Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 29 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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aßrßeit Redaktion und Administration:^ Wien, H/j Novaragasse 27 ii Telephon der Druckerei 15302. K. k. österr. Postsparkassa- Schcck-Konto Nr. 1000.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Hertfchrifi für Mische Interessen. KrscheinL jeden Areitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ j Bezugspreis: I Ganzjährig.K 14.— jf Halbjährig.K 7.— j; Für Kullnsbeamte:; Ganzjährig.K 10. — \ |i Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark I: 6 Rubel oder 18 Frcs. Ar. 29. Wie», 23. Inli 1999. Inhalt: Taufe! — Die jüdische Emigration und ihre Regelung. — Verschiedene Nachrichren. — Literatur. — Feuilleton: Eine gebildete Frau. — Austritte aus dem Judentum. — Zur Kautorenbewegung. — Allgemeiner Deutscher Kautoren-Berbund. Taufe! Bon I. Mendel. Weder jammere ich, noch raufe ich mir das spärliche Haar aus. Weder fleuue ich, noch schluchze ich. Weder schneide ich Griukasseu, noch verzerre ich mein Gesicht. Weder winde ich mich in Krämpfen, nach seufze ich. Weder schlage ich auf den Tisch, noch fuchtele ich in der Luft herum. Dies besorgen Andere besser als ich. Ich will nicht wie ein Türke fluchen, weil ich es nicht kann. Ich will aber auch nicht mit souveräner Verachtung auf die sogenannte Tanfbeweguug herabsehen, als ob ich ein gut bestallter Gemeindefuuktionär wäre, weil mir dies nicht geziemt, weil ich es nicht bin, es vielleicht auch nie werde — ja warum soll ich mich schämen — weil ich kein „Deutsch" kann, weil ich die beste Aussicht habe, nach meinem lieben, östlichen Flohlande gnädigst abgeschoben zu werden. Soll ich aber gegen alle Regeln der Logik, des gesunden Menschenverstandes I und der Erfahrung dennoch Rabbiner und nicht Raw oder Melamed werden, so ist momentan nicht der „Langetag" und ich j befinde mich nicht im hellerlenchteten Tempel im nüchternen, geschmacklosen protestantischen Ornat angezogen und spreche zu Euch „Meine sehr — Nicht-Andächtigen" die stolzen Phrasen: Israel — notabene die Wiener Judenheit ist herrlich, ist groß, wurzelt tief. Lasset die verdorrten Aeste ruhig abfallen — je mehr desto besser — der Stamm wird um so frischer und lebendiger erblühen. Da ich noch nicht Rabbiner bin, und da wir vor dem 9. Ab und nicht vor dem Versöhnungstag stehen, so darf ich so nicht sprechen. Der Wiener jüdische Baum ist ernstlich bedroht, er kann unter Umständen wohl nicht ganz verdorren, aber allmählich verkümmern. Die Taufbewegung ist eine Tatsache. Listen der Ueberläufer, der Verräter, der Feiglinge tun ihr keinen erheblichen Abbruch — es wird getauft, mit und gegen den Zionismus, mit und gegen den Nationalismus. — Die Taufe ist weder ein zionistisches noch ein assimilatorisches, noch ein neologes. konservatives oder orthodoxes Privilegium sondern, wie unsere Zeit, eben demokratisch gestimmt ist und die Wiener Inden insbesondere völkisch. Der herrliche Artikel „Der Abfall und seine Gründe" kräftig und schneidig geschrieben verfährt auch methodologisch richtig; er will die Ursachen der Krankheit untersuchen, aufsnchen und entdecken. Vollkommen richtig. Dies ist der Kernpunkt des Problems. Aber, da greift man sich beim Kopf. Jehudi hat den Tanfbazillns entdeckt und sein Name ist: Zionismus. Ich las den Artikel, ein-, zwei-, dreimal und noch immer wollte es mir nicht in den Sinn: dieser anscheinend warmsühlende Jude, dieser logische klare Kops, dieser unabhängige Geist konme sich so weit verrennen, er muß den Ausdruck verzeihen, so weit vergessen und seinen so viel verheißenden Anlauf in eine Polemik, in ein Gezänk mit den Zionisten ansmünden lassen. Wie tief muß es um die Wiener jüdischen Verhältnisse bestellt sein, wenn auch Männer wie Jehudi die Welt mit den Angen des oppositionellen kahalscheu Religionslehrers betrachten zu müssen glauben. Ich möchte Jehudi fragen. Glaubt er daran wirklich, daß der Zionismus die Wiener Juden verdorben hat? Glaubt er daran wirklich, daß die Opposition gegen Ofner und Kuranda die fromme, tief angelegte Wiener jüdische Jugend von dem Glauben ihrer Väter abspenstig macht? Glaubt er daran wirtlich, daß die Juden Wiens, welche die fremden Sitten und Gebräuche, Ideen und Begriffe, Begierden und Wünsche, Ideale und Idole mit der Muttermilch eingeiogen, daß die Wiener Juden, welche, wenn sie sich sogar zu den Orthodoxen zählen, in Goethe mehr zu Hause sind — als — es fällt mir kein anderes Buch ein — im More Nebuchim, daß die Wiener Juden, die ihre östlichen Brüder nur wegen ihrer Urwüchsigkeit mehr hassen und verachten als Vergani, daß diese Juden durch die zionistische — meinetwegen nicht religiöse aber immerhin ans ihre Abstammung stolze, das Solidaritätsgesühl neubelebende Jugend — zum Abfall verführt werde? Ist der Zionismus so mächtig? Ist er so stark in die Masse des Wiener Judentums eingedrnngen? Die Zionisten sind hier und überall kleine internationale Häuflein, aus russischen, galizischeu und rumänischen Inden sich rekrutierend. Ein echter guter Mährer, dessen Urahnen nicht in Kowno oder Lemberg gewohnt, ein strammer kerndeutscher Böhme, ein Enkel Arpads — ans welchen Ländern die Getauften und Bald-getauften sich ergänzen — weiß vom Zionismus nicht einmal vom Hörensagen. Und begegnet ihm mal etwas Menschliches und muß er unfreiwillig darüber hören, so ist er schon von Natur aus mit den berühmten Indifferenz- resp. Jgnoranzklappen, die er, so oft von jüdischen Dingen die Rede ist, anszieht, ailch gegen diese Verirrung gesichert. Sie werden doch einem echten Wiener Juden nicht die Schmach antun und ihm zumuten, daß er sich von polnischen Schnorrern nasführen lasse. Die Wiener Juden bleiben vom Zionismus — Ofner soll dafür eine Wallfahrt nach Lourdes gelobt haben — unberührt. Bielohlawek wird inzwischen Ministerpräsident und der echt wahre Wiener Jude wird noch immer nicht von Jernscholaim träumen. Nicht einmal vom hebräischen Gymnasium in Jaffa, in dem Bibelkritik getrieben wird, worüber sich der fromme Misrachi ansregt. Für Wien existieren diese Phantasien Gott