig zu begrüßen sein." Zur Knnloreilbewegnttg. Ein interessanter Federkrieg in Kroatien. Von Oberkautor David Meisel, Karlstadt. (Schluß.) Die jüngste Nummer der „Jüdischen Rundschau" publiziert den folgenden Artikel: Ursache nnd Wirkung. (Das Schlußwort in der Kantorenfrage.) Von Oberkantor Joses R e n d i (Agram). Nach Schluß der Debatte erhält immer noch der Urheber der Diskussion das Wort. Auch ich, über dessen Haupt das Donnerwetter losging, muß um das Schlußwort bitten. Es dürfte zur Klärung der nunmehrigen, noch verworreneren Situation beitragen. Die bis ans das mir gespendete unverdiente Lob und bis auf einige Nebensachen, aus die ich zum Teile Hinweisen werde, ausgezeichneten Ausführungen des gelehrten Oberrabbiners Herrn Dr. Diamant in Vnkovar in Nr. 11 dieses Blattes decken sich in ihren Hanptzügen mit dem Inhalte meiner zahlreichen diesbezüglichen Abhandlungen. Nicht etwa deshalb, weil diese ebenfalls ausgezeichnet, sondern weil sie wahr sind, mit dem Unterschiede, daß Herr Dr. Diamant die Wirkung zeigt, ich die Ursache. Er ist Synthetiker, ich Analytiker. Er weist nach, wie es ist, ich, warum es so ist. Allerdings kann ich bei dieser Suche nach dem letzten Grunde nicht in den Fehler Rumäniens verfallen, welches sagt: Ihr Juden seid anders, dann werden wir anders sein, während daselbst der Teil der Judenheit. den man vom Baume der Kultur noch gar nicht kosten ließ, nicht anders sein kann und der Lehrsatz umgekehrt lautet: Ihr Rumänen handelt anders, gebet den Inden die notwendigen Erziehüngs- und Unterrichtsstellen, gebet den Juden die unerläßliche Gleichberechtigung nnd Ihr werdet aus Eure Inden stolz sein können. Dasselbe sagte ich dem Esseger Vorsteher. Herrn Dr. Hugo Spitzer, in der von ihm erwähnten Privatkorrespondenz, indem ich ihm schrieb: „Analysieren wir einmal gründlich. Vielleicht gelingt es mir doch, einem Deuker von Ihrem Range Ursache und Wirkung in ihrer wahren Gestalt zu zeigen. Ich stimme vollkommen mit Ihnen darin überein, daß ein Teil der Kantoren nicht aus der Höhe seiner Aufgabe steht. Nur bezüglich der Ursache bin ich Ihr Antipode. Sie erblicken den Grund in den T-en, die Kantoren werden, weil sie Gemeinden bekommen, ich in den sangesknndigen Nicht-Ten, die es nicht werden wollen und die Gemeinden zwingen, die Te zn engagieren. Sie meinen, daß vorerst auch diejenigen Kantoren, die nicht mehr lernfähig sind, ihr Bildungsniveau erhöhen mögen (was unmöglich ist), dann erst werden die Gemeinden die Stellung verbessern — ich behaupte, daß vorerst die Gemeinden dem Kantorate eine ehrenvolle Stellung schaffen müssen, damit sangesknndige junge Leute sehen, was ihrer harrt, wenn sie Kantoren werden — dann wird es gebildete, musikalische, prächtige junge Sänger geben, die sich dem Kantorenstande widmen werden. Das sind die Berge, die sich zwischen Ihnen und mir anflürmen und abznlragen sind sie nur, wenn Sie mich hier als Fachmann anerkennen, sowie ich mich ans dem Gebiete der Jurisprudenz vor Ihrem Scharfblicke beuge. Die Lösung lautet: aut — aut. Auslösung des Kantoreustandes und Uebernahme seiner Funktionen durch die Herren Nabbinen oder Kreirung einer seiner würdigen Stellung unter Annahme der Beschlüsse des Wiener Jubiläums-Kantorentages. Dsrtirun non datur. In diesem Sinne helfen Sie mit, hochgeehrter Herr Doktor, und Sie werden den schönsten Lohn finden. Auch ich werde Ihnen die Palme reichen und mich in gebührender Bescheidenheit in den Hintergrund znrückziehen." So schrieb ich damals an Herrn Dr. Äpitzer. Die erwähnten Beschlüsse des Wiener Kantorentages habe ich in einer Denkschrift niedergelegt und diese den Knltnsgemeinden dieser Länder unterbreitet. Ich suche dort und überall vergeblich die Utopien, denen ich nachjagen, die Hirngespinste, die hanswurstischen Prioritäts-Firlefanzereien, mit denen ich mich befassen soll. Weil aber Herr Dr. Spitzer solche dennoch sieht, liefert erden Beweis, daß ich ihn ganz anders schütze, als er mich. Ich schätze ihn nicht nur ad personam, ich verehre nicht nur in ihm mit Recht den hervorragenden Advokaten, den ausgezeichneten Menschen, den fulminanten Redner, den hochbegabten, guten braven Juden, der, wenn nicht alle Anzeichen trügen, berufen ist. in der Geschichte der kroatischen Judenschast eine große Nolle zn spielen, sondern, was mehr ist, ich hochachte auch den ehrenwerten Berns, den er gewählt, der ihn, wie er diesen, schmückt und verherrlicht, denn ich huldige beiden Teilen des Satzes unserer Lehrer: . es kann der Mensch seine Stellung, es kann die Stellung den Menschen ehren". Daher sehe ich aus dem großartig-düsteru Bild, das Herr Oberrabbiner Dr. Diamant entrollte, nnd ans welchem sein Meisterstift die falsche Auffassung gelungen zeichnete, die einen Teil des Publikums betreffs des „Scholiach Zibbnr" beherrscht, die er aber, der gelehrte Rabbi, nicht teilen kann, eine Stelle, die ich mit meinem Herzblnte nachzeichnen möchte. Es ist seine Klage über die Entwürdigung des Gotteshauses. Wie lange noch? Ans der ersten Seite der heiligen Schrift steht geschrieben: „Es werde Licht!" Soll es nie Licht werden in der Dunkelkammer, in die man seit jeher einen schweren, verhängnisvollen Irrtum einschließt? Wer spricht in jenen Hallen, die man „Bethaus" nennt, die Unwahrheit? Die Schar der Beter, die den Mann dort für einen Sänger hält, dessen Gesang ihr nicht Andacht, Erhebung und Erbauung bringen, sondern nur Ohrenschmaus und Zeitvertreib bieten soll, oder dieser Mann, der von der Stätte aus. die das Judentum für hochheilig erklärt, laut und vernehmlich die Worte spricht: „Ich bin hergetreten, o Gott, um zu stehen für dein Volk Israel, das mich zn dir gesandt. Laß, o Gott, glücken den Weg, den ich hier wandte, um Dein Erbarmen zu erbitten für meine Sender!" Wer spricht im Gvlteshause die Unwahrheit? Die

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