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Die Wahrheit · 1909-09-03 · Heft 35 (3.9.1909) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 35 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 35 (Alle Rechte Vorbehalten.) Gin neues Licht. Bon Adolf Heinrich Landau (Wiener-Neustadt). (Fortsetzung.) Als er nach Hause kam, standen auf dem weißgedeckten Tisch die Sabbathleuchter, daneben lagen die beiden Barches^) mit einer Seideudecke umhüllt und eine Weinflasche samt Becher waren für den Kiddusch * 7) vorbereitet. Die alte Frau hatte soeben itjr Gebet im Mannheimer Siddur 8) beendet, sie küßte das Buch und erwiderte den Gruß ihres Sohnes: „Gut' Schabbos!" Dr. Fuchs wusch sich die Hände, machte Kiddusch und schnitt daun für seine Mutter und für sich die „Moize" 9) ab. Die alte Frau war stets bemüht, ihrem geliebten Kinde alles nach Wunsch zu bereiten imd nirgends schmeckte ihm das Essen io gut, wle bei seiner Mutter. Nach altem Brauche gab es am Freitag Abend Fische, Fleisch und Mehlspeise. ..Sag'. Lmschi," begann die Mutter bei Tische, „hast Du Dich über Rabenheim erkundigt?" „Ich habe in der Universitätsbibliothek im Städtelexikou nachgesehen. Eine schöne Stadt, Industrie, ein Gymnasium, Militär, schöne Umgebung, aber wenig Juden." „Wie groß ist denn das Einkommen?" „Die fixen Bezüge sind mit 3600 Kronen jährlich angegeben. Dann gibt es noch Nebeneinkommen, das in einer kleinen Gemeinde wohl nicht viel heißt." „3600 Kronen, das sind 300 Kronen monatlich. Das ist für den Anfang ganz schön, aber hier verdienst Dn ja fast auch so viel und bist in einer Großstadt. Heiraten kannst Dn mit diesem Gehalt noch nicht." „Wahr ist es, daß ich mir hier säst ebensoviel verdiene, aber was bin ich? Gar nichts. So habe ich eine angesehene Stellutlg, bin mit der Zeit pensiousfähig. Es ist doch etwas anderes, Rabbiner von Rabenheim zu heißen, oder Privatlehrer in Wien. Aber mit der Grell Hab' ich Angst. Ich muß ja die Wahrheit sagen." „Aber, Lutschi, sei kein Kind. Solang Dich niemand fragt, hast Du nichts zu sagen. Dann aber wirst Du ja sehen, weshalb sie gerade einen Ledigen bevorzugen." „Vielleicht wollen sie ein armes Mädel anbringen und geben den Posten als Mitgift. Auch das kommt vor." „Gebe nur Gott, daß Dn berufen wirst, dann kannst Du an Ort und Stelle alles erfahren. Morgen, so Gott will, gehst Du zur Greterl und erzählst ihr alles." „Wenn ich aber den Posten bekomme, dann heirate ich nicht früher, bis ich nicht das Definitivum habe." „Baue nur keine Luftschlösser. Es werden sich gewiß sehr viele melden und Du kannst schon von Glück reden, wenn Du nur berufen tvirst." »Ach Gott, ach Gott! Acht Jahre am Gymnasium, sechs Jahre im Seminar, vier Jahre an der Universität und dann muß man n o ch froh und glücklich fein, w e n n man i ix s o e i n N e st e r l kommen lau n." „Sei nur ruhig, liebes Kind, wer weiß, wie viele tausende Dich noch beneiden." „Jeder Schustergeselle hat es besser als wir Doktoren." „Aber die gesellschaftliche Stellung!" „Ja, die gesellschaftliche Stellung, die können wir uns auf den Hut stecken." „Geh, hör' auf. Laß uns lieber benschen 10) und Gott danken, daß wir zit essen haben." Sie beteten beide. Laut sprach Dr. Fuchs die Worte: 0 Weiße, geflochtene Brote, auch Challa genannt. 7) Segenspruch über den Wein. s) Gebetbuch. 9) Ein Stück Brotes, worüber der Segenspruch gesagt wird: „Hamoizi lechem min hoorez." („Der Brot hervorbringt aus der Erde, sei gesegnet.") 10) Das Tischgebet verrichten (benedicire.) „Horachamon hu, jeworech eth imi morothi, baalatb habajith haseh!