Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 33 (21.8.1909)
- Date
- 1909-08-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Nr. 33. :eite 3. „Liberalismus" Ihnen zu bringen, noch weiter die Bestandteile seiner Entstehung, seines Wesens zu sezieren, auf ihre Ursachen zurückzuführen, weil ich befürchten muß. daß Sie verleitet werden könnten, diese liberale Bewegung als eine Art ärmlicher Nachahmung. vergänglicher, nicht selbstgeistiger, ja mit fremden Federn sich schmückender Erscheinungen anznsehen, als unwichtige Tagesbildung zu betrachten. Sollten Sie aber so denken, oder sollte Sie einer meiner Freunde orthodoxer Richtung, ein Traditionalist, ein Verteidiger des geschichtlich gewordenen Judentumes. oder in welchem Gewände er Ihnen sonst entgegengetreten sein mag. dahm gebracht haben, derart zu urteilen, sollten Sie meinen, es sei nicht Platz in unferm Judentum und nicht Aussicht — im Gegensatz znm Christentum — für „Modernismus" oder „Nenlheologie", dann sind Sie, ich bin im Innersten davon überzeugt, auf völlig falscher Fährte, sind im Begriff, einen schweren Fehler zu begehen. Jetzt glauben Sie mich endlich so weit, daß ich auf mein Thema eingeheu müßte, es mit fester Hand ergreifen sollte. Und da gerade muß ich Ihnen noch einmal entschlüpfen und mit Ihnen einen, vielleicht manchem etwas mühseligen Umweg machen. Hier bin ich an dem Punkt angelangt, an dem die Schwierigkeiten. von denen ich eingangs sprach, sich türmen. Wie soll ich über das „liberale" Judentum sprechen können, wenn ich nichts aussagen soll über das Judentum ohne den Zusatz liberal. Das ..Liberale Judentum" ist eine Phase in der Entwicklung des Judentums. Was aber heißt Judentum? Darf ich anuehmen, daß jeder in diesem Raume mir darauf eine erschöpfende, präzise Antwort geben kann? Ich wünsche, meinem Hörerkreis nicht zu nahe zu treten, ich bin es schon sehr zufrieden, daß Sie sich genug interessieren, um mich über diese Frage reden zu hören, aber ich fürchte, ich darf an Ihre Kenntnisse nicht allzuhohe Anforderungen stellen, besonders wo es sich doch um eine für die meisten entfernte und abseits liegende Religion handelt. Oftmals bin ich baß erstaunt über die häusigen seltsamen Fragen, die man an mich bezüglich des Judemumes und der Juden richtet. So wurde ich — um mit einem Beispiel zu diene« — gefragt, ob denn die Juden an ein Leben nach dem Tode glauben, eine Frage, die doch unzweifelhaft eine nicht zit unterschätzende Menge geradezu elementarer Unwissenheit verrät. Nun liegt es ja auf der Hand, daß. wenn ich Ihnen mehreres über das Judentum im allgemeinen berichtete, ich mit meiner Zeit zu kurz kommen würde, um über das liberale Judentum im besonderen zu Ihnen mich auszusprechen. Deshalb will ich mich auf' einen, höchstens zwei Punkte beschränken, die ich besprechen m u ß, da sie unmittelbar auf das liberale Judentum hinleiten und uns die Stelle zeigen, von der der Liberalismus feinen Ausgangspunkt genommen hat. Doch bitte ich, mich recht verstehen zu wollen. Meine „ein oder zwei Punkte" wollen nicht auf den ewigen Gehalt, die tieferen Wahrheiten des Judentums eingehen, sondern eher auf die Schwierigkeiten, die in uns sich ergeben, auf Widersprüche, denen wir begegnen. Keine Religion ist, glaube ich, von diesen frei. Und wenn ich einige der jüdischen Religion hier erwähne, so. halte ich Sie für objektiv und großzügig genug, nicht der Meinung sein zu wollen, daß das Judentum sich auf ihnen aufbaue. Glauben Sie mir, daß ihre Stellung im Gesamtbilde eine weniger wichtige und einstußreiche ist, als es sich heute abend uns darstellt, wo wir für unsere Sonderzwecke gezwungen sind, sie in den Vordergrund zu rücken. Auch wollen Sie es glauben (es liegt mir viel daran, daß Sie es tun), daß wir „liberalen Juden" stolzer sind auf das Substantiv in unserem Namen, als -auf das Beiwort. Wir würden uns nicht für das „liberale Judentum" erwärmen, begeisterte uns nicht das I u d e n t u m! Deshalb glaube ich auch, daß das, was uns mit allen anberen Juden eint, im Grunde genommen wichtiger und tiefer und wesentlicher ist als das, was uns trennt. Die Quintessenz unseres Bekenntnisses ist in dem Worte Jude mehr begründet, als in dem Begriffe „liberal". Das Adjektiv soll reinigen, erweitern und ins rechte Licht fetzen die Wahrheiten, die glänzenden Vorzüge des Substantivs.' Mit dieser Einschränkung und Vorbemerkimg wende ich mich nun zu meinen „ein oder zwei Dingen", die ich über das Judentum zu bemerken habe. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der Andenenmustpation in Oesterreich 1848—1908. (Fortsetzung.) Der junge Monarch dankte tief ergriffen für diesen Beweis treuer Ergebenheit in den huldvollsten Ausdrücken mtb mit den gütigsten Zusicherungen. Er hoffe, daß die. Gleichberechtigung aller Völker und aller Stämme, welche die verliehene Verfassung vereinigt, die Wohlfahrt und das Glück des Ganzen wie des Einzelnen dauernd begründen und zu einer gedeihlichen Entwicklung führen werde.*) Doch im Waffengetöse vernahm man nicht die Stimme des Rechtes, das Wort des Kaisers. Erst nachdem die Revolution bei Vilagos durch Haynan (13. August) bewältigt worden mar, teilte der Minister Graf Thun am 26. August 1849 den Behörden mit, daß es der Wunsch des Monarchen fei, die Gleichberechtignng zur Wahrheit zu machen. Am 18. November 1849 erließ dann Minister Schmerling eine Instruktion, in welcher er ausführte, daß im Sinne des § 1 der Grundrechte die Judengemeinde als politische Körperschaft aufzuhören und der Stadt sich anzuschließen habe. Der erste aktuelle Erfolg der neuen Verfassung zeigte sich für die Inden in der Abschaffung des Gesetzes der sogenannten Familie. Ohneweiters erhielt jetzt jeder von der politischen Behörde die erwünschte Lizenz. Es überkam die Juden, welche die fürchterlichen Qualen ltitb Plagen früherer Heiratsbewerber noch mit angesehen hatten, das erhebende Gefühl einer plötzlichen Befreiung vom schweren Drucke. Sie fragten sich: Ist dieser eingetretene Zustand vorübergehend oder bleibend? Ist der vollzogene Aufschwung zur Besserung Wirklichkeit oder bloß ein kurzer Traum? An Enttäuschungen gewöhnt, fehlte ihnen der Glaube an seine Dauer. Bange Sorge trübte ihre Freude, ob nicht die übertriebene Furcht vor der durch § 30 sreigegebenen Wahl jedes Erwerbszmeiges den religiösen und nationalen Haß steigern werde. Doch noch andere Besorgnisse ernsterer und tieferer Art erfüllten das Herz jedes Edelgesinnten, daß die durch § 25 und 31 unbeschränkte Freizügigkeit am Ende gar die gänzliche Auflösung der Gemeinde nach sich ziehen könnte. Die Beherzigung dieser Bedenken hatte ein Korrespondent der „Brünner Zeitung" vom 13. Juli 1849 (d'Elvert, „Zur Geschichte der Juden," S. 200) dem genannten Komitee in folgendem noch heute volle Beachtung verdienenden Artikel nahegelegt: „Die erste Folge der neuen Einrichtung war nicht die Beeinträchtigung der Christen, sondern der Zerfall der Judengemeinden Mährens. Während nämlich die Juden früher genötigt waren, an die Gemeinde, zu welcher sie gehörten, welche aber vielleicht weder sie noch ihre Eltern jemals gesehen hatten. Steuer zu zahlen, ist es ihnen jetzt möglich, dort, wo sie ihr Domizil haben, wo sie ihren Berns ausüben, Angehörige, ja *) Ein Rabbiner aus Wien hat diese Ansprache nebst vielen Sendschreiben Hirschs ans meiner „Geschichte der Juden Kremsiers" und der „Festschrift anläßlich Hirschs 100. Geburtstages" ohne Quellenangabe abgedruckt. Wie folgender Brief beweist, ist sie vorher nirgends erschienen. Wag-Neustadtl, 11. Februar 1896. Hochgeehrter Herr Rabbiner! Im Aufträge meines teueren Raters, der momentan Auge und Hand etwas schwach fühlt, gestatte ich mir, Euer Ehrwürden, geehrtes letztes Schreiben dahin zu beantworten, daß mein l. Vater für jetzt nur in der Lage ist, Ihnen beifolgendes Aktenstück in Kopie zu übersenden. Dasselbe i st bisher weder in Schrift noch in Druck jemals vervielfältigt worden und d ü r f t e i n d e n h e n t i g e n Um ständen vielleicht ein erhöhtes Interesse sowohl für Sie. ehrwürdiger Herr, und Ihr Werk wie auch für die O e f f e n t l i ch k e i t beanspruchen. Während die Antwort Sr. Majestät auf die in der darauffolgenden Ansprache des sel. Landesrabbiners Hirsch, die er namens des jüdischen Komitees au den jugendlichen Kaiser Franz Josef richtete, in den damaligen Zeitungen erschien, wo sie, Euer Ehrwürden leicht finden werden (Hof-Bibliothek in Wien rc.) S. 8 ist die Ansprache selbst lediglich von ihm, der mit den anderen Herren damals bei der Audienz in Olmütz dem Landesrabbiner zur Seite stand (als Komiteemitglied) medergeschrieben worden. Verfasser der Ansprache ist der Landesrabbiner Hirsch. Es frent mich, daß ich Ihnen im übrigen versichern kann, daß sich mein teurer ehrwürdiger Vater im ganzen wohl befindet. In seinem Namen sendet die besten und herzlichsten Grüße Ihr ergebener Dr. Arnold Weis s e, Redakteur des „Hamburger Fremoenblattes" i. P.