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Die Wahrheit · 1909-09-15 · Heft 37 (15.9.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 37 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheu ttr.- 37. wenn du dich der vollständigsten Freiheit und Gleichberechtigung zu erfreuen haben wirst, so sei auf der Hut, mißbrauche die Freiheit nicht, werde nicht stolz, übermütig und gottvergessen, timclie es secher Amolek, suche sorgfältig alles das zu vermeiden und zu entfernen, was geeignet wäre, Amalek Veranlassung zu geben, dich anzugreifen, lau tisckkock, vergiß es ja nicht!" _ (Fortsetzung folgt.) Tempel und Kantorjnbttinmr. Am ersten Rosch-Haschonoh-Tage feiert einer der vornehmsten und bestvrrwalieten Wiener Tempelvereine, der Tempelvereiu für die beiden Gemeindebezirke Mariahils und Neubau, den 25jährigen Bestand seines prachtvollen Gotteshauses und gleichzeitig das 2bjährige Amtsjnbilünm seines ausgezeichneten und allgemein beliebten Oberkantors Simon D ü n hui n n. Beim Anblick des herrlichen Tempels in der schmalzhofgasse taucht unwillkürlich vor unserem geistigen Auge die verklärte Gestalt seines Erbauers, des genialen Künstlers, des seltenen Menschen und warmfühlenden Juden Banrat Max Fleischer auf. der nicht nur mit diesem Baue eilten neuen Typus fürjüdische Gotteshäuser und eine weihevolle Stätte für modernen Orgelgottesdienst geschaffen, sondern auch in jahrzehntelanger, hingebungsvoller Arbeit den Mariahilfer Tempelverein von kleinen Anfängen zu seiner gegenwärtigen hohen Entwicklungsstufe geführt Hai. In seinen-frommen und gottgefälligen Bestrebungen wurde er von einer Schaar wackerer und tüchtiger Mältner unterstützt, die zum großen Teile noch heilte der Leitung des Vereines angehören und nach dem leider allzufrühen Heimgänge ihres Führers das geistige Erbe, das er hinterlassen, und die Institutionen, die er geschaffen, in seinem Sinne und seinem Geiste weiter verwalten. Der gegenwärtige Vorstand des Tempelvereines besteht aus folgenden Herren: Präsident Dr. Jacob Engel, Präsident-Stellvertreter Friedrich P o l l a k, Schriftführer Hermann Liebermann. Kassier kais. Rat Friedrich Pollak; Vorstandsmitglieder: Kommerzialrat Max E i s e u b e r g e r, August F i s ch e l, Ignaz Klein, Hermann König, Kommerzialrat Karl Krau s, Ernst Schälle r. kais. Rat Josef T o f s l e r, Leopold Waller. Revisoren: Ignaz R e s ch o w s k y und Leopold S t o w a s s e r. Ersatzrevisoreu: Dr. Karl L ö w y und Moritz M a u t l e r. Das Wort Gottes verkündet Rabbiner Dr. Israel Taglicht, die kantoralen Funktionen versehen Oberkantor Simon D ü n m a n u und Kantor C z u c z k a und das Sekretariat leitet Sekretär Heinrich B o n d y. Sie alle, und an der Spitze der nnernlüdliche Präsident, Herr Dr. Jacob Engel, können am Jubeltage mit stolzer Genugtuung und innerster Befriedigung auf die ailerkailnten Leistungen des Vereines in den abgelaufenen 25 Jahren und auf die schönen Erfolge, die ihr einträchtiges und zielbewußtes Wirken errungen, zurückblicken. In der Mille der Jubelfeier des Mariahilfer Tempelvereines steht aber Oberkantor Simon D ü ll m a ll n, der am ersten Neujahrstage sein 25jähriges Amtsjubiläum begeht. Das goldene Metall seiner herrlichen Stimme, das ihm die Natlir verliehen, hat er in ernstem Stlldium am Wiener Konservatorium zur Vollendung ansgebildet, mit feinem Empsindeil die traditionellen Melodien unserer Allvorderen gelauscht und so in stets nach vorwärts strebender Arbeit das Fundament gesetzt, um die hohen Aufgaben, die bei Uebertragung seines Amtes seitens des Tempelvereiues au ihn gestellt wurden, nach allen Richtungen hin erfüllen zu können. Und wie Oberkantor Dünmailn durch ein Vierteljahrhundert sein heiliges Amt verwaltet, wie er einen Mustergottesdienst geschaffen, der religiöse Weihe mit künstlerischer Wiedergabe vereinigt, wie er seine Gemeinde zur Andacht und Erhebung leitet, wie er trotz seiner großen Künstlerschaft aus seiner Bescheidenheit nicht heraustrat wie er als Mensch ltnb Charakter sein Amtskleid rein erhalten und wie er als Kollege und Bernfsgenosse an den Bestrebungen seines Standes stets innigen Anteil genommen, darüber herrscht nur e i n e Stimme vollster