Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 35 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 35. Die Wahrheit natürlich, daß er, als erster Apostel dieser neuen Heilsbotschaft, mit werktätigem Beispiel voranging und beschloß, eine sotane Vereinigung ohne priesterliche und standesamtliche Assistenz zu begehen. Das Objekt dieses sexual-ethischen Experiments war eine gar hochgestellte Dame, eine Freifrau von Zeppelin beging diese Prostitution und ein Zirkular folgenden Inhaltes wurde an Redaktionen und Kollegen abgesendet: ..Roda Roda und Baronin Zeppelin teilen mit, daß sie eine freie Ehe eingegaugen sind. Berlin u. s. w." Die Zeitschrift „Die Wage" öffnete mir damals ihre Spalten und ich erwarb, indem ich dem jungen Ehepaar zur Gratulation die unangenehmsten Dinge von der Welt sagte, meine ersten literarischen Sporen. Als vor zwei Jahren der Graf Zeppelin seinen ersten Aufstieg in die Lüfte machte, nahm ich dies zum Aulaß, neuerdings einen vergifteten Pfeil aus das Ehepaar neuester Fasson in. Form einiger humoristischen Verse und zwar im „Floh" abzuschnellen und so habe ich ja eigentlich mein Mütchen an Roda Roda schon längst gefühlt. Ich will bekennen, daß ich mir oft Skrupeln darüber gemacht, diesen Mann über Gebührrauh angesaßt zu haben, und bin nun froh, dieser Gewissenslast ledig zu sein. Was ich, seitdem ich diesen Rodaschen Witz gelesen > habe, bedauere, ist lediglich der Umstand, daß meine Feder — j sei es aus Nachsicht oder weil ich vielleicht an die Grenze meiner Kraft stieß — nicht noch schärfer zugespitzt gewesen. Das Pikanteste an der Sache ist, daß Roda sich auf die Autorschaft der „freien Ehe" nicht viel hätte einbilden können, wenn ihm sein Großbetrieb in Witzen und Novellen am Studium fernabliegender Dinge nicht hinderlich gewesen wäre. Er hätte wissen können, daß die „Gandharwaehe". die formlose Vereinigung zwischen Mann und Weib bei den alten Hindus schon mehrere hundert Jahre vor Christo im Schwang und bei Musikanten, sowie fahrendem Volk sehr beliebt war. Allerdings ein echt und urarisches Produkt der Rassennoblesse und der jüdischen Weltanschauung direkt entgegengesetzt! Wenden wir uns zum Schluß dem Witz Rodas als solchem zu, so müssen wir gestehen, daß wir alle Bücher über Aesthetik vergeblich dnrchstöbern würden, wollten wir nach der Rangklasse suchen, in die wir diesen einzureihen haben. Die niedrigste Stufe des Witzes stellt der Wortwitz dar, weil er zu sehr das Merkmal des Gesuchten an sich trägt und wenig des Geistreichen aufweisen kann. Der Witz Rodas steht jedoch noch tief unter dieser Gattung, ja, er verdient diese Bezeichnung gar nicht. Spinoza bemerkt in einer der Scholien seiner „Ethik", „wenn jemand irrtümlich sagt, das Hans sei auf den Vogel geflogen, so drücke der Betreffende trotzdem einen adäquaten Begriff aus und jeder wisse, man habe sagen wollen: Der Vogel ist aufs Hans geflogen." Das Komische dabei streift er nicht einmal und es ist auch klar, daß das Zwerchfell selbst beiäußerst lachlustigen Leuten nicht sehr strapaziert würde. Ein solchen unbedeutenden lapsus linguae möchte Roda nun zum Witz aufblasen. Das Fränleiuchen hätte richtig fragen sollen : „Was kann man mit 20 Rubel für eine Leich' für Sprünge machen?" Roda will die Ochseling jedoch um jeden Preis mit der Leiche statt mit den Rubeln Sprünge machen lassen, als wäre dieses weibliche Weieu eine Hyäne oder ein Schakal. Pfui, welch' perverse Phantasie! Wir wollen zur Ehre der Menschheit anuehmen, daß selbst ein Schneider und Bielohlawek bei solchen „Witzen" ihre Lachmnskeln nicht in normaler Weise funktionieren lassen und es nur zu einem krampfartigen Grinsen bringen könnten. Ja, was soll Held Roda Roda aber im Grunde machen? Seine ihm in origineller Weise angetraute Ehegattin, die vornehme Baronin, muß sich standesgemäß toilettieren und sein Witz ist bereits anfgebraucht, wegen zu heftiger Inanspruchnahme erschöpft; sein Witz ist schon eine Leiche. So faßt er denn diese Leiche herzhaft in die Arme und vollführt Sprünge mit ihr, weite possierliche Sprünge für etwa 20 Märkeln. Was für weite Sprünge jedoch die „Jugend" auf die Dauer machen kann, wenn sie viele solcher auf dem letzten Loch gepfiffenen und wahrlich auch auszupfeifenden Witze zur Er- Seire 5. bauung eines hochverehrungswürdigen Publiko bringen wird, das lassen wir ihre Sorge sein und wollen uns darum keinen Pfifferling scheren. 