Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 32 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 32. Die Wahrheit berufen, deren Ehrenhaftigkeit in Frage zu ziehen, noch kein Mensch gewagt. „Sultan" war dabei!! — was aber Karl Kraus entschieden bestreitet. — Dagegen gelangt die „Zeit," trotz der größten Ueberbietnngen des Herrn Benedikt, in den Besitz von „Sultans" Memoiren, die demnächst in ihren Spalten — der „Zeit" nämlich — mit einem französischen Kommentar von Karl Engen Schund und einer psychologischen Einleitung von Felix Salten, zurBeröffentlichnng kommen werden. Endlich ein Wurf des Herrn Dr. Kanner gegen den vielbeneideten Maische Benedikt. Hilmi Pascha wackelt der Kopf. Die Jnngtürken verordnen ihm Einpackungen ä la Steinhof, wenn er nicht die Enkel von Menelaus zur Besinnung bringen kann. Mittlerweile starb an der an Hilmi vorzunehmenden Operation schon ein griechisches Ministerium und der Thronsessel schwankt. .. . Hilmi Pascha ist sehr schwer beweglich und plump, bevor man an ihn herankommt, verletzt er andere. Jetzt sind wir an der Reihe. Die Seuche wütet hier am furchtbarsten. Ein ganzes Heer von Bazillen ist in den Ministerleib eingedrungen: die Kramarschiden, Snsterschitziden, Praschakiden. Die verhindern dem Ministerkörper jede Nahrungsaufnahme auf natürlichem Wege, die Ernährung geschieht künstlich, das Funktionieren ist nicht normal. Baron Bienerth läßt zwar von Herr v. Mühlwert. Baron Chiari, dem „Montags- Journal", Bergani und Benedikt vollkommene Gesundung diagnostizieren — merkwürdigerweise geben die Aerzte selbst zu, ja Benedikt rät offen, ein paar untergeordnete Organe zu amputieren und durch gesunde zu ersetzen. Trotz des Gesnndheitslärmes schloß der Minister sein Haus und begab sich in die Jsoliernngsbaracke zur Beobachtung, und Fachmänner zweifeln an seinem Aufkommen. Die immer gut unterrichtete „Unfreie" bereitet uns auf die Amputation des Herrn Bilinski vor. Baron Bienerth will leben und ist bereit, sich das Herz seines Ministeriums, Herrn Bilinski. ausschneiden zu lassen — was tut man nicht, um nicht zu sterben — überhaupt wenn es der Wille des Volksbefreiers Herrn Stapiuski ist, der sicher nur die Interessen der polnischen Bauern vertritt. An das Gerücht: Herr Stapiuski stecke mit Bobrinsky und Abraham.owicz hinter einer Decke, glauben wir nicht. Betreffs Ritt und Hochenburger soll Bienerth bereit sein, sich dieselben sogar ohne Narkose abschneiden zu lassen. Aber die Deutschen erklären, wohl liegt ihnen an Hochenburger nichts, wohl verliert auch der Staat mit seinem Abgang gar nichts, aber sie lassen sich ihn nicht nehmen, weil — weil sie nicht lassen. Herr Edmund Mayer und Herr Moritz Bandler geben es nicht zu, und es wird dabei bleiben oder nicht bleiben. Alle Momagsblätter wollen eine starke Regierung, und eine starke Regierung repräsentiert Baron Bienerth, ergo muß er bleiben und auch der — Hochenburger. Wer weiß, was Bienerth zu dem von ihm erzwmtgenen Heldentum sagt. Bienerth. der Unüberwindliche, Bienerth, der Stm'ke, Bienerth, der Unnahbare!!! Was sind die Pitt, die Disrarli. die Bismarck, die Napoleon, die Cäsar gegen den Baron Bienerth: Jene mußten kämpsen und siegen, wie klein, wie veraltet, ein Unterschied, wie zwischen einem Aeroplan und einer ehrwürdigen Postkutsche. Bienerth ist unüberwindlich, weil er sich nie geschlagen, siegreich, weil er nie gewagt, glorreich, weil verlustreich. . . . Seine Rede: das große Schweigen; ft ' System: tabula rasa. ... Müssen schon die Bismarck, die Clemence'_-' seiner überlegenen vornehmen Steifheit, graziösen Unbeh heit in den Schatten treten, wie darf es ein Stümper w.. aeck, der mit allen Parteien verhandelte, jeder und jedem etw-^zn sagen wußte, es wagen, sich mit ihm zu messen? Nun erweif ihm auch Herr Viktor Adler den Gefallen, sich über ihn zu ärgern. Seht! Seht! Auch der gewaltige Adler kriegt Angst. Bienerth verschloß die Hinterpförtchen, Bienerth köpft die Revolution: auch das kann Er, Retter des Vaterlandes. Wie darf man sich als staatserhaltender, nach 10 Uhr kommender Bürger von so einer Regierung trennen? . . . Warum Viktor dies tut? weil der ihn laug ärgert, oder weil er ihn gebeten ersucht, bestellt, ein wenig scharf zu machen; das weiß nun der Renner, Schuhmeier sicher nicht. Bergani und