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Die Wahrheit · 1909-09-03 · Heft 35 (3.9.1909) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 35 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaktion und Administration: Wien, IX/j Novaragasse 27 Telephon der Druckerei 15302. Anakhängige Aeckschrift für jüdische j Nezugspeers: : Ganzjälirig.K 14.— | Halbjährig'.K 7.— K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 1000.918. InlerHen.; Für Kultusbeaiute: Inserate: Ganzjälirig.K 10.- Tie viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller., Erscheint jeden Ireitag. Für Ausland: Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“! Gaiizjädrig.8 Mark 6 Nudel oder 16 Frcs. | Ar. 35. Wien. 3. September 1909. Inhalt: Enquete! — Roda Roda und die „Jugend". — Jüdische Luscsänsfer. — Allgemeine jüdische Kolounanous-Orgailisalion. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ein neues Licht. — Für ein Werk der Renaissance. — Austritte ans dein Judentums. Gnqnete! Bon I. Mendel. Ein moderner, hypermoderner Artikel. Die Gegenwart hat zwar ihr Herz auf demselben Punkt, wo es ihre alten, feindefresseuden Vorfahren gehabt. Aber eins hat sie errungen, von dem die guten, alten Trottel nichts wußten: sie kongressiert, konferenziert und enquetesiert. Da laden die Magyaren, die jede freiheitliche Regung mit Blut unterdrücken, die Aerzte in ihre prächtige Hauptstadt ein. Und sie kamen die Retter der Menschheit, die Villenbesitzer und Millionen-Verdiener, zu beratschlagen, zu ver- und behandeln. Da hinterläßt ein Dyuamit-Ersinder Friedenspreise und die Uebersatten werden mit ihnen bedacht. Da, es ist schon lange her, sahen die Schweizer Tierschutzfreunde ein, daß die Inden die armen Tiere quälen und verbieten ihnen dies — um die Inden zu quälen. Da triefen sie ans den Kongressen vor Friedens- und Menschenliebe und unterdrücken das Volk, beuten es ans und prassen aus seine Kosten — und schmeißen den Kammerdiener — wenn er nicht besonders eingeweiht ist — wegen der nichtigsten Kleinigkeit über alle Treppen hinunter. Da verbindet sich das freie England mit dem Chef der „dritten Abteilung" und Eduard, der Prächtige, der Freund Rothschilds, feiert mit ihm in Cowes Feste. Da jubeln die Deutschen, Zeppelin hat ihnen — der wahre Erfinder, der Jude Schwarz, wurde vergessen — ein neues völkerüberwindendes Werkzeug geschaffen; und ihre klugen Vettern jenseits des Kanals vergessen darüber ihren Pudding zu verzehren. Da lebt so ein Bernstein jahrelang wegen seiner sozialdemokratischen Propaganda im Exil und kommt nach Hause und schwört: Marx ab. Da boykottieren die rumänischen Aerzte Ungarn, wegen der Rnmänen-Bedrücknug. Und haben kein Wort des Tadels gegen die systematisch betriebene Degeueriernug der Juden vonseiten der rumänischen Regierung. Da will die russische Regierung Tolstoi bestrafen, und verschickt seinen unschuldigen Sekretär. Während sie den Inden das Leben täglich mehr verbittert, während sie unsere Brüder in den Ansiedlungs- Rayons zu Grunde hungern will, werden Miuisterkonferenzen zu ihren Gunsten abgehalten; beschäftigt man sich mit Verbesserung ihrer Lage. Und während die Polen die galizischen Juden zu Zeloten und Parias herabgedrückt, während sie ihnen in Stryj soeben eines der wenigen Mandate rauben, während die kölka narodowe täglich wie die Pilze hertzorsprießen, berufen sie eine Enquete zur Verbesserung der jüdischen Lage ein. Welcher Hohn, welche Ironie! Polen als Helfer und Retter der Juden. Ich mache einen historischen Schnitzer, ich scheine in Grätz nicht fest zu sein, sonst müßte ich doch wissen, daß Kazimierz Wielki, den deutschen Inden — die im heiligen Germanien Zurückgebliebenen erinnern sich daran nicht gern — nt seinem Lande ein Asyl gewährte. Aber ich kann es ruhig verraten, wie wir polnischen Inden darüber denken: wir verfluchen die Stunde, in der wir den Boden der Kultur verließen und uns nach Halb- — nach Gauzasien gingen wir herzensgerne — begaben. Alle psychischen, physischen Defekte, die man an uns findet — am meisten betreiben dies nicht die Arier, sondern die glücklichen, im Ur-Gvluth zurückgebliebenen Brüder — haben wir der Polackei, dem herrlichen, polnischen Adel, von dem Heine so entzückt ist, zu danken. Dieser Adel, der Polen seit der Gründung bis znr Slnndc beherrscht, dieser Adel, der den Anteil Polens an der Kultur repräsentiert, dieser Adel, der das polnische Volk nicht nur physisch, sondern auch seelisch eutrechtel und versklavt hat, dieser Adel beherrscht den Landtag linb dieser Adel beruft die Enquete. Ich glaube nicht an den Satz, daß die Literatur ein ganzer Spiegel der Volksempfindung ist, aber als heuristische Maxime muß man ihn unbedingt gelten lassen. So eine einstimmige, feindliche Verachtung unseres Volkes, wie wir uns seitens der polnischen Literatur von ihren Anfängen, iuiofeni sie sich mit Juden beschäftigen, bis ans den heutigen Tag erfreuen, findet mau nirgends — ich weiß ganz gut, daß alle deutschen Klassiker,! Dichter und Gelehrte, Kant und Goethe inbegriffen: Antisemiten > waren; ich weiß, daß unsere Freunde Geister zweiter Qualität j waren; aber eine übereinstimmende Verachtung findet man nur! bei den Polen. Ans diesem historisch geheiligten, jndenverachtenden! und hassenden Milieu soll den galizischen Inden die Hilfe kommen.! Die Polen sollen nicht mehr und nicht weniger gesonnen sein: die ge-! krümmten galizischen Rücken anszugleichen, sie zu aufrechten, weil I genährten Bürgern machen. Der Spaß ist zu traurig, als daß j man über ihn lachen soll. Denn die galizische Enquete erinnert j an die Schilderungen unserer göttlich-menschlichen Komödie, des! Resckitk Ckokmah. Die Sünder, die zum Feuertode in der I Hölle verurteilt sind, werden nach der Urteilsvollstreckung mit heilen Gliedern wieder ins Leben gerufen, um wieder verbrannt zii werden u. s. w. Es ist möglich, daß die Schlachzizen die zugrundegerichteten und gestorbenen Jankels wieder zu neuem Leben erwecken wollen, um sie in der galizischen Hölle weiter braten zn können. Auch dies wäre ja auch nicht schlecht, wenn es kein Witz, sondern eine Wahrheit wäre. Leben möchte man l sogar in der Hölle. l Leider verhält sich die Sache in der Wirklichkeit ganz anders. Die Enquete ist ein Werk — Humbug sagt man im Lande — des berüchtigten Herrn Löwenftein; sie ist ein Ueberbleibsel

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