Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 34 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 34 Die Wahrheit Seite 5. Wechselrede. Ende dieses Monates beginnt die gewaltige, sich von Jahr zu Jahr verstärkende Rückströmung speziell unserer Wiener Jugend vom Land in die Stadt, in welch letztere sie zumeist zur grössten Freude ihrer Angehörigen mit hochgeröteten Wangen und sreudenstrahlenden Mienen znrückkehren, um in den ihnen durch die Schule genau bemessenen Pflichtenkreis einzutreten. Viele Tausende tüchtiger Jugendbildner harren bereits des Tages, an dem sie das schwere und verantwortungsvolle Amt der Jngendbildnng wieder aufnehmen werden. Der Lehrberns erfordert, um von Ersolg begleitet zu sein, besondere Tüchtigkeit und eine fast künstlerische Befähigung für das Erziehungsamt. Hier gilt der herrliche Schillersche Satz: „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, Bewahret sie! Sie sinkt mir euch! Mit euch wird sie sich heben!" Gegen 20.000 israelitische Schulkinder besuchen derzeit die öffentlichen Wiener Volks- und Bürgerschulen. Perzeutuell sollten beinahe 600 Wiener Lehrer unserer, d. h. der israelitischen Konfession angehören. Entwickeln sich jedoch die Dinge so weiter wie bisher, so ist vielleicht in 15 Jahren der Typus eines öffentlichen Volksschnllehrers israelitischer Konfession gänzlich verschwunden. Auf der einen Seite finden wir alsdann einen Stand von vielleicht mehr als 20.000 israelitischer Schulkindern, und auf der anderen Seite etwa 0 Lehrer israelitischer Konfession. Angesichts solcher schmerzlichen Eventualitäten klingt es fast wie ein Hohn, auf den § 48 unseres herrlichen Reichs- Volksschulgesetzes zu verweisen, der in klarer, unzweideutiger Form die Oeffentlichkeit des Lehrberufes für alle Konfessionen gleichmäßig festlegt. Wie kommt es, daß unsere staatlichen Lehrerbildungsanstalten k e i n e Zöglinge israelitischer Konfession aufweisen? Hier muß endlich Wandel geschaffen werden. Wir Israeliten müssen in der Schule im Sinne unserer Staatsgrnndgesetze endlich die uns gebührende, nur zu gerechte Berücksichtigung finden. Sollte man aber auch fürderhin uns Israeliten nicht als ebenbürtig ansehen, daun müßten wir — unendlich mehr als bisher — für unser gutes Recht auf dem Gebiete der Schule eintreten. Weiteres Schweigen würde für uns verhängnisvoll werden. Insbesondere wäre es Pflicht unserer Herren Rabbiner, das Kapitel „Schule" zum Gegenstand eifrigsten Nachdenkens zu machen. Mehr als bisher müssen unsere Seelenhirten unter das Volk treten und vermöge ihrer tieferen Einsicht veredelnd, belehrend und ausklärend wirken. Selbstredend müssen sie ihre warnende Stimme in Wort und Schrist überall dort erheben, wo es gilt, für unsere heilige Religion und ihre altehrwürdigen Satzungen einzutreten. Schweigen zur Unrechten Zeit kann unter Umständen, die nachteiligsten Folgen zeitigen. Zedek zedek tirdow. Der Schntdispens mit Neujahrsfeste. Der Umstand, daß diesmal der Schulbeginn mit dem Neujahrsfeste zusammenfällt, hat den Wiener Knltusvorstand veranlaßt, an die Schulbehörde das Ansuchen zu stellen, den israelitischen Kindern bei den Eiuschreibuugeu und Aufuahmsprüfuugen Berücksichtigungen augedeihen zu lassen. Das Ansuchen fand bereitwilliges Entgegenkommen und ist auch bereits eiu diesbezüglicher Erlaß an die betreffenden Schulorgane erflossen. Der Vorstand macht eben von seinem Rechte als oberste israelitische Religiousbehörde ergiebigen Gebrauch und läßt — was nicht genug anerkennend hervorgehoben werden kann — keine Gelegenheit außeracht, wo es gilt, der Schuljugend in der Erfüllung religiöser Pflichten die Wege zu ebnen und alle Hindernisse zu beseitigen. Aber auch in Jahren, in denen die hohen Feiertage in die Schulzeit fallen, ist längst die Verfügung getroffen, daß den israelitischen Kindern über die Dauer der Feiertage der Schuldispens erteilt wird. Nun sollte man meinen, daß die jüdischen Eltern, ohne Ausnahme, diese Begünstigung, die ihren Kindern das Mitfeiern der Feste, den Besuch des Gotteshauses und die Teilnahme am Gottesdienste ermöglicht, mit Freuden begrüßen und der guten Sache allen möglichen Vorschub leisten, allein