Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 36 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 36 passender Stelle dauernd anznbringen, ist anerkannt, daß mit der Anbringung des Symbols einer einzelnen Religionsgesellschast das gesetzlich sestgelegte Prinzip der Jnterkonfessionellität des weltlichen Unterrichtes durchbrochen würde. Aber selbst wenn die jüdische Religionsgesellschast über ein Symbol verfügen würde — nach den jüdischen Glaubenssatzungen gibt es ein solches nicht — so würde durch die Anbringung eines zweiten konfessionellen Symbols die Verletzung der gesetzlichen Jnterkonfessionellität nicht nur nicht behoben, sondern im Gegenteile verschärft werden. Die diesbezügliche Verfügung des hohen Landesschulrates kann sich nicht nur auf keinerlei gesetzliche Bestimmung stützen, sie steht vielmehr in krassem Widerspruche mit § 2, Abs. 2, des zitierten Gesetzes. 3. An der deutschen Volksschule der Jsraelitengemeinde Lomnitz haben bis jetzt durchaus friedliche Verhältnisse geherrscht. Aber gerade ans der ungesetzlichen Verfügung des k. k. Landesschulrates ist zit besorgen, daß an dieser Schule, deren Besucher fast zu gleichen Teilen der katholischen und der jüdischen Konfession angehören, jener Zustand eintrete, den das Reichsvolksschulgesetz vermieden wissen will und über bessert Vermeidung der Ortsschulrat pflichtgemäß zu wachen hat: daß nämlich den Schulkindern auch beim Unterrichte in den weltlichen Lehrgegenständen konfessionelle Unterschiede und Vorurteile znm Bewußtsein gebracht werden und daß sich hieraus Gehässigkeiten entwickeln, welche nicht nur den Schulbetrieb, sondern auch den Erziehuugszweck schwer beeinträchtigen rvürden. Ja, es wäre selbst der bedauerliche Fall nicht ausgeschlossen, daß das.Symbol der einen Religionsgesellschaft durch Angehörige der anderen Konfession einer Verhöhnung oder Verunglimpfung ausgesetzt wäre und dann vielleicht gar das Strafgesetz in die Schule -Hineinspielen würde. Auf alle Fälle jedoch wäre es mit der bisherigen Friedlichkeit und Verträglichkeit au dieser Schule zu Ende und deshalb geben wir uns der Erwartung hin, daß das hohe Ministerium für Kultus und Unterricht in seiner Weisheit und stets betätigten Sorge um die ruhige und gedeihliche Entwicklung der Schule die hier angeführten Gründe in vollem Maße würdigen und den angefochtenen Erlaß beheben wird. Das „Bayerische Vaterland" schimpft schon aus Gewohnheit noch immer eifrig aus Inden und Preußen, aber ohne Geist und Witz, und es bemüht sich in jeder Nummer, sich lächerlich zu machen. So leistet sich dieses Organ für Volksverdummung in einer der letzten Nummern folgenden Satz: „Was die Liberalen im Bunde der Inden und Freimaurer vvi> baden, zeigen uns die jüngsten Vorgänge in Spanien und Portugal. Während liberale Führer tu Lissabon die Republik ausrufen. hetzt man, weit vom Schuß, in Spanien das arme betörte Volk in den Kamps gegen die Regierung." Nun gibt es in ganz Spanien kaum 2000 Juden, und diese wohnen fast ausschließlich in Madrid. In Barcelona dürste es kaum einen Inden geben, nue sollen also die Jltden an der Revolution schuld sein? Wir wissen wirklich nicht, ob die Redaktion selber so unwissend ist, oder ob sie nur die Intelligenz ihrer Leser so gering eiuschätzt. Es soll itns gar nicht wundern. wenn das „Bayerische Vaterland" nächstens die Juden auch für das schlechte Wetter verantwortlich macht. Ja, diese Juden sind an allem in der Welt schuld, vielleicht auch an der Dummheit der antisemitischen Blättchen. * In Ergänzung unseres vorwöchentlichen Berichtes über die Militärexzesse in Falticeui wird aus Bukarest folgendes berichtet: Im Kriegsministerium erschien heute eine mehrgliedrige Deputation jüdischer Bürger aus Falticeui, wo die Militär- Akzesse gegen die dortige Judenschaft stattgefunden haben. Die Deputation wurde in. Abwesenheit des Kriegsministers, der zur Zeit aus Urlaub sich befindet, vom ersten Sektiouschef empfangen. Der Sprecher der Deputation, Israel B o l n e a, überreichte ein Memorandum, worin die Ursache und der Verlaus der Militärexzesse ausführlich geschildert lverden. Hiernach hätten dieselben ans folgenden geringfügigen