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Die Wahrheit · 1909-09-15 · Heft 37 (15.9.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 37 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37. Die Wahrheit Seite 5. Niniwes eine Strafpredigt zu halten. In seiner Verzweiflung sah er sich gezwungen, die Flucht zu ergreifen, um sich auf diese Weise seiner Psticht entziehen zu können. Er ging nach Jaffa; dort fand er ein Schiff, das nach Torschifch gehen sollte, er bezahlte den bedungenen Lohn, stieg hinab, um nach Torschifch zu kommen. Seinetwegen erregt Gott der Herr einen gewaltigen Sturm, um ihn zu mahnen, daß er ihn auch hier zu finden weiß. Düstere Gewitterwolken verdunkeln den Horizont; der Sturm rast, Donnergetöse erdröhnt, das Meer wird zu turmhohen Wellen anfgejagt und das Schiff droht jeden Augenblick zu scheitern. Angst, Furcht, Bangen und Grauen bemächtigten sich der Reisenden, die alle schon ihre Rechnung mit dem Himmel abschließen zu müssen glaubten; sie warfen alles, was sie bei sich hatten, über Bord, um das Schiff zu erleichtern, die Mannschaft zerarbeitet sich, um der Gefahr trotzen zu können; alles umsonst: sie schrieen, jammerten, flehten um Hilfe, allein Sturm Und übertönten ihr Geschrei und ließen sich nicht besänftigen. Jona verfügte sich in einen Winkel des Schiffes, legte sich dort nieder und schlief ein. Da trat des Schiffes Hauptmann an ihn heran und rief ihm mit lauter Stimme zu: „Was ist dir, Schläfer, ans! Ruse deinen Gott an, vielleicht nimmt er sich unser an, daß wir nicht untergehen." Was für eine Bewandtnis aber hat die Leidensgeschichte Jonas mit dem Versöhnungstage? Diese Frage zu beleuchten, soll die Aufgabe dieser Betrachtung sein. Wenn wir dieses hier entrollte Bild etwas näher ins Auge fassen und genau betrachten, so werden wir in demselben das Judentum, besonders das moderne Judentum trefflich gezeichnet finden. Israel ist der Prophet, der den göttlichen Auftrag erhielt, als „Priester" den Völkern der Erde voranzuleuchten. „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk." Eure Ausgabe sei es, als Träger der erhabenen Gottesidee in der Geschichte zu figurieren, die herrlichen religiösen Satzungen, wie die unvergleichlich schönen, humanitären Vorschriften der Thora, die allein geeignet sind, das geistige und körperliche Heil und Wohl der Menschen nach jeder Richtung hin zu fördern, hochzuhalten und deren Kenntnis zu verbreiten. Allein nicht immer war Israel bestrebt, sich dieser seiner hoben Ausgabe auf die würdigste Weise zu entledigen. Es hat oft Momente in der Geschichte gegeben, wo es aus Nachahmungssucht den Glauben der Väter verleugnet hat und seinem Gotte entflohen ist. In solchen Momenten erregte Gott der Herr einen gewaltigen Sturm, um Israel au die Erfüllung seiner Pflichten zu erinnern. Bei allen Vorzügen und trefflichen Eigenschaften, die unseren Stamm auszeichnen, besitzt er doch auch seine Fehler und Schwächen. Israel ist groß, unvergleichlich groß in der Zeit der Not, Bedrückung und Verfolgung. Es erträgt wie kein zweites Volk aus Erden die härtesten Bedrückungen, die grausamsten Verfolgungen und die furchtbarsten Leiden mit einer Geduld und Resignation sondergleichen. Kaascher jaaneh ausau, „Je mehr man es bedrückte, desto glaubensstarker wurde es", eine Tugend, die selbst seine erbittertsten Feinde ihm nicht streitig machen konnten. Mit Recht sagen daher unsere Weisen: „Not ziert den Juden, wie ein roter Zügel den Hals eines weißen Rosses." (Midr. zum Hohenlied 1.) Es besitzt aber nicht immer den Mut und die Kraft, auch die Freiheit und den Wohlstand geduldig zu ertragen, ohne hoch- und übermütig zu werden, wajischman Jeschurun, „Als Jeschurun fett wurde, wurde er übermütig", klagt schon der große Lehrer Moses.") In *) In bezug auf diesen Vers bemerkt der fei. Jelliuek iu seiner trefflichen Schrift „Der jüdische Stamm", S. 138, folgendes: „Dieses poetische Bild ans dem Liede Moses' ist der anschauliche Ausdruck für eine Seite des jüdischen Stammes, welche mehr Schatten als Licht bietet, und die heute noch zum Schaden desselben wahrgenommen werden kann: Der Jude ist nämlich im Glücke und Ueberfluß znm Uebernild Hochmute geneigt, wie es auch (5 M. 8, 12—14) heißt: „Auf daß nicht, wenn du gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbauest und darin wohnest, deine Herden und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehret, dein Herz sich erhebe, und du vergessest des Ewigen, deines Gottes." Denn das energische Ich drängt sich mit Vehemenz hervor, und das enthusiastische Herz verschmäht