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Die Wahrheit · 1909-07-30 · Heft 30 (30.7.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 30 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 30. Bruder," möchte ich klagend ausrnfen. Seil 20 Jahren stand er an der Spitze der von ihm redigierten und zur Höhe emporaebrachten „Allgemeinen Zeitung des Judentums" in Berlin. So lange war ich mit ihm in regem, literarischem Verkehre. Die Briefe, die er mir schrieb, waren mir immer sich wiederholen de Genüsse. Denn, wenn er auch in Deutschland eine seinen vielseitigen Kenntnissen und seiner hohen Begabung entsprechende Stellung einnahm, mit den Größten unserer Zeit vertraulich verkehrend, er hat sich immer nach der Heimat gesehnt, sie geliebt mit allen Fasern seines guten Herzens, seiner wahrhaft edlen, menschlichen Natur. Die Heimat! In dem weltvergessenen, mährischen Städtchen E i w a u o w i tz. an der Bahn Brünn— Preran gelegen, wurde er vor 61 Jahren geboren. Am 11. November 1908 feierten wir, freudig bewegt, seinen 60. Geburtstag. Er hat ihn nicht lange überlebt. . . Nach diesem Städtchen zog es ihn mächtig hin, wo sein seliger Vater, Elias Karp eles, einem wahren Vioar of Wakefield vergleichbar, für die Seelen der ihm anvertrauten Schäfchen treulich wirkte. Muß ein herzensguter Seelenhirte gewesen sein. Wir ersehen dies ans seinen Reden, die er drucken ließ, und in denen wir von Zeit zu Zeit blättern. Das war eine Beredsamkeit, die jetzt ans der Mode gekommen ist. Patriarchalisch, nicht sparsam mit Bibelverseu. Geboren zu Austerlitz 1822, wirkte Karpeles' Vater in E y w an o w i tz, L o s ch i tz, endlich au dem Tempel auf der Wiede n zu Wien und starb hier 1889, nachdem er ganze Sammlimgen seiner „Reden" herausgegeben (1870 bis 1887). Als sein Lohn Gustav an den Gymnasien Olmütz itnd Nikolsbnrg glänzend studiert hatte, trat er in das Rabbiner-Seminar zu Breslau ein, aber, wenn er auch immer für die Theologie gleichsam eine alte Liebe bewahrte, ihn fesselte doch meist die Literatur und Philosophie und Heine war ihm besonders ans Herz gewachsen. Ihm galt seine Verehrung, seine Zärtlichkeit, ihn zu erforschen, darin sah er sein Lebenswerk. Und er hat es dnrchgeführr. Wir wollen keine Eulen nach Athen tragen und hier nicht hundertmal Gesagtes wiederholen, um auf die Bedeutung eines Gustav Karpeles für die Heineforschung hinzuweisen. Zahllose Vorträge hat er über diesen unseren Lieblingsdichter gehalten, einen auch vor etwa zwei Jahren in unserer, sonst so nüchternen Stadt Brünn. Umjnbelt wurde er von der Begeisterung seiner Zuhörer, die ihm stundettlang gelauscht hätten. Doch wir wollen von der Liebe des Verewigten zu seiner engeren Heimat Mähreit hier sprechen und uns in anderen lieben Erinnerungen an ihn jetzt nicht verlieren. Es war im Jahre 1903. Da wurde ich durch ein Schreiben des Verewigten angenehm überrascht. Er fragte mich, wohin ich zur Sommerszeit auf Urlaub gehe. Als ich ihm meinen Aufenthaltsort in den Sudeten bezeichnete, antwortete er: Auch ich will in die Heimat gehen, die ich seit einem Vierteljahrhnndert nicht gesehen. Ade, Karlsbad, St. Moritz, Norderney, ich gehe nach M ähre n. Er kam her und, nachdem er die Orte besucht hatte, an die ihn die Erinnerungen an seine Kindheit imd Jugend fesselten, verlebten wir dann einige unvergeßliche Tage unter den dunklen Tannen der Sudeten Schlesiens. „Meminisse invabit," sagt der Römer. Und nie habe ich die Wahrheit dieser Worte „Erinnern wird erfreuen" so erkannt, als jetzt in den wehmutsvollen Stunden, da ich des vortrefflichen Landsmannes gedenke, seiner humorvollen Rede, mit welcher er über die Schwächen unserer teueren Mitmenschen milde, sanft, verzeihend hinwegglitt. Was er mir damals, in den herrlichen Wäldern Freiwaldans, aus dem unermeßlichen Schatze seiner vielseitigen Beziehungen zu den Größen der Literatur, — Spie! hagen schätzte er über alles, — erzählte, werde ich treu, für alle Zeiten bewahren. Im September und Oktober des Jahres 1903 veröffentlichte er in der „All- - emeiuen Zeitung des Judentums" seine Erlebnisse „In der Heimat." Das sind Artikel so voll köstlichen Humors und scharfer Beobachtungsgabe, daß es sich wahrlich lohnte, sie zu sammeln und zu Nutz und Frommen unserer engeren Landsleute sestzuhalten. Einiges daraus will ich hier anführen, um zu zeigen, wie