Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 30 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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aßryeit Redaktion und Administration:! Wien, 11/1 Nvvaragasse 27 | Telephon der Druckerei 1530:2. K. k. öftere. Postsparkassa- Scheck-Konio 2>ir. 1000.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Zlbonnemenrs- und Jnsertionsbeträge sind in 29ieil zahlbar und klagbar. Möhängige Aertschnft für jüöische Mtere^en. Erscheint jeden Ireitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Ganzjährig.K 14.— Halbjährig.K 7.— Für Kultusbeamte: Ganzjährig.K 10.— Für Ausland: Ganzjäbrig.8 Mark 6 Rubel oder l6 Frcs. Nr. 30. Wie». 30. Inii i;»oo Inhalt: Aus der Woche. — Max Nordau. — Gustav Karpeles und seine mährische Heimat. — Hofrar Professor Dr. L)ser. — Ter Abfall und feine Gründe. — Berschiedeue Nachrichten. — Briefkasten. — Austritte aus dem Judentum. — Allgemeiner Deutscher Kantvren-Berbund. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um freundliche Einsendung des Avonnementsöetrages für das taufende Huartal ersucht. Ans dev Woche. Knapp bevor der Sommersession des österreichischen Reichsrathes durch die slavische Opposition ein gewaltsames Ende bereitet ward, wurden ilvch die Wahlen in die Delegationen vorgenommen, und da erscheint für die Richtung, in welcher sich die gestimmte österreichische Politik gegenwärtig bewegt, die Tatsache höchst bemerkenswert, daß trotzdem das gegenwärtige Abgeordnetenhaus 14 jüdische Abgeordnete zählt itnb einzelne derselben den Parteien, denen sie angehören, durch ihre großen Fachkenntnisse bereits hervorragende Dienste geleistet haben, kein einziger Jude diesmal in die Delegationen gekommen ist. Unseres Wissens ist dies seit dem Bestände dieser gemeinsamen Institution zum ersten Male der Fall und tvird um so bedauerlicher empfunden, als bei Entgegennahme der Berichte des Ministers des Aeußeren, des Kriegsministers, sowie bei Beratung der Verfassungs- und Verwaltnngsreform in Bosnien verschiedene, das allgemeine jüdische Interesse stark tangierende Fragen ansranchen werden, deren offene und rückhaltlose Besprechung durch einen jüdischen Abgeordneten wohl am Platze wäre. Wäre eine solche Zurücksetzung möglich, wenn die 14 jüdischen Abgeordneten, unbeschadet ihrer politischen Ueberzengung, in einen engeren Kontakt getreten wären? Vielleicht wird die Beantwortung dieser Frage eine heilsame Lehre für die Zukunft bilden. In den jüdischen Blätteril wurde kürzlich eine Korrespondenz aus Smyrna veröffentlicht, in welcher über einen Vortrag berichtet wurde, den der Deputierte von Adrianopel Dr. Riza T e m f i k, der mit einer Delegation türkischer Deputierter eine Auslandsreise zum Besuche europäischer Parlamente angetrelen, daselbst gehalten, und in welchem er seine Anschauungen über den Zionismus entwickelt hat. Als Ergänzung dieser Korrespondenz erhallen wir folgende Darstellung über den Aufenthalt der türkischen Deputation in Paris: Eine Delegation von gegenwärtig in Paris weilenden ottomanischen Parlamentsmitgliedern hat sich am Donnerstag den 15. Juli nach den Bnreaux der Alliance Jsraslite Universelle begeben, tvo sie von dem Präsidenten Herrn Leven und Mitgliedern des Zentral-Komitees empfangen wurde. Die Delegation bestand aus den Herren Dr. Riza Tefvik Bey, Deputierter von Adriauopel, Midhat Bey, Deputierter von Serres, Sasson, Effendi Deputierter von Bagdad. Bnstani Esfendi, Deputierter von Beyrnt, Mazliah. deputierter von Smyrna. Die Herren waren begleitet voll dein Kapitän Ismail Djanbnlet Bey und von Herrn Assse, Mitglied der nach Frank-! reich entsandten oltomanischen Finanz-Stlldien-Kvmmission. Herr Leven drückte den Delegierten, auch im Namen seiner Kollegen vom Zentral-Komitee, seine Freude über diesen spontanen Besuch ans. Er begrüßte die ottomanischen Deputierten als Vertreter eines Landes, das den verfolgten und bedrückten Jilden jederzeit in weitestem Maße Gastsrenndschaft gewährt habe. Wenn diese Anffassniig brüderlicher Duldsamkeit unter den j verschiedensten Regierungen der Vergangenheit geherrscht habe, wieviel mehr werde sie jetzt in Ehren gehalten werden, da die Türkei nach dem großartigen Aufschwung zur Freiheit, der in aller Welt Bewunderung gesunden, die Bürgerrechte proklamiert und sich ihre Stellung als konstitutioneller Staat erworben habe. Die Alliance habe seit fast 50 Jahren an diesem Werk des Fortschritts mitgearbeiret. In zahlreichen Schulen, die nacheinander während dieses Zeitraumes im Lande gegründet wurden, j hat sie die intellektuelle und moralische Emanzipation der Inden! angestrebt, und ' nichts kann die Resultate der Alliance besser! vor Angen führen, als die Zugehörigkeit der Deputierten zum! ottomanischen Parlament, die ihren ersten Unterricht in den Jn-! stituten der Alliance genossen haben. Herr Dr. Riza Tefvik Bey, Deputierter von Adrianopel,! dankte dem Präsidenten der Alliance für seine sympathischen; Worte. Er erklärte, daß er das Erziehnilgswerk der Alliance! Jsraslite Universelle in der Türkei sehr zu schätzen wisse, weil j er, ein Muselmann, seine erste Erziehung diesem Werk verdanke; j auch habe er nicht aufgehört ihm seine große Sympathie öffent-! lich zu bezeigen. Das Wohlwollen, das die Türkei den Inden j entgegenbringe, ist nur gerechtfertigt. Ihre intellektuelle Tätig-; feit, ihre reinen und friedlichen Sitten werden viel dazu bei- > tragen, um den Fortschritt des Landes zu entfalten. Wie bisher.! so könnten sie auch in Zukunft auf den Geist menschlicher j Brüderlichkeit aller Mitbürger zählen, welcher konfessionellen j oder Volksgruppe diese auch angehören. i Eine Andeutung auf die zionistische Bewegung beantwortete der Redner dahin, daß es geraten sei, diese Bewegung nicht zu ilnterstützen. Die Türkei habe im Sinne, ihre Türen allen Verfolgten offen zu halten, die zu ihr kommen, um ihre Kräfte zu brauchen oder ihre Kapitalien nutzbar zu machen. - Sie würde eine Bewegung nicht dulden, die das Aufrollen einer in Wirklichkeit nicht existierenden jüdischen Frage bezwecke, einer Frage, die bervorzurufen nicht im Interesse der Israeliten liege.