Anerkennung, die an seinem Jnbeltage gewiß in den mannigfachsten Modulationeil zu harmonischem Ausdruck gelangen wird. Und so möge es ihm gegönnt sein, noch viele Jahre am Altäre des Herrn zu dienen, der Früchte seines Wirkens und Schaffens sich zu erfreuen, und möge es auch dem Mariahilfer Tempelverein beschieden sein, auf der Bahn der Entwicklung weiter fortzuschreiten, zur Verherrlichung Gottes und Ehre des Judentums! Der Antisemitismus in Rußland. (Schluß.) Die Antisemiten behaupten, daß die Inden die letzten Lebenssäfte der Bevölkerung, unter der sie wohnen, anssaugen, daß sie f e t t und r e i ch w e r d e n dtirch Ausbeutung. Aber in Rußland ist nicht Reichtum, sondern die A r m u t der ungeheueren Mehrzahl der russischen Juden das was jedem aufmerksamen Beobachter der Verhältnisse sofort in die Augen springt. Diese Armut ist so groß, daß sie wohl selten ihresgleichen findet. Die jüdische Dnrchschnittsfainilie in der Ansiedlnngszone wohnt nach der persönlichen Wahrnehmung des Grafen Tolstoi in elenden Hütten, geht in Lumpen gekleidet und lebt von abscheulichen, halb verkommenen Heringen. Und diese Aermsten der Armen nennt man Ausbeuter. Unter ihnen befinden sich gar häufig, wie der Verfasser erzählt, „Idealisten reinsten Wassers, beschauliche Naturen und Menschenfreunde, die allen höchst achtens- und lobenswert erscheinen müssen". Eine wirkliche Bekämpfung der Giftstoffe im russischen Volkskörper müßte sich überhaupt nicht gegen die einzelnen gefährlichen Elemente, sondern gegen die Verhältnisse richten, die ihre Entstehung ermöglichen. „Ihr fürchtet", sagt Tolstoi mit Recht, „hauptsächlich die Ausbeutung durch die Inden: so unterzieht die Pachtgesetze einer Durchsicht, bedroht mit schweren Strafen die Unzucht in allen ihren Erscheinungen. Aber trefft diese Maßnahmen nicht nur. gegenüber den Juden, sondern gegenüber den Pächtern jedes beliebigen Bekenntnisses, bekämpft das Vorgehen, ganz gleich, von wem es-verübt worden ist!" Seltsamerweise benutzen übrigens dieselben Gutsbesitzer, die die Juden der Ausbeutung zeihen. Inden als Boten, Vermittler. Anwälte rc. Freilich versichern sie. daß gerade diese Juden eine Ausnahme von der allgemeinen Regel bilden. Sie sind nach ihrer Meinung sogar nützliche und gute Menschen. Ueberhaupt ist es merkwürdig, daß jeder Antisemit persönlich eine Menge guter Juden kennt und dann behatlptet, daß die Ausnahme nur die allgemeine Regel bestätigt. Und was für gefährliche Konsequenzen müssen daraus erwachsen, wenn ganz allgemein im Leben des Volkes das durchaus zweifelhafte Verfahren moralische Geltung erlangen sollte, ganzen Volksstämmen und Rassen ihnen ausschließlich oder vorwiegend zukommende sittliche Vorzüge und Fehler zuzuschreiben und darauf nicht nur persönliche Zu- und Abneigung. sondern selbst allgemeine Rechts- und Verwaltungsgrundsätze zu gründen. Man würde sich damit auf eine sehr schiefe Ebene begeben, deren Ende nicht abzusehen ist. Heute entschließt sich das russische Volk, mit den Inden kurzen Prozeß zu machen, morgen wird es dasselbe mit den Armeniern und Griechen und übermorgen mit den Deutschen tun. Es erscheint nahezu gerade als eine allgemeine Regel, jede unmoralische Handlung eines Inden den eigentümlichen Eigenschaften der ganzen Rasse zur Last zu legen und diese Handlung nicht durch die Verderbtheit und das Laster des betreffenden Individuums, sondern durch seine Abstammung, seine „jüdische Natur" zu erklären. Einen Russen oder einen Deutschen, der betrügt oder stiehlt, nennt man einfach Gauner und weist ans ihn als ans eine bedauerliche Ausnahme hin; läßt aber ein Jude sich etlvas zuschulden kommen, so meint man achselzuckend: „Das ist ja ein Jndenbengel, etwas anderes war von ihm nicht zu erwarten." —Tout comme chez nous! Auch nach einrr anderen Richtung hat der Verfasser trotz seiner Abstammung aus den ersten gesellschaftlichen Kreisen ähnliche Erfahrungen gemacht wie vorurteilslose Politiker und Vertreter der Wissenschaft in anderen Ländern, die den antisemitischen Verhetzungen in Wort und Schrift entgegengetreten sind. Graf Tolstoi hat nämlich, wie er erzählt, die Erfahrung gemacht:

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