Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 34 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 34. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Seite 9. „Die Sachverständigen." (Eine T r a v e st i e.) Ein Chasan jung und unbekannt, Kam einmal weit im Ungarland In eine Stadt — wo der Minjanverein, Ihn hnldvoll lnd zur „Probe" ein. Der Chasan war bald vorgestellr, Der ganzen Herren- und Damenwelr Des Minjanvereins — der, wie bekannt, N n r ans „musikalischen" Kennern bestand. Und alles kam, den Chasan zu seh'n, In Schul war kaum ein Platz znm steh'n, „Nein," platzte mancher Kenner 'raus, „Der Chasan sieht nach ,gar nix' ans." Nach Mincha und nach Mariw dann, Den Chasan höflichst ersilchte man. Doch auch zu singen ein neues Stück, So etwa ans der „eignen" Fabrik. Der Chasan nun — er zaudert nicht lang, Und bald durch den Heistgen Raum erklang Ein Haschkiwenn mit Koloratur. In Moll, im Steiger und in Dur; Und als verklungen der letzte Ton, Da tönts von allen Seiten schon, „Ja, lieber Gott, das Ding ist nicht schlecht, Jndeß, bei weitem nicht kunstgerecht." Der Chasan dankte der Kenner-Schaar Und sagte laut: „Ja, ja, fürwahr, Doch halst ich Ihnen aufgespart Ein Solo von ganz selstner Art. Es ist ein unbekanntes Stück, Bon Snlzer — dem Heros der Musik, Ein Manuskript von seiner Hand, Das ich in Hohenems einst fand." „Wie?" rief man, daß die Schul erbebt, „Vom größten Chasan. der je gelebt, Von Snlzer! Ein Weschomrn! Wie? O, singen, bitte, singen Sie!!" Der Chasan zog ein Blatt hervor, In Schul war alles nur „ganz Ohr," Entzückt, in andachtsvoller Ruh Hört jeder ben Weschomrn zu. Und kaum zu Ende war das Stück, Da tönts: ,.O, göttliche Musik! Ja! Snlzer! Hier spürt man seinen Geist, Jedwede Note seinen Namen preist. Als endlich sich der Beifall legt. Und alles schwieg, vom Weschomrn bewegt, Da stellt sich der Chasan aus einen Stuhl, Und schreit ganz laut hinein in Schul: „Der Haschkiwenn, den Sie schlecht genannt, Der ist von Snlzers Meisterhand. Der Weschomrn — der Sie so tief gerührt, Den Hab — mit Vergeben — i ch selbst komponiert. Singer- Kattowitz. Zur Kantorenbewegung. Ein interessanter Federkrieg in Kroatien. Von Oberkantor David Meisel, Kartstadr. (Fortsetzung.) Eine Erklärung des K an t o r e n v e r b a n d e s. Wohllöbliche Redaktion! Die gefertigten Vertreter des „Exekutivkomitees des Verbandes der jüdischen Kantoren Kroatien-Slavoniens" beehren sich, mit Bezug auf den Artikel „Die Kantorenfrage" in Nummer 10 Ihres geschätzten Blattes, um freundliche Aufnahme der folgenden Zeilen zu ersuchen: Wir verwahren uns gegen die Zumutung des Herrn Dr. Hugo Spitzer, daß Herr Oberkantor R e n d i in uns Aspirationen „e r w e ck t". Herr R e n d i hat sich nur auf dringendes mündliches und schriftliches Erfuchen der meisten Kantoren Kroatien-Slavoniens entschlossen, unsere gerechte Sache zu führen und geht bezüglich unserer ebenso gerechten Ansprüche in seiner bekannten allzugroßen Rücksichtnahme nicht weit genug, lange nicht so weit, als die Verbände in O e st e r r e i ch und D e u t s ch l a n d. Wir sehen davon ab, baß in allen unseren mündlichen und schriftlichen Ennnziatiouen mit keinem Worte von einer Gleichstellung der Kantoren mit den Rabbinen oder gar von einer Priorität der Elfteren die Rede ist, wie das Herr Doktor Spitzer behauptet (der Passus bezüglich des „Boranfchreitens" ist von Herrn