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Die Wahrheit · 1909-09-10 · Heft 36 (10.9.1909) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 36 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 36. Oesterr.-nngar. Kantoren-Zeitung Seite 9. Zur Kantorenbrwegnng. Ein interessanter Federkrieg in Kroatien. Voll Oberkantor David Meisel, Kartstadt. (Forts.» Herr I. N. Schulhof aber hat uns mit seinem Artikel eine viel zn große Gefälligkeit erwiesen, er hat damit viel zn viel Wasser ans nufere Mühle getrieben — sein Anssatz wird nämlich Gegenstand eingehender Berhandlnngen ans dem nächsten Kantorentage in Wien sein — als daß wir denselben mit Stillschweigen üvergeheil konnten. Daß nicht jeder, der „die erforderliche gesangliche und stimmliche Begabung hat" Kantor werden kann, darüber wird ihn gewiß sein ehrwürdiger Herr Rabbiner bereits belehrt haben. Daß diese „erforderliche gesangliche und stimmliche Begabung" nur einem nnter vielen Tausenden verliehen wird, und daß nur einer nnter noch mehr Tausenden diese „Begabung" dem Dienste des Judentums widmet, darüber erlauben wir uns. ihn zn belehren. Sehr richtig bemerkt Herr Schulhof, daß ein Kantor kein Geistlicher ist. Er findet das sogar durch den großen, berühmten Gelehrten, den Nichtrabbiner Prof. Dr. Steinthal bestätigt welcher schreibt: „Einer der wichtigsten Züge im religiösen Leben ist der. daß man bei uns den Unterschied zwischen Geistlichen und Laien nicht kennt." Nicht kennt, wohlgemerkt: nicht kennt.- Das heißt nämlich, daß auch der Rabbiner kein G e i st l i ch e r i st. Derselbe hervorragende Gelehrte schreibt weiter: „Und so meine ich, das; die Liebe der Inden zum Gesang einen beöeuteukii Einfluß darauf geübt hat, daß der verderbliche Gegensatz zwischen Geistlichen und Laien nnter den Juden nicht anfkommeu konnte. Die Trennung der Tätigkeiten der Rabbinen und der Borbeter ließ den ausschließlichen Borrang keines von beiden anfkommeu." Wir bedauern diese „Anfstachelei" S t e i n t h a l s auf das tiefste und bedauern auch aufrichtig, daß auch wir uns hieran die „Frackschösse" dieses „Großen hängen" mußten. Die .Herren Rabbinen aber bitten wir, sich in Zukunft nicht mehr! ans Moses, ans Rabbi Akiba, auf die anderen Lehrer der! jüdischen Wissenschaft zu stützen, um uicht das Odium des! „Sichhängens an die Frackschösse der Großen" auf sich zn laden. Herr Schulhof hat vollkommen recht, wenn er sagt, daß der Droschkenkutscher Wachtel ein berühmter Operntenor wurde, aber erst nachdem er viele Jahre fleißigen Studien oblag. Auch der große Sonnenthal wurde nicht aus der Schneiderwerkstätte heraus der große Künstler, sondern nach anfopferndem Fleiß und jahrelangem Lernen. Ebenso wurde der Schweinehirte Peretti nicht von seinen Schweinen hinweg der große Papst Sixtus V., der größte Kirchenfürst seines Jahrhunderts, der bedeutendste Kanzelredner seiner Zeil, sondern nach rastlosem Lernen und Studieren. Wenn aber die Ansichten des Herrn Schulhof bezüglich unseres Faches noch lange die herrschenden bleiben werden, dann wird man bald den Kantor eben vom Kntschbock hinweg in die Synagoge holen müssen, weil es ein anderer nicht werden wird. Den Borwurf, den Herr Schulhof der Agramer Kultusgemeinde macht, müßte eigentlich diese widerlegen. Man wird es uns aber gewiß nicht verargen, daß wir, da es sich auch hier um unseren Rendi handelt, der Wahrheit die Ehre geben. Die diesbezügliche Mitteilung des Herrn Schulhof entspricht nämlich nicht den Tatsachen. Unsere Gemeinden erhielten von der Agramer Kultusgemeinde die Mitteilung, daß drei Rabbinen zu der Enquete behufs Erstattung vou Gutachten in religiösen Fragen einzuladen seien. Wie es von der vornehmen Agramer Kultusgemeinde nicht anders zu erwarten war, berief sie, da es sich um Gottesdienst und um einen Kantor-Paragraphen handelte, dem Beispiele der Augsburger Synode folgend, auch einen Kantor (g e g e it seinen Willen), damit dieser eventuell in Sachen Auskunft gebe, in denen Kantoren am besten informieren können, weil ja bekanntlich in der Schusterei auch die Schuster befragt werden. Und wenn die genannte Gemeinde hierfür den Oberkantor -Rendi auserkor, wird sie wahrscheinlich auch wissen warum. Wir erklären hiemit: Wir führen keine „Campagne", sondern treten mit unseren ehrlichen Bestrebungen für die Ehre des Judentums ein. Dieser, unserer reinen Sache können wir natürlich nur dann in Ruhe und Würde unsere Kräfte widmen, wenn wir von den Herren Rabbinen und ihren Freunden unterstützt, nicht aber bekämpft werden. Mit vorzüglicher Hochachtung für das Exekutivkomitee des Verbandes der jüdischen Kantoren Kroatien-Slavoniens Oberkantor Jakob H o f m a n n, Kopreinitz. Bizeprüses. Oberkantor David Meisel, Karlstadt, Sekretär. Oberkantor Leop. B n ch s b a n m, Kreutz, Beisitzer. „Abendgottesdienft für Scholosch Regolim."