Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 36 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 36 Die Wahrheit reite 5. weiteres anerkennt, verhehlt man sich anderseits nicht, daß es gerechter wäre, denjenigen Juden, die den Sabbat halten, den Sonntag ganz freizngeben. Hingegen erblickt man in der Beschränkung der Begünstigung für sabbathaltende Juden bloß aus das Ghetto das Bestreben, die gesetzestreuen Juden in ein künstliches Ghetto zu zwingen. Wie verlautet, wird Lord S waythl i n g gegen diese Einschränkung eine ausgedehnte Aktion in Angriff nehmen. _ Ci» jnd. ReKonv»les;en1eicheii»i. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die weltberühmten Wiener Krankenhäuser von armen und sehr armen kranken Personen ans allen Provinzen ausgesucht werden, um hier Heilung, von ihren schweren Leiden zu suchen. Der reiche und wohlhabende Patient kann sich nach schwerer Krankheit, nach einer Operation, jedwede Erholungskur und die nötige Ruhe gönnen, um sich vollkommen gu rekonvaleszieren, bevor er sich rvieder seinem Berufe zuwendet. Nicht so ist es beim armen Menschen. Aus allen Gegenden strömen die armen Patienten den Kliniken zu, in welchen aber stets ein solch außerordentlicher Andrang herrscht, daß die nach Operationen oder schweren Krankheiten kaum hergestelllen Personen schon nach dem ersten Stadium der Besserung die Spitäler verlassen müssen, um den Neuangekommenen Patienten Platz zu machen. Solche arme Rekonvaleszenten nun sind im höchsten Grade bedauerlich, da ihnen weder Mittel, noch Gelegenheit geboten sind, sich die nach der Spitalsbehandlung so dringend nötige Erholung zu verschaffen und sich für den weiterenKamps ums Dasein zu kräftigen. Die Aermsten sind meist bemüssigt schon im ersten Stadium ihrer Genesung sich wieder ihrem Berufe zuzuwenden, ihrer Arbeit uachzugehen und nicht selten bildet eine Rezidive die Folge hievon und die Grundlage zu chronischen Krankheiten, die das ganze Leben dieser Unglücklichen zu einem fortwährenden Leiden, zu einem Siech tum gestalten. Um diesem Xlebetftanbe abzuhelfen, ist aus dem israelitischen Frauenverein im VIII. Bezirke in Wien, ein Zrveigverein hervorgegangen. welcher unter dem Präsidium der Frau Amalie Beck die Elite der jüdischen Kreise Wiens vereint und es sich zur Aufgabe gemacht hat, hier ein Rekonvaleszentenheim für arme, jüdische Frauen und Kinder zu errichten und somit solch armen Kranken die Gelegenheit zur vollkommenen Wiederherstellung ihrer Gesundheit zu bieten. Nach jahrelanger, hingebungsvollster Tätigkeit des Vorstandes dieses, unter dem Titel „Nekonvaleszentenheim Philantropia" so hervorragend menschenfreundlich wirkenden Vereines, ist es gelungen, in Wien, XIII. Lainzerstraße 172, ein für diesen Zweck vorzüglich geeignetes Haus samt herrlichem alten Garten zu erwerben, welches auch mit allen hygienischen Einrichtungen versehen wurde. Im Jahre 1908, anläßlich des glorreichen Regierungsjnbiläums unseres erhabenen Kaisers, wurde dieses Heim eröffnet und seiner Bestimmung übergeben. Seither finden arme jüdische, aus den Spitälern entlassene rekonvaleszente Frauen und Kinder, bis zur völligen Herstellung ihrer Gesundheit in diesem Hanse ein Heim, entsprechende ärztliche Behandlung, liebevolle Pflege und eine rituell zubereitete gute, nahrhafte und ausgiebige Verköstigung. Allein durch den Ankauf des Hauses und Errichtung dieses Heims, sowie durch die kostspieligen Innen- und hygienischen Einrichtungen ist der größte Teil des Vereinsvermögens aufgebraucht worden und die Erhaltung eines solchen Heims, mit einer stets namhaften Anzahl Patienten, erfordert laufend einen größeren Geldaufwand, welchen der Verein unmöglich aus eigenen Mitteln bestreiten kann und ist es ein Gebot dringendster Notwendigkeit, daß diesem, so eminent wohltätigen, in seiner Art einzigen Vereine, welcher speziell Patienten jüdischen Glaubens, ohne Rücksicht auf deren Landeszngehörigkeit anfnimmt und gesunden macht, auch ans weiteren Kreisen unserer edelmütigen Glaubensgenossen Unterstützungen zugewendet werden, um ihm dadurch die Erfüllung seines humanen Zweckes zu ermöglichen. Es kann jedermann diesem hervorragend wohltätigen Vereine gegen einen Jahresbeitrag von X 6.