Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 35 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35. Die Wahrheit Seite 7. Moskauer Lokalkomitee der A. I. K.-O. unter bestimmten Bedingungen 30.000 Mark kollektiv gezeichnet. Hieran reihen sich zahlreiche weitere Spenden in Berlin und anderen Städten. Es ist dies selbstverständlich bloß als der erste, bescheidenste Änsatz zu einem Fonds zu betrachten, der nnr durch die Unterstützung opferwilliger Freunde unserer Bestrebungen ausgebaut werden kann. Die Verwaltung der Fonds der A. I. K.-O. ruht in den Händen von Persönlichkeiten, die die vollste Garantie -für die Sicherheit und die zweckentsprechende Verwendung der gezeichneten Beträge bieten. In dem Augenblick, wo eine Erwerbsgesellschast gegründet werden wird, werden Sie die Verwaltung derselben den von Ihnen selbst gewählten Personen unvertranen. Gestatten Sie mir nun, meine Herren, die dringende Aufforderung an Sie zu richten, unsere gemeinnützige Institution zu fördern, indem Sie ihr als Mitglieder beitreten und dem Kolonisationsfonds namhafte Spenden znführen. Das Beispiel von Berlin ist für den Erfolg unserer ganzen Aktion maßgebend. Wenn unsere Berliner Glaubensgenossen etwa eine halbe Million -aufbringen, so wird diese Tatsache zündend wirken, so werden wir in der Lage sein, durch Unterstützung der übrigen Jndenheit einen Fonds zu schaffen, der der Größe unserer Aufgabe wirklich entspricht. Die jüdische Philanthropie hat hier Gelegenheit, nicht für einen der zahlreichen, vorübergehenden Zwecke, sondern für ein Unternehmen sich zu betätigen, das einem namhaften Teile unserer leidenden Glaubensgenossen dauernd zu einer gesicherten Existenz verhelfen soll. Meine Herren, zeichnen Sie für den Fonds, der die landwirtschaftliche Besiedlung und die Jndustriealisierilng des Orients durch Inden bezweckt und Sie -werden den Grundstein legen zu einem historischen Werk, für welches Ihnen noch viele Generationen der Judenheit dankbar sein werden. U ersch irdene U achrichle». Jglau. (Goldene Hochzeit.) Am 18. August beging unser allverehrler Kantor, Herr Karl Brunne r, das Fest seiner goldenen Hochzeit. An derselben beteiligten sich nicht nnr seine Familienangehörigen, sondern auch ein großer Teil der hiesigen Bevölkerung ans allen Kreisen, sowie zahlreiche Bekannte aus der Ferne; denn das Jubelpaar ist hier wohlgelitten und erfreut sich der vollsten Achtung. Das greise Jubelpaar erhielt zu seinem Ehrentage viele Glückwünsche und Drahtgrüße aus nah' amd fern; auch ansehnliche Ehrengeschenke wurden demselben zuteil. Als Gratulanten stellten sich ein: die löbliche Kultusgemeinde in Jglau, die „Chewra Kadischa", der Franenverein und Tempel-Gesangverein „Schir Zion", die Kultnsgemeinde Pirnitz, der österreichisch-ungarische Kantoren- •üereiit, der Verein der Pohrlitzer in Wien u. v. a. An dem darauffolgenden Sabbat wurde der Jubilar im Tempel beim Morgengvttesdienst besonders geehrt und ausgezeichnet. Unser ehrwürdiger Rabbiner Dr. U n g e r richtete an den Jubilar im Amtskleide eine würdevolle und tiefergreifende Ansprache, worauf Oberkantor Weiß mit einem von Dr. U n g e r eigens verfaßten Nischcbsrach mit bekannter Meisterschaft die Weihe beschloß. sch. Ung.