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Die Wahrheit · 1909-08-21 · Heft 33 (21.8.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 33 (21.8.1909)
Date
1909-08-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 33. Die Wahrheit Seite 5. ein bedeutender Talmudist, der Kabbala sehr mächtig und Verfasser vieler hebräischer Werke (die aber ungedruckl blieben); er fastete mehrere Jahre alltäglich, schenkte der Synagoge eine Thorarolle mit einem Vorhänge vor der Bundeslade. Auch eiuen mächtigen Leuchter, aus welchem an Sabbalh- und Festabenden Lichter angezündet und die Kosten hiefür zum Teil von den Zinsen der unterlegten 50 Gulden bestritten werden sollten. Aus dem Leuchter, der noch gegenwärtig in der Synagoge benützt wird, befindet sich eine eingravierte hebräische Rundschrift in sehr erhebender Weise aus den wohltätigen Spender." Die Familie Rothschild entstammt nach der Angabe des Verfassers der „Sehern hagedolim" der Familie des erwähnten Rabbi, weshalb es nicht überstüssig sein mag, wenn wir hier nach dem Werke „Ani belew Jam" (Fürth 1766) die Stammtafel der Familie Rothschild, soweit sie unseren Rabbi Mendel betrifft, geben. Jsak Rothschild (Vorsteher in Frankfurt a. M.) Salomou Rothschild (Rabbiner in Würzburg und Friedberg). Mendel Rothschild, dessen Epitaph ans einem Grabsteine des israelitischen Friedhofes zu Worms zu lesen. Salomon in Etlingen, Boas Rafael Rothschild, Verfasser des obigen Werkes. Boas fügt hinter Jsak noch die Worte hinzu: „Migesa hajichus ascher meolam A n s c h e h äschern." Es ist somit die Familie Rothschild nicht nur eine der berühmtesten, sondern auch eine der älteften in Israel. Dieser ruhmreiche Name ist nicht nur ans allen Gebieten der Erde, wohin Kultur und Industrie zu den Menschen gedrungen, bekannt, sondern auch im fernen Afrika gedenkt der arme Glanbensbrnder in Verehrung nnd dankbarer Erinnerung des Names Rothschild." (Vgl. auch M. H. Friedländer, Geschichtsbilder, IV. Teil, S. 78). Man sieht also, daß auch das weltbekannte Bankhaus Rothschild sehr berühmte nnd geachtete Rabbinen zu seinen Ahnen zählt. Und doch haben so viele moderne Knltusvertreter eine gewisse Scheu vor den Rabbinen, daher sie sie von allen Vereinen rc. so gerne ausgeschlossen wissen wollen. Alles schon dagewesen! Auch R. Akiba war, ehe er in den Geist der Thora eingedrungen, ein Feind der Rabbinen, der Talmide Chachomim. Fr. Kiverales Judentum. Von Claude G. Montefiore. H. Um nun von den Abweichungen des Liberalismus von der Orthodoxie zu reden, müssen wir uns auf das Gebiet der Bibel begeben, auf dem die Unterschiede sich besonders dokumentieren. Und zwar ist es die hebräische Bibel im allgemeinen, wie der Pentateuch im besonderen. Wenn ich die orthodoxe Lehre richtig aufgefaßt habe, so ist sie untrennbar verknüpft mit der Annahme, daß Moses das Fünfbuch verfaßt, daß Gott das Werk gekrönt und so die Unabänderlichkeit des Gesetzes des Pentateuch konstituiert habe. Wird dieses Dogma abgelengnet, so wüßte ich nicht, habe es mir zum mindesten nie klar machen können, wie das orthodoxe Judentum, als das religiöse System eines Glaubens, diese Dogmeuänderung überdauern sollte. Da gibt es keinen Ruheplatz, keinen Unterschlupf auf halbem Wege zwischen jener Lehre und der unseren. Entweder ist das Gesetz mosaisch, etwa göttlich, unwandelbar, oder es ist es nicht: tertium non datur. Die orthodoxe Lehre, in glatter Ablehnung geschichtlicher Forschung, vergleichender Religionswissenschaft, kritischer Bibelbetrachtung, behauptet das erste und sie muß so handeln; der Liberalismus, im Einklang mit der Geschichtsforschung, mit der vergleichenden Religionswissenschaft wie der Bibelkritik und, wie ich noch hinzufügen möchte, den Gesetzen einer vorurteilsfreien und lichtvollen Ethik, sagt das andere. Die Lehre von der Göttlichkeit, der Autorschaft Mosis und der Unwandelbarkeit des Gesetzes ist unumwunden und klar niedergelegt in dem siebenten, achten und neunten Artikel der orthodoxen jüdischen Anschaming, von Maimonides formuliert im 12. Jahrhundert, und sie findet sich wieder in vielen orthodoxen Gebetbüchern. Dieser Unterschied zwischen den betben Parteien des Judentums ist unüberbrückbar. Auch die anderen Unterschiede liegen im selben Felde. Orthodoxie I; und Liberalismus weichen von einander ab hinsichtlich