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Die Wahrheit · 1909-08-27 · Heft 34 (27.8.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 34 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 34. Allgemeine jüdische Kolonisations- Organisation. (Fortsetzung.) Aufgabe» und bisherige Entwicklung der A. I. K.-O. Referat von Dr. Isidor G i n s b e r g. Meine Herren! Indem ich der Aufforderung, Ihnen über den Charakter und die bisherige Entwicklung der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations - Organisation" Einiges mitznteilen, gerne Nachkomme. möchte ich zunächst zwei Punkte berühren. Ich möchte die Ursachen beleuchten, die uns veranlaßt haben, uns speziell der Kolonisation und nicht einem anderen Zweige der jüdischen Hilfsaktion zuzuwenden und möchte das Verhältnis der A. I. K.-O. zu den anderen jüdischen Organisationen klarstellen. Wie schon hervorgehoben wurde, trifft uns der historische Augenblick, in dem wir uns befinden, und der uns gm* Schaffung eines neuen Abflnßgebietes für unsere bedrängten Glaubensgenossen zwingt, nicht ganz unvorbereitet, aber auch noch nicht ganz gerüstet. Schon seit einem Jahre sah man die Krise, andererseits aber auch die Lösung herannahen: das Versagen der konstitutionellen Bewegung in Rußland, die hierdurch bewirkte Notwendigkeit zu weiterer Massenauswandernng, die Sperrung von England und Amerika aus Furcht vor Judenüberfüllung und auf der anderen Seite die Eröffnung der Länder des Orients für die jüdische Emigration. Das Entstehen unserer Organisation, meine Herren, markiert einen bedeutsamen Umschivung in den Anschauungen der jüdischen Philanthropen, einen Wendepunkt in den großen Richtlinien und in den Methoden der jüdischen Wohlfahrtsaktion. Das bisherige System der jüdischen Hilfsaktion bestand im wesentlichen darin, nach eingetreienen Katastrophen mit echt jüdischer Hochherzigkeit die Witwen und Waisen der Opfer zu versorgen und die emigrierenden Massen über den Ozean zu befördern. Dieses hastige Hinüberschafsen der Emigrantenmasfen nach Amerika, das bei dem Umfange der Emigration leider noch für längere Zeit in größerem Maßstabe wird fortgesetzt werden müssen, bietet nun keine Lösung des Problems; es veranlaßt nur im Gegenteil das Entstehen neuer Judenkonzentralionen in anderen Gebieten, ohne die Inden bodenständig zu machen, mit einem Wort, es überträgt die Indensrage nach anderen Ländern. Will man aus diesem circulus vitiosus herausgelangen, so gibt es hierfür nur einen Weg: man muß die hastige Hilssaktiou nach Katastrophen durch eine planvolle, vorbeugende Aktion ersetzen, die ans die dauernde Sanierung der jüdischen Verhältnisse losgeht. Diese Aktion kann nur bestehen in einer vernünftigen Regelung und Verteilung des Emigrautenstromes durch Schaffung eines neuen Abflnßgebietes und in der systematischen Ansiedelung der Juden in einem noch dünn bevölkerten Gebiete. Nun. meine Herren, ist es gar nicht zu verkennen, daß man bei dieser Aenderung der Richtlinien der Wohlfahrtsaktion vor einer Aufgabe steht, die sehr große Mittel beansprucht. Würden wir das frühere System befolgen, nach dem die jüdische Kolonisation durch Baron Rothschild und Baron Hirsch betrieben tvnrde, so würde es sich ilin geradezu unerschwingliche Summen handeln. Hier aber kommt uns die Reform der Methoden der Kolonisation zu Hilfe. Sie wissen bereits, daß wir nicht daran denken, ans philanthropischem Wege völlig mittellose Menschen tiach dem Ansiedelungsgebiete zu schaffen und sie dort mit allem zu versehen. Wir gedenken vielmehr in Befolgung der Prinzipien der modernen Kolonialwissenschaft die Besiedelung des Landes in erster Reihe der Privatinitiative, der spontanen Emigration zu überlassen und nur für die Bedingungen des Gedeihens der Kolonisation sowie für die Regelung des Kolonisationswerkes Sorge zu tragen. Wir werden den Ansiedlern Informationen gewähren, ihnen den Schutz der Regierung, die notwendigen administrativen Erleichterungen sichern, wir wollen ihnen Kredit verschaffen, wir wollen den Boden für sie vorbereiten und ihnen billige Parzellen zur Berfüguitg stellen, wir wollen bahnbrechende Musterbetriebe ans landwirtschaftlichem und industriellem Gebiete schaffen, wir wollen in diesen Betrieben jüdische Landarbeiter und Gewerbetreibende erziehen, aber wir werden niemandem Almosen