die Tatsache, daß es in Wien jüdische Kinder gibt, die von dem dreitägigen Schuldispens nur teilweisen Gebrauch machen, nur am Jvmkippur, nicht aber auch am Roschhaschono der Schule fernbleiben, diese Tatsache beweist zur Genüge, wie es im allgemeinen um die elterliche Freude ob des Dispenses beschaffen ist. Die Aversion gegen die Religion, die bereits lief in das gesellschaftliche jüdische Leben gedrungen, hat auch auf dem Gebiete der Kindererziehung Wurzel gefaßt und verhängnisvolle Blüten gezeitigt. Das Bestreben der meisten Eltern ist dahin gerichtet, auch ihre Kinder im Geiste der „Moderne" zu erziehen und sie schon im jugendlichen, schulpflichtigen Alter mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß im modernen Leben, wie alles alte, auch die Religion einer Resorm unterzogen, mit jenen Religionsvorschristen aber, die den Schulbesuch tangieren, gänzlich anfgerünmt werden müsse. „Schulbesuch geht vor Tempelbesnch und Schulunterricht vor Gottesdienst." so bekommen es manche Kinder zu hören, so sie an die Eltern mit der Bitte heramrelen, ihnen zu gestalten, auch am Roschhaschono von dem Dispens Gebrauch machen, der Schule sernbleiben und dem Gottesdienste anwohnen zu dürfen. Muß da nicht die zarte Kindesseele gleich bei ihrem ersten Fühlen und Empfinden für alles, was fick Religion nennt, gleicbgiltig und abgestumpft werden? Drängt sich da dem Kinde nicht instinktiv die Frage ans: „Ja. wozu bin ich denn Jude, wenn ich nicht die Vorschriften der Religion und nicht einmal die hohen Feiertage zu halten brauche?!" Und weil Kinder aus allen Tatsachen ihre eigene Logik ziehen, folgert mich jenes Kind, das eine derartige elterliche Weisung erhalten, daraus die Moral: „Gehorsam gegen Eltern, geht vor Gehorsam gegen Gott!" Daraufhin schlägt es sich die ihn quälenden Gedanken, so gut es geht, ans dem Kops und alsbald hat es auch schon an den Roschhaschono, an das Gotteshaus und an den Gottesdienst vergessen. Aber auch noch ein zweites Moment ist es, das das Verhalten der Eltern hinsichtlich des Dispenies in ein grelles Licht stellt. Was sollen sich die arischen Schulleiter und Klassenlehrer von den israelitischen Schülern und Schülerinnen denken, wenn dieselben trotz Begünstigung, trotz Dispenses auf Wunsch ihrer Eltern an ihren Feiertagen die Schule besuchen, unverdrossen und unbeirrt an den Schularbeiten teilnehmen und an nichts erkennen lassen, daß ihnen die Außerachtlassung einer religiösen Pflicht nahegeht und am Gewissen nagt! Ist es nicht beschämend und erniedrigend für jüdische Eltern, eine Begünstigung, die ihren Kindern schulbehördlicherseits zu Religionszwecken gewährt wird, illusorisch zu machen, ja ihr geradezu Hohn zu sprechen?! Sind gewisse Eltern in ihrer Glanbeusindolenz bereits io tief gesitnken, daß sie auch schon dem Roschhaschono den Rücken gekehrt und ihn ans der Liste der Religionsvorschristen ausgeschaltet haben, dann sollten sie es als eine Gewissenssache betrachten, dies ihrem jugendlichen Nachwuchs nicht fühlen zu lassen; dann sollten sie dem zartfühlenden Kinde in seinem Eifer für die gute Sache keine Hindernisse in den Weg legen und das, was sich in seinem jugendlichen Herzen für die Religion regt, nicht durch vage Ausflüchte, wie: Schulverfäumnis, Unterrichtsentgang zu paralysieren sich bestreben. Das Judentum genießt den guten Ruf, einen ausgezeichneten Familiensinn zu besitzen; es wird den jüdischen Eltern nachgerühmt, daß sie für ihre Angehörigen eine seltene Zärtlichkeit, und Fürsorglichkeit an den Tag legen, insbesondere aber, daß sie für die Erziehung und Heranbildung ihrer Kinder die denkbar größten Opfer bringen. Nun denn, wettn wir uns ichvtl dieses Rufes erfreuen, dann sollten wir uns desselben nicht nur nach außen, sondern auch nach innen würdig zeigen. Erziehen wir unsere Kinder, deren Wohl uns so sehr am Herzen liegt und in deren Zukunft die Zukunft des Judentums liegt, zu guten und nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft, erziehen wir sie aber a n ch zu wahren B ek e n n e r n unserer Religion und n n s e r e s Glaubens und zu treuen Anhängern unseres Volkes und Stammes. Daniel S k n t e z k y, Religionslehrer.