Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 32 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32. Die Wahrheit Seite 9. (Alle Rechte Vorbehalten.) Gin nenes Acht. Von Adolf Heinrich Landau (Wiener-Neustadt). I. Die jüdische Gemeinde Rabenheim war eine kleine Khille,*) in der es kaum zwei Familien gab, die miteinander vollkommen harmonierten. Diese kleine Dissonanz der privaten Meinungen fand aber dennoch eine Einigung innerhalb zweier Lager: in dem einen die Reformierte n, die an den Doktoren S ü ß und Ehrlich bewährte Führer hatten; in dem anderen die sogenannten Orthodoxen, die einem gewissen Eisik S t e i n h e r z Gefolgschaft leisteten. Schon lange brachte die Frage der Anstellung eines neuen Rabbiners große Aufregung in beide Kriegslager. Bisher versah dieses wichtige, hochachtbare Amt ein willensschwacher Greis, der sich, trotz redlicher Mühe, bei keiner Partei recht beliebt zu machen verstand. Dr. Süß und seine zahlreichen Anhänger waren längst darüber einig, daß der neue Rabbiner ein durchaus moderner Mann sein müsse, ein intelligenter junger Doktor, der den verknöcherten Spießbürgern einen neuen Geist bringen, der arg vernachlässigten Jugend aber frische, belebende Nahrung verabreichen sollte. Eisik Steinherz, ein abergläubischer, geiziger Mensch, stemmte sich mit seiner ganzen Kraft gegen die Berufung eines neuen Mannes. Der alte Rabbiner fei noch rüstig, sagte er, ein neuer Beamter aber koste Geld. Ja, das leidige Geld! Er besaß ein großes Anpassungsvermögen und fand daher bei Gleichgesinnten Zustimmung. Dennoch wurden ihm zwei Herren im orthodoxen Lager untren und traten für einen neuen Rabbiner ein, nur müßte er natürlich ledig fein. Es waren dies der Gabbe^) Bür und der Knltitsrat Wein mann. Beide hatten heiratsfähige Töchter im Hanfe und das war auch für Orthodoxe ein triftiger Grund, mit den Reformierten zu gehen und für einen jungen Doktor in der „frommen" Khille zu stimmen. Die große Masse von Sprengstoff, die durch die zwanglosen „Pourparlers" anfgespeichert wiirde, mußte in einer Sitzung zur Explosion gebracht werden und so war ganz Rabenheim in begreiflicher Aufregung, als der große Rat samt Vertrauensmännern zu einer Sitzung berufen wurde. Jeder der Räte begab sich mit gewichtiger Miene in den Gemeindesitznngssaal, jeder fühlte es, daß er plötzlich eine bedeutende Rolle für die Geschichte Rubenheims zu spielen begann. Es galt, einen unfähigen Alten zu beseitigen und einen jungen Doktor an seine Stelle zu setzen. Wird er die Wundetl der Gemeinde heilen k ö n n e n? — — — Mit verzweifelter Anstrengung suchte Steinherz noch im letzten Augenblick Stimmung gegen einen neuen Rabbiner zu machen. Bald sprach er ans den einen, bald auf den anderen ein; aber es war vergebens, denn die Mehrheit hatte sich für einen neuen, jungen Rabbiner, für einen ledigen Kandidaten entschieden — es waren ja auch soviele Töchter da — und Steinherz mußte zu seinem Schmerze einsehen, daß sein früherer Einfluß gänzlich verloren gegangen war. Noch hoffte er im stillen, die Sitzung durch einen Tumult vielleicht unmöglich machen zu können. Schon erschien der Sekretär, der die Gesellschaft mit müdem Lächeln musterte; da eilten auch schon einige Herren auf ihn zu, um ihm freundschaftlich die Hand zu drücken, denn alle wußten, daß er die Seele der Gemeinde sei. Jetzt gab der Sekretär das Glockenzeichen, die Herren nahmen ihre Plätze ein und nach Konstatierung der ordnungsgemäßen Einberufung und Beschlußfähigkeit übernahm Präsident Dr. Süß den Vorsitz und erklärte die Sitzung für eröffnet. Hierauf hielt er folgende Ansprache: „Meine sehr geehrten Herren! Ein bedeutsamer Moment ist es. der uns heute hier versammelt findet. Bedeutsam .für die jetzige, aber — ich