Dr. Hugo Spitzer e n t st e l l t wiedergegeben und besagt in Wirklichkeit, daß die berufenen Vertreter eines solchen Amtes nicht durch das Hineindrängen Unberufener und Unfähiger entwürdigt werden dürfen), wir fragen vielmehr Herrn Dr. Hugo Spitzer, woher er es denn weiß, daß „kein einziger Vorsteher in Kroatien-Slavonien" für eine Gleichstellung der Kantoren mit ben Rabbinen zu haben ist? Der gefertigte Oberkamor der Knltnsgemeinde K r e n tz ist in der Lage ihm mitzuteilen, daß sein Vorstand eine solche „Gleichstellung" bereits ausgesprochen hat. Und die gefertigten Oberkantoreu der Gemeinden Kvpreinitz und Karlstadt, und mit ihnen viele andere, könnten ihm Aehnliches Nachweisen. Die Unerfüllbarkeit unserer Bestrebungen liegt auf der Hand, sagt Herr Dr. Spitzer. Unerfüllbar soll es also sein, einen Befähigungsnachweis für Kantoren zu statuieren, der für Schuhmacher Bedingung ist? Unerfüllbar, daß die kroatischen Knllnsgemeinden die in Wien zu kreierende Kantorenschnle nnterstützen, damit die Gemeinden Kantoren bekommen, die auch diplomierte Religionslehrer, Mitsiklehrer und Sekretäre sein können? Unerfüllbar das Verlangen, daß unsere Gleichberechtigung in jenen Punkten, wo sie bis jetzt vorhanden war, auch erhalten bleibe? Unerfüllbar alles andere, das in vielen Gemeinden bereits erfüllt ist? Nein io traurig sieht es mit dem Jiidenlnme in Kroatien denn doch nicht aus. Unerfüllbar ist all das nur, solange man es nicht erfüllen will. Und wenn wir Kantoren das Glück hätten, daß Herr Dr. Spitzer ein Kantorsfohn märe, würde er für unsere Bestrebimgen naturgemäß mehr Interesse haben, auf dieselben näher eingehen und das, was er jetzt für unerfüllbar tnilt, für äußerst notwendig halten, soll nicht die künftige jüdische Generation die Achtung vor ihrem Gottesdienste verlieren. Selbstredend waren wir auch neugierig zu erfahren, worin die „Sonderstellung" besteht, die die Agramer Knltnsgemeinde Herrn Oberkantor Rendi kreiert und befragten Herrn Rendi darüber. Er teilte uns mit, daß er seinen Angen nicht traute, als er dies las. Die Agramer Knltnsgemeinde lut nichts anderes, als daß sie ihm und seinen Nachfolgern das Ansehen im Statut beläßt, welches er und alle seine Vorgänger bislang in demselben besaßen und welches ihm das neue „Musterstatut" nehmen würde, wenn man es in Agram zum Gesetz erhöbe. Das ist alles. Und diese ..Sonderstellung" besitzen die Gefertigten auch und sind überzeugt, daß auch ihre braven liberalen Gemeinden sie kein Jota dieser „Sonderstellung" verlieren lassen werden, trotz 1000 Musterstatuten. Wir ersehen aus den jetzigen Statuten unserer Gemeinden, daß in denselben unsere Stellung und innere Bedeutung, unser Wert und unser Ansehen höher geschätzt sind, als im „Musterstatut" — es nützt uns nicht, wir müssen es Herrn Dr. Spitzer glauben, daß w i r blind sind, weil e r unsere Statuten nicht sieht. Wir setzen voraus, daß Herr Rendi sich von den „Befürchtungen" des Herrn Dr. Spitzer: er (Rendi) werde die Kantoren, wenn er so fortfahre, schädigen, nicht abhalten lassen wird, den von ihm betretenen, ehrlichen Weg, der uns Kantoren und unserem geliebten Judentum nur nützen kann, weiter zu wandeln. Herr Dr. Spitzer aber täte besser daran, sich mit solchen „Schädigungs-Befürchtungen" an die richtige Avresse, die wir ihm zur Verfügung stellen, aber vorläufig nicht ver-! öffentlichen, zu wenden. (Fortsetzung folgt.)