erteilen; die ganze Kolonisation wird auf streng geschäftlicher, kaufmännischer Basis und nach dem Prinzip der vollen wirtschaftlichen Selbstverantwortlichkeit vor sich gehen. Wir wollen durch Ermunterung des jüdischen Kapitals und Gründung von Erwerbsgesellschaften dafür sorgen, daß der Verkehr im Lande emporblüht, daß zahlreiche Produklionsstätten entstehen, in denen die unbemittelten Einwanderer Arbeit finden, wir wollen durch Uebernahme eines Teiles der ersten Erschließungskosten des Landes, der Urbarmachung des Bodens, der Anlegung von Wegen und der Unterhaltung gemeinnütziger Institutionen das ganze Kolonisationswerk fördern, aber keinem Kolonisten seine Existenz garantieren. Auch bei diesem System, meine Herren, sind die erforderlichen Mittel noch immer sehr erheblich und ich will es auch gleich beleuchten, auf welchem Wege wir diese Mittel zu beschaffen gedenken. Zunächst aber möchte ich aber darauf Hinweisen, daß wir, indem wir uns eine solche Aufgabe stellen und sie auf solchem Wege zu lösen suchen, mit keiner anderen, bereits bestehenden jüdischen Organisation in Konkurrenz oder Konflikt treten, sondern im Gegenteil eine empfindliche Lücke im System der jüdischen Organisationen füllen. Es gibt bis jetzt nur eine jüdische Kolonisationsinstitution größeren Stils, die Stiftung des Barons Hirsch; diese ist jedoch nach dem Willen des Stifters und ihren Satzungen in erster Linie für Amerika bestimmt, während wir der neuen historischen Aufgabe, der Schaffung eines Abflnß- und Ansiedelungsgebietes für die Inden im Orient gerecht werden wollen. Die kleinen Orientkolonisationsvereine, die in manchen Ländern bestehen, sind bei ihrem lokalen Charakter und ihren kleinen Mitteln der großen Aufgabe absolut nicht gewachsen. Die Alliance I. U. und der Hilfsverein der Deutschen Juden befassen sich ihren Satzungen gemäß einerseits mit Unterstützung der überseeischen Emigration, atidererseits mit dem Schnlwerk im Orient. Ihre Mittel sind für diese Zwecke unentbehrlich. Was die zionistische Organisation betrifft, so hat sie sich in erster Linie nationale und politische Ziele gesetzt, die den führenden Kreisen der Judenheit, an die sich die A. I. K.-O. wendet, fern liegen. Für ein ausschließlich wirtschaftlich-humanitäres, großzügiges Kolonisationswerk im Orient, wie nur es plauen, gibt es also heute keine Organisation äußer der A. I. K.-O. Erst, wenn die A. I. K.-O. allmählich die Bewältigung dieser Aufgabe angebaäut haben wird, werden die Segnungen des Schulwerkes des Hilfsvereins und der Alliance voll zutage treten, werden die Zöglinge dieser Schulen im Lande selbst eine Existenz finden können. Weit entfernt zu irgend einer anderen Organisation in Konkurrenz zu treten, wollen wir im Gegenteil durch eine konsequent konziliante Haltung bestrebt sein, eine Kooperation aller jüdischen Organisationen unter strenger Anfrechterhaltnng der gesonderten, speziellen Arbeitsfelder zu veranlassen. (Schluß folgt.) Uerj'chiedeuk Nachrichten. Wien Anläßlich des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers fand am 22. d. M. im Tempel II., Tempelgasse, die Trauung eines Waiseumädchens statt, welche der I. Wiener isr. humanitäre Heiratsansstattungs-Verein II., Große Sperlgasse 32—34, veranstaltete. Den Trauungsakt vollzog in Beisein eines zahlreichen Publikums Herr Rabbiner Dr. G e l b h a u s. Nach vollzogenem Trauungsakte überreichte der Präsident des Vereines, Herr Oskar Rubi n, dem Brautpaare eine Unterstützung von K 200.— als Hochzeirsgescheuk. Wien. Mit Jakob G o l d u e r, der Freitag, den 20. d. M. unter zahlreicher Beteiligung zu Grabe getragen wurde, schied eine ungewöhnliche Erscheinung ans -den Reihen der Brigittenauer Judenschast. Ein Glaubenseiferer mit modernem Einschlag, möchte, ich sagen, galt bei ihm die Devise des Engländers: „my house is my castle," in doppeltem Sinne; denn nicht bloß sein Wohnhaus und seine Familie, der er ein zärtlicher Gatte und aufopferungsvoller Vater war, sondern auch sein Gotteshaus war seine Burg. Seit mehr als einem Jahrzehnt dem Vorstande des Brigitten - auer Tempelvereines angehörend, war er, so oft die Tore des herrlichen Tempels in der Kluckygasse sich öffneten, stets der erste am Platze. Da konnte aber auch der aufmerksame Beobachter die Wahrnehmung machen.

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