will es hoffen — noch bedeutsamer für die kommende Generation. Wir stehen vor der schwierigen Ausgabe, einen neuen Hirten für unsere liebe Gemeinde zil wühlen, einen Pastor errantis gregis, der durch fein sanftes Wort, durch seine liebevolle Hand die irrenden Schäfchen wieder vereinige, damit sie in Eintracht und Frieden ans fruchtbarem Boden genährt würden. Daß uns diese Wahl gelinge, daß wir den richtigen Mann finden, dazu möge uns Gott der Herr helfen! Glauben Sie nicht, meine sehr verehrten Herren, daß die Majorität sich vereinigte, um einen alten Mann zu beseitigen. Wohl ist es die natürliche Folge, daß das Alter der I n g e n d weichen m u ß; niemals aber soll es uns jemand zum Vorwurf machen, daß wir einen Beamten kränken wollten. Wenn wir aber trotzdem zur Wahl eines neuen Rabbiners schreiten, so sind es hochwichtige Gründe, die uns zu diesem Entschlüsse zwingen. Seit vielen Jahren muß die Gemeinde der regelmäßigen Predigt entbehren, die allein das Herz erhebt, die Gottesfurcht stärkt. Wir alle, meine Herren, haben das Gefühl, daß ein junger, geistvoller Mann neues Leben in unsere zerrüttete Gemeinde bringen müßte; denn die Gegensätze, die die Gemeindemitglieder in mancher Beziehung trennen, sind nicht unüberbrückbar. Ich sehe schon im Geiste beide Parteien vereinigt, ich sehe beide Gegner friedlich die Hände schütteln und als ehrlichen Mittler kann ich mir nur einen jungen, modernen Mann vorstellen, der hoch erhaben über alle kleinlichen Hintergedanken von einer höheren Warte der Intelligenz und Friedensliebe versöhnend durch sein Wort, überzeugend durch seine Tat, auf die erregten Gemüter einwirkt. Wahrlich, würde es dem ko m m enden M a n n e gelingen, d e n F r i e d e n i n n n s e r e r G e m e i n d e herzust e l l e n, e s w ü r e d i e s s e i n e b e st e, seine g r ö ß t e T a t! Gleich wichtig mit dem Frieden in unserer lieben Gemeinde ist die Erziehung unserer Kinder zu tüchtigen Menschen. die ihr Volk und ihren Glauben lieben. Ein Geist moderner Erziehung, verbunden mit der Pflege der r e i n st e n jüdischen Ideale soll unserer Jugend denUnterr i ch l der e r h a b e n e n R e l i g i o n lieb und angenehm mache n. Besonders wir, die Söhne in der Mittelschule haben, spüren es deutlich: so kann es nicht weiter gehen! Hier bedarf es einer flammenden Individualität. Flammende Worte, aus begeistertem Herzen gesprochen, müssen bie Siebe znm Judentum bei unsere r Jugend aufs neue entfachen! Stolz soll jeder rufen können: Jnde.bin ich und Jude bleib ich! Und nun lade ich Sie, meine sehr geschützten Herren, ein. an diese schwierige Aufgabe herantreten zu wollen. Lassen Sie uns, meine Herren, keine Mühe, keine Opfer scheuen, um jenen Mann für unsere Gemeinde zu finden, der uns und unseren Kindern zum Heil und Segen gereichen möge!" Lebhafter Beifall und Händeklatschen folgten diesen trefflichen Worten. (Forts, folgt.) Austritte ans dem Indentnm. Bertha Oe st er reicher, geb. 4. Juni 1879 in Wien, ledig. XX., Wolfsaugasse 8. Gisela S t r u h l, geb. 26. November 1885 in Wien. Private, II., Volkertstraße 23. Rosa Schwarz, geb. 8. Oktober 1888 in M.-Budwitz, ledig. Private, XVIII., Gentzgasse 54. A d o l f S ch a ck, geb. 2. September 1884 in Schopka, ledig, Rechtshörer, VII. , Burggasse 88. Friedr. L e o p. Laub, geb. 16. Dezember 1892 in Wien, ledig, Realschüler, VIII., Feldgasse 10. Eugen Laub. geb. 29. Mai 1890 in Wien, ledig, Handelsakademiker, VIII. , Feldgasse 10. Charlotte Holz. geb. 2. Mai 1879 in Breslau, ledig, II., Malzgasse 14. Moritz Freud, geb. 10. April 1870 in Nagyrippeny, ledig, Privat^' XV1H., Geutzgasse 13. Rosa Renner geb. Berger, geb. 20. Februar 1830 in Preßburg^ verheir., XVI., Wichtelgatze 6. *) Gemeinwesen. a) Tempelvorsteher.