Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 31 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31. Die Wahrheit Seite 5. auf Europa, oder einfach von einer jüdischen Autonomie, sogar von einer Nur-Konzentration ohne jegliche besonderen Garantien nichts wissen wollte, ist für uns irrelevant. Abdul Hamid lehnte es ab, eine garantierte Konzentration zu gestatten, richtiger, zu gewähren. „Der größte Diplomat des Jahrhunderts" — verträumt darf man von ihm nicht sagen — sondern verwacht nun seine Tage in der Villa Allatina. An seine Stelle trat der behäbige Mohammed V.; statt der Derwische herrschen in Konstantinopel die Doktoren der Sorbonne; statt des Korans die Freimaurertngenden. Die Politik aber blieb die alte. — Nachdem Peter der Große von seinen europäischen Reisen zurnckgekehrt war, nachdem er sich an der Stätte der Zivilisation mit Kultur vollgesogen hatte und im Begriffe war, sein Land zu vermenschlichen, knntete er höchsteigenhäudig feine Frau und ließ seinen Kronprinzen zu Tode hungern. Und der ..Philosoph ans dem Thron", der alte Fritz, befahl in einem Erlaß, „frei zu denken". Mit der Annahme der europäischen Lüge, die jetzt im Osten zu Ehren kommt, hat die Gesittung und Veredlung mit Nichten zngenommen. Die Jnnglürken tilgen so wie die Alten. Ein Meisterwerk von nichtssagenden Phrasen und Allgemeinem-Kopfverdrehen sind die zionistischen Reden des „Philosophen" Dr. Riza Tewfik Bey. des Zöglings der Allianceschulen. Er will nicht politisieren, er möchte nur das Vaterland wirtschaftlich heben, schätzt und liebt die Juden — noch mehr ihre Banken, die der armen Türkei so nützlich werden können; er sympathisiert, er ist Zionist, nur rate er den Zionisten von einer Kollzentration ab — die Autonomiefordernng sollen sie nur in Gottes Namen nicht erheben; dies könnte der ganzen Sache schaden. Die Saloniker Zionisten, so wurde vermeldet, jubelten und änderten ihre Statuten in diesem Sinne um. Und die Alliance Jsraelite Universelle beweist damit die Schädlichkeit, Gefährlichkeit des Zionismus. Die Zionisten ihrerseits prognostizieren aus dieser Rede das Beste für ihre Sache. Wer hat in Wahrheit recht? Holt man etwas weiter ails, zieht man die allgemeinen Beziehungen der Alliance zu den Juligtürken in Betracht, erwägt man, daß der derzeitige Chacham Baschi Chaim Nahnm ein Prologs des berühmten oder berüchtigten Herrn Antebi ist, zieht man weiter in Betracht, daß derselbe Herr Nahnm Zögling des Allianceseminars ist, daß es Chaim Nahnm war, der die Sendung zu den Falaschas dem bewährten Dr. Faitlowitsch für sich aus den Händen riß und dieselbe mit dem weltbekannten Ergebnis vollsührte: Man lasse die Falaschas in Frieden sterben. — Schwätzer sagten damals weil es der Wunsch Meneliks war, was wir nicht glauben — endlich, daß Herr Chaim Nahnm seine Wahl nur der Alliance und dem jnngtürkischen Terror verdankt, so muß jeder ehrliche Mensch zugestehen, daß die Alliance die Intentionen der neuen Herren der Türkei besser kennt, als die Zionisten. Der kluge Achmed Riza, der sich vom Despoten Abdul Hamid während der Konterrevolution in selbstloser patriotischer Weise ein Haus schenken läßt, den Märtyrertod für die Freiheit durch eine eilige Abdankung erleidet und mutig mit der Armee zurückkehrt und sich in seiner Würde wieder einsetzen läßt, beehrte seinen ehemaligen Pariser Freund Nahnm mit seinen Besuchen und legte ihm dabei ans Herz, den jüdischen Einwanderungsstrom nach den Ländern des Halbmondes zu leiten. Nahnm hat sich auch nach seiner Juthronisierung gegen den Zionismus erklärt, wie es seine Freunde wünschten. Man sage von zionistischer Seite was man will: die Jungtürken spielen mit dem jüdischen Volke dasselbe Spiel, wie die Kamarilla des Jildiz-Kiosk. Auch Jzzet Pascha hätte es gerne gesehen, wenn hunderttausende europäischer Inden sich in allen Ländern der Türkei niedergelassen, beziehungsweise zerstreut, und so ' als Ferment zur wirtschaftlichen Belebung und finanziellen Hebung des Reiches gedient hätten. Auch der frühere Chacham Baschi Moses Halevi hätte nichts dagegen gehabt. Die Achmad Riza, Tewfik Bey und die Said Kütschilik, die Nahnm und Halevi bleiben sich in diesem Punkte gleich. Die jeweiligen türkischen Machthaber möchten die jüdische Produktivität und hauptsächlich das jüdische Kapital für ihr