Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 30 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 30 Die Wahrheit Seile 5. Mars- und Jtoisten Recht, wie auch den Zionisten, er empfahl Turnen und Schekelsammeln, er sprach sich ans gegen jede jüdische Landespolitik. Er empfiehlt Vertrauen und Gehorsam gegen die Leitung und mißbilligt — aber sehr mild — jede Opposition gegen die offizielle Parteiführung; er will als einfacher Soldat marschieren und weiter nichts. Selbstlosigkeit und Demut bis ins Extrem. Und da wird man stutzig: ein parteifrommer, demütiger Nordau, ein gehorchender, kritikloser Nordau, ein bejahender Nordau, ein simpler Nordau, ein konservativer Nordau. Wo liegt der Schlüssel zu diesem Verhalten? Wir sind gewöhnt, Nordau über alles absprechen und urteilen zu sehen, wir kennen nur den jedes Zeitereignis in logische Formeln znsammenpressenden, als Statthalter des fleischgewordenen Logos über Leben und Tod richtenden Nordau. So kennen wir Nordau und so kennt er sich selbst. Aber ein stiller, beschaulicher Nordau, ein gläubiger Nordau gehört in das Reich der Fabel. Mögen die Alles- und Nichtswisser es behaupten, wir dürfen es — mit Nordau — nicht glauben. Wenn man Max Nordau heißt und Mitschöpser einer Bewegung wird, hat man nicht nur Rechte sondern anch Pflichten, zu leiten; man hat Pflichten, die Leitung an sich zu ziehen, nein, zu reißen, vorausgesetzt, daß man an der Verwirklichung der Idee glaubt, daß man sie ernst nimmt. Wie man sich zn Herzl stellt, eins muß man ihm lassen: er hat geglaubt. Je mehr Absolutismen von ihm erzählt werden, desto größer steht sein Bild vor unseren Augen. Er kannte seine Person, wußte, was er zu leisten vermag, und stellte seine ganze Individualität — insoweit die Sorge um .das tägliche Brot ihm dies gestattete — in den Dienst der Idee. Herzl wollte herrschen, um den Zionismus zum Siege zu führen; er fühlte sich als der „ungekrönte König," wie die Klugen spöttelten, weil er an sein Volk glaubte, und weil er auf dieses so schwer disziplinierbare, mit ihm hadernde Volk stolz war. Daher bleibt Herzl dem Jndentnme ewig unvergessen. Er taglöhnerte wohl bei der „Freien." aber sein freiwilliges Wollen und Können gehörte nur uns. Nordau will über uns nicht herrschen, weil er unseren Wert sehr klein veranschlagt, er unterorduete sich Herzl, weil ihm die ganze Sache nur ein mehrspaltiges Feuilleton war und ist, er lachte Herzl nicht aus, weil der Zionismus eine schöne Paradoxie war, er bleibt nie über die ganze Dauer des Kongresses, weil er dem Sport nicht seine ganze Zeit widmen kann, er nimmt in der Partei fein Amt ein, weil er es auch im Sport- oder Schriststellerklnb nicht tut, er wollte nach dem Tode des Führers nicht führen, weil es mehr keine Paradoxie, sondern eine logische, praktische Tat wäre, weil wir seine ganze Persönlichkeit gefordert, und der Zionismus ist ihm doch nur, wenn man so sagen darf, eine notwendige Illusion, mehr wohl sicher nicht. Man sagt, daß seine Familienverhältnisse ihn zu dieser Reserve zwangen, aber wir wissen, daß anch Zangwill sich in diesen Verhältnissen befindet, daß auch hier in Wien ein hervorragender Führer sich in denselben Verhältnissen befunden haben soll oder befindet, und dennoch taten sie ihnen keinen moralischen Abbruch, dennoch nahmen und nehmen dieselben in der zionistischen Partei eine autoritäre Stellung ein. Wir Zionisten sind in diesem Punkte nicht minder tolerant wie die offiziellen Knltusgemeinden, in denen sich oft die Abgefallenen und Losgesagten der höchsten Anerkennung erfreuen. Diesen Erklärnngsgrund müssen wir demnach fallen lassen. Es bleibt nur das oben Gesagte übrig. Max Nordau ist der Zionismus bestenfalls nur eine notwendige, sich nie verwirklichende Illusion. Und weil er ihn so erfaßt, hält er es für ein Verbrechen an der Menschheit, sich ihr zu entziehen und für ein notwendiges Idol Sysiphusarbeit zu verrichten. Weil wir Nordau gerecht werden wollen, müssen wir sourteilen. Irren wir uns aber, ist der Zionismus Nordau mehr, glaubt er an eine faktische Ausbreitung desselben, so ist seine Passivität ein Verbrechen. Man denke sich, - Deutschland hätte im Jahre, sagen