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Die Wahrheit · 1909-07-23 · Heft 29 (23.7.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 29 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29. Die Wahrheit Seite 5. Gelegenheit gehabt, vielfach an Besprechungen teilzunehmen, in denen derartige Vorschläge zur Erörterung gelangten. Es ergab sich aber dabei zumeist, daß in den mit den bestehenden Hilfsorganisationen in keinem permanenten Kontakt befindlichen Kreisen ungenaue Vorstellungen über den Gegenstand verbreitet sind und daß manche von einem warmen Interesse für die emigrierenden Glaubensgenossen und einer regen Hilfsbereitschaft Zeugnis ablegenden Pläne entweder gänzlich undurchführbar oder durch die Fürsorge der europäischen und amerikanischen Organisationen bereits verwirklicht sind. Wir glauben daher, daß folgende Mitteilungen. die aus einem vor einiger Zeit von unserem Sekretär- Herrn Dr. K a m i n k a gehaltenen Vortrage stammen, unseren Mitgliedern und Freunden besonders willkommen sein werden. 1. Der relative Umfang und die Qualität der jüdischen E m i g r a n t e n. Menschenfreunde, die mit einzelnen armen Auswanderern zu tun haben, die zu jeder physischen Arbeit befähigt und in jedes beliebige Land zu gehen bereit sind, um sich nur eine Existenz zu begründen, sind leicht geneigt, zu generalisieren und dies als den Typus des jüdischen Emigranten zu betrachten. Wenn sie dann hören, daß in einem Jahre über 100.000 Juden ans Rußland ansgewandert sind, stellen sie sich unwillkürlich eine ebensolche Zahl arbeitskräftiger und kolonisatorisch in jedem Lande verwendbarer Personen vor und werfen die naheliegende Frage aus, ob es nicht zweckmäßig wäre, diese großen Menschenkolonnen, deren Bewegung sie als eine beispiellose Erscheinung betrachten, nach einem bestimmten Territorium zu dirigieren, wo sie dauernd Ruhe und Erwerb finden könnten. Nun liegen aber die Dinge ganz anders. Die gesamte jüdische Auswanderung, selbst aus den Ländern, wo die größten Verfolgungen stattfinden, bildet nur einen unbedeutenden Teil der europäischen Emigration überhaupt und steht, wie die statistischen Zahlen beweisen, trotz der besonderen politischen Leiden der Juden vorwiegend unter dem Einflüsse rein wirtschaftlicher und individueller Triebkräfte. So sind im Jahre 1906/7 (dem letzten vor der amerikanischen Krise) aus Rußland allerdings 114.932 Inden nach den Vereinigten Staaten ansgewandert. Aber in demselben Jahre betrug die Zahl der europäischen Auswanderer in diesem hauptsächlichen Einwandernngsgebiete nicht weniger als 1,285.349 Personen, also mehr als das Zehnfache. An dieser Zahl partizipieren die Italiener allein mit 294.061 Personen, also weit mehr als mit der doppelten Zahl der emigrierenden Inden ans ganz Europa, welche im genannten Jahre auf etwa 140.000 Personen berechnet. wurde. Die Masfenwanderung der Inden hat also, wenn man die besonderen Erwerbsverhältuisse und die leichtere Beweglichkeit derselben in Betracht zieht, weder etwas ungewöhnliches, noch etwas beunruhigendes. Nebenbei bemerkt, bilden die 114.239 russischen Juden auch nur 44% der Auswanderung aus dem russischen Reiche allein, wo die nichtjüdischen Bauern doch viel schwerfälliger, die Erlangung von Reisepässen ungeheuer schwierig ist und die kolossale Ausdehnung des allen Nichtjuden offen stehenden Reiches doch, wie man annehmen möchte, eine Emigration nach Amerika gar nicht aufkommen lassen sollte. Aber auch bezüglich der Qualität ist die Statistik besonders lehrreich, da sie den jüdischen Einwanderern zwar das an sich sehr günstige Zeugnis ansstellt, daß sie die größte Anzahl gelernter Arbeiter (skilled trades) stellen, dieser Umstand aber in wirtschaftlicher Beziehung sich zu ihren Ungunsten wendet. Sie sind nämlich dadurch nicht ein Menschenmaterial schlechtweg, eine undifferenzierte Masse von Arbeitskräften, die mau beliebig dirigieren kann, sondern vorwiegend Personen und Familien, die nur in bestimmten Gebieten und unter bestimmten Verhältnissen ihre Existenz finden können. So waren z. B. unter der genannten Zahl jüdischer Einwanderer in Nordamerika 21.779 Schneider, 4790 Schneiderinnen, 2087 Wäschenäherinnen, also zusammen 28.656 Personen, die in der Kleider- und W ä s ch e b r a n ch e Beschäftigung suche n und wohl kaum zu irgend etwas anderem befähigt waren. Eine Berechnung