Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 29 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Dii> Wahrheit Nr. 29. sei Dank nicht. Die Wiener jüdische Jugend zerbricht sich nicht den Kopf Über AchadHamismns und Herzlianismus, über politischen und wirtschaftlichen 'Zionismus, über Nationalismus und Zionismus. über Groß- und Kleintolonisativn. über Landes- und Palästinapolmk. über Hebräisch oder Jüdisch, über den Streit Ussischkin-Warburg. über Wolfsohns nichtsnutzige und hohle Geheimnißkrämerei; über alles, was das jung und altjüdische Herz bewegt und belebt. Ein Zeichen, wie ungefährlich der Zionlsinns hier ist. sind die Zionisten, d. h. das zionistische Leben. Wien, die Stadt, der eleganten/ genialen künstlerischen Flachheit. Wien die Stadt der schönen, singenden, spielenden Musen hat auch seinen Zionismus; d. h. hat, weil Zionismus eine ties ernste, den ganzen Menschen absorbierende Bewegung und Erregung des Judentums ist. keilten Zionismus, sondern nur einen — und dies kennzeichnet Wien am besten — Brnnerianismns. Wende man die Sache wohin man will, vom Zionismrts droht der Wiener Judenheit keine Gefahr. Die nichtvorhandene, wahrhaft religiöse ernst gestimmte Jugend, die bisher keilten Unterschied zwischen Religion und Rasse kannte, wird von den arglosen Cafe Marienbrücke-Zionisten sicher nicht verdorben werden. Und das; sie so einmal — öfters tun sie es nicht, dafür sorgt schon der Wienerianismus — manch feingebildeten, kunstsinnigen. flegelhaften Grobian mosaischer Konfession ans.chnoddern, kann doch sicher keine Abfallsseuche Hervorrufen. Der sreisinitige Tentone steht ja so wie so, ob er noch Kultusstener zahlt oder nicht, ob er Gieshübler trinkt oder Pilsner, ob er nur zu Opereilen geht oder mich zu klassischen Stücken, ob er für Girardi oder die Odillon Partei nimmt, mit beiden Füßen, mit ganzem Kopse und übervollem Herzen außerhalb des Judentums. Und zn befürchten, daß der Sohn dieses freisinnigen Teutonen durch seine Verirrung in ein jüdisches Milieu — aus die Gefahr hin. daß es sich zionistisches heißt — der Taufe zugeführt wird, geht auch nicht, beim besten Willen. Wenn der Nationalismus im Osten schädlich, für die Neligioit gefährlich wäre, müßte man thtl hier förmlich züchten, und zwar von amtswegen. Hier, wo die jüdische Psyche in den weichen, schlampigen Armen des Genusses sich zugrunde lebt; hier, wo die verirrten Genies, um nicht zu verhungern, sich verphilistern müssen, hier ist ein geräuschvolles. sogar derbes Aufrütteln am Platze. Also, die Parole gegen die Frechen muß, bevor sie noch geboren wurde, verschwinden. Auf gegen die Schwachen! Einverstanden, aber wie? Boykott? lächerlich. An den Pranger stellen? unmöglich. Vor Tvrquemadianismen müssen wir tins hüten, weil sie unausführbar und uns nur lächerlich machen werden. Also wie? Bessere Predigt, innigerer Gottesdienst, geschicktere Jugenderziehung können nicht schaden, aber radikale Mittel sind sie durchaus tlicht. Die Rabbiner, die Gemeinde-Institutionen und ihre Funktionäre sind nur der Ausfluß, der sichtbare Ansdruck, die Aktivation des Gesellschastswillens. Die jetzige westösterreichische, resp. Wiener jüdische Gesellschaft will solche Rabbiner, solche Predigten, solchen Jngendumerricht. Wehe dem Rabbiner oder Religwnslehrer, der anders handeln sollte. Die jetzige Gesellschaft hat das Eigentümlich-Jüdische verloren und eingebüßt. Wieviel die Veränderung und Entwicklung des Gesellschaftsstrnktus dazu beitrug, wie groß der Anteil des alles nivellierenden, modernpraklisch-sozialen-antomatischen Lebens daran schuld sei und wieviel auch ideologische, ich meine von einzelnen Personen erdachte Einrichtungen mitgeholsen haben, überlasse ich dem Historiker. Soviel aber steht fest, die jetzige Gesellschaft ist, ob sie Samstag einen Schirni trägt oder nicht, unjüdisch vom Kops bis zur Zehe. Dieses Unjüdische macht sich sogar bei solchen Männern bemerkbar, die sich dagegen heftig wehren werden — sogar bei Zehudi selbst. — Unjüdisch ist die Erwartung und Rettung des Judentums von dem Tempel, vom schönen oder nicht schönen Gottesdienst, vom strengeren oder laxeren Jugendunterricht in den vorgeschriebenen, sage und schreibe zwei ganzen Stunden. Das Uebel sitzt, wie auch Jehudi zu fühlen scheint, viel