es in seiner Aufwallung, sich zu fügen und unterzuordnen. Illustrationen zu diesem Bibelverse findet man vorzugsweise unter jüdischen G e m e i n d e v o r st e h e r n, die aus der Mitte der Reichen oder der sozialen Würdenträger zumeist gewählt, Egypten seufzten die Israeliten unter dem schweren Drucke der Pharaonen. Gott erhörte ihr Wehklagen nnd befreite sie vom Tyrannen. Sie fanden endlich die längst ersehnte Freiheit und zogen mit Reichtümern nnd Schützen — die sie sich mit Recht als Lohn für die Jahrhunderte lang den Aegyptern geleisteten Dienste angeeignet — versehen, aus der Knechtschaft Mizraims. Allein infolge der errungenen Freiheit nnd der erworbenen Reichtümer wurden sie übermütig, lebten in Zank und Streit, wollten keine Autorität anerkennen und überhaupt von Entbehrungen nnd Entsagungen nichts wissen. Als sie nun nach Refidim kamen, hatten sie Mangel an Wasser, da überhäuften sie ihren edelsten Wohltäter, den Lehrer Moses, mit den bittersten Vorwürfen. „Es fehlt nicht viel, nnd sie würden mich steinigen", klagte er bitter. Ja, noch mehr, in ihrem Uebermute waren sie so vermessen, daß sie das Dasein Gottes, des Einig-Einzigen in Frage zu stellen wagten, „Hajesch Adonai bekirbenu un ojin?" Die Antwort ans diese schmähliche Frage lautete: „Wojowo Amalek." Und es {um Amalek nnd drohte Israel zu vernichten. Infolge dieses gewaltigen Sturmes erinnerte sich das so sehr bedrohte Israel seiner Pflichten, scharte sich um seinen treuen Lehrer Moses und fügte sich bereitwilligst seinen Anordnungen. Moses, der das Gefährliche der Situation sofort erkannte, ries seinem Diener, dem tüchtigen Feldherr« Josua, zu: „Bechar lonu Anoschim!" Vor allem wähle u ii s Männer, Männer von Geist, Herz. Gemüt und Gefühl. Männer, die sich nicht nur durch Wissen nnd Bildung, sondern auch durch Biedersinn, Seelenadel, Charakterfestigkeit und sonstige Tugenden anszeichnen. Bechar lonu. Vor allem müssen wir im Innern eine achtunggebietende Repräsentanz besitzen, ans die das Volk mit Stolz blickt und sich von ihr leiten und führen läßt. Zank und Hader, Hochnnd Uebermut, Neid nnd Mißgunst müssen ans unserer Mitte schwinden. Haben wir uns einmal im Innern geeinigt und organisier t, ze weibischem beamolek, dann kannst dn es wagen dem äußeren Feinde, Amalek, der nur kommt, wenn Israel von Gott abfällt, im Innern sich zerklüftet und daher wehrlos dasteht, enlgegeuzntreten, ihn zu bekämpfen nnd seine gefährlichen Pläne und Entwürfe zu vereiteln. Mochor onochi nizow al rausch kagidoh. Ich aber muß stets ans das Piedestal der Unantastbarkeit erhoben werden; es darf nicht der erste beste ans dem Volke es wagen, meine Handlungen einer Kritik zu unterziehen, mich wie einen besoldeten untergeordneten Diener zu behandeln, umate elohim bejodi, denn meine Ausgabe ist es, für die Gottesidee, für den Glauben zu kämpfen, damit Amalek keine Veranlassung finde, Israel zu überfallen. Und so war es auch stets in der Geschichte. Wehojoh kaoscher jörim Mosche es jodan. Solange Moses — das Bild der Träger der Gotteslehre — groß dastand, solange man die hochverdienten Männer, die Lehrer, die in edler u neigennütziger Weise ihre Zeit, Kraft nnd Fähigkeit dem geistigen Heil und Wohl des Volkes geweiht und gewidmet, geehrt, geschätzt nnd gewürdigt hatte, wegovar Jisroel, war Israel unbesiegbar nnd Amalek mußte sich s ch eu z n r ü ckziehen; aber in Zeiten, wo die ersten Würdenträger, die verdienstvollsten Lehrer nicht beachtet nnd nicht berücksichtigt, während Halbwisser, seichte Klüglinge und frömmelnde Augenverdreher verehrt und gefeiert wurden, war Amalek mächtiger. „Gedenke," sagt daher die heilige Schrift, „was dir Amalek getan!" Das heißt mit anderen Worten: Du sollst dich stets erinnern, welche Mittel er angewandt nnd welche Momente er benützt hatte, um dich vernichten zu können. „Er übersiel dich ans dem Wege, da dn ans Egypten gezogen", in einer Zeit, da dn infolge der errungenen Freiheit stolz, übermütig und gottvergessen geworden. Weattogew wejogea, dn warst „glanbensschwach nnd kleingeistig", daher er. welau jore elohim, Gott nicht fürchten zu müssen glaubte. „Wenn nun Gott dir einst Ruhe verschafft haben, von allen deinen Feinden, stolz sich überheben und durch ihren Hochmut die Männer der Bildung und der Wissenschaft verletzen, ohne die mindesten Gewiffensikruvel zu versvüren." Jellinek dürfte oft mir den Vorstehern von Bumeisla, Doidloba, Kesipa rc. in Berührung gekommen sein, denn über seine Vorsteher zu klagen, hatte er gewiß keine Ursache gehabt.

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