des Prozentsatzes jüdischer Handwerker bestimmter Kategorien im Verhältnis zu den übrigen Emigranten desselben Handwerkes ergibt folgende Tabelle: es waren im Jahre 1906/7 von den einwandernden Hntmachern 74*5%, Schneidern 71%, Modistinnen 70%, Buchbindern 67-2%. Kürschnern 65*1%, Uhrmachern 62*5%, Spenglern (tüuirsrs) 56'8%, Schneiderinnen 56*2%, Juwelieren 48*9%, Tapezierern 47*4o/o, Graveuren 88*50/0, Schlossern 32.90/0 Juden. Außerdem waren unter den Einwanderern: 3534 Kanflente, 2420 Kommis, 269 Lehrer, 178 Musikanten, 69 Elektrotechniker, 66 Künstler, 63 Literaten, 54 Ingenieure, 49 Rabbiner und Kantoren. Bei dem größten Teil dieser Personen muß man sich Familienhäupter denken, die entweder ihre Angehörigen schon mithaben, oder sie in kürzester Frist, nach Erlangung dauernder Arbeit Nachkommen lassen wollen. Schon aus dieser Zusammenstellung allein ergibt sich auch der zweite Irrtum, der in weiten Kreisen verbreitet zu sein scheint, daß nämlich die Emigration künstlich lenkbar wäre und daß man sie ans Grund politischer oder menschenfreundlicher altruistischer Erwägungen nach irgend einem besonderen Gebiete dirigieren könnte. Kann man sich vorstellen, daß in irgend ein geschlossenes, neu zu kolonisierendes Gebiet in einem Jahre 21.779 Schneider und in ähnlichem Verhältnisse andere Professionisten geschickt werden können? Würde ein Territorium gefunden werden, das eine besondere Anziehungskraft für arbeitsfähige Personen hätte, die nicht bestimmten Bernsen angehören, so könnte dies höchstens zur Folge haben, daß ganz neue, bisher gar nicht in Bewegung stehende Massen angezogen werden würden, wie dies bei der Entdeckung eines Gvldgebietes für abenteuerlustige und geldgierige Personen geschieht. Die gegenwärtig bestehende faktische Emigration würde dadurch bis ans einen kaum nennenswerten Teil gar nicht berührt werden, da sie sich auf Grund rein individueller Bestrebungen vollzieht undsich nicht anders vollziehen kann. Aber schon der bloße Gedanke, daß die jüdischen Auswanderer, soweit von den wirklich großen Massen die Rede ist, überhaupt irgend wohin „geschickt" werden könnten, ist eine durch statistische Zahlen als eine den Tatsachen vollkommen widersprechende Hypothese zu betrachten; denn mindestens 90% der Emigranten braucht weder unseren Rat, noch unsere Hilfe, ist vollkommen unabhängig und würde sich jedes, noch so wohlwollendes Dreinreden verbieten. Eine Zusammenstellung über die von den Einwanderern in New-Iork mitgebrachten Barmittel pro 1905 ergibt, daß die einwaudernden Inden weder absolut noch relativ zu den allerärmsten Einwanderern gehören. Sie haben in diesem einen Jahre nicht weniger als 1.824.617 Dollar (nahezu 10 Millionen Kronen) nach den Vereinigten Staaten mitgebracht und selbstverständlich haben alle diese Personen auch vorher ihre Sckiffskarten aus Eigenem bezahlt, da diejenigen, welche Mittel besitzen, von den Hilfskomitees in Europa nicht unterstützt werden. Relativ rangieren die Inden mit 14 Dollar per Siopr zwar hinter den Böhmen und Ungarn, aber noch vor den Polen, die nitr je 13 Dollar im Durchschnitt und den Rntheneu, welche nur 12% Dollar milbringen. Nichtsdestoweniger sind selbstverständlich alle Bestrebungen, welche dahin gehen, durch richtige Informationen, durch Aufklärung über die Arbeitsverhältnisse und namentlich durch Schutz vor Ausbeutung den armen Auswanderern moralischen Beistand zu leisten, als nützlich und dankenswert zu betrachten. Sie erleichtern das Werk der bestehenden Hilfsorganisationen und erhalten das Interesse wach für das Werk der Menschenliebe und Barmherzigkeit im Dienste der Unglücklichen, die, sei es als Opfer der Verfolgung, sei es ans wirtschaftlichen Gründen jenseits der Meere Obdach und Brot suchen. 2. Die gegenwärtige Organisation der Jnformationsbnreaux. Um nach Möglichkeit den armen unerfahrenen Emigranten Rat und Auskunft zu erteilen, um sie über die wirtschaftlichen Verhältnisse in den überseeischen Ländern zu informieren, ihnen die genauen Fahrpreise anzugeben und eventuell die zu erlangenden Ermäßigungen bei den Schiffahrtsgesellschaften zu vermitteln, besonders aber, um sie vor der Ausbeutung durch dre Agenten zu schützen, besteht schon seit mehreren Jahren ein durch ganz Europa ausgebreitetes Netz von Hilfskomitees und Jnsormations-

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