Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 36 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Ni. 36 gehörigkeit zum Judentume in Rußland den Charakter einer Strafe verleiben und zugleich die Gesellschaft guter Bürger vor dem für sie „gefährlichen ' Elemente schützen sollen. Mit anderen Worten: die russische Gesetzgebung führt, wie Graf Tolstoi bitter konstatiert, hinsichtlich aller nichtjüdischen Staatsbürger den Kampf mir den verbrecherischen I n d i v id n e n, in Bezug auf die Juden aber gibt sie vor, überhaupt nur mit B e r b r e ch e r n zu um zu haben. Der Verfasser geht den fadenscheinigen ..Gründen", 'die von den herrschenden Klassen in Rußland noch immer für die vielfachen Beschränkungen der Juden angeführt werden, scharf zu Leibe. Er zeigt an zahlreichen Beispielen ans der Praxis, wie diese (von manchen deutschen Antisemiten als glänzende staatsmännische Tat bewunderte) Judengesetzgebnng in Rußland die tiefgehende Demoralisation des Berivaltnngspersonales, die K o r r n m p i e r u n g der russische n Beamte u, wenn nicht hervorgerufen, so doch b e g ü u ft i gt hat. Eine bessere Schule der Bestechung und administrativen Willkür konnte für den solchen Versuchungen bekanntlich ohnehin sehr leicht unterliegenden slavischen Volkscharakter nicht gefunden werden als die Festsetzung einer jüdischen Ansiedlungszone und ähnlicher Beschränkungen. Es ist für jeden beamteten Russen kein Geheimnis, daß Zehn- und vielleicht Hnnderttansende von Juden die Polizei dafür bezahlen, daß sie ihnen bei der Umgehung dieser ihre persönliche Freiheit beschränkenden Verordnungen durch die Finger sieht ititb besonders Freigebigen und ihrer Dienste Bedürftigen die leichtesten Wege zur Gesetzesumgehung sogar selber weist. Diese vexatorische Gesetzgebung gegen die Juden hat, wie Tolstoi in dem der Korruption des Beamtenstandes gewidmeten Kapital sich resümiert, „stets nur den a l l ers ch lech teste u Elementen der Verwaltungsbehörden Nutzen gebracht, allen Freunden der Bestechung tmd allen denen, die gern im Trüben fischen.. . Sie sind es, die Rußland füttert, für die die Regierung sorgt, wenn sie Gesetz auf Gesetz gegen ihre Untertanen jüdischen Glaubens turmhoch anhäuft". Dem Verfasser ist übrigens kaum ein Fall von Bestechung vorgekommeu, in dem die Juden persönlich eine Schuld getroffen hätte; sondern Schuld war fast immer ihre rechtlose Lage, die ihnen das Gespenst einer Anzeige drohend vor Angen hält und sie dadurch Ausbeutern und Erpressern in die Hände gibt. Graf Tolstoi meist im einzelnen nicht nur die schreiende Ungerechtigkeit, sondern auch die Mißerfolge aller dieser drakotlischeu Gesetze gegen die Juden nach; man müßte nahezu das ganze Werk reproduzieren, wollte man das interessante Material auch nur einigermaßen erschöpfend wiedergeben. Bis zu einem gewissen Grade versöhnend mit all dieser Unkultur und diesem Barbarismus wirkt die von dem Verfasser allenthalben gemachte Erfahrung, daß diese Verfolgung persönlich ganz unschuldiger Leute allgemach jeden Menschen in Rußland, der noch eine Spur von Gerechtigkeitsgefühl besitzt, empört. Dieses Gerechtigkeitsgefühl ist besonders bei der r u s s i s ch e n Jugend in hohem Grade entwickelt. „Niemals", sagt der Verfasser, „bin ich einem christlichen Abiturienten begegnet, der nicht höchste Entrüstung über das Schiksal seiner jüdischen Kollegen (die von Ort zu Ort gehetzt werden) gezeigt hätte". Ihre Leiden und Erniedrigungen brachten den Antisemitismus der lernenden christlichen Jugend z n m E r l ö s ch e n, die in ihrer Masse sich nie mit so groben und schreienden Ungerechtigkeiten und offizieller Demütigung ihrer jüdischen Mitschüler versöhnen wird. Die jüdische gebildete Jugend aber wird durch die empörende Behandlung, die ihr auf allen Stufen des Unterrichtstvesens zu teil wird, wahrlich nicht in politischer Beziehung „gebessert". Sie tritt in das praktische Leben, in ihrem Ehrgefühl unauslöschlich gekränkt, voll Grimm und Haß gegen die sie ihres Rechtes beraubende Staatsgewalt. Ans diesen verbitterten Elementen bildeten und ergänzten sich die revolutionären Parteien, und