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Die Wahrheit · 1909-08-06 · Heft 31 (6.8.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 31 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 31. einen Journalisten heran, der jetzt in der Redaktion eines solchen „freisinnigen Judenblattes" sitzt. Und was bekam er zur Antwort? Der Vortrag wäre schon recht aber — Karpeles. Der Name behagt nicht. Der Mann gebrauchte, zur Steuer der Wahrheit sei es gesagt, ein stärkeres, weniger riechendes Wort. Genug, aber von „Judeublättern" spreche man uns nicht. Eher von Charakterlosen. Die Inden aber mögen wissen, welche Freunde sie in den Redaktionsstuben des „Weltblattes" besitzen — und sich dranach richten. M o s ch e h b e n Aron. Das Krnziftr in der jüdischen Schule? Es ist ein interessanter Fall, der dem Unterrichtsministerium zur Entscheidung vorgelegt ist. Interessant deshalb, weil er meines Wissens kein Analogon hat und weil die Entscheidung, wie immer sie auch aussällt. ein Präjudiz schaffen wird. Die Schule der politischen Jsraelitengemeinde Lomnitz soll ein Kruzifix erhalten und zwar eines, das ihr der Brünner Bischof zum Geschenk machte, also ein ganz besonderes. Politische Zudengemeinden gibt es bloß in Mähren (in Ungarn nur eine einzige). Sie bestehen neben den Christengemeinden — zweifellos als Reste der alten Ghetti — haben dieselben Rechte und Pflichten wie jede andere Orts gemeinde und sind ganz und gar unabhängig von den Kultusgemeinden, die dort zumeist dieselben Mitglieder, aber einen anderen Vertretungskörper haben. Ja, in Wessely a. d. March gibt es eme politische Judengemeinde, aber keine Kultusgemeinde. Die jüdische Schule in Lomnitz ist jedenfalls eine einklassige Schule, da nur von einem Kruzifix die Rede ist. Ich besuchte eine derartige Schule in Butschowitz, wo Knaben und Mädchen von 6 bis 14 Jahren beisammen saßen und wo zwei Abteilungen still sein mußten, wenn der Lehrer einer Abteilung Unterricht erteilte. Mau lernt da ziemlich viel; aufgeweckte Kinder der unteren Abteilungen naschen viel vom Zuhören und bedeutende Männer haben in solchen Schulen ihren ersten Unterricht genossen. Auch die deutschen Bereinsschnlen sind großenteils einklassig und wie in diesen ist auch in den jüdischen Gemeindeschnlen die Unterrichtssprache die deutsche. Daher auch mait'che Reibereien zwischen Inden und Czechen erklärlich. Die Schüler solcher Gemeindeschulen, die natürlich öffentliche Volksschulen sind, sind überwiegend mosaisch itud der Schulleiter ist stets ein Jude. Wieso es kommt, daß in der jüdischen Gemeindeschitle in Lomnitz die Majorität der Schüler katholisch ist. läßt sich vielleicht daraus erklären, daß die christlichen Kinder, die ohnehin das Tschechische beherrschen, lieber deutsch lernen wollen. Auch treten viele jüdische Schüler in die Mittelschule über, was bei den anderen weniger der Fall ift.*) **) Wenn n u n die Mehrheit der Schüler katholisch und auch der Oberlehrer ein Katholik i st, dann i st die Forderung nach einem Kruzifix nicht so ganz unberechtig 1.***) Ich besuchte durch acht Jahre ein Gymnasium in Nieoerösterreich, wo merkwürdigerweise in keiner Klasse ein Krnzufix war, obwohl nur ganz wenige Inden dort studierten. In Wiener Gymnasien dagegen, wo oft die jüdischen Schüler überwiegen, sind überall Kruzifixe angebracht, die auch während des jüdischen Religionsunterrichtes an der Wand bleiben. Die jüdische Gemeinde Lomnitz ist als Besitzerin der Schule nicht verpflichtet, ein Kruzifix a n z u s ch a f f e n; es war daher *) Obwohl wir mit den Ausführungen unseres geschätzten Mitarbeiters in vielen Punkten nicht einverstanden sind, geben wir dieselben, um die durch die Herrschsucht der Klerikalen aufgeworfene Frage möglichst vielseitig zu beleuchten, im Vorstehenden wieder. ' (Die Red.) **) Die Lomnitzer Ratsherren hätten bei den Wiener Machthabern in die Schule gehen sollen, dann hätten sie gelernt, wie man konfessionelle Majoritäten erhält oder schafft, aber die guten Herren haben im Gegenteile es wahrscheinlich für eine Ehre gehalten, daß ihre jüdische Schule von mehr christlichen als jüdischen Kindern besucht wird. (Die Red.) ***) Nach dem Gesetze ist die Forderung keineswegs berechtigt. Die Schule bleibr interkonfessionell, auch wenn die Majorität katholisch ist. Und daß man in Wien gegen die Begehrlichkeit der klerikalen und