Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 30 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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mmmmm Seite 4. Die Wahrheit Nr. 30. Herr Leven erklärte, daß diese Auffassung den Ansichten der Alliance voll entspräche. Die Alliance habe es bisher verstanden, den Zionismus fernzubleiben, und habe vermieden, ihn in irgend einer Art zu ermutigen. Die Unterhaltung, die sich beinahe zwei Stunden hinzog, trug den Stempel großer Herzlichkeit. * Gelegentlich des Kauzlerwechsels im Deutschen Reiche scheint nachfolgende Reminiszenz an den ersten Kanzler Fürst B i s m a r ck, die sein Verhältnis znm Antisemitismus einigermaßen richligstellt, am Platze. Am 29. Juni 1890 sandte Rabbiner Joses Nobel in Halberstadt ein Schreiben an den Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh, in welchem ans die Tatsache hingemiesen wurde, daß die Antisemiten seit dem Rücktritte Bismarcks, unter dessen Regime die antisemitische Bewegung entfesselt worden, sich an ihn herandrängten und seinen Namen für ihre Zwecke mißbrauchten. Die Schlußworte lauteten: „Ew. Durchlaucht! Ein kurzes Wort aus Ihrem Munde, und die Ritter des Antisemitismus werden es fürder nicht wagen, ihr giftiges Unkraut des Judenhasses für einen auf den Namen „Fürst Bismarck" zurückzuleitenden Stammbaum auszugeben. Ein Blitzstrahl von Ew. Durchlaucht, und der Schatten schwindet, der den einen Zug ans dem erhabenen Bilde verdunkelt, die Welt wird nicht nötig haben, den Mann vom Menschen zu trennen und die Menschheit wird dem großen Mann und großen Menschen ihre Verehrung und ihre Liebe bewahren!" Eine Woche darauf war in den „Hamburger Nachrichten", dem dem Fürsten Bismarck nahestehenden Blatte, folgendes zu lesen: „Wenn Fürst Bismarck dieser und jener Vereinsdepntation oder Festversammlnng ans ihren an ihn gerichteten Ehrengrnß in recht freundlicher Weise geantwortet hat. so war dies einfach ein Akt der. Höflichkeit von ihm, der in keiner Weise bekunden kann, daß er sich zu den Prinzipien der betreffenden Abordner und Teilnehmer bekenne. Was die Israeliten betrifft, ist so viel sicher, daß der Fürst, so weit es an ihm lag. nie zugegeben hätte, daß sie auch nur in einem einzigen der ihnen im Deutschen Reiche verfassungsmäßig zustehenden Bürgerrechte angetastel würden." Leider hat Fürst Bismarck die antisemitische Bewegung als Sturmbock gegen den Liberalismus benutzt und sie dadurch indirekt gefördert. -i- Vom Bureau der Alliaiice Israelite Universelle erhalten wir folgende Mitteilung aus Marokko: Fez, den 5. Juli 1909. Ich habe die Ehre, nachstehende Vorkommnisse zu Ihrer Kenntnis zu bringen. Im Laufe dieser Woche kam eine Anzahl armer israelitischer Arbeiter zu mir mit der Meldung, daß sie seit der Ankunft Mulay Hafids in Fez fast täglich zu Arbeiten in den Pnlverdepots des Sultans und in den Ställen des Dar el Maghsen heraugezogen würden, ohne jemals Lohn dafür zu erhalten. Das ist die Rückkehr zum alten Frohndienst. Die Arbeit für den Sultan besteh! darin, die Pnlverkäften zur Waffenfabrik zu transportieren und dort zu öffnen, das Pulver abznwiegeu, sachgemäß zu behandeln, zrr trocknen u. s. rv. Unter Abdul Asis gab es für jeden transportierten Kasten 0.75 Frcs., sodaß sich der Tagesverdienst für den Mann aus 2 Frcs. stellte. In den Ställen des Dar el Maghsen besteht die Arbeit in der Reinhaltung der Räume, in der Ueberführung der Tierkadaver weit hinaus auss freie Feld, außerdem im Vergraben der Leichen der Tiere, die dem Sultan gehört haben oder von ihm bestiegen worden sind. Die israelitischen Arbeiter müssen den mühseligen Dienst tun, ohne daß sie dafür auch nur ein Stück Brot für sich und die Ihrigen erhalten, sodaß sie aus Unterstützungen angewiesen sind. Einige versteckten sich, um der Frohnde zu entgehen, aber die aus ihre Spuren ansgesandten Soldaten fanden sie bald und trieben sie mit Stockschlägen zur Arbeit zurück. Andere verlangten Lohn, wurden aber durch Drohung mit der Bastonnade zum Schweigen gebracht. Sofort nachdem ich von diesen Ungerechtigkeiten gehört hatte, begab ich mich zum Großwesir Si Madani