wir, 1878 mit Frankreich wieder kämpfen müssen und Moltke hätte erklärt, er wolle nicht mehr den Marschallstab schwingen, er bleibe dabei, mit dem Tornister auf dem Rücken, ausgerüstet als einfacher Soldat in Reih' und Glied zn marschieren und überlasse die Leitung untergeordneten Generalen, würde er nicht verdient haben, vor ein Kriegsgericht gestellt und entweder zur Zwangsführnng oder zum Tode verurteilt zn werden; würde er nicht verdient haben, wenigstens moralisch dem Henker übergeben zu werden, wären nicht mindest die Vorwürfe über Mangel an Patriotismus gerechtfertigt? Das Beispiel stimmt nicht ganz, wie jedes Beispiel. Nordau hat für das Judentum noch keine Siege errungen, wie Moltke, so daß wir ein Recht hätten, ihn vor ein Kriegsgericht zn stellen. Aber er ist ein General von Gotlesgnaden, er ist der geborene Führer und wenn er führen will, ja wenn er sogar sich die Maske der Naivität angelegt und sowohl Zangwill als II s sischki n recht gab und wir ihn nicht verurteilen wollen, so müssen wir annehmen, daß er an den praktischen Zionismns nicht glaubt, daß er ihn, wie wir sagten, als notwendige Jllnsion betrachtet, und daß er in diesem Falle genug getan zn haben glaubt, wenn er sich als Paradestück verwenden läßt. Ja, bitter ist die Wahrheit, aber doch erhebend. 9t o r d a u ist für die Zionisten nur ein Paradestück. Mögen sie ihn feiern: sie dürfen aber nie vergessen, daß er nicht Fleisch ans ihrem Fleische und Blut ans ihrem Blute ist, io wenig wie Israel Zangwill, trotz seiner rastlosen Sprecherei. Was ist Nordau dem Geiamtjndenlum, d. h. was har er mit ihm gemeinsam in seinem Fühlen, Denken und Wollen? Nahum Sokolow, der um einen Ausdruck nie verlegen ist. nennt ihn einen modernen Gaou. Mag dies, insoweit man sein präzises Denken, seine logische Schärfe im Auge hat (d. h. in ein anscheinendes Chaos von Erscheinungen Mutter Logik hineinzubringen und dieselbe auf eine Formel zn pressen, die er vom Standpunkte des idealen Materialisten Vogtschen Kalibers entweder bekämpft, was zumeist der Fall ist. oder anch lobt, was zuweilen auch geschieht), seine Richtigkeit haben. Aber in diesem Sinne wäre jeder scharfsinnige Jurist ein Gaou. Wir glauben, der jüdische Gaou hat noch andere Merkmale. Der jüdische Gaon bat ein metaphysisches Bedürfnis, der jüdische Gaon hatte einen Gott, hatte alles, was Nordau tiicht hat. Der jüdische Gaon übte feinen Scharfsinn nn Dienste dieies Gottes. Sehen wir also von dieser Sokolowschen Phrase ab. Identifizieren wir nicht, gleich unseren erbittertsten Feinden, Jude mit Tenkapparat und fragen wir dann, wer hat mit dem Judentum mehr Gemeinsames, Max Nordau oder der von ihm bekämpfte Tolstoi? Wer ist der Schüler der Propheten, der russische Graf oder unser Nord au? Für wen ist Gott das Rückgrat der ganzen Geschichte? wer glaubt an die Ueberwindung des Bösen? wer glaubt an die großen Verkünder der allgemeinen Erlösung? wer glaubt an die Heiligkeit des Menschengeschlechtes? wer hat einen kosmologiichen, psychischen, ethischen und sozialen Gott? wer tritt ein für die Verherrlichung des Judentums in seinen breitesten Formen? so müssen wir sagen: Tolstoi und nicht Nordau. Nordau ist ein zionistischer, breiter veranlagter Börne. Er in Jude geblieben nnb Zionist. Wem dies genügt, der feiere. Gustav Karpelrs und seine mährische Heimat. (Persönliche Erinnerungen an den Verewigten, mitgeteilt von Dr. Max G r ü n f e l d. „Wenn du noch eine Heimat hast. §o nimm den Ranzen und den Stecken, Und wandre, wandre ohne Rast, Bis du erreicht den teueren Flecken." Die Nachricht von dem Tode des vortrestlichen Menschen, des geistvollen H e i n e f o r s ch e r s, des Verstandesschärfen, humorvollen Literaturhistorikers und Journalisten Dr. Gustav Karpeles hat mich tief erschüttert. Wohl wußte ich, daß er am Herzen leide. Vor einem Jahre ging er nach Nauheim, um seili krankes Herz „zu reparieren." Mit dem ihm eigenen, göttlichen Humor hat er diesen Kurort und seine Besucher, die wahrlich nicht sehr zu Scherzen reizen, geschildert. Und nun hat auch sein Herz, trotz Nauheim, zu schlagen aufgehört, das gute, für alles Edle erglühende Herz. „Leid ist's mir um dich, mein