-Brod Am 21. August feierten die Eheleute Jonas und Charlotte Brunn ihre silberne Hochzeit. Das durch seinen Wohltätigkeitssinn hervorragende Jubelpaar benützte diesen Anlaß, um unsere Ortsarmen in munifizenter Weise zu bedenken und sie scheuten nicht die Mühe, sich persönlich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen. Sehr erhebend gestaltete sich auch die Feier im Gotreshause. Herr Jonas B r n n n wurde zur Thora gerufen und spendete für jeden unserer Vereine und Institutionen je 100 Kronen. Herr Oberkantor Mayer Körner intonierte mit Chorbegleitung eine zu diesem Anlasse komponierte Festhymne. Herr Kanror Heinrich Nnßbaum übernahm es, die Mischeberachs zu machen und wurden auch bei dieser Gelegenheit die Beamten und Bediensteten der Gemeinde reichlich mit Spenden bedacht. Tesche». Am 25. August ist der. langjährige Präsident unserer Gemeinde, Herr Josef Philipp G l e s i n g e r, fern von seiner geliebten Vaterstadt gestorben. Grainerfüllt steht die Kultnsgemeinde an der Bahre ihres allgemein verehrten Präses, welcher durch eine lange Reihe von Jahren sein reiches Wissen, seine große Erfahrung, seine rastlose Tätigkeit und unbeugsame Energie in den Dienst unserer Knltusgemeinde gestellt und dieselbe zur hohen Blüte gebracht, soivie deren Zwecke stets in großherziger Weise gefördert hat. Die Leiche wurde nach Teschen überführt, und die große Verehrung, die der Heimgegangeiie allgemein genoß, kam ui dem imposanten Leichenbegängnisse, das Sonntag, den 29. August hier stattfand, zu erhebendem Ausdruck. Mir Josef Philipp Glesinger hat die gesamte österreichische Judenheit eine hervorragende Persönlichkeit verloren, die nicht für den engen Kreis der heimatlichen Scholle rastlos tätig, sondern jederzeit auch für das Wohl der Gesamtheit bedacht war. Er war auch Mitglied des vorbereitenden Komitös für die Schaffung der -Gesamtorganisation der österreichischen Judenschaft und ein eifriger Verfechter des Organisationsgedankens. Sein Leben und Wirken wird in weitesten Kreisen in ehrendem Andenken bleiben. Lemberg. Bon dem nächsten Jahre ab werden in Galizien auf Grund des Propinationsgesetzes Konzessionen auf Spirituosenverschleiße nur in beschränktem Maße abgegeben. Nun herrscht unter den Schanker», die in Galizien zum größten Teile Inden sind, große Besorgnis darüber, daß viele sachlich nicht ansgebildete Personen infolge von Protektion bereits neue Konzessioileli erhalten haben, während die alten, bisher unbearlstandeten Schankinhaber, die sich gleichfalls um Konzessionen bewerben, den Bescheid erhielten, daß eine Bewerbung noch verfrüht sei. Um sich über die wahre Situation Gewißheit zn verschaffen, begab sich eine Deputation jüdischer Schänker, der sich auch der Sekretär der Lemberger Haildelskannner angeschlossen hatte, zum Statthalter, um Aufklärung zu verlangen. Der Statthaltereipräsident Graf Losch erwiderte dem Sprecher der Deputation, daß vorläufig noch kein Grund zu Befürchtungen vorliege, da in Angelegenheit der Verteilung der Konzessioneil anfangs September eine Enquete stattfinden werde, zu welcher auch die Vertreter der Handelskammer und des Laubesverbaudes der Branntweinschänker zugezogen werden sollen. Die Schänker gaben sich jedoch mit dieser Erklärung nicht zufrieden und beschloffen, am Tage der Eröffnung des qalizischen Landtages in Lemberg einen Landeskougreß der galizischen Schanker abzuhalten. Oedenburg. (P r o b e v o r t r a g.) In der hiesigen Synagoge der isr. Kultnsgemeinde verrichtete am 20. und 21. d. M. auf Einladung des Gemeindevorstaudes Herr Sandor Weiß den kantoralen Teil des Gottesdienstes. Herr Weiß hat mit seinem geschmack- und gefühlvollen Vortrag und seiner schönen kräftigen Tenorstimme hier allgemeinen Beifall gefunden, und hat dadurch große Aussicht für die zu besetzende hiesige Kantorstelle berufen zn werden. Bukarest. (In d e u exz es s e in Rumänien.) 