der Theorie der Beseelung des Menschen, des geschichtlichen Charakters der in der Bibel berichteten Wunder, und des menschlichen und göttlichen Elementes im Prophetentum. Die Abweichmlgen auf diesem Gebiete entsprechen denen, die Hinsichtlich der Auffassung der Bibel sich ergeben zwischen einem Christen alter Schule nnd der eines liberalen, fortschrittlich gesinnten, modernen Christen. Ebenso ist die Orthodoxie gebunden durch ihre Theorie an eine göttliche Beseelung nnd an eine Auffassung vieler rabbinischer Lehren und Regeln als bindende Gesetze, wohingegen der Liberalismus, wenn er schon au das Füufbuch und die Bibel kritisch nnd sehenden Auges herantritt, noch kritischer nnd klarblickender zu sein fick bemüht der Mischna und dem Talmud gegenüber. Und darüber hinaus sind die Folgerungen und dementsprechenden Abweichungen für die Praxis, das Leben, den Gottesdienst, ebenso tiefgreifend als die theoretifchen Unterschiede, auf denen sie basieren. Davon des näheren zu handeln, ist weder Zeit noch Ort. Es genüge festzustellen: das liberale Judentum, das streng an dem göttlichen Element in der Bibel festhält, anderseits aber auch an einer Entwicklung menschlicher Einsicht und menschlicher Erkenntnis, das die Verbindung mit der geschichtlichen Vergangenheit aufrecht zu erhalten sich bestrebt, dieses liberale Judentum hält sich ans eben diesen Motiven für berechtigt, zn gestalten und zu formen dort, ivo es sich um zeremonielle und äußerliche Einrichtungen der Religion handelt, in Uebereinslimmnug mit der fortschreitenden Auffassung einer Religion nnd Moral nnd entsprechend den Anforderungen des Lebens und des Zeitalters, in dem wir leben. So ergibt sich zur Evidenz, daß das liberale Judentum, wie ich es auffasse, der „Broad Church party;; in der englischen Kirche oder, um eine moderne Parallele anznwenden, der „Neutheologischen Partei" in der Christenheit entspricht, so daß wir sagen können, die „liberalen Juden" sind die „Modernisten" der jüdischen Kirche. Es liegt mir nun aber noch ob, diese rohgezogene Parallele im Wege der Erläuterung und Spezifizierung erheblichen Einschränkungen zu unterziehen. Der Mensch modernen Geistes, freier Forschung, kritischer Beobachtung wirkt ans die verschiedenen Religionen ein nnd befruchtet und beeinflußt sie in verschiedener Weise. Sie haben verschiedene Stellen, die sie besonders zart behandelt wissen wollen, und die delikaten Punkte, die Schwierigkeiten und Bedrückungen der einen sind nicht auch die der anderen. Die Dogmen der einen Lehre bieten eine breitere Angriffsfläche dar für den kalten und schneidenden Wind der Kritik als die einer anderen. Wenn sich nun bei uns im Judentum Reform und Liberalismus Geltung zu verschaffen suchten, so geschah dies nie auf rein theologische Weise, nie ausschließlich theoretisch. Letzten Endes können wir es immer zurückführen auf Bestrebungen, die Religion einer neuen Umgebung anzupassen, wenn auch diese Bestrebungen, wie wir noch des näheren sehen werden, theologische Verwicklungen und Einflüsse gezeitigt haben. In höherem Maße ist diese Entwicklung in Deutschland zu beobachten, .wo andere religiöse nnd theologische Erscheinungsformen und Bedingungen herrschen als bei uns und wo noch ganz andere in den Dreißiger-, Vierziger-, ja Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts herrschten. Und ans der anderen Seite hingegen ist das Judentum — zumindest ist das unbestreitbar für die Zeit seit seiner Emanzipation aus dem Ghetto — stets in erheblicher, mächtiger Weise berührt worden von den Vorgängen der äußeren Welt um es herum. Eine Bewegung, wie avir sie jetzt in der „Neu-Theologischen" nnd „Modernen" Strömung miterleben, kann es unmöglich uninteressiert, unverändert lassen und hat es auch nicht. Wenn wir deshalb unsere liberale Bewegung zum Teil auf Rechnung rein jüdischer Erwägungen setzen, sie als Resultat ureigenster Bedürfnisse empfinden und ansehen können, so müssen wir sie andererseits als Widerspiel einer allgemeinen Regung und Erhebung der breiteren christlichen Welt, in deren Mitte das Judentum lebt, betrachten. Ich hoffe in dem Maße richtiger verstanden zu werden, in dem ich weiter zu Ihnen spreche. Ich scheue schon davor zurück, noch mehr Definitionen, Umgrenzungen dieses Begriffes-

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