antisemitischen Kreise auf jüdischer Seite nicht sofort alle Rechtsmittel ergriffen hat, war jedenfalls auch ein Fehler, der später nicht mehr gntgemacht werden konnte. (Die Red.) ein geschickter Schachzug des Grafen H u y n, ein solches der Schule zu schenke n. Das Geschenk des Bischofs, der ja auch von den Judengemeinden stets mit allen Ehren begrüßt wird, durfte um des Friedens willen nicht einfach abgewiesen werden. Ich weiß nicht, ob die Gemeindeschule in Lomnitz eine Mesuse an der Türe hat. In diesem Falle müßte das Rabbinät eine Entscheidung treffen. Jedenfalls hätte das Kruzifix beim katholischen Religionsunterrichte zngelassen werden sollen, da dieser überdies mit dem „Vater unser" eiugeleitet und geschlossen wird?) Der Ortsschnlrat der jüdischen Gemeinde hat auch in diesem Sinne entschieden und vielleicht hätte sich bei einigem guten Willen auch nach dem Geschenke des Bischofs und nach dem Beschlüsse des Brünner Bezirksschulrates, daß das Kruzifix n u r beim jüdischen Religionsunterrichte entfernt werden solle, ein Kompromiß finden lassen. Jetzt ist natürlich der Streit auf die Spitze getrieben iinb bei der fünften Instanz angelangt. Vielleicht gibt es noch einen letzten Weg. Aber wozu ist dieser Bürgerkrieg notwendig? Infolge solcher Kleinigkeiten hat oft das g a n z e I u d e n t n m zu leiden. Schon deshalb hätte die Lomnitzer Judengemeinde einen Ausweg suchen müssen. Das Einvernehmen zwischen Jnden- und Christengemeinde soll immer das beste sein und nicht durch geringfügige Dinge gestört werden. Wie immer die Sache ausgeht — eilte gewisse Spannung ist nicht mehr zu vermeiden. Man sollte doch dem modernen Geiste ein wenig nachgeben und lieber ein Kruzifix dulden als einen unauslöschlichen Judenhaß, verbunden mit Verfolgung und Boykott heranfbeschwören. Es kann ja die jüdische Schülerzahl wieder wachsen, dann ist auch das Streitobjekt beseitigt. Jetzt aber hat das Unterrichtsministerium das Wort. Mau darf daraus gespannt sein, wenn auch die Entscheidung nicht ganz ungewiß ist. Ein Kruzifix in einer jüdischen Schule — immerhin e i n i n t e r e s s a n t e r F a l l. A. H. L. Inugtürlreu. Von einem Zionisten. Für jeden Juden, der den Allgemeinsinn noch nicht eingebüßt hat, oder wieder erlangt hat, ist Palästina aufs neue ein realer Faktor geworden. Politischer oder philanthropischer Zionismus, es kommt aus dasselbe hinaus. Zionist ist heute jeder. Der dicke Taft weiht zwar polnischen Inden ihre Synagogen ein, bildete aber sein Kabinett ans jndenreinen Elementen und bestellte Eiiiwanderungskommissäre, die den armen östlichen Inden das Betreten des heiligen Dollarbodens unmöglich machen sollen. Natürlich alles im Namen der Freiheit. Doch solche Sentimentalitäten sind nicht mehr Mode. Man verzeih' meiner Wehmut. Ich verspreche, mich von nun an an den nüchternen Tatsachen — welche Lüge! — zu halten. Die Gesamtlage — nur von dieser spreche ich — ist eine derartige, daß wir sehr ernst von einer Konzentration ans einem bestimmten und zwar historischen Territorium sprechen müssen. Und ein historisches Territorium gibt es nur eines: Erez Isroel. Dieses Land gehört aber bekanntlich den Türken, resp. den Jnngtürken. Es ist daher von großer Wichtigkeit, deren Meinung über eine jüdischeEinwandernng dorthin zu kennen — dies würde vielleicht schwer gelingen — also zu hören. Abdul Hamid trieb mit uns. wie mit Europa sein Spiel. Die Tagebücher Theodor Herzls sind gut aufbewahrt, so sicher und bombenfest, daß wir von ihrem Inhalt erst daun Kenntnis erhalten werden, wenn sie für uns nur geschichtlichen, d. h. keinen Wert haben werden. Warum dies so ist und wem damit gedient wird — dem Zionismus sicher nicht — wer mag es wissen? Soviel aber man aus Herzls Reden und Handlungen und von hinter den Konlisfen erfuhr, war Abdul Hamid geneigt, die jüdische Intelligenz, sein Kapital, seine Arbeitskraft, seinen Einfluß, seine Verbindungen und Beziehungen für den türkischen Staat anszubenten; eine Konzentration in Palästina aber sah er nicht gern. Ob er kein Präjudiz für die Aspiration der übrigen, die Türkei bewohnenden Nationen schaffen wollte, oder aus Rücksicht *) Der katholische Religiouslehrer kann ja das Kruzifix znm Unterrickte mitbringen, aber zum fundus instructus einer jüdischen Schule braucht es nicht zu gehören. (Die Red.)

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