Ursachen ihre Veranlassung genommen: Mehrere Offiziere waren bei Major G e l e m e y zu Besuch erschienen. Da jedoch derselbe sie nicht alle in seiner Wohnung beherbergen konnte, ließ er sie durch den Hanptmann Popovici bei den besser situierten Juden eiuqnartieren. Einer der fremden Offiziere erhielt seine Wohnung bei einer jüdischen Familie angewiesen. wo in Abwesenheit der Hanssrau ein kaum 14jähriges Kind die Wirtschaft führte. Da infolgedessen der Offizier mit seiner Bewirtung nicht zufrieden war, und das Kind erklärt hatte, es k ö n n e in A b w e s e n h e i t der M ntter die Bettwäsche nicht täglich Wechsel n, wurde dasselbe vom Offizier — geprügelt. Der Vater des Kindes, Lnpn I a n c o, begab sich mit. dem Kinde znm Regimentskommandanten Major Gelemey und beschwerte sich über das Benehmen des bei ihm einquartierten Offiziers. Der Major fand es jedoch für angezeigt, den Beschwerdeführer samt Kind zur Türe hin a u s z u w e r f e u. Bald darauf erschien der Hanptmann Popovici mit einer Abteilung von 20 Soldaten vor der Wohnung des Lnpn Janco, ließ ihn aus dem Zimmer heransrnfen und von mehreren Soldaten blutig schlage n, weil er es gewagt hat, sich beim Major Gelemey zu beschweren. Es entstand ein Kampf, in den sich mehrere jüdische Passanten mischten. Hanptmann Popovici zog den Säbel ans der scheide und verwundete mehrere Personen. Nur dem energischen Einschreiten der Polizei ist es zu danken, daß kein Menschenleben zum Opfer fiel, tvohl aber sind viele Juden schwer verwundet ins Spital überführt w o r d e u. Zum Schlüsse heißt es im Momorandnm: „Wir bitten um Schutz für unser Leben und Eigentum, da diese Güter gerade von den beruflichen Hütern derselben in arger Weise bedroht erscheinen." Die Deputation wurde im Kriegsministerium aufs freundlichste empfangen und erhielt die Zusicherung, daß Regimentskommaudant Major Gelemey den telegraphischen Besenl erhalten wird, unverzüglich eine strenge Untersuchung einzuleiten und das Ergebnis derselben dem Kriegsministerium mitznteilen. In einem Interview mit einem hiesigen Redakteur äußerte sich ein Mitglied der Deputation, daß die Militärexzesse in Falticeui eine unbeschreibliche Panik bei der dortigen Judenschaft hervorgerufen haben, welche sich noch dadurch ins maßlose steigert, daß der berüchtigste Aufwiegler Jo r g a die Bevölkerung zu b l u t r ü u st i g e n A u s s ch r e it u n g e n a n f h e tz t. * * * Man muß au die mittelalterlichen Anklagen tvegen Brnnnenvergistiing denken, wenn man liest, was sich der Petersburger „Swiet" an blöden und hetzerischen Beschuldigungen gegen die Juden anläßlich des Austauchens der Cholera in Polotzk leistet. Die Zeitung schreibt, daß die Juden, um die Ansteckung von sich avzuwendeu. einen Toten in ein Badetuch einwickelten und dann den Badeanstaltsbesitzer überredeten, dieses Tuch den die Badeanstalt besuchenden Russen zu geben, um auf solche Weise die Cholera auf die Russen zu übertragen. Mehr braucht man wohl nicht, um die russischen Bauern zu gefügigen Werkzeugen der schwarzen Hundert zu machen, und auf das scheint es der „Swiet" abgesehen zu haben. * * * Der englische Minister des Innern Mr. G l a d st o n e legte vorige Woche dem Parlamente einen Gesetzentwurf betreffend die Arbeitszeit in Geschäften vor, der auch für die Inden Englands wichtige Bestimmungen enthält. Das Gesetz betrifft auch die Sonntagsruhe und bestimmt, daß diejenigen Inden, welche nachweislich ihre Geschäfte am Sabbat geschlossen halten, und von der Arbeit ruhen, das Recht haben, am Sonntag das Geschäft bis zwei Uhr nachmittags offen zu halten und zn arbeiten. Interessant ist nun, daß diese Spezialbestimmuug nur in den Stadtvierteln, die in dem Gesetze angeführt werden, ihre Gültigkeit haben soll, während in anderen Gegenden und Stadtteilen die allgemeinen "Bestimmungen über, die Sonntagsruhe ausnahmslos auch für die Juden gelten sollen. Dieser Gesetzentwurf soll erst in der nächsten Session zur parlamentarischen Behandlung gelangen. In jüdischen Kreisen Englands wird dieser Gesetzentwurf mit geteilter Stimmung ausgenommen. Obwohl man den liberalen Zug, der sich im Gefetzentmnrs geltend zn machen sucht, ohne.