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Die Wahrheit · 1909-07-23 · Heft 29 (23.7.1909) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 29 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 29. immer noch hoffte, daß dies Uebel durch eine Operation behoben werden könne. Es war dies nicht so leicht zu erlangen, denn selbst den unablässigen Bitten Gundels setzte Nösl stets die Behauptung entgegen, daß dies ein Familienleiden sei, dem sie unrettbar verfallen, und welches sie noch durch ihr unsinniges Lesen beschleunigt habe. Gundel ließ sich wohl damit abfertigen, nicht so der Mediziner, welcher der Augenheilkunde während seiner ganzen Studienzeit ungewöhnliches Interesse entgegenbrachte. Während Rösl wieder einmal allein in ihrem Zimmer war, den Strickstrumpf in den Händen nnd ernste Gedanken im Kopfe, machte sich der eintretende Doktor ein Herz und steuerte gerade auf sein Ziel los. Er kam schlecht au. „Auch meine Mutter ist blind gestorben. Es ist dies ein Faktum, gegen das sich nicht ankämpfen läßt," sagte Frau Rösl. ..Wenn aber doch?" meinte dringlicher werdend, der Doktor. „Zu jener Zeit stand die Chirurgie noch auf keiner solch' hohen Stufe wie jetzt. Was damals unmöglich, ja undenkbar schien, ist heute eine ungefährliche Operation, die alljährlich mit gutem Erfolge vorgenommen wird. Es braucht nur etwas Mut Ihrerseits, einen festen Entschluß, und die Finsternis, welche Sie jetzt umgibt, wird dem göttlichen: „Cs werde Licht!" weichen, und dann werden mit der äußeren Finsternis auch die finsteren Gedanken verschwinden, welche so oft hinter dieser hohen Stirne arbeiten, nnd diese in krause Falten ziehen." „Lassen Sie mir meine Blindheit, ich tauge nicht mehr in diese Welt!" „Was, das sagen Sie, eine so gebildete Frau!" . Die Blinde fuhr vom Lehnsessel, auf dem sie gesessen, empor, und stellte sich vor ihren Besucher auf. „Auch Sie, Sie nennen mich mit diesem unglückseligen Worte, welches fast mein ganzes Leben vergiftet hat?" Der Doktor wußte es von seiner Braut, daß Frau Rösl das Wort „gebildet" als die größte Beleidigung, die man ihr anzutun vermochte, empfand, sonst hätte er wahrhaftig annehmen müssen, die gute Frau sei plötzlich von Irrsinn befallen worden. „Sie wissen sehr wohl, daß es nicht in meiner Absicht gelegen, Sie zu beleidigen oder zu kränken. Niemand kann besser so wie ich weibliche Bildung würdigen, der ich mein Leben lang nur mit hochgebildeten Damen verkehrt habe, deren wohltätiger Einfluß den Hang zum Bösen, den ich in etwa von meinem Barer ererbt hatte, vernichtete. Wenn ich Sie also eine gebildete Frau nannte, so geschah es darum, weil ich Ihnen mit diesem Ausdrucke meine besondere Hochachtung beweisen wollte." ,,O, Sie wissen nicht," rief Nösl schmerzlich bewegt ans, „was ich Jahre lang unter dem ungerechten Vorwurfe gelitten, daß ich durch Erlangung meiner sogenannten Bildung dem Unternehmen meines Mannes hinderlich gewesen, daß ich Haus und Familie vernachlässigte u. s. w. Alle haben ja kein gutes Haar an mir gelassen," rief sie aus, mit den Händen gewohnheitsmäßig die erblindeten Augen bedeckend, gleichsam, als wollte sie all die Qualen nicht sehen, die sie im Herzen mit gemacht. „Arme Frau!" sagte der Doktor, von tiefem Mitleid ergriffen und nahm ihre Hände in die seinen. „Wissen sie denn nicht, daß Bildung frei macht? Frei vom Drucke aller Vorurteile, frei von kleinlichen Bedenken und Rücksichten. Viele haben Sie verleumdet, weil Sie, die ärmere, es gewagt haben, diese in geistiger Beziehung zu überragen. Diese Nichtigkeit hätte keinen solch' großen Einfluß ans Ihr ganzes Leben ausüben sollen, denn Sie mußten sich selber sagen, daß nur Geistesbildung im Stande ist, den Armen davor zu bewahren, daß er nicht im Schlamme des Gewöhnlichen versinke nnd untergehe." „Sie haben in - manchem Recht, lieber Freund," unterbrach Nösl den eifrigen Sprecher, „und es ist mir auffallend, woher Ihnen, dem jungen Manne, der kaum die flotten Studentenjahre hinter sich hat, diese ernste Erfahrung kommt?" „Diese Erfahrung hat mir meine durch die Flucht meines Vaters verdüsterte Kindheit gebracht. Was wäre aus meiner Mutter geworden, was aus meiner Jugend, was aus meiner Zukunft, wenn meiner Mutter ihre Geistesbildung nicht die Kraft