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Die Wahrheit · 1909-09-10 · Heft 36 (10.9.1909) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 36 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 36. einer Frau mitgeteilt wurde, notabene ein Geheimnis, das sie nichts anging, bald zum Geheimnis der ganzen Stadt wurde. So sprach man denn über die letzte Rede des deutschen Kaisers, dann über die neueste Operette eines ganz jungen Komponisten, der überdies ein Jude war; dann kamen die Kinder aufs Tapet. Die Frau Doktor war sroh, daß die Ferien nicht mehr ferne seien und sie bald aufs Land gehen könne. Natürlich ging man wieder, wie gewöhnlich, ins Salzkammergut. Der Sekretär erhob sich lächelnd. Er und seine Frau konnten keinen Sommerausenthalt genießen, obwohl sie es beide sehr nötig gehabt hätten. Er empfahl sieb und dankte der Hausfrau für die liebe Bewirtung; sie aber sagte neckend: „Run haben Sie einmal an einer tresenen Tafel gespeist." Woraus der Doktor lachend meinte: ..Nichts Aegeres soll Ihnen passieren." Alle lachten, auch der Sekretär mußte mitlachen. Die fröhlichen Kinder und das traute Heim taten ihm so wohl. Dr. Süß begleitete den Sekretär bis zu dessen Wohnung. Beim Hauslor drückte er dem pflichttreuen Beamten die Hand. „Ich werde Ihnen beim Vorstand eine Remuneration erwirken. denn zu Ueberstnnden und Nachtsitzungeu sind Herr Sekretär nicht verpflichtet." ..Herr Doktor, es macht mir nur Vergnügen, wenn ich meiner Gemeinde dienen kann." „Das weiß ich, aber die Gemeinde darf sich nicht umsonst bedienen lassen." „Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre Güte", sagte der Sekretär feuchten Auges und nochmals schüttelten die Herren einander die Hände zum Abschied. * Der Vorstand hatte in seiner nächsten Sitzung über Antrag des Dr. Süß dem Sekretär eine Exlragratisikation bewilligt. Bald darauf kam auch das sechsgliedrige Komitee zur Prüfung der eingelangten Offerte zusammen, konnte aber nach langer, oft heftiger Debatte, an der sich besonders die beiden Vertreter der Opposition eifrig beteiligten, keine Einigung erzielen. Unter den verheirateten Bewerbern gab es viele, deren Namen einen guten Klang hatten, die in größeren Gemeinden wirkten und jedenfalls die Gewähr boten, daß sie auch in Rabenheim ihr Amt voll und ganz ausfülleu würden. Für einen Herrn, der in Mähren wirkte, setzte sich ein Mitglied der Majorität besonders ein. Der Herr Rat kannte den Rabbiner persönlich und wußte von ihm wahre Wunder zu erzählen.'Ganz Eingeweihte wußten auch, daß er sein Schwager war. Drei Herren, die erwachsene Töchter zu Hause hatten, bestanden darauf, daß gemäß dem Konkurse nur ledige Bewerber berufen werden sollten. Wieder andere meinten, man könnte ja, um einen Vergleich ziehen zu können, auch Verheiratete berufe n, aber nur einen Ledigen akzeptieren. Spät abends machte der Vorsitzende Dr. Süß der lebhaften Debatte mit folgenden Worten ein Ende: „Meine Herren! Als wir vor drei Monaten daran gingen, den Konkurs zur Besetzung des Rabbinerposteus auszuschreiben, einigte sich die Mehrheit dahin, nur einen jungen, unverheirateten Mann mit modernem Geiste anzustellen. Nun befinden sich unter 36 eingelaufenen Offerten 20 von verheirateten Bewerbern, 6 Offerenten sind Ausländer, so wären eigentlich nur 10 ins Kalkül zu ziehen, von denen aber vier wieder keine Religionslehrerprüfung abgelegt haben. Trotzdem will ich alle Offerte an die Herren verteilen, und zwar in Gruppen zu je sechs Stück, die unter den geehrten Herren stets wieder ausgetauscht werden mögen, bis alle Herren des Komitees gründlich informiert sind. In acht Tagen werde ich mir erlauben, den Herren Gelegenheit zu geben, Ihre Anträge für das Plenum zu stellen." Dieser Vorschlag wurde unter lebhafter Zustimmung einstimmig angenommen und die Briefe wurden verteilt. Das Gesuch des Dr. Fuchs aus Wien kam zuerst dem Dr. Ehrlich in die Hand. Als dieser einige Tage darauf zu einem Patienten eilte und Dr. Süß neben dem Kreisgerichte