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Die Wahrheit · 1909-09-03 · Heft 35 (3.9.1909) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 35 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Oesteir.-ungar. Kantoren-Zeitung Seite 9. Nr. 35. Für ei» Werk der Renaissance. Ein Geleitwort von Eugen Datvison (Teplitz.) Vor dem Lehrer meines Vaters, dem als Berühmtheit geltenden Chajim Wilner (Wasserzug). hatten merkwürdigerweise die eigenen Berufsgenossen keinen Respekt. Sie unterdrückten ihren Neid mit der hergebrachten Redensart, „Chajim ist ein Drong" nur sehr schwer. Sie fühlten trotzdem, daß er eine glänzende chasonische Manier sein Eigen nannte, darin eben eine Spezialität bildete, aber gerade deshalb sogar nicht mit der 'Tradition Fühlung zu nehmen suchte. Dieses Abseitsstehen bleibt nun einmal das Kennzeichen eines produktiven Geistes. Leider kann nicht jeder selbst produktiv sein, die Natur befolgt nun einmal nicht das Programm von der Gleichheit, aber gerade deshalb hört dann die „Brüderlichkeit* auf! Bei der Reproduktion fällt die eigene Erfindungsgabe weg. aber umso schärfer hat die richtige Auffassung für dasjenige einznsetzen, was zur geistigen Welt eines Andern gehört. Kein Geringerer als Richard Wagner stellt dieses Sich-Anpassen, ja Identifizieren mit dem geistigen Wesen schöpferisch begnadeter Persönlichkeiten auf eine hohe Rangstufe künstlerischer Intelligenz, er meint sogar, der Reproduktive käme dem Kunstwerke mit seinem Verständnisse näher, weil er zu wenig mit seinem ganzen Innenleben dem eigenen Schaffen opfert. Meine heutigen Zeilen gelten einem Manne, der talentiert genug erscheint in allem, was er aus Eigenem hergab, dem aber mit seinem Schaffen noch mehr bleibende Verdienste znkommeu, wo er verklungene Lieder zu neuem Leben erweckt. Wir meinen damit nicht die zum Ueberdruß anftauchenden Varianten, die von berufener oder nnbernfener Seite unseren herkömmlichen Singarten hinzndiktiert werden, nein! Wenn es an einer jüdischen Hochschule einen Lehrstichl für synagogale Musik der Renaissance im Kantorat gäbe, so wäre unser bescheidener Kollege Bärmann in Böhmisch-Leipa würdig und berufen, die Lernenden als ein Vielivissender in allem einznweihen, was in Oesterreich, Polen und Rußland chasonisch im Laufe eines Jahrhunderts Form und musikalische Ausgestaltung erfuhr. Die ältesten Kantoren haben als Meschorrerim die musikalische Physiognomie ihren Meistern abgelauscht, und es wäre sehrvoreilig und dilettantenhaft, wenn man etwa den Wert jener Gesänge mit dem Hinweis abtun wollte, die Gegenwart hätte anderes an diese Stelle gesetzt, bedürfe ihrer nicht. Leider! So müßte die Antwort lauten. Die Gegenwart im kanioralen Schaffen experimenliert mit Schularbeiten herum, wer einen Steiger niederznschreiben imstande ist, läßt das Konglomerat von Noten drucken und belästigt seine Berufsgenossen damit. Als ob nicht Hunderte von Kantoren da wären, die es besser machen könnten. Man ist eben nur zu höflich, oder zu gutmütig, die Schreiblustigen iu ihrer Eitelkeit zu stören. Bärmauu als erfahrener, kenntnisreicher, musikalischer Kantor (leider muß mau dem Dilettantismus gegenüber noch imnler das Attribut „musikalisch" hinzufügen) betont immer wieder die ch a s o u i s ch e n Me r km a l e, und dadurch behalten seine Gesänge die jüdische Physiognomie. Er ist aber darin nicht verbohrt, er versinkt nicht im Jargon. Freilich hat er darin in Kirschner einen Vorgänger. Obwohl Kirschner selber ein Deutscher ist, war er von den Komponisten kantoraler Richtung doch der erste, der mir dem Prinzip, resp. dem Ideal des Schnllieder-Gesangbuches (nach der Melodie zu singen: „Zu Straßbnrg auf der Schanz" oder „Leiermann" von Schubert) brach uitd nicht bloß die an deutsche Musik gewöhnten Ohren respektierte, sondern dabei die reiche Welt des alten Chasonns für den modernen Gottesdienst mit Chor liub Orgel neu entdeckte. So wie Kirschner seine w’schomrus traditionell anheimelnd und doch gesanglich edel, behandelt, so arbeitet Bärmann an uuzähligeit Stellen, tvo es aus Singen ilnd Sagen zugleich ankommt. Eine Perle dieser Art ist bald der erste Adonoj moloch. Wir schlagen vergeblich die Werke nnserR Großen nach, um eine Komposition dieser Art zu finden. Sie pfropften alles Material in den Chor hinein, die Herren komponierenden Chordirigenten, weil