gegen deren Propaganda erwiesen sich die Hochschulen, die mau vor dem Zudrange der Juden allerdings geschützt hatte, durchaus schutzlos. Nebenbei bemerkt: Wenn das Zusammenlebetl mit den Inden wirklich so gefährlich, so verderblich ist, warum überläßt bie »Jegiermig die ganze christliche Bevölkerung der Ansiedlungszone, die den Flächenraum von 15 Gouvernements eiunimmt, die 10 Gouvernements des Königreiches Polen nicht mitgerechuet. i h r e m S ch i ck s a l e? Natürlich werden die reaktionären Gewalthaber niemals zugeben, daß diese Repressalienpolitik gegen die Juden krassestem Eigennutz entsprossen ist; mit heuchlerischem Angenaufschlag versichern sie, daß sie beileibe nicht im persönlichen Interesse, sondern nur zum Vorteile des von ihnen bedauerten Bauern (Muschik), des Handwerkers, des Mittelstandes, den Kampf gegen die Inden führen müssen. In bezlig ans die berüchtigte Ausbeutung könnte man freilich auf die Tatsache Hinweisen, daß nicht nur die Bauern des nordwestlichen Gebietes arm sind, sondern auch die Bauern des Gouvernements Kursk und Tamboff. und Rösan, obwohl diese nicht zu dem Gebiete der jüdischen Ansiedlungszone gehören. Umgekehrt aber sind die Bauern der südwestlichen Gegend, obwohl alle den berüchtigten Greueln der „jüdischen Ausbeutung" ausgesetzt, im allgemeineu reicher als die Tambvwschen Bauern. Der Gutsbesitzer des mittleren Rußlands kann, wenn er die Pacht für die Grundstücke herausschraubt oder um den Betrag der Löhne feilscht, sich nicht auf den Bösewicht „Jude" beziehen. (Schluß folgt.) Das Keben nud Wirken der Inden in Oesterreich in vormärstichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Auch der Papst Urban hielt bei dieser Gelegenheit eine die Menge zum Krenzzuge anfstachelnde und aneifernde Ansprache. Und die ganze Versammlung rief einstimmig aus: „Gott will es! Gott will es!" Im Frühjahre 1095 rüstete sich alles zur Wallfahrt nach Jerusalem. Von gewisser Seite war mau auch bemüht, den Eifer der Kreuzfahrer durch allerlei fabelhafte Erzählungen von Zeichen und Wundern anzufeuern. Bei hellem Tageslichte wollte man am-Himmel zwei Männer auf bäumenden Rossen im heißen Kampfe mit einander gesehen haben, von denen der eine mit einem leuchtenden Kreuze bewaffnet, nach mehreren Stunden den andern überwand. Hirten gaben wieder vor, daß sie in der Nacht die Stadt Jerusalem im Strahlenglanze des Sieges am Himmel gesehen haben lt. s. w. Diese und ähnliche Erzählungen von Wundern, die man verbreitet hatte, waren danach angetan und geeignet, das rohe, ganz ungebildete Volk zu fauatisieren und anfznreizen. Wie einst den Israeliten bei ihrem Auszuge aus Aegypten, schloß sich auch den Kreuzfahrern ein schamloses, raubsüchtiges, lasterhaftes und entsittlichtes Gesindel (Lrsuv raw) an, das nichts Geringeres im Schilde führte, als dem Judentume den Garaus zu machen. Das Losungswort dieser geweihten Brüder lautete: „Die Juden haben unseren Heiland gekreuzigt, sie müssen sich daher jetzt zu ihm bekehren oder sterben." In Frankreich, wo die Fürsterl und die Geistlichen vvrr dem Geiste der Humanität durchdrungen waren, konnte die Mordsucht und Raublust der frommen Wallbrüder weit weniger Befriedigung finden als im Deutschen Reiche. Angst, Furcht, Bangen und Grauen bemächtigte sich der Inden Deutschlands, als jene entfesselten Furien den deutschen Boden betreten hatten. Wohin die wilden Bestien kamen, ffoß jüdisches Blut in Strömen. Das größte Märtyrium erlitten die Juden in den Gemeinden am Rhein und an der Mosel. In Trier haben viele Juden sich selbst entleibt, nachdem sie zuvor ihre Kinder erstochen hatten, um nur nicht in die Hände der Bluttneuschen geraten zir müssen. Man sah, wie Frauen und-Mädchen sich mit Steinen beschwerten und in die Mosel stürzten, da sie lieber irr den Wellen des Flusses ihre Gräber finden wollten, als von den blutgierigen Bestien zur Taufe gezwungen oder geschändet und ermordet zu werden. Biele dieser Unglücklichen flüchteten sich in die Burg des Bischofs Eugibert, dieser war jedoch hartherzig genug, um die verzweifelte' Lage der Juden zu mißbrauchen 'und.sie zur Annahme der