8. Vinefca. Jüdische Luft sch iffer. Bei dem lebhaften Interesse, das man z. Z. allen mit der Flugtechuik und der Lustschiffahrt zusammenhängenden Dingen entgegenbringt, dürfte es wohl angebracht sein, daran zu erinnern, daß sich auch Inden auf diesen Gebieten bereits in hervorragender Weise ausgezeichnet haben. Wir brauchen nur an den unglücklichen Schwarz zu erinnern, dem bekanntlich Graf Zeppelin, der gerade in den letzten Tagen in Deutschland so große Triumphe feiert, die Idee seines Luftschiffes zu verdanken har. Ein nicht minder genialer und erfolgreicher Erfinder ans dem Gebiete der Aviatik war Otto L i l i e n t h a l; ihm widmete vor kurzem Dr. M. Darwai im „Pester Lloyd" einen längeren Artikel, dem wir folgendes entnehmen: Der 12. August ist ein Gedenktag in der Geschichte der Lnstschiffahrt und Flugtechmk. An diesem Tage (12. August 1896 > ereignete sich eine beklagenswerte Katastrophe, welche den allzufrühen Tod eines der genialsten und kühnsten Erfinder und Bahnbrecher der Wissenschaft zur Folge haue. Otto Lilienthat. der erste Fliigforscher, dem es gelang, die Gleit- und Segelflugstudien auf eine entwicklungsfähige Basis zu stellen, ans dessen Arbeiten all die glänzenden Erfolge der Brüder Wright oder eines Bleriot fußen, welche jetzt das losende Jnbelgeschrei der beifallslustigen Menge erregen, war leider auch ein Märtyrer der Wissenschaft und der fortschrittlichen Entwicklung des menschlichen Geistes. In der einsamen Hügellandschaft der Rhinower Berge zwischen Rathenow und Neustadl, wo er schon i. I. 1893 mit einem einflächigen Apparate zahlreiche Gleitflnge unternommen halte und wo ihm drei Jahre später bereits Flüge bis 250 Meter von den bis zn 80 Meter ansteigenden Kuppen gelangen, führte ein trauriger Unfall das Ende des wagemutigen Forschers herber. Während die Vorgänger Lilienthals zielmit) planlos herumprobierten, arbeitete dieser Forscher von Anbeginn in echt wissenschaftlichem Geiste und mit konsequenter Methode an der Weiterentwicklung des persönlichen Kunstflnges. Jahrzehntelang beschäftigte er sich mit genauen Messungen über den Luftwiderstand gegen ebene und verschieden gewölbte Flüchen. Die Resultate dieser Messungen veröffentlicht er in einem Buche: „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst," das am Schluffe dreißig, zumeist noch heute giltige Sätze über die Konstruktion von Apparaten für den persönlichen Kunstflug enthält. An die Ausführung von eigentlichen Gleitversnchen ging Lilieuthal i. I. 1890. Von da an konstruierte er eine Reihe von Gleitmaschinen verschiedener Größe und stellte mit demselben fleißige Versuche an, deren Ergebnisse er in der Berliner Wochenschrift „Prometheus" und der „Zeitschrift für Lustschiffahrt" veröffentlichte. Die erste Gleitmaschine hatte bloß eine Tragfläche in der Form ausgespannler Fledermansflügel. Diese Tragfläche war zusammenlegbar und daher leicht aufbewahr- und transportierbar, das Gerüst aus Weidenruten, der Ueberzng ans Schirting. Tie Gesamtfläche betrug vierzehn Quadratmeter, das Gewicht zwanzig Kilogramm. Mit diesem Apparat experimentierte Lilienthal 1893; erging anfänglich bei seinen Gleitversnchen sehr vorsichtig zu Werke. In seinem Garten errichtete er ans einem größeren Rasenplatz eine Art von Sprungbrett, eine Erhöhung von bloß einem Meter. Von hier ans begann er mir dem Gleitapparat abznspringen. Kurz wie diese Luftsprünge waren, übte er sie doch hundertfältig. Nur nach und. nach wurde die Absprungserhöhung auf zweieinhalb Meter gesteigert und dadurch Lilienthal in den Stand gesetzt, sicher und gefahrlos über den ganzen Rasenplatz dahinzuschweben. Als er dann in der Handhabung des Gleitapparates genügende Fertigkeiten erworben zu haben glaubte, versuchte er Abflüge aus beträchtlicheren Höhen. Auf der Maihöhe bei Stieglitz ließ er einen tnrmartigen Schuppen errichten mit einem flachen Dache, von wo ans die Gleitflüge unternommen werden konnten. Der Abflug erfolgte in. der Richtung gegen den Wind. Die Arme legte Lilienthal zwischen zwei am