ihnen der Kantor sowieso zu viel mittat, während die Komponisten unter den Kantoren, uns Furcht als rückständig in der Formbehandlung zu gelten, die herrliche, zusammenhängende Art von chasouischem Einzelgesang und der M e h r st i m m i g k e i t ebenfalls im ch a soll i s ch e n Sinne ausgaben. Darunter bitte ich das sogenannte „Zuhalten," das Begleiten nicht zu verstehen. Nein. Bärmann verläßt nicht, auch wenn der Chasan anfhört, plötzlich die chasonische Linie und setzt iu einem x-beliebigen musikalischen Style fort. Er verfolgt die chasonische Idee auch im C h o r s a tz, ohne etlva aus Wendungen zu kommen, die in einem modernen Gottesdienst als ein Zuviel im historischen Sinne empfunden werden könnten. Wenn wir in unseren Reihen von jeher das letztere Prinzip als das einzig Richtige mir Mut verteidigt hätten, dann wären manche Kollegen von der Vormundschaft sogenallnter musikalischer Kommissionen verschont geblieben, denn mit der anmaßellden Herrschaft dieser unbefugten Besserwisser drängte sich der Dilettantismus vor und entzog dem Chasonns den Boden. Wenn man Gold hat, braucht man kein Talmi. Und ein Schatzgräber nach Gold ist Bärmann mit seinem Werk, aus dem man endlich erfährt, wir jüngeren Kantoren nämlich, was die alten Herren in unserem Berufe von Jugend an wußten. Mir selbst kamen freilich im Ellernhanse von durchreisende Kantoren oder Meschorrerim handschriftlich die Kompositionen berühmter alter Chasonim zu Gesicht. Sie zeigten primitive, musikalische Durchführung selbst beim Odessaer Blumenthal, bei Bezallel, oder Jißroel Suwalker. Das nahm indes den Kompositionen nicht den Reiz; wenn der Baß auch ans das begleitende „bom, bom" eingerichtet war, melodisch bame sich die Pißce phantasievoll ans. es war eine musikalische Natu rs p r a ch e, die man verstand, und mit der ordnenden Grammatik kann man ja selber nachhelsen. Bärmann enthob viele aber dieser Mühe. Er belebt die Steiger unserer großen Vorgänger wieder, das heißt, er hält an ihrer Rhythmik fest, lehnt sich an ihren melodischen Hauptgedanken an und bringt das Unglaublichste fertig, soweit es daraus ankommt, eine kaum zu bestimmende regelmäßige Taktart trotzdem als solche sestznhalten, ohne den Sinn zu be-! einträchtigen. Eine alte Erfahrung lehrt, daß viele richtig! musikalisch denken, aber falsch niederichreiben, io daß nur j der erfahrene Chasan den Kern der Sache zu verstehen imstande i ist. Wir wünschen dem hochbegabten Kollegen, daß er einen bekennlnissreudigen, für einen idealen Zweck opferbereiten reichen Glaubensgenossen finden möge, der anstatt für einen profanen Gegenstand historischer Abkunft ein Stück Geld anznlegen, diesmal mir der finanziellen Beihilfe zugleich mit ein Dolmetsch würde für eine beinahe in Vergessenheit geratene Klangwelt, die ein Hymnus war für begeisterte Gottesverehrung und ein leuchtendes Wahrzeichen für den Bestand jüdisch-musikalischer Kunst in der Vergangenheit. Anslrille ans dem Indentnm. Brünn E u g e n, geb. 8. August 1364 in Angerburg (Preußen), Kaufmann. I.. Jafoittirgottstraße 3. Fersten A n n a, geb. 20. April 1895 in Wien, ledig, Schülerin, IV., Schäfergasse 21. Ferst e n H e t it r i ch, geb. 7. Oktober 1891 in Galizien. Pdotzloty, ledig, Student, IV. Schäffergasse 21. Fersten Le o. geb. 1. Februar 1862 in Galizien. Naduiorua, verheiratet, Magister der Pharmazie, IV., Schäffergasse 21. Jordan Julius, geb. 10. August 1877 in Wien, veheiratet, Geschäftsdiener. XII., Meidlmger Hauptstraße 32. Ko blitz Elia, geb. 12. September 1885 in Troppau, VI., Barnabitengässe 8. Malus ch k a Barbara Elisabeth, geb. 18. November 1885 in Wien, Private, XIII.. Anhofstraße 260. M a u t h n e r Isidor, geb. 25. Juni 1860 in Wien. XVIII., Martmstraße 4. Popper Rachel, geb. 23. September 1863 in Fiume, ledig, Private, XVIII., Kreuzgaffe 3. R e s l e r Anna» geb. 23, Jänner 1888 in Wien, ledig, I., Rauhensteingaffe 5. Stäuber Alfred, geb. 26. Jänner 1374 in Wien, ledig, Ingenieur, II., Obere Donaustraße 57. W e i ß R o s a l i a. G. W. B.. geb. 30. Oktober 1868 in Nviner-Ocsan (Ungarn), II., Glockengasse 4. W e r t h e i m Richard, geb. 24. Oktober 1879 in Wien, Fiakerelgentümer, XIV., Fenzlgaffe 11. Zitier Moriz, geb. 18. November 1861 in Hermannstadt (Ungarn), XIX., Billrolhstraße 47.

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