“11) HI. Kaum ein Monat war seit Ansschreibnug des Konkurses verstossen, da warett bereits mehr als zwanzig Gesuche eilige* laufen. Endlich war die gesteckte Frist von zwei Monaten vorüber und Dr. Süß hatte den Sekretär zu sich gebeten, um die Briefe zu sichten, zu lesen und zu beurteilen. In den letzten Tagen waren noch einige Briefe aus dem Deutschen Reiche gekommen, alles in allem lagen am Schreibtische des Dr. Süß sechsunddreißig Kuverts — ein hübsches Päckchen! Mehrere Gesuche hatte Dr. Süß, nachdeni er sie oberstächlich durchgelesen, sofort beiseite gelegt. „Merkwürdig," sagte er zu seinem bewährten Mitarbeiter^ „Trotzdem es deutlich heißt: Ledige werden bevorzugt, hoffen auch Verheiratete auf einen Erfolg. Da sogar — wo ist es denn nur — da sehen Sie, Herr Sekretär, drei Herren, die schon die Fünfzig überschritten haben." „Nun, Herr Doktor, das ist wohl kein gutes Zeichen, wenn jüdische Beamte in dem Alter eine Verbesserung ihrer Lage anstreben. Wer weiß, wie bitter sie sich ihr Stückchen Brot verdienen müssen." „Ja, ja, Sie mögen recht haben. Die Lage mancher K u l t u s b e a m t e n s ch reit na ch einer g rü n d l i ch en R e f o r m." „Wer die je erleben wird!" „Haben Herr Sekretär nicht gehört, wie ich den Angriff des alten Steinherz in der letzten Sitzung znrückgewiesen habe?" „Wir wissen, Herr Doktor, daß Sie ein warmer Freund der Beamtenschaft sind. Leider gibt es aber nur sehr wenige „Dr. S ü ß" und sehr viele „S t e i n h e r z." „Nomen est ornen," sagte Dr. Süß lachend. „Ich hoffe aber, daß die Kultur, die alle Welt beleckt, sich auch auf die jüdischen Kleingemeinden erstrecken wird." Der Sekretär schüttelte ungläubig den schönen, bereits stark ergrauten Kopf. — „Da sind einige mit ausländischem Doktorat," sagte Dr. Süß zum Sekretär, „die müssen wir, trotzdem mir manche sehr zusagen, zurücklegen, denn zuerst kommen unsere Leute daran." Die übrigen Gesuche konnten bei Dr. Süß auch keinen Gefallen finden. Er hielt viel auf Aeußerlichkeiten und auf Ordnung. Manche Offerte waren arg gekritzelt; die Abschriften unrein, oft mit Tinten- oder — horrible dictu — gar mit Fettflecken! „Das ist unverzeihlich," rief er gereizt aus, „intelligente Leute sollten doch Ordnung und Reinlichkeit halten können! Da sehen Sie nur her, Zeugnisabschriften, die weiß Gott wo hernmgelegen, schicken diese Herren wieder fort. So ein Mensch ist natürlich zu faul, eine neue Abschrift zu machen; er wird auch zu faul sein, eine frische Predigt zu verfassen; er wird unvorbereitet in die Schule kommen; er wird auf der Gasse nachlässig, gekleidet sein — —" „Aber Herr Doktor! — —" „Lassen Sie mich in Ruhe; in solchen Dingen verstehe ich keinen Spaß. Von diesen allen Gesuchen, sind nur diese vier" — er nahm die Briefe in die Hand — „bloß vier etwas wert. Und von diesen möchte ich den einen da p r i m o loco Vorschlägen. Eine schöne, gewinnende Handschrift, das Gesuch kurz und bündig, dabei aber alles klar und schön ansgedrückt, alles sauber geordnet, mit Ueberschrift und Datum. Alles auf schönem, weißem Papier, dazu fast lauter Vorzugszeugnisse, auch die Dissertation beigelegt — man sieht, der Mann hält auf Ordnung, das ist ein netter Mensch, der wird es mit seinem Amte auch so genau nehmen. Sehen Sie einmal das reizende Briefpapier an, auf dem das Gesuch geschrieben ist, das ist originell; kein voluminöser, halbbrüchiger Bogen, alles ansprechend und lieb — dieser Dr. Ludwig Fuchs i st m e i n M a n n!" Der Sekretär merkte sich diesen Namen sehr gut, den n e r w u ß t e, d a ß D r. S ü ß d e r F ü h r e r d e r M a j or i t ä t War. (Fortsetzung folgt.) Der Allerbarmer segne meine Mutter, meine Lehrerin, die Lenkerin dieses Hauswesens.

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