*) Komponiert von Hermann Zivi. Unter den Synagogen-Kvmponisten der Gegenwart hat Hermann Zivi, Oberkantor zn Elberfeld, neuerdings mehr und mehr die Aufmerksamkeit jener Kreise auf sich zn lenken verstanden. die sich für die Entwickelung jüdischer Musik interessieren; obschon mitten in seiner künstlerischen Laufbahn stehend, trat Zivi .des öfteren als eine so individuelle, schöpferisch potente Natur vor uns, daß jenes allgemeine Interesse für seine Arbeiten sich ^durchaus rechtfertigt. Zivi ist durch die Naturkraft seines Empfindens in seinen bedeutenden Chor- und Orchesterwerken gegenüber einem gewissen gedankenlosen Epigonentum, das sich anderwärts ansbreitet, eine wahrhaft erfrischende Erscheinung. mit bedeutender Persönlicher Note; er rangiert heute in Deutschland bereits neben M. Heule, dem Schöpfer der neuen, meisterhaften Hamburger Synagogen-Gesünge. Auch in dem neuesten Opus 20, Abendgottesdienst für Scholosch-Regolim, bringt Z i v i eine kernige, gesunde Arbeit, die einerseits der j Tradition Rechnung trägt, anderseits nur das Notwendige mit sich führt und alles Ueberflüssige meidet. Ta-- neue Werk ist abermals für jene Art von Gottesdienst bestimmt, die außer vielen Sologesängen des Kantors dem Gemeindegesang mit Orgel eine wichtige Bedeutung zuspricht, wichtig in all diesen Gemeinden, die ans oft erörterten, sattsam bekannten Gründen einen gilt geschulten A-capeRa-Sbinnicht erreichen und erhalten können. Zivi meistert die Orgelstimme in bedeutender Art, die Wirkung beruht nicht allein in der melodischen Erfindung, als vielmehr noch in der kadeuzierenden, harmonischen Basis, dabei von zwangloser Einfachheit in der Modnlatiou und richtiger Wahl der Tonart, als Dolmetfch gewisser Stimmungen. Biel Empfindung zeigt sich dort, wo der Komponist auf die Tradition baut, ohne diese Themen etwa schablonenhaft auszufülleu. Ich verweise hier besonders auf Präludium III, das jüdisches Empfinden so glücklich mit dem älteren Kirchenstil verbindet, ohne sich an eine traditionelle Melodie zn halten. Die alten Weisen sind in den verschiedenen Michomocho musikalisch sein ausgearbeitel, die Melodie für Schemini Azeres befremdet unser östliches Ohr, sie erinnert an ein steirisches Volkslied; stilvolle Arbeiten sind der halbe Kadclisch, der ■Waiclabber und der Zadik Kaomor, auch die Segenssprüche für den Jugendgoltesdieust am Simchas Thora verdienen Beachtung. Verblüfft hat mich bei den Naarovis-Rezuativen die Anwendung des NoASQ-Owos-Steigers; das „E8" mutet hier fremd an, zumal in den oberen Lagen „E" statt „Es" gebracht wird; das „Es" dürfte eigentlich nur in den rein nach Enr modulierenden Stellen erklingen, bei dem Amen wären die beiden letzten Akkorde, mit dem E-naoil-Dreiklang in der Terzlage und dem O-dur-Dreiklang in der Qninrlage, von besserer Wirkung als der die archaistische Stimmung etwas beeinträchtigende Sept-Akkord von C-dur. Daß das Werk musikalisch ansonsten vollwertig ist, die Deklamation des hebräischen Textes keinen Wunsch offen läßt, versteht sich nach den vorangegangenen Arbeiten Zivis von selbst. Da nun alle Piecen dieses neuen Oplts, neben ihrem künstlerischen Werte, sich durch größte Sangbarkeit innerhalb eines mäßigen Stimmumfanges ailszeichnen, überhaupt leicht ausführbar sind, verdienen sie die weiteste Verbreitung; für die künstlerische Entwickelung des Gottesdienstes in jenen Synagogen, die Gemeindegesaug mit Orgel pflegen, bedeuten sie eine wertvolle Bereicherung. S i n g e r - K a t t o w i tz. *) Verlag von I. Kaufmann, Frankfurt.

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