tiefer, der ganze Organismus ist krank, sterbenskrank. Israel hat seinen Gott, hat den Glauben verloren. Israel glaubt nicht mehr. Israel zerriß die ewigen Bande, die ihn mit seinem Gott und mit sich selbst verbanden. Israel hat seinen Geist aus sich selbst herausgejagt und wandert herum als . Schatten, als Zerrbild, als Karrikatur seiner selbst und als Greuel für alle andern. Getrennt, zerschnitten, zerrissen, gehackt wurden alle Knoten, die es mit sich selbst, mit seiner Vergangenheit, mit seiner Zukunft verbanden, eine ephemere Gegenwart, ein Relativum für das Absolute erklärt und Israel ruhte nicht, bis es sich nicht bis auf den Grund zerstörte. Eine Pestilenz, ein schwarzer Blatternlod ging von Deutschland vor 150 Jahren aus und zerstörte und vergiftete den ganzen jüdischen Körper — auch der Osten blieb nicht verschont. Aufklärung, übertrrlmpfen au Freisinn alle Völker der Erde war das Feldgeschrei. Aus diesem Freisinnstaumel, -ans diesem Ausklärnugsfauatismus entwickelte sich mit tödtlicher Sicherheit die Indolenz, die Indifferenz, die ihrerseits zur vollen Auslösung führt, deren Abschluß die Taufe ist. Das Grnndübel ist der Unglaube. Hier muß der Hebel angesetzt werden. Das jüdische Volk, resp. das westliche muß, wenn es gerettet werden soll, wieder gläubig, wieder Gott suchend und findend werden. Eine neue Glaubeusglnt muß zuerst die Herzen der Besten und Edelsten entzünden, die dann das ganze Volk mit sich fortreißen werden. Nur der Glaube kann nicht nur Rettung sondern auch Belebung bringen. Am 5. März d. I. schrieb ich von dieser Stelle ans. womit wir zn beginnen haben: Erstens ein allgemeiner Kongreß, der die Geister ob der Gefahr anfrütteln und mit dem alten traditionellen rationalistischen Gerümpel gründlich aufräumen soll; zweitens die Bildung von außerhalb der Kultusgemeinden stehenden und von glaubenseifrigen Männern geleiteten Vereinen zur Förderung und Belebung des Glaubens; serner müssen besondere apologetische Institute nicht gegen die anderen Konfessionen, sondern gegen den Unglauben überhaupt kreiert und protegiert werden, an denen geeignete Redner heranzubilden nnd in die einzelnen Gemeinden hinausznsenden sind. Endlich müssen Zeitschriften ins Leben gerufen, Preise für hervorragende Arbeiten auf einschlägigem Gebiete gestiftet werden. Man muß die Religion außerhalb und unabhängig vom Knltusgemeinderabbiner und Tempel retten. Wir müssen bei anderen Konfessionen lernen, wo., sich wahrhaft religiöse Männer außerhalb und gegen die Kirche, zur Rettung des Glaubens verbinden nnd den Weg der Vereinsmeierei der Agitatoren nnd Propagandisten betreten. Auch wir müssen so handeln. Nene Laienapostel, feurige religiöse Jünglinge, liebeglühende Töchter, jugendliche Greise, gesetzte und erfahrene Männer müssen sich zusammenfinden, um das große Werk der Belebung Israels zu beginnen. Eine große Flamme wird Israel erfassen nnd es aufrichten, trösten, beleben, jung und kräftig machen. Diese große Bewegung, die unbedingt kommen muß, wird auch ihre Führer, ihren Führer finden. Wir haben zn beginnen, wenn auch in kleinsten Anfängen, und Gott wird sein Volk nicht verlassen. Denn so spricht der Herr: mag sich Israel empören. maH es sich von mir abwenden, ich bin und bleibe sein König und'' Vater, und Israel mein Knecht und Sohn bis ans Ende der Tage. Die jüdische Emigration nnd ihre Regelung. In den eben erschienenen „Mitteilungen der Israelitischen Allianz zu Wien" lesen wir über das obige, überaus aktuelle Thema folgende Ausführungen: Wiederholt haben sich in jüngster Zeit Persönlichkeiten die ans jüdisch-hnmanitärem Gebiete wirken und in die Lage kommen, sich auch armer jüdischer Auswanderer hilfreich anznnehmen, mit dem Problem der Emigration osteuropäischer Juden befaßt. Dies Problem wurde oft in Versammlungen, in Zeitschriften und Broschüren als ein besonders aktuelles hingestellt und^ die hier und da bekannt gewordenen statistischen Daten über die großen Massen der besonders aus Rußland auswandernden Juden gaben Veranlassung zu verschiedenen Projekten über eine etwaige Dirigierung des Emigrantenstromes nach anderen Zielen als den zumeist von den Auswanderern bevorzugten nordamerikanischen Großstädten. Auch uns sind von verschiedenen Seiten Anregungen zugegangen und wir haben