'Wie der „Adeveral" meldet, ist es in Falticeni zwischen dem Militär und den dortigen Juden zn folgenschweren Exzeßen gekommen. Zwischen einer vom Hanvtmann Popovic kommandierten Abteilung von 20 Soldaten und jüdischen Bürgern von Falticeni kam es auf der Straße zu einem Konflikt, in dessen Verlaufe vier Inden, namens Narhan Reicher, Adolf Tischner. Josef Chaimovic und Israel Bolnea blurig geschlagen nnd rötlich verletzt wurden. Der Kriegsministerwurde telegraphisch verständigt und hat auf telegraphischem Wege eine strenge Untersuchung einleiten lassen, deren Ergebnis noch aussteht. Konstantinopel. Der Minister des öffentlichen Unterrichtes hat von dem Oberrabbiner Nahum eine Statistik der jüdischen schulen eingefordert nebst Angabe der Schülerzahl, der Ausgaben ufw., da die Regierung den Anstalten, die keine genügende Mittel haben, zn Hilfe kommen will. Diese Untersuchung hat die hohe Bedeutung des Schulwerkes der Alliance dargetan, welche allein zu den Gesamtausgaben von 915.700 Piaster eine Summe von 350.000 Piastern beiträgt. Bon den 5668 Schülern besuchen 3697 die Allianceschnlen. Paris. Die jüdische Gemeinde in Casablanca wurde bekanntlich bei den Unruhen im Jahre 1907 besonders hart mitgenommen. Die iuternarionale Kommission unter dem Vorsitze des Kassationsgerichtsrates Herbeanx in Paris hat nun die Forderungen der Juden als berechtigt anerkannt und wird sie im weitesten Maße und mir Wohlwollen berücksichtigen. London. Der „Jewish Chronicle" meldet, daß der nächste Internationale Zionistenkongreß in Hamburg stattfindet. Am 26. Dezember d. I. wird die erste Sitzung abgehalten werden. Petersburg. Daß das Unterrichtsministerium nach und nach mit fanatischer Wut die Juden von jeglicher Bildungsmöglichkeit ausschaltet und dabei jetzt rigoroser als in den schlimmsten Reaktionszeiten Alexanders III. verfährt, har man in den letzten Wochen fortgesetzt erfahren müssen. Soeben hat es sich jedoch zu einer Maßnahme aufgeschwnngeu. die ob ihrer Kleinlichkeit besonders charakteristisch ist. Als im russisch-japanischen Kriege auch etwa 60.000 jüdische Soldaten unter den russischen Fahnen standen nnd alle Bitternisse des außerordentlich harten Feldzuges kosteten, da traf die Regierung aus einem gewissen Schamgefühl heraus durch allerhöchsten Befehl vom 20. August 1905 die Verordnung, daß die Kinder der jüdischen Krieger unabhängig von der bestehenden Prozentnorm in die höheren Schulen aufzunehmen seien. Augenblicklich gibt nun der Unterrichtsminister bekannt. daß diese Verordnung nur für die Zeit des Krieges Geltung gehabt habe, jetzt aber nicht mehr anzuwenden sei. Mag dieser Kommentar auch noch so absurd sein und noch so sehr dem Wortlaut des kaiserlichen Befehls zuwiderlansen, was macht es für den fanatischen Reakrionsminister, wenn nur der Zweck der Jndenbedrncknng erreicht ist?! Hamburg. (H am b nr g - A m e r i ka - L i n i e.) Die nächsten Abfahrten von Postnnd Passagierdampfern finden statt: Nach N e w- York: Die Postdampser: President Lincoln 5./9., Cincinnati 9./9., Blücher 12./9., Amerika 16./9., Graf Waldersee 21./9. Nach B o st o n: Postdamvfer Berhania 11./9. Nach Baltimore: Postdamvfer Bethania 11./9. Nach Philadelphia: Postdampfer Pisa 14./9. Nach N e w - O r l e a n s : Postdamvfer Sevilla 5./9. Nach Montreal: Postdampfer Nassovia 22./9. Nach Westindien: Die Postdampfer: Benetla 3./9., Odenwald 5./9., Graecia 7./9.. Sachsenivald 22./9., Mecklenburg 22./9. Nach Mexiko: Die Postdampfer: Georgia 3./9., Fürst Bismarck 14./9. Nach O st a s i e n : Die Postdamvfer: snevia 10./9., Senegambia 20./9., Scandia 30.,'9. Nach Wladiwostok: Postdamvfer Queen Eleanor 25./9. Arabisch- Persischer Dienst: Postdampser Christiania 18.-9.