Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1909-07-23 · Heft 29 (23.7.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 29 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063469-3063498--06178-3073160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 6. Die Wahrheit Nr. 29. stellen, welche teils selbständig wirken, teils von den großen Hilfsorganisationen subventioniert werden. In erster Reihe aber haben die von der Jewish Colonization Association („Ica“) in Rußland selbst geschaffenen, mit großen Kosten erhaltenen Informationsbureaux und Auskunftsstellen in den meisten von Juden bewohnten Städten, selbst in den kleinsten Ortschaften bereits sehr viel zur Ordnung und Regulierung der Emigration beigetragen. In St. Petersburg besteht ein Zentralkomitee der genannten Gesellschaft, das einerseits mit unserer Allianz in Wien und den Hauptorganisationen der anderen westeuropäischen Länder, andererseits mit Lokalkomitees in allen russischen Provinzorten in permanentem Kontakt ist. Dieses Zentralkomitee redigiert auch in jüdisch-deutscher Sprache (in hebräischer Schrift) eine zweimal monatlich erscheinende Zeitschrift „Der jüdische Emigrant", die, in 50.000 Exemplaren verbreitet, die weitesten Kieise selbst der ungebildeten Inden in entlegenen Provinzorten mit den tatsächlichen Verhältnissen der Emigration vertraut macht. Dieses Organ der Informationsbureaux bringt fast in jeder Nummer ausführliche Berichte von verläßlichen Korrespondenten aus New- Jork und anderen amerikanischen Zentren, Briefe aus den europäischen Hafenstädten und Berichte von den Komitees und den Vertrauensmännern im russischen Reiche, ferner genaue Angaben über die Bahn- und Schiffahrtspreise von jeder russischen Grenzstadt aus. Jnsormationsbureaux bestehen in Nordwest-Rnßland im Gouvernement W i t e b s k an 11 Orten, iin Gouvernement M o h i l e w an 11 Orten, im Gouvernement Minsk an 53 Orten, im Gouvernement K o w n o an 9 Orten, im Gouvernement Wilna an 13 Orten, im Gouvernement G r o d n o an 13 Orten; für Sndwest-Rnßland im Gouvernement Wolhynien an 26 Orren, im Gouvernement P o d o l i e n an 12 Orten, im Gouvernement Kiew an 30 Orlen, in den Gouvernements P o l t a w a und C z e r n i g o w an 22 Orten; für Russisch-Polen in W a r s ch a u und in 16 Provinzorten; für Südrußland in K i s ch i n e w, Odessa, C h e r s o n, E k a t e r i n o s l a w, S i m f e r o p o l und 29 anderen Orten; ferner in den Ostseeprovinzen und in Finnland. Die „Israelitische Allianz zu Wien" steht in regelmäßiger Korrespondenz hauptsächlich mit dem Zentral - Komitee in St. Petersburg, korrespondiert aber in besonderen Fällen im Interesse der Emigranten auch mit den provinzialen Hanptkomitees in Rußland. Ueberschreiten die Auswanderer die russische Grenze, so sind auf der prerrßischen Seite Jnsormations- und Schutzkomitees in Königsberg, Memel, Tilsit, Prostken, Thorn, Myslowitz. Kattowitz, Ratibor und längs der österreichischen Grenze die Filialen und Lokalkomitees der Wiener Israelitischen Allianz in Nowosielitza, Czernowitz, Podwoloczyska, Brody, Husiatyn, Krakau und Lemberg. In Wien lvie in Berlin sollte sich eigentlich das Hilfsmerk darauf beschränken, Direktiven an die Grenzkomitees zu erteilen und es sollte kein hilfsbedürftiger Auswanderer passieren, für den nicht schon von Rußland aus oder bei der Jnstradierung an der Grenze vollkommen gesorgt ist. Durch den Umstand jedoch, daß zahlreiche, durch die wirtschaftliche Notlage zur Auswanderung gedrängte Familien entgegen den Warnungen, die so häusig erlassen werden, sich ohne genügende Mittel und ohne Sicherheit über die Zulassung zur Landung, oft auch ohne bestimmte Ziele sich auf die Wanderimg machen, haben die mitteleuropäischen Zentralstellen neben ihrer weitverzweigten Hilfstätigkeit ebenfalls Tag für Tag als Jusormalious-Bureanx für zahlreiche ratlose Durchwanderer zu wirken. R u m ä n i e ii kommt natürlich gegenüber Rußland mit seinen sechs Millionen Juden verhältnismäßig nur wenig in Betracht. Die Regelung der Emigration in diesem Lande konnte schon vor vielen Jahren von der Ica in Verbindung mit unserer Allianz dadurch leicht durchgeführt werden, daß der ständig in Bukarest wohnende Vertreter der Hilfsorganisationen in uunnterbrbchener Verbindung mit Vertrauensmännern in allen rumänischen Städten für die Verbreitung verläßlicher Informationen sorgt. Anläßlich der wiederholten großen Auswanderung in den verflossenen Jahren war das Hilsswerk so organisiert, daß viele Tausende voit Personen in geordneten Gruppen, jedesmal vorher der Israelitischen Allianz in Wien avisiert, aus Rumänien reisten, bei der Ankunft in Wien am Bahnhofe von unseren Beamten erwartet, verpflegt