— als Mitglied, mit einem einmaligen Beitrage von X 200.— als Gründer und mit einem Beitrage von X 5000.—, als Stifter beitreten. Wir appellieren an die Hochherzigkeit, au das Mitgefühl unserer Glaubensgenossen, diesen so eminent menschenfreundlich wirkenden Verein durch zahlreichen Beitritt als Mitglieder, Gründer oder Stifter, durch Spenden und Legale zu unterstützen und so dessen edles Ziel zu fördern. Beitrittsanmeldnngeu, Spenden aller Art, sowohl an Baargeld, wie auch an Naturalien, werden in der Kanzlei des Vereines „Rekonvaleszentenheim Philantropia" in Wien, VIII., Langegasse 1 und im Heim, Wien, XIII., Lainzerstraße 172, dankbarst angenommen und im Rechenschaftsberichte ansgewiesen. Ailch unsere Administration ist gerne bereit, Spenden für diesen Verein zu übernehmen und im Blatte zu veröffentlichen. Der Atttilemilismtts in Rußland. Graf Iwan T o l st o i, der im ersten konstitutionellen Kabinetl Witte ein Jahr lang Minister für Volksansklärnng war, hat sich mit der Jndensrage in Rußland eingehend beschäftigt und darf daher zweifellos als einer der kompetentesten Beurteiler aus diesem Gebiete bezeichnet werden. Gras Iwan Tolstoi ist nach seiner ganzen Charakteranlage nichts weniger als ein Fanatiker; er neigt vielmehr nach seinem Bildungsgänge und seiner wissenschaftlichen Lieblingsbeschäftigung — er widmete sich hauptsächlich dem Studium der "Archäologie und Numismatik — weit eher zum Typus des beschaulichen, seiner eigenen wissenschaftlichen Erkenntnis sich freuenden Gelehrten. Da er ferner infolge seines Spezialstndinms eine scharfe kritische Beobachtungsgabe besitzt, steht die volle Unbefangenheit seines Urteiles außer Zweifel. Seine im Dezember 1907 in Petersburg erschienene populär-wissenschaftliche Abhandlung: „D er Antisemitismus in Rußland", die vor wenigen Tagen in einer deutschen Uebersetznng mit einem Vorwort von Dr. med. W. Laqnenr-Ems im Verlage von I. Kaufmann-Frankfurt a. M. auch dem deutschen Leserkreise nähergebracht worden ist, verdient daher die Aufmerksamkeit aller, die sich über das Wesen des Antisemitismus in Rußland aus einer objektiven Darstellung unterrichten wollen. Wenn trotzdem das Werk eine scharfe Anklageschrift gegen die reaktionären Machthaber des Zarenstaates bildet, so liegt das nicht an der Sympathie oder Antipathie des Verfassers, sondern eben an dem verrotteten politischen S y st e m. Hier liegt die Hauptwnrzel alles Uebels. Nicht das russische Volk tst es, das nach den Pogroms schreit und eine vexatorische Behandlung der 7 Millionen Juden Rußlands von Staats wegen verlangt — die Funktionäre der öffentlichen Gewalten sind es, die erst die Grundlage der religiösen Vorurteile gegen die Juden und die Verfolgungs- Politik geschaffen haben. Während in den zivilisierten Ländern die Regierungen sich roher Ausschreitungen ihrer Bürger schämen und sich bemühen, die extrem-nationalistischen Regungen, die Unduldsamkeit den Fremden gegenüber zu unterdrücken, hat sich in Rußland der Staat im Gegenteil täglich am Kampfe aller anderen Nationalitäten gegen die Juden beteiligt. Und was hat er damit erreicht? Wer Wind säet, darf sich nicht wundern, wenn er Sturm erntet. Er hat in eine 7 Millionen zählende Menge s ch w e r st e Verbitterung und absolute Unzufriedenheit mit allem Bestehenden hineingetragen, und seine Schuld ist es, wenn diese gewaltige Masse sich zur Erkämpfung einer erträglicheren Daseinsmöglichkeit organisiert hat und nicht eher ruhen und rasten wird, als bis dieses Ziel erreicht ist. Während der russische Staat jedem anderen Staatsbürger gegenüber aus dem Standpunkte steht, daß er strafrechtlich als unbescholten zu gelten hat, solange das Gegenteil, seine Kriminalität, nicht erwiesen ist, werden die Juden a priori für schlechte (in der juristischen Sprache also verbrecherische oder wenigstens strafbarer Handlungen verdächtige) Menschen angesehen und dementsprechend behandelt. Daher die vielfachen Beschränkungen, die der Zu-