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Die Wahrheit · 1909-08-06 · Heft 31 (6.8.1909) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 31 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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a^r^cit Redaktion und Administration: Wien, II/, Novaragasse 27 Telephon der Druckerei 15302. K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 1000.818. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller., Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. «abhängige Seitschrift für jüöisch, Interessen. KrscheinL jeden Ireitag. Uotto: „Das Ziehst 6odtss isd 'VVs.tirtisit:!'! GeznAsxrers: / Ganzjährig.K 14.— ]; Halbjährig.K 7— Für Jtnltusbeamte: 1 Ganzjährig.K 10.— Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. Ur. 31 Wien, 6. Angnst Inhalt: Gustav Karpeles, Detlev v. Lilieucron und — die „Neue Freie Presse". — Juugtürken. — Ein Kongreß für hebräische Sprache und Kultur. — Berschiedene Nachrichten. — Austritte aus dem Judeutum. — Zur Kautorenbewegung. — Allgemeiner Deutscher Kantoren-Berbund. Gustav Karpeles, Detlev v.Lilieucron und — die „Uene Freie Presse". (Zeitgemäße, aber nicht sehr augeuehme Betrachtungen.) Gustav Karpeles, Detlev v. Lilieucron und — das Weltblatt, wie es sich so gerne nennen hört, eine eigentümliche Zusammenstellung — nicht wahr? Doch gemach, man lese nur weiter, und man wird erkennen, wie schwer es hält, in diesem Jahrhunderte der Luftschiffe, der perversen lyrischen und Romandichter, der Automobile und Suffragettesbewegnngen keine Satyre zu schreiben. Am 21. Juli d. I. stirbt einer der besten und hervorragendsten Literarhistoriker. Um die Erforschung Heinrich Heines, seines Wesens, seiner Dichtung, welche ein Dutzend der Poesien der jetzt lebenden Dichterlinge mit dem kahlen Scheitel oder der heroischen Stirnlocke anfwiegt, hat er sich unsterbliche Verdienste erworben. Er hat sozusagen die Dichtungen des größten deutschen Lyrikers uns erschlossen — aber, nun kommt das große „aber", er hat auch eine prächtige „Geschichte der jüdischen Literatur" geschrieben, und heißt Gustav Karpeles. Die „Neue Freie Presse", das „Weltblatt" — die antisemitischen Zeitungen nennen es „Jndenblatt", was für deren Redakteure wohl gleichbedeutend ist — bringt eine kurze, karge, schmächtige Notiz über den Verstorbenen, der manche wertvolle Arbeit auch in dessen Spalten veröffentlichte. Doch halt! Sie veröffentlicht schandenhalber noch ein paar Zeilen. Die jüdische Gemeinde Berlin hat dem Verewigten ein Ehrengrab gewidmet. Und nun folgt — das große Sichausschweigen. Karpeles, der Name könnte Anstoß erregen. Man macht doch in deutschem Nationalismus. Man vermerkt mit Wonne die Schlägereien zwischen teutschen und tschechischen Studenten, erzählt mit Behagen die Unterdrückung teutscher Nachtwächter durch tschechische Rowdies, da kann man sich mit einem Karpeles nicht beschäftigen. Die Notiz über ihn entnimmt man dem Mayer oder Brockhans. verzeichnet zum Ueberfluß, daß ihn Spielhagen sehr schätzte. Das wird doch genügen. Was der Mann für die deutsche Literatur leistete, wieer es gewesen, der durch die „Westermann'schen Monatshefte" Fontane, Raabe nnd andere Größen der deutschen Literatur dem großen Lesepubliknm vorführte, wird mit Stillschweigen übergangen. Er redigierte die „Allgemeine Zeitung des Judentums, war ein jüdischer Journalist, allerdings ein anderer, wie die Getauften der Wellblätter, und das genügt, um ihn im ewigen Schweigen zu begraben. Warum hat er über Heine, Börne, Lenau geschrieben, aber auch über „Die Frauen der jüdischen Literatur"? Er schrieb über Spielhageu, | Gras Moltke, gab eine „Allgemeine Geschichte der Weltliteratur" heraus, beging aber den Frevel, auch „Ueber Heinrich Heine und das Judentum" sich zu äußern. Karpeles — der Name behagt unseren getauften Tentschuationalen nicht, die in der Redaktion des „Weltblattes" fitzen. Und sie gingen hin nnd schrieben sich die Hände wund — über Detlev v. Lilieucron. Detlev — das klingt schon anders als Karpeles. Da weiß man doch, woran man ist. Lilieucron starb am 22. Juli, einen Tag nach Karpeles. Wir sind die Letzten, welche die Bedeutung des Mannes nicht zu würdigen verständen. Die Gesamtausgabe seiner Werke in 12 Bünden haben wir erst in den letzten Ferien, der Lektüre gewidmeten Tagen, uns zu Herz nnd Gemüt geführt. „Poggfred", „Die Adjntantenritte" und die anderen lyrischen Gedichte dieses Holsteiners, aber auch seine Romane, unter diesen den prächtigen, von den Aestheiikern des „Weltblattes" so wenig gewürdigten „Mäcen", seine Novellen ..Könige und Bauern" und anderen Schriften. Die frische Unmittelbarkeit des Dichters erfreute uns. seine Ungebnndenheit, manche würden sie Formlosigkeit nennen, gefielen uns weniger. Aber vergleichen wir nun, was in dem „Weltblatte" über Detlev und was über Karpeles geschrieben wurde. Jedes Symphosion, das der Holsteiner Dichter in germanischer, feucht-froher Laune abhielt, wie er sich räusperte und spuckte, wurde mit breitem Behagen geschildert. Dem Dichter von „Leier und Schwert" wurde er gleichgestellt, mit den alten Rittern wurde er verglichen, Walther von der Vogelweide mußte sein unbekanntes Grab verlassen, nm Detlevs Ruhm in das gehörige Licht zu stellen. Und über Karpeles, den Mitarbeiter Spielhagens. der allerdings das Verbrechen begangen, eine wunderbare Anthologie neuhebräischer Dichtungen herauszugeben, welche er, man höre und entsetze sich — „Die Zions- Harfe" nannte, schrieb man eine dürre Notiz ans einem Konversationslexikon heraus. Daß dieser Karpeles gewürdigt wurde, vor der hochseligen, unvergeßlichen Kaiserin Elisabeth von Oesterreich einen Vortrag über Heine halten zu dürfen, erwähnte man mit keinem Worte. Und sie haben es erfahren, die Herren vom „Weltblatte". Die große Lüge von den „Judenzeitungen" wird durch die Würdigung, die sie Karpeles zuteil werden ließen, wieder in ihrer ganzen, schamlosen Nacktheit bloßgelegt. Sapienti sat! Noch eine kleine, aber wahre Anekdote zum Schlüsse. Im Jahre 1891, dem Säkularjahre von Grillparzers Geburt, wollte Karpeles in einer österreichischen Landeshauptstadt einen Vortrag über „Grillparzer und Heine" halten. Der dies schreibt, bemühte sich sehr, diesen interessanten Vortrag zustande zu bringen. Er trat an

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