stehen sah, rief er ihm en passant zu: „Du, unter allen Offerten gefällt mir eines am allerbesten/"' „Von Dr. Fuchs aus Wien?" „Ganz richtig. Dir auch?" „Natürlich. Ich habe mich unlängst über ihn in Wienerkuudigl. Jeder lobt den jungen Mann. Ich glaube, wir müssen da ein wenig Stimmung machen." Und die Herren hielten Wort. Als nach acht Tagen eine zweite Sltzilng des Komiteesstattfand, wurden nach kurzer Debatte die Ausländer und die verheirateten Bewerber ans dem Wettbewerbe ganz ansgeschieden, aus den übrigen Offerenten wurde über Antrag des Dr. Ehrlich mit allen gegen eine Stimme Dr. Ludwig Fuchs p r i m o loco zur Berufung v o r g e s ch l a g e n, secundo loco* ein junger Rabbiner aus Böhmen, tertio loco ein Galizianer, der an einem Wiener Gymnasium Religionslehrer war. Das Reserai für das Plenum wurde Dr. Süß selbst übertragen. Seitdem die Gesuche in verschiedenen Häusern herumgelegen waren und Frauen, Söhne und Töchter Einblick in die Mysterien der Offerte und Zeugnisse genommen hatten, sprach man in Rabenheim von nichts anderem, als von dem kommenden Manila Die jungen Mädchen und mit ihnen auch die Mütter waren längst darüber einig, daß e r fesch und jung sein muffe, das sei natürlich für einen Rabbiner nötig. Und wo zarte Frauenbünde sich einer Sache annehmen, da sind Männer in der Regel machtlos. Nur einer wühlte und grub und intrigierte un stillend Eisik Steinherz suchte mit aller Gewalt einen Sturm gegen die Berufung eines jungen Mannes zu entfesseln, denn da die Berufung einmal unvermeidlich war, agitierte er unter den .Räten, daß nur ein erfahrener, gefetzter Mensch ausgewählt werde. Er fand natürlich kein Gehör. Man gab ihm ins Gesicht vollkommen recht und lachte ihn hinterher aus. Der Große Rat, der das letzte Wort über die Berufung zu fprechen hatte, wurde zum Schauplatz wüster Szenen, als Steinherz wieder lauten Protest gegen die Berufung eines ledigen Menschen einlegte; das sei ein ckillul hascliem,12) schrie er, man wünsche nur einen Ledigen, um ihn hier verheiraten zu können! Es kam wie das erstemal auch nun zu stürmischen Tumulten, und Dr. Ehrlich, der den Vorsitz führte, mußte die A u s f ch l i e ß u n g des alten Steinherz beantragen, die auckt mit großer Mehrheit genehmigt wurde. Es war ein aufregendes Schauspiel, wie der alte Mann, der durch eine lange Reihe von Jahren dem Kultnsrate angehörte, mit Gewalt aus dem S a a l e e n t f e r n t w e r d e u m n ß t e. Die unterbrochene Sitzung konnte erst nach einiger Zeit tvieder eröffnet werden, langsam legte sich die Aufregung und Dr. Süß konnte sein Referat erstatten. Nach längerer Debatte einigte sich die Mehrzahl der Räte für den Ternavorschlag des Komitees und akzeptierte auch die Btbelverse, die Dr. Süß namens des Vorstandes für die Probevvrträge vorlegte. Bereits für den nächsten Samstag wurde Dr. Ludwig Fuchs aus Wien eingeladen, eine Probepredigt zu halten. (Fortsetzung folgt.) 12) Eine Schmach. Austritte ans dem Judentum. Otto P latsch i k. geb. 9. November 1875 in Wien, verwitw.. Friseur, XIV., Ranchfangkehrergasse 23. Irene Löwiuger, geb. 2. Jänner 1886 in Wien, ledig, Sängerin, XVIII., Dittesgasse 5. Wilh. A n t. R o s e n f e l d, geb. 21. November 1890 in Wien, ledig, XVI. , Seitenberggasse 25. M a r k. M e i x n e r, geb. 26. Oktober 1857 in Budapest, verwitw., Handschuhmachergehilfe, V.. Kompertgässe 13. Jak. Rosenthal. geb. 21. November 1866 in Folmartriwielky, verh., Kaufmann, IV., Margarethenstraße 34. R o b. Groß. geb. 27. September 1894 in Wien, ledig, Lehrjunge, IL, Vorgartenstraße 205. Dr. Maxim. Rosenthal, geb. 11. Februar 1681 in Wien, ledig, Schriftsteller, VI., Amerlinggasse 19. Berta Schnabel, geb. 24. September 1868 in Hof, ledig, Privat, IX., Grünethorgasse 17. F r i e d r. Glück, geb. 26. Mai 1884 in Wien, ledig, Geschäftsdiener, XVII. , Kalvarienberggasse 52. Franz Weil, geb., 24. Mai 1870 in Wien, Maler, lt. Zuschrift Matrikenamt Gablonz a. N.

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