Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 34 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 34. wurde von der Regierung mit den Arbeiten betraut und mit einem Stabe vertrauenswürdiger Techniker versehen. Konstantinopel. Ferid Pascha, der Reaktionär im gegenwärtigen Kabinen, dem das Land das Preß-, Streik- und Bereinigungsgesetz zu verdanken hat, ist den Angriffen des jungtürkischen „Tanin" erlegen. Die türkischen Juden haben keinen Anlaß, über seinen Fall zu trauern. Man weiß, daß er im Ministerrat derjenige gewesen ist, der die Maßregeln zur Beschränkung der jüdischen Einwanderung in Palästina, entgegen den Vorschlägen des Gouverneurs Subbi Bej von Jerusalem, durchaus auirecht erhalten wißen wollte. Wie nun verlautet, soll in einer der ersten ohne Ferid Pascha abgehalrenen Beratungen des Ministeriums der Beschluß zur Aufhebung der Einwanderungserschweruugen gefaßt worden sein. Auch die formelle Unterdrückung des roten Zettels, heißt es, sei im Prinzip beschlossene Sache. Minister des Innern wird Talaat Bej. der jugendliche Vizepräsident der Kammer, der an der Parlamentsdelegation nach Europa tcilnahm und mit seinen jüdischen Kollegen auch Gast der English Zionist Federation in London gewesen war. Soeben erschienen und in allen Buchhandlungen zu beziehen: Wünsche zum neuen Jahre in Versen und Prosa für Knaben und Mädchen vom 14—16. Lebensjahre und für Erwachsene. Preis 70 Heller. Franko-Zusendung 80 Heller. Buchhandlung Richard Brandeis, Prag. (Alle Rechte Vorbehalten.) Gin neues Acht. Von Adolf Heinrich Landau (Wiener-Neustadt). (Fortsetzung.) II. Im Cafs Brammer in der Liechteusteiustraße saß ein hübscher, junger Mann mit schönem, rötlichblonden Bart und klugen, blauen Augen. Er hatte „Die Wahrheit" vor sich liegen und blätterte bis zur letzten Seile, während er eine mürbe Kipfel in den Jausenkaffee tauchte. Jetzt fiel ihm etwas auf. „Da schau her, Rabenheim sucht einen Rabbiner. Nicht einmal übel, 3600 Kronen!" Er schrieb sich den Konkurs ab, zahlte dem Fräulein und ging über die Maria Theresienftraße zur Universität. Er wollte gerade au der rückwärtigen Ecke vorbeieilen, als ihn jemand festhielt. „Servus Fuchs!" „Ah, Servus Doktor!" „Wohin fo eilig?" „In die Bibliothek." „Natürlich, Du mußt wieder die neuen Erscheinungen durchschnüffeln. Geh', komm' ins Künstlerkaffee." „Danke, ich habe soeben bei Brammer gejaust." „A propos, Raben heim sucht einen Rabbiner." „Ja, ich habe den Konkurs gelesen." „Du wirst dich doch nicht bewerben?" „Ich weiß noch nicht. Der Gehalt ist für den Anfang nicht schlecht." „Geh, Mensch, Mumpitz sag' ich Dir, da steckt was dahinter." „Wieso weißt du das?" „Meyer hat ja dort einmal gepredigt. Kannst Du dich nicht erinnern, wie er erzählte? Kein Mensch hat ihn erwartet, zu Fuß mußt' er gehen, die Bezahlung schäbig." „Probieren kann man ja." „Mensch, sei vernünftig. Mein Bruder Dori hat dort in einer zionistischen Versammlung gesprochen. Kaum drei, vier intelligente Leute. Und daun — der Dori hat 's gesagt — die Frauen sind unzugänglich und die Mädel sind arm und häßlich." Lachend eilte er davon. Wie er so mit seinem Silberstock herumschlagend um die Ecke bog, da staud es bei Dr. Fuchs fest: Der hatte sein Gesuch bereits geschrieben oder abgesandt. Dr. Fuchs blieb nicht lange in der Universitätsbibliothek; es trieb ihn nachhause, denn es war Freitag und im Konkurse hieß es, die Gesuche seien e h e b a l d i g st einzusenden, da hieß es, sich spulen, denn am Samstag hätte er um keinen Preis geschrieben, er nahm es mit