Reich ansnützen. Alle zusammen aber möchten die Inden zu Ottomanen, zu — so weit es sich mit dortigen Verhältnissen vereinbaren läßt — Türken mosaischer Konfession machen. Somit hätten die Allianceleute recht und Herr Kommerzienrat Goldberg müßte als Lohn seiner Anpöblung den Medschidije-Orden in Brillanten kriegen. Dies stimmt. Die Knechtseelen werden immer besser den Willen ihrer Herrn kennen, als die Außenstehenden. Aber, warum sollen wir vergessen, daß die Jung- und Alttürken so manches gewollt, wollen und — wollen werden, was der Gang der Geschichte und die Logik der Tatsachen nie zugeben wird. Nur Nmve oder Bierbankpolitiker glauben noch an einer wirklichen Renaissance der Türkei, an der Ausbildung einer Staatsidee im europäischen Sinne. Tie Türkei ist von verschiedenen Nationen, die eine vielhundertjährige verbürgte Autonomie besitzen, bewohnt. Nationen, deren historischterritoriale Individualität nicht nur bis ans den heutigen Tag integer geblieben ist, vielmehr sich stündlich vertieft und weilet. Der türkische Staat hat es nicht nur nicht verstanden, die nationalen Selbständigkeits-tleberreste zu entwurzeln, in Blut zu ersticken und sie durch das Anbielen von geistigen und materiellen Vorteilen ethisch und seelisch zu überwinden, in sich anfznfangen. Nein, der türkische Staat wollte dies nicht, war danach gar nicht eingerichtet, konnte es also, hätte er auch dazu den Willen gehabt, nicht durchführen. Seine ganze Stärke tag vielmehr in dem „Wenig-Regieren", in dem „Anslebenlassen" der autochthonen Bevölkerung, in der Unantastbarkeil der Kulten und Völker, also in einem dem römischen oder britischen ähnlichen Regierungssystem. Nun liegt in der Natur solcher Imperien, die über die unterworfenen Völker nur eine Art Oberherrschaft ausüben, daß die unterworfenen Länder und Völker erstlich ihre Untertanenherrschaft trotz aller Freiheit grell vor Angen haben, zweitens bleiben sie fortwährend sozusagen kriegsbereit, lauernd, das Joch abznschütteln, den langen, langen Waffenstillstand zu brechen. Solange die Zentralmacht stark ist. gehorchen sie, beginnt dieselbe morsch zu werden, so sagen sie sich mählich von ihr los und beschleunigen ihren Zusammenbruch. Auch England wird diesem Lose nicht entgehen. Rechnet man ltocf) hinzu das europäische Interesse au einer schwachen Türkei, fügt man hinzu die Fremdheit der türkischen Rasse, die Verschiedenheit der Religion, mit einem Worte alle die Imponderabilien, die wohl vor den Angen der „Realpolitiker" nichts gelten, historisch aber doch Reiche gegründet und zertrümmert haben, so muß mau zu dem Schluß kommen: ein nationalchanvinistisch-zentralntisch verwalteter Staat kann die Türkei unmöglich werden. Soll das Kalifat weiter bestehen, noch mehr regenerieren und aufleben, so kann es nur als Staatenbund mit türkischer Hegemonie geschehen. Nur ein freiwilliges Uebereinkommen der verschiedenen Völkerschaften zum gemeinsamen Zusammenleben kann die Paralysis heilen. Eine zentralistische, militärische Türkei kann wohl ans kurze Zeit infolge günstiger Konstellation und militärischer Bravour in Triumpfe schwelgen, träumen — vielleicht auch feiern — wieder rosa Wangen bekommen, ist aber doch dem Tode geweiht und muß eines schönen Tages bei diplomatischer Luftveränderung zusammenbrechen und sterben. Eine jüdische Konzentration in Drez l8roö1 vermag der Türkei unschätzbare Dienste zu leisten, vermag als Kitt zwischen den verschiedenen Völkern und dem Reiche zu dienen, vermag durch die so viel geschmähte Solidarität dem Reiche auch nach außen zu nützen. Dies wissen die neuen Herren der Türkei so gut wie die alten. Lassen wir uns demnach vor ihrem Non possumus nicht in Furcht jagen. Die Mächtigen des Goldenen Horns brauchen uns so gut wie wir sie. Weisen wir ihren Köder, wie unser großer Führer es getan, stolz zurück. Der einzelne Jude, wenn er nach Erez Isroel ohne Garantien einwandert, verrichtet für seine Nation Pionier-Ewigkeilsarbeit. Die Gesamtorganisation aber kapituliert nicht, sie beharrt ans ihrem Programm. Wir können, wir müssen warten!! Gin Kongreß für hebräische Sprache und Knltnr. Vom Komitee zur Vorbereitung eines hebräischen Kongresses geht uns solgende Zuschrift zu: Nach einem langwährenden Stillstand in den Lebensänßerungen der hebräischen Sprache haben die das Judentum