und innerhalb weniger Stunden (wenn nicht gerade ein Samstag eine Unterbrechung der Reise und längeren Aufenthalt in Wien nötig machte) unter telegraphischer Benachrichtigung des von uns subventionierten Auskunfts-Bureaus in Basel dort'nn weiter expediert wurden, um von dort über Rotterdam oder Antwerpen nach den überseeischen, bereits vor der Abreise aus Rumänien festgesetzten Zielen befördert zu werden. Bei der Ankunft in Nord-Amerika, in Kanada' wie in Argentinien wirken eine ganze Reihe von Empfangs-Komitees dahin, daß den unerfahrenen Personen in der neuen Heimat Auskunft, Rat und Schutz zuteil werde. In New-Iark besteht eine jüdische Hilfsgesellschaft für Einwanderer (Hebrew Immigrant Aid Society), mit der wir, sowie die anderen europäischen Organisationen, in regelmäßiger Korrespondenz uns befinden und die ihrerseits mit Komitees und Vertrauensmännern in den meisten anderen amerikanischen Städten in Beziehung steht. Ein besonderes Komitee in New-Iork (Removal Committee) unterstützt mit Rat und Tat diejenigen Personen, welche angesichts der ungeheuren Schwierigkeit, sich in dem von armen Inden überfüllten New-Iork eine Existenz zu begründen, nach dem Innern des Landes weiterzureisen geneigt sind. Seit einiger Zeit erscheint in New-Iork auch für die Einwanderer eine besondere, in jüdisch-deutscher Sprache mit hebräischen Lettern herausgegebene Zeitschrift, in welcher über das Leben in Amerika, die Erwerbsverhältnisse im allgemeinen, den Arbeitsmarkt in den verschiedenen Staaten der Union, die gemeillllützigen Anstalten n. s. w., ausführliche Informationen erteilt werden. Es bleibt natürlich noch sehr viel zu tun übrig. Die bestehenden Einrichtungen können erweitert und ausgestaltet, die Komitees vermehrt, die erteilte moralische Hilfe hie und da wirksamer gemacht werden. Aber im großen und ganzen ist, was auf dem Gebiete der Fürsorge für die jüdischen Auswanderer aus Ost-Europa geschehen konnte, bis jetzt geschehen, und, wenn man sich vor Augen hält, daß von einer Bevormundung der großen Massen selbständig mit eigenen Mitteln und nach freigewählten Zielen answandernder Personen überhaupt nicht die Rede sein kann, ist jede weitere humanitäre Tätigkeit auf diesem Gebiete wohl nur durch Anlehnung an das bereits Geschaffene denkbar. Verschiedene Unchrichlen. Wien. Samstag am 31. Juli. Predigt im Stadttempel. ‘ Wien. Anläßlich der iüilsteu Wiederkehr des Todestages Dr. Theodor . Herzls veranstaltete die Wiener zionistische Organisation Donnerstag, den 19. Thainns im Seitenstettentempel eilten Tranergottesdienst. Der Tempel ivar bis ans das letzte Plätzchen gesüllt. Herl Oberkantor Don Fuchs versah den kantoralen Teil des Gottesdienstes und der Rabbiner Herr Dr. F e u ch t w a n g hielt die Gedenkrede. — Sonntag, den 21. Thainus faubeit sich an 600 Zionisten auf dein Döblinger Friedhofe ein. Herr Oberkantor Jakob L a n 0 a u brachte die Tranergebete znin Vortrage, worauf Herr Dr. Egon Zweig im Namen der Wiener Zionisten, kand. tech. Herr Otto Krasny im Namen der Stndentenschasr, Herr Lebowicz ans Budapest namens der ungarischen Zionisten. Herr Cornelius S t r a ch namens des mährisch-schlesischen D.-K. und Reichsratsabgeordnetec Adolf Stand als Vertreter des galizischen Zenrralkoiuitees sprachen. Alle Redner gaben sowohl der tiefen Trauer um den großen Toten, als auch stolzen und prachtvollen Hoffnung auf die Zukunft des jüdischen Volkes und der zionistischen Bewegung Ausdruck. Wien. (Gustav K a r p e l e s). Wie ans Berlin knapp vor Schluß des Blatres gemeldet wird, ist dort am 21. d. M. der als Literarhistoriker und Heine-Forscher bekannte langjährige Redakteur der „Allgem. Ztg. d. Indent." Gustav K a r p e l e s infolge eines Schlaganfalles gestorben. Gustav Karpeles, der zur Elite der jüdischen Schrifrstellerwelt zählte, ist ein gebürtiger Oesterreicher. Er wurde am 11. November 1618 zu Eywanowitz in Mähren geboren. Anfangs zum Studium der Theologie bestimmt, wandte er sich schon in jungen Jahren der Literaturgeschichte zu, indem er vom theologischen Seminar in Breslau den Weg in die Feuilletonredaktioi!. der „Breslauer Zeitung" nahm. Schon damals fesselten ihn Spezialstudien über Heine-Literatur, zu deren .besten Kennern er in Bälde gehörte. Seine zahlreichen Arbeiten zu dieser Literatur gewannen gleich seiner Edition von Heines Werken allgemeine Anerkennung. Doch widmete er sich auch weiterer Literarursorschung. als deren Produkt eine „Allgemeine Geschichte der Literatur" resultierte. Auch bei der Herausgabe der „Westermannschen Monatshefte", die er neben Friedrich Spielhageu leitete, bewährte er sich nach dessen Worten „als sehr geschmackvoller,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.