Benedikt, aus denen man zuweilen etwas herausbekommt, halten ihre Taschen, Mappen, Federn meine ich. ganz zugeknöpft, ganz versteckt. . . . Nicht nur darüber wissen wir nichts, sondern alles, was den Kranken und die Krankheit betrifft, ist in Dunkel gehüllt; die Qnarantaine wird mit aller Rücksichtslosigkeit und Strenge ausgeführt; der Kranke bleibt von der Außenwelt hermetisch abgeschlossen. Allerdings, so weit man den ofsiziösen Bulletins aus der Isolierbaracke trauen darf, wird es, wenn kein besonderer Zufall eintritt, bei einer Gliederampntation verbleiben. Sollte aber, wie gesagt, ein besonderer Zufall eintreten, so kommt — wir werden nicht mehr bleich — ein Ministerium Weißkirchner, Ungerechtigkeit überall! Hat nicht Geßmann diese Ehre —und wir wissen, daß Gott auch einem echten Katholiken den Genuß dieses sündigen Jammerthals, Welt genannt, gestattet — also auch den schönen Gehalt eines Ministerpräsidenten eher verdient? Aber es kommt noch Schlimmeres: Nicht der wirkliche Fachmann Schneider wird ins Finanzministerium berufen werden, um über Alkoholgegenstände zu referieren, nein, das Referat wird auch unter christlichsozialer Herrschaft bei einem nüchternen, wie ein Jude schwarzen Kaffee trinkenden Hofrat, Freund des Herrn Benedikt, bleiben; man ist ja auch nur ein Mensch und matt fragt sich, hat es sich gelohnt, seine besten Jahre im Rathanskeller zu verbringen? Es gibt keine Wahrheit auf Erden! Was haben wir Juden von einem Ministerium Weiskirchner zu erwarten? Soviel wie von einem liberalen. Die Wiener- Inden werden Tentsche bleiben, werden, vorausgesetzt daß die Herbstsaison mit einer günstigen Konjunktur einsetzen wird, das Karltheater besuchen; Herr Abgeordneter Dr. Ofner wird Ehereform- Bersammlungen, bestehend aus den Juden der Großen Sperlgasse, Floßgasse u. s. w., abhalten; Herr Lncian Brunner wird als Präsident des Demokratenvereines — seligen Andenkens — zu den Gräbern der Märzgefallenen in Gemeinschaft mit der galizischen Jugend pilgern; die Rabbiner werden ihre Gehälter samt Nebenemolnmente beziehen; das Auge des Gesetzes, die heilige Hermandad, wird an hohen und niedrigen Feiertagen die Tempeleingänge bewachen und vor armen Besuchern abschließen — wie unter guter liberaler Zeit; die ungarische Orthodoxie wird weiter darüber Nachdenken — sie soll es schon seit.40 Jahren tun — wie man Wissenschaft und Jndentitm vereinigt. Hirsch findet vor ihren Angen keine Gnade — Tanssig und Feilchenfeld u. s. f. werden gute Geschäfte machen. Die galizischen Inden werden wieder einen Verein zur gegenseitigen Ruimerung gründen; die Jndenblätter werden regelmäßig erscheinen und werden auch fürderhin über Gustav Karpeles, wie auch über manch andere, kurze Notizen bringen. Ernst ist lächerlich; ich kann ihn aber doch nicht überall unterdrücken: Die Jiidenblütter, die sich ihres Mitarbeiters Karpeles schämten, sind nur die letzten Konsequenzen derjenigen Geistesrichtung, die Karpeles, den ich hochschätze, sein Leben lang propagierte: von dem zuhause Talith und Tephillin legenden und draußen bis zum Uebelwerden sein Tentschtum betonenden Karpeles und den Gesellen des Herrn Moritz, die sich ihres Karpeles wegen seiner ihm anhaftenden jüdischen Schlacken schämten, führt die Elektrische gerade ohne „Umsteig" — Dabei eine Anekdote, die zur Charakteristik von Karpeles vielleicht von Nutzen sein kann: Als Karpeles noch Orthodox war, überreichte ihm der jetzige orthodoxe Rabbiner von Frankfurt Dr. Horowitz einen Artikel für die „Jüdische Presse", den Karpeles aber wegen zu starken Freisinns zurückwies!!! Also, die Welt wird ihren regelmäßigen Verlauf nehmen und die „Servus Jeinkiw" werden im II. Bezirk sporadisch gehört werden, wie in guten alten Zeiten, summa summarum: Alles in Ordnung ... Bleibl aber das Ministerium Bienerth am Leben, so wird dasselbe geschehen; höchstens, daß die Deutschen einen Galizianer zum Minister des Innern kriegen; ich gönne es ihnen, habe sogar die Genugtuung, wenn schon kein polnischer Jude, zumindest ein polnischer Goj. Es wäre aber auch möglich', daß die. Ehristlichsozialen noch Charakter besäßen und uns die jüdische Schule bescheren; dies würde mich selbstverständlich freuen; leider fehlt mir der Glaube. Nein, Konni, sei nicht so traurig, schrei doch „Oie“. „Oie .... ole-0-e-e . . . ."