Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 35 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063504--06240-3073228- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 35. der Vorbereitungen zu den Reichsratswahlen, ein lästiges Anhängsel, dessen mau los werden möchte. Aber, wäre auch dies nicht der Fall, wäre die Enquete keine leere Zeremonie, wäre sie der sichtliche Ausdruck eines Strebens, sich mit der jüdischen Lage ernstlich zu beschästigen, so könnte das Resultat nur die Schaffung neuer Prämien — natürlich aus jüdischen Geldern — für Volksverrat fein; mehr ist nach Lage der Dinge fast logisch unmöglich. Wäre aber die Enquete nicht von Polen berufen, wäre sie ein ernster philantropischer oder sozialpolitischer Versuch, zu helfen, so müßte sie, wie alle früheren Hilfsaktionen, kläglich scheitern. Wieviel Federn haben sich schon nicht mit diesem Problem beschäftigt, wieviel Kraft und Geld lvurde und wird unnütz vergeudet. Ich weiß, daß mein Artikel die Herren, auf die es ankommt, nicht erreichen wird, und daß, wenn einer von ihnen von demselben zufällig Kunde erhalten sollte, er für den Verfasser nur ein Achselzucken übrig haben wird. Das darf mich aber keine Minute abhalten, bei Gelegenheit die alte Wahrheit zu wiederholen. Alle Enqueten, alle Hilfsaktionen leiden an einer verfehlten Methode. Wieviel Gutes könnte der Hilfsverein für galizische Inden in Wien stiften, wenn er diejenigen um Rat fragen soll, für die er wirken will, und nicht die Kahals-Jnden. Wieviel Gutes könnte die „Alliance" auf pädagogischem Gebiete stiften, wenn sie nicht in den alten ausgetretenen Bahnen wandeln sollte. Wieviel Herrliches hätte erreicht werden können, wenn man dem galizischen Hilfsverein in Kolomea unter die Arme gegriffen hätte; mau tat das nicht, umgekehrt, man behandelte ihn feindlich, bis er zusammeubrach. Auch der Landtags-Enquete müßte es so ergehen: Es werden kommen die Reichen, die Kahal-Moschkes, die Wucherer und Blutsauger, die Pfaffen und ihre Trabanten. Werden sie diesen Opfermut besitzen, zu sagen: „Czcigodrii panowie!*) Wir sind an allem Unheil schuld, wir demoralisieren das Volk, wir rauben es aus, wir verkaufen und verraten es, wir halten es im Finstern, wir saugen sein Blut, wir sind die Pestbeulen des leider schon angefanlten Organismus; wir haben — ihn — es materiell und geistig heruntergebracht; wir sind Hyänen, wir verhindern jede Besserung; wir sind Verräter; wir sind ärger als Pfefferkorn. Menelans, Tiberins, Alexander. Wollt ihr das galizische Judentum retten, rottet uns aus mit der Wurzel, verbrennt auch unsere Asche: vielleicht werdet ihr noch etwas retten können?" Sie werden so nicht sprechen, die „echten Inden"; sie tverden heucheln und lügen tind nur darauf lauern, ob nicht etwas, ein Aemtcheu, Geschäftchen, für sie zu ergattern sei; sie rverden die Vertrauensmänner, die Ansknnftsgeber, die Verwalter und Kontrollore stellen; sie werden bleiben, was sie tvaren: die Führer, Verführer. Verkäufer und Verräter der armen, bethörreu Massen. Es ist schmerzlich, über seine Brüder solche harte Worte öffentlich zu verkünden, sie sind mit Herzensblut geschrieben, aber es mußte sein. Man kann sein Volk nicht mehr lieben und achten als die Propheten und gerade sie geißelten ihr Volk, eben weil sie es so heiß liebten: bitter, offen und rücksichtslos. Wir, ihre Schüler, müssen in ihren Fußstapsen wandeln: wir haben die Wahrheit zu verkünden und das Volk zu lieben; alles übrige überlassen wir Gott. Was kann man für Galizien tun? Die Finsternis zerstreuen!!! Nicht durch Volksschulen — die haben wir; auch nicht durch Handwerkerschuleu — die sind nützlich, werden aber keine großen Umwälznngen Hervorrufen. Die Mageufrage ist fast alles, aber doch nicht das Ganze; und was noch mehr ist, ohne Geist kann auch diese nicht geregelt werden. Alan kann nicht alle galizsichen Juden zri Handwerkern machen: man kann sie auch nicht, wie der National-Verein verlangt, auf parzellierten Feudalgütern zu Bauern machen; man kann auch keine philantropische Industrie schaffen. Eines aber kann man, ans dem sich die übrigen Lösnugeu — ihre sachliche Ausführbarkeit vorausgesetzt — von selbst ergeben werden, und dieses eine heißt: geistige Befreiung. Kulturzentren — nicht Kindergärten und einklassige Volksschulen in Gott vergessene Nester — auf strenger orthodoxer Grundlage — moderne Jeschiboth — müssen geschaffen werden, die vermöge ihrer gesetzestrenen Gesinnung nnd kraft ihrer wissenschaftlichen Ueberlegenheit allmählich das Vertrauet» des Volkes gewinnen und endlich seine Führung übernehmen werden. Die jetzt lebende Generation dieses Dam- Hamidbor ist verloren. Erst das neu erzogene, von weitblickenden Führern geleitete Geschlecht wird seine Interessen in die eigene Hand nehmen nnd siegen. Koda Koda and die „Jagend". Folgenden „Witz" offerierte das oben genannte Blatt seinem Leser- und Abonnentenkreise in einer der letzten Nummern: „Liebe „Jugend"! Unsere Tante, Frau Bark in Riga, hatte eine Näherin im Hause und die Näherin war traurig. „Erba—a—rmung," rief unsere Tante, „warum sind Sie so traurig, Fräulein Ochseling?" „Wai, mein Mutting is jestorben." „Aber Fräuleinchen, was das doch schon so 'ne alte Frau war nnd krank." „Nn, matt hat doch Kosten, Zematting . . . ." „Fräuleinchen, haben Sie denn in keinen Begräbnisverein jezahlt?" „Hab' schon jezahlt. Hab' auch 20 Rubelchen bekommen. Aber was kann man mit 20 Rubel mit einer Leich' für große Sprünge machen?" Roda Roda." Ich weiß zwar nicht, ob die baltischen Inden Ochseling heißen und Begräbnisvereinen angehören, auch das als Vokativ gebrauchte „Zematting" ist mir fremd, aber die Interjektion „Wai" entscheidet, daß der Witz antijüdischer Natur ist. Nun brauchen wir allerdings nicht unser seelisches Gleichgewicht zu verlieren, wenn ein Witzblatt jüdische Schwächen zur Zielscheibe seines Spottes erwählt und müssen bedenken, daß wir umso weniger Ursache haben, empsindlich zu sein, als' sich ja der mächtige Klerikalismns nnd gekrönte Häupter sogar satyrische Behandlung ruhig gefallen lassen müssen und wir reagieren auch tatsächlich nicht auf die stehende Figur aller Witzblätter, ans den krummnasigen Parvenü, den jüdischen Geldprotzen samt seiner unwissenden Ehehälfte. Als Gott dem Abraham seinen Willen kund tat, Sodom nnd Gomorrha zu zerstören, wurde diesem bekanntlich zugesagt, daß das Strafgericht unterbleiben würde, falls sich auch nur e i n Gerechter innerhalb der Mauern dieser Städte befände. Abraham hatte vorher gefeilscht, was seinem Herzen alle Ehre macht; dessenungeachtet knüpfte die neuere antisemitische Literatur hämische Glossen daran. Im Verkehr mit den Witzblättern wollen wir daher ans doppelten Gründen gewitzigt sein und wollen ihnen sagen: Seid schonungslos und schüttet eure mehr oder weniger ätzende Lange über die Häupter hunderter oder tansender jüdischer, verächtlicher Emporkömmlinge, ja tut dies sogar, wenn es nur einen Einzigen, ein einziges räudiges Schaf gibt, nnd achtet es nicht, wenn Millionen armer jüdischer Teufel nnschuldigerweise darunter zu leiden haben, aber wenn wir euch zurnfen, derart mit souveräner Unbekümmertheit eures Amtes zu walten, so möchten wir dies Zugeständnis in eurem ureigensten Interesse an zwei Bedingungen knüpfen. Rührt nämlich nicht an den durch Jahrtausende hochgehaltenen und getragenen Hort unserer Familienliebe und wenn ihr schon Witze machen wollt, so reißt doch keine, macht gute Witze!! Noch lange ist das Wahngebilde Rodas, eine Tochter, die beim Tode der Mutter nur die Bestattnngsausgaben berechnet, kein Typus. Noch ragt jüdischer Familiensinn, trotz der alles nivellierenden neuesten Zeit, in respektable Höhe empor. Zu grausam und enge habt ihr, unsere ..Wirtsvölker", uns ins dunkle Ghetto gesperrt, als daß jüdische Eltern nnd Kinder nicht in innigster Liebe hätten aneinander hängen müssen. Zu viel jüdischen ^Blutes habt ihr vergossen, welches bewirkte, daß die Blutsbande selbst zwischen entfernten Verwandtschaftsgraden sich fest und immer fester geknüpft haben; habt ihr selbst uns dies doch nicht selten zum Vorwurf gemacht. Aber freilich, ein Roda Roda ist der Letzte, der dafür Verständnis anfbringen kann. Vor fünf Jahren hatte dieser Geistesheld den ingeniösen Einsall, die „freie Ehe" in Europa einzuführen; es ist nur *) Verehrte Herren!