seinem Stande wirklich ernst. Als er in die Berggasse kam und die drei Stockwerke zu seiner Wohnung Hinaufstieg, da dachte er an seine alte Mutter, die ihn so betreute und daun an seine süße Grete. Da wurde er plötzliche bleich. Staud dort nicht: „Ledige werden bevorzugt?" Wie er ins Zimmer trat und seiner Mutter die Hand küßte, da erschrak diese sichtlich. „Lntschi, was bist Du so blaß?" Tränen traten ihm in die Augen. „Denk' Dir nur, Muttinko, ein prächtiger Konkurs ist in Rabenheim ausgeschrieben, aber man soll ledig sein." „Nun, nun, Du bist ja noch nicht verheiratet." „Aber ich kann ja die Grete nicht stehen lassen!" „Gott bewahre! Die Leute haben Dir ja fo viel Gutes getan und Dir das ganze Geld zum Studium gegeben. Aber Du mußt es doch nicht jedem sagen, daß Du eine Braut hast." „Ist das nicht unaufrichtig?" „Weshalb soll denn der Kandidat ledig sein?" „Das weiß ich nicht. Es heißt nur: Ledige werden bevorzugt." „Nun also. Schreib' ruhig das Gesuch auf meine Verantwortung. Wenn Du nur einmal dort bist, kannst Du es ja sagen. Fressen wird Dich niemand." „Soll ich nicht auch die Greti fragen?" „Schreib' lieber gleich; je früher, desto besser. Glaub' mir^ die Grete wird auch nichts dagegen haben." „Soll ich eine Photographie beilegen?" „Ist eine verlangt?" „Nein." „Dann lege auch keine bei. Das sieht so aufdringlich aus. Schreib' gleich, es ist schon 726 Uhr und um 7 Uhr ist schon Schabbos." Dr. Fuchs setzte sich sofort an feinen kleinen Schreibtisch,, nahm alle Zeugnisse, Anerkennungsschreiben, eine Abschrift des Doktordiploms und ein Exemplar seiner Dissertation — „Philosophische Probleme in Bibel und Talmud'' — heraus, dann schrieb er folgendes Gesuch: Euer Hochwohlgeboren! Hochgeehrter Herr Präsident! Soeben las ich den Konkurs Ihrer geschätzten Gemeinde' in der „Wahrheit" und bin so frei, mich um die Stelle eines Rabbiners in Ihrer sehr geehrten Gemeinde zu bewerben. Jch erlaube mir aubei alle jene Belege beizufchließen, welche Euer Hochwohlgeboren darüber Aufschluß geben mögen, ob ich den gestellten Anforderungen zu entsprechen in der Lage bin. Ich möchte mir nur noch zu erwähnen gestatten, daß. ich bereits an zweien Gymnasien unterrichtet, Exhorten und Predigte gehalten, sowie wiederholt öffentlich vorgetragen habe. Ich stehe ganz allein da und habe bloß meine liebe Mutter bei mir, das Teuerste was mir geblieben und was mir der ewige Gott noch recht lange erhalten möge. Sollte ich das Glück haben, in Ihre hochgeehrte Gemeinde berufen zu werden, so soll es mein innigstes Streben sein, mein edles Amt nach besten Kräften zu versehen und ein. treuer Diener Gottes und meiner Gemeinde zu sein. Indem ich mich dem geneigten Wohlwollen Euer Hochwohlgeboren bestens empfehle und voll froher Hoffnung einer günstigen Erledigung meines ergebenen Gesuches entgegensetze^ zeichne ich mit der .. - , ,, 0 vorzüglichsten Hochachtung Dr. Ludwig Fuchs, Wien, IX., Berggasse. Er las den Brief seiner Mutter vor und diese nickte zu-- stimmend, dann legte er alles fein säuberlich geordnet in ein weißes Kuvert und ging zum nächsten Postamt/ Knapp vor Schluß des Amtes kam er, gab den Brief rekommandiert auf, hierauf begab er sich in die Grüne Thorgasse zum Abendgottesdienst. * Wie da der Chor unter mächtigen Orgeltönen das Lechododi5) von Sulzer in die gotische Halle hinausschmetterte, erzitterte Dr. Fuchs. Er dachte nicht an die S a b b a t h b r a u t, sondern an seine eigene und an den Vorzug der Ledigen in Rabeuheim. — — (Fortsetzung folgt.) 6) Lied zur Begrüßung des Sabbath?