sich der an große Verhältnisse gewohnte Weltmann, die Liebe zur Heimat, die vielen von uns abhanden gekommen zu fein scheint, bewahrt har; gewiß das Zeichen und Zeugnis für eine schlichte Natur, für einen guten Menschen. Man muß diese Artikelserie lesen, um sich an diesen Geständnissen eines großen Schriftstellers und einer doch kindlichen Seele zu erquicken. Hören wir also, was Karpeles über Mähren sagt. „Mähren ist ein schönes, gesegnetes Land. Man kann im Sommer dahin gehen. Es hat Berge uub Täler, Sommerfrischen und Bäder — nur einen Baedeker hat es noch nicht gefunden, der es für den großen Schwarm der Reisenden entdeckt hätte. Längst wäre Mähren" — wenn es nämlich seinen Baedeker hätte —, „das Ziel der Reisenden geworden, die des Harzes, des Riesengebirges, der sächsischen Schweiz oder der Tana bereits müde sind und nach neuen Eindrücken suchen, die nicht zu weit abliegen." Einen besseren „Fürsprecher" hätte wohl unsere Heimat nicht finden können, als diesen Mann, der in den verborgensten Pfaden der Heine-Literatur Bescheid wußte, dem die berühmtesten Städte und Gegenden Europas nichts Unbekanntes waren. Die Sehnsucht nach den lieblichen, stillen und reizenden Orten der Heimat sprechen ans diesen Worten, die uns so herzlich anmuten. Und es muß ein guter Mensch gewesen sein, was viel mehr sagen will, als ein großer Mensch, der folgende Worte geschrieben: „Als ein zehnjähriger Knabe verließ ich die Heimat. Und von allen Erinnerungen, die heute auf mich einstürmen, ist keine so hehr und tief, als die an jene Stunde, wo des Abends vorher die Mutter vor dem Schlafengehen an mein Bett trat und mit tränenerstickter Stimme zu mir sagte: Bleibe brav, mein Kind, in der Fremde! . . . Die Worte sind tief in meiner Erinnerung geblieben — es sind mehr als 40 Jahre darüber hinweggegangen . . ." Und ich selbst glaube jetzt das freundliche Auge zu fehen, das merkwürdigerweise so sehr an Hei u e. seine mächtigste Liebe, erinnerte, wie es sinnend vor sich hinschant. Es ist nun auch gebrochen. „O Heimat, wunderbares Wort, Nur der hat dich verstanden, Der sich nach deinem Frieden fort Gesehnt in fremden Landen." Mit diesen Worten leitet Karpeles seinen Pilgerzng in die einzelnen Städtchen der Heimat ein, die er damals besuchte. Die erste Station seiner Fahrt war B o s k o w i tz. Voll Humor ist, was er über diese „autonome" Judengemeinde schreibt. „Eine solche autonome Jndengemeinde hat sich eines Bürgermeisters n n d Vorstehers zu rühmen. Sie gehört zu jenen Gemeinden, die ihre politische Selbstverwaltung besitzen, eine eigene Polizei, Briefträger, Nachtwächter n. f. w. haben." — An einem Tage fah er drei Städte seiner Heimat: U n g a r i s ch - B r o d, K r e m fier, Proßni tz. Natürlich interessierte ihn keine so sehr, als seine G eb u r t s st a d t Ei w a n o w i tz (schreibe auch Eywanowitz). „Eiwanowitz", schreibt er, „heißt das liebe Nest, das in meinen Träumen und Phantasien seither eine so große Rolle gespielt hat." Vergebens wünscht er sich gutes Wetter, so oft die Gedanken immer wieder abwärts schwärmen „nach des Vaters Hallen, wo die Sonne zuerst den Himmel vor ihm anfschloß." „Gerade an diesem Tage", da er in das Städtchen seiner Geburt einzog, „schloß die Sonne den Himmel überhaupt nicht ans und es regnete in Strömen." — Und daun folgt die wahrhaft idyllische Schilderung seines Besuches bei dem Nachfolger seines Vaters, dem vor einigen Wochen auch in das Land der Ewigkeit eingegangenen, ehrwürdigen Rabbi Leopold Eisler, dessen Andenken ein gesegnetes sei. Ein tresilicher Mann war er, voll Gelehrsamkeit, dessen Namen einen guten Klang besitzt in der Gelehrtenwelt. Die große Welt wußte freilich nicht viel von diesem stillen Gelehrten, der es verdient hätte, als ordentlicher Professor der hebräischen Sprache an einer Universität zu wirken. Und, als er Abschied nahm von dem stillen Städtchen, da stahl sich Inancher dicke Tropfen ans dem Auge, „der nichts mit dem Regen gemein hatte", welcher ihn „als treuer und unerwünschter Begleiter den Tag über nicht verlassen hatte". Als ich dann das Glück hatte, ihn in den Wäldern Gräfenbergs zu begrüßen, da hat er noch viel von der Heimat geschwärmt, von ihren Schönheiten, ihrer Lieblichkeit. Manches bittere Wort sprach er aber auch über die verschrobenen Menschen,

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