el Glaui. Er empfing mich ans das liebenswürdigste, ließ mich vor allen marokkanischen Vornehmen, Paschas und Caids eintreten, die nun auf mich warten mußten. Ich legte ihm dar, wie ungerecht es sei, die Israeliten so zu behandeln. Ich erinnerte ihn an den durch Sir Moses Montefiore erlangten Firma«, der ausdrücklich Frohndienst und Bastonnade abgeschafft; ich setzte ihm auseinander, daß man vonseilen der europäischen Juden nicht dulden werde, daß die marokkanischen Glaubensgenossen den allen Bedrückungen unterworfen würden, daß übrigens die Haltung der gegenwärtigen Regierung den Israeliten gegenüber in Europa den schlimmsten Eindruck mache, und daß es in seinem Interesse sei, jenen Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Da seine wohlwollende Gesinunng für die Israeliten, von der er oft Beweise gegeben, mir bekannt sei, hielt ich mich überzeugt, daß mein Verlangen sofort von Wirkung sein werde. Da es Abend war und im Augenblick nichts geschehen konnte, ersuchte mich der Großwesir, ihm anderentags die Arbeiter zu schicken, die Ansprüche an Dar el Maghsen hatten. Das tat ich und erfuhr, daß er nicht bloß die nötigen Befehle gegeben hatte, daß den Arbeitern voll bezahlt werde, was ihnen zukommt, sondern überdies an den Pascha von Fez, El Dschedid, ben Urheber der Missetaten, entschiedene Vorstellungen gerichtet und ihn mit Ungnade bedroht hat, wenn er die Israeliten übel behandle. Si Madani el Glaui hat mich aus eigenem Antrieb eingeladen. mich immer an ihm zu wenden, wenn die Israeliten über Versagung ihres Rechtes oder über Ungerechtigkeiten von Seiten ihres Paschas sich zu beklagen hätten. Er gab mir die Versicherung, daß er für uns die freundlichste Gesinnung hege, daß er die Dienste anerkenne, die die Israeliten dem Laude leisten, und daß, wenn er erst an der Gewalt sein werde, wir uns niemals über Bedrückung seitens des Maghsens zu beklagen haben würden. Nachdem wir einige Minuten über die Alliance und ihre Schulen gesprochen, verabschiedete ich mich von ihm, nicht ohne daß er mich zu häufiger Wiederholung meines Besuches eingeladen hätte. Den französischen Konsul Herrn Gaillard habe ich von den Vorkommnissen in Kenntnis gesetzt. Herr Gaillard hat mit dem Großivesir gesprochen, um meine Vorstellung zu unterstützen und hat mir versprochen, meine Klage vor den Sultan zu bringen. Mar Uorda». Von I. Mendel. Max Nordau, „Unser Nordau", feierte — darf man nicht sagen, der „Junge" von Paris will davon nichts wissen — also sein sechzigster Geburtstag wurde gefeiert. Von wem? Von Europa sehr wenig — nichts. Nordau wird von dem Kulturkreis, für den er arbeitet und zertrümmert, negiert unb vernichtet, gehaßt. Der spitzfedrige und scharfzüngige Kritiker erfreut sich überall der lebhaftesten Url-Sympathien. Da müssen wir eingreisen. Was ist uns Nordau? Alles: die Stimme des Kongresses, die Logik Herzls, der Altmeister und Mitbegründer der zionistischen Bewegung, der Erhalter und Versöhner. So lesen wir in den Partei-Wochenblättern und so werden wir später in den Moitatsschrifteu zit lesen bekommen. Wie glücklich die Seelen, die Gott mit Parteibrilleu ausgestattet. Nordau persönlich mag sie zwar nicht — es gibt aber Sansculotten, baräugige, brilleulose Geschöpfe — und die, welche dem Jubilar psychisch verwandter sind als die Allerweltsgntmacher, müssen Menschen und Verhälttiisse — zu ihreti Ungunsten, oft zu ihrem Unglück — so sehen, wie sie sind. Die Frage muß genau formuliert werden. Was hat Nordau für den Zionismus getan und was lut er für ihn gegenwärtig. Was? Er hat Herzl nicht ausgelacht, er hat ihn sogar ermuntert und beraten, noch mehr, er hat seiu^ gottbegnadetes Reduertalent dem Kongreß zur Verfüguitg gestellt, er kam zu jedem Kongreß, sprach, faszinierte und verschwand regelmäßig nach den ersten paar Sitztlngen. Hub er hat sich Herzl neidlos untergeordnet, er wollte nach dem Tode Herzls nicht an die Spitze der Partei treten, ja die Uebernahme des Kongreßpräsiditims mußte man ihm förmlich abringen, erpressen, er lehnte prinzipiell ab, Mitglied des Aktionskomitees zu werden, er gab sowohl den T-isten, beziehungsweise