Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 28 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Sette 7. Nr. 28 Die Wahrheit. eine große Konfekt-, Kompott- und Marmeladeindustrie verwertet werden? In England, Frankreich, der Türkei und Südtirol leben ja ganze Landstriche von der Konfekt-, Kompott- und Marmeladeindnstrie. Und wir? Wir führen unser Obst in rohem, wirtschaftlich möglichst unergiebigem Zustande nach dem Anslande aus. Und dabei verstehen unsere Damen ans Weichsel», Pfirsichen. Kirschen Marillen, Erdbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren, grünen Zwetschken nsw. ein Konfekt, Dnlceß genannt, zu machen, das nach meinen Erfahrungen zu den besten der Welt gehört, viel besser als alles, was England, Frankreich. -Südtirol und die Türkei erzeugen und womit sie Millionen verdienen. Es ist zweifellos, das unser Boden Mineralschätze birgt, die von ungeheurem Werte wären, haben wir auch keine Kohlen, 10 könnten wir doch Industrien begründen, die entweder keine Kohlen brauchten, oder mit Naphthaabfällen betrieben werden könnten. Was ist denn mit der Konfektionsindustrie? Ueberall, wo die Juden hinkommen, betätigen sie sich in der Konfektionsindustrie. nur hier, in ihrem Stammlande nicht. Anstatt an das nlles zu denken, an eine Holz- oder Konfektionsindustrie, an einen großartigsten Bergbau, gehen unsere Inden ins Gymnasium, studieren dann Jus oder Philosophie nnd raufen sich um Konzipienten- und Supplentellstellen herum, die Juden, deren praktischer Sinn sonst bewundert wird. Wenn es aber gelänge, eine .Industrie zil begründen, so fände sich in den Inden ein außerordentlich intelligentes, arbeitssames, nüchternes Arbeitsmaterial llnd deswegen glaube ich, daß eine der wichtigsten Aufgaben der Sozialpolitik in der Bukowina die B e g r ü n d u n g einer I n d u st r i e ist, die eben in erster Linie bei den Juden ihr Arbeitermaterial finden könnte. Ich höre da wieder leise Zweifel und jetzt auch einige laute Zweifel, ob die Inden zur Arbeit in der Industrie fähig stnd. Aber ich habe dafür Beweise in Händen. Zunächst ist es za allgemein bekannt, daß viele Zweige des Handwerks, ähnlich wie in Galizien, Südrnßland, Rumänien und in der Bukowina fast ausschließlich oder mindestens vorwiegend in jüdischen Händen sind. Bei der Schneiderei, Tischlerei, Klempnerei. Glaserei, Gelbgießerei und manchen andereil sind sowohl Meister als auch Gesellen Juden. Vom Handwerker zum Fabriksarbeiter ist nur ein Schritt: wer zum Handwerker taugt, taugt in der Regel auch zum Fabriksarbeiter. Aber auch andere Beobachtungen sprechen dafür. Der Bukowinaer Jude ist ja in allen wesentlichen Richtungen dem russischen und polnischen Juden gleichgeartet. Und dieser Jude, dem man nach den hiesigen Erfahrungen höchstens einige Eignung zum kleinen Handwerker znerkennen würde, ist mach England nnd Amerika ausgewandert nnd wurde dort in vielen Industriezweigen der gesuchteste und geschätzteste Arbeiter, ja, in gewissen Geschäftszweigen beherrscht er geradezu den Arbeitsmarkt. Sehen Sie sich einmal Whitechapel an, die bekannte Londoner Vorstadt. Noch vor 20 Jahren war sie die Zufluchtsstätte des allerärmsten Londoner Arbeiterproletariates, zum Teile sogar des verworfensten Gauner- und Verbrechergesindels; heute ist sie ein blühendes Industrievierte l. Und w e r hat sie dazu gemacht? Die verachteten, verschrienen russischen und polnischen Jude n. Die Engländer, die nach vielen Richtungen viel billiger denken als man es auf dem Festlande zu finden gewohnt ist, erkennen es rückhaltlos an, daß viele Industrien, zumal in Whitechapel, aber auch in anderen Gegenden Englands durch die polnischen und russischen Juden ermöglicht, zum Teile sogar begründet worden sind, sie erkennen auch rückhaltlos an, daß das Land ihnen ein Stück seines Wohlstandes verdankt. Kommt man nach Whitechapel, so glaubt man sich geradezu nach Herzls Judenstadt versetzt. Jüdische Aufschriften überall, jüdische Anschläge auf den Anschlagsäulen, jüdische Teater, jüdische' Bibliotheken. Vortragshallen, jüdische Zeitungen, darunter, wie ich hörte, einige und zwanzig jüdische Sportzeitungen: alle Gemeindebeamten,' alle Policemans sprechen Jargon, das sogenannte „Jiddisch"; andere werden in Whitechapel nicht angestellt. Und was sind alle diese Inden? In der großen Masse nicht Schänker, nicht Wucherer, nicht Geschäftsvermittler, nicht Kauflente. obwohl es selbstverständlich auch daran nicht fehlt, sondern Fabriksarbeiter. Vor etwa 25 Jahren, -als der Zufluß russischer Juden infolge der großen Judenverfolgungen sehr groß war, war das Elend unter ihnen schrecklich und sie arbeileten für wahre Hungerlöhne. Das hat aber schon seit etwa 10 oder 15 Jahren allmühlig aufgeliön. Von Klagen englischer Arbeiter wegen Unterbietung des A r b e i t s m a r k t e s. die seinerzeit laut geworden sind, hört man jetzt nichts mehr. Sie sind nicht schlechter gestellt als andere englische Arbeiter. Ich zweifle daher nicht, daß auch aus ullseren Juden tüchtige Industriearbeiter werden können. Warum sollten sie auch nicht? Sind sie nicht intelligent, geschickt. nüchtern, ebenso fleißig wie nur irgend ein Arbeiter der Welt? Leisten sie nicht schon Hervorragendes in einigen Handwerken. die besondere Geschicklichkeit, Geschmack und Intelligenz erfordern: in der Gold- und Edelsteinbearbeitnng, Schneiderei, Buchbinderei, Uhrmacherei, Messiuggießerei? Und so glaube ich, daß die Sozialpolitik auch hier eine andere Aufgabe hat als das öde Geschimpfe und sonstiges „Bekämpfen". Nicht bekämpfen, sondern die Kräfte erziehen und verwerten, das ist ihre Aufgabe. llnd glauben Sie nicht, daß eine blühende Industrie nur den Juden Vorteile bringen wird. Auch die Rumänen nnd Ruthenen werden Anteil haben au den Reichtiuii, den die Industrie ins Land bringen wird; auch dem Ballern wird es besser gehen, wenn er seine jüngeren