verliehen hätte, dem Schicksal zu trotzen, und wenn auch in dienender Stellung, uns Beiden eine Existenz zu erringen." „Liegt in Ihren Worten nicht ein Widerspruch? Ihr Vater ist gewiß ein gebildeter Mann, ja, man kann sagen, ein Gelehrter, und hat ihn seine ganze Weisheit davor geschützt, daß er auf Abwege geriet?" „Bis vor kurzem war mir die Handlungsweise dieses Mannes, den ich Vater nennen muß, ein unentwirrbares Rätsel, da ich ebensowenig in der Person und in dem Charakter meiner Mutter, als in den Vermögens- oder sonstigen Verhältnissenden Grund zu der heimlichen Entweichung meines Vaters finden konnte. Seit ich aber von Ihnen, gnädige Frau, die Geschichte vom Verrate gehört, den der Vater an seiner opferwilligen Jugendliebe ausgeübt, ist mir ein grelles Licht darüber anfgegangen, was denselben aus seiner gesicherten und geachteten Stellung, und aus seinem traulichen Heim von Weib und Kind weggetrieben: das erwachte Gewissen war der Cherub gewesen, der mit seinem flammenden Schwerte, der Rene, den Unglücklichen aus seinem Paradiese vertrieben, nnd jetzt, wenn er noch am Leben ist, irrt er gewiß in der Fremde unstet und flüchtig herum. Einem solchen Gemütszustände kann der höchste Bildungsgrad nicht Stand halten." Der junge Mann hat mit seiner zündenden Beredsamkeit soviel erreicht, daß ihm Frau Rösl eine Untersuchung ihrer Augen gestattete nnd als er mit aller Bestimmtheit behauptete, daß eine Operation möglich sei, war es nunmehr Sache der zunächst Beteiligten, das ist des Gatten und der Kinder, um die noch immer Zaghafte zu diesem Entschlüsse zu ermutigen. Als nach nicht ganz zwei Jahren Doktor Müllner seine teure Elise zum Traualtar führte, befand sich unter den Gästen auch die wieder sehend gewordene Frau Rösl Fischer. Während Gundel nnd Frau Müllner die geliebten Kinder zum Traualtar begleiteten, bereitete Rösl im Hause der Lehrerin ein Festmahl für alle Gäste vor, unter denen die von Wien angekommenen Verwandten Gundel's, Herr und Frait Barta, den ersten Platz einnahmen. Noch eine Wandlung war mit der bisher blinden Frau Rösl vorgegangen. Auch in ihrem Innern war es Helle geworden. Die finsteren Schatten, welche sich-von Zeit zu Zeit über ihr Gemüt gelagert hatten, nnd es so oft verdüsterten, waren gewichen; nicht mehr zürnte sie denjenigen, welche ihren seltenen Geistesgaben Anerkennung zollten, und stolz leuchteten ihre wieder hell nnd klar blickenden Augen unter den schützenden Gläsern hervor, wenn man sie nannte: „Eine gebildete Frau!" Austritte ans dem Indeutnm. Stefan Demeter, geb. 18. Juli 1879 in Raab, ledig, Fabriksbeamter, XIII., Hietzinger Hauptstraße 46. Stefanie Brüll, geb. 24. Dezember 1879 in Wien, ledig, Private, XIII., Feldmühlgasse 14. Charlotte Tambour, geb. 28. Mai 1875 in Wien, ledig, Private, IV., Weyringergasse 34. Johanna Schaffer, geb. 15. April 1877 in Tadsen, ledig, Gemischtwarenverfchleißer, XI., Hauptstraße 26. Siegfried T a m l e r, geb. 28. Jänner 1875 in Sereth. ledig, Jurist, 111., Hauptstraße 131. B ernb. Freud, geb. 7. Juni 1875 in Stitna, verh., Kaufmann, XIII., Hadikgasse 138. E l i s a b. Ada m, geb. 13. Februar in Kemmelbach, verheir., Privat, II., Kronprinz Rudolfstraße 12. Marie Freud, geb. 3. Mai 1884 in Toysbrnnn, verheir., Privat, XIII.,- Hadikgasfe 138. Heinr. Fischer, geb. 19. August 1903 in Wien, t einverständlich mit Gustav Fischer, geb. 9. März 1907 in Wien, j den Eltern Hof-- u. Gerichts-Advokat, Dr. Georg Fischer, I., Schottenring 35. Emma Springer, geb. 17. April 1887 in Wien, ledig, X., Favoritenstraße 132. Ilona F r ä n kl, geb. 12. März 1892 in Galgocz, ledig, Konservatoristin, 11., Springergasse 4. Hedwig Popper-Frei in von Podraghy, geb. 26. April 1889 in Wien, ledig, Private. III., Strohgasie 24. Herbert Holz, geb. 5. April 1895 in Wien, ledig, Gymnasiast, II., Malzgasse^4. Fr l. phil. D r. Anna Nußbau m, geb. 9. September 1883 in Czernowitz, ledig, I., Rarhausstraße 4. Karl Ludwig Bücher, geb. 1. November 1689 in Wien, ledig, Hilfsarbeiter, XII., Steinhagergafse 9. Franziska Piller, geb. 8. Jänner 1690 in Wien, ledig, Schneiderin, XII., Schönbrunnerstraße 195. L i p o t L a m b e r g, geb. zu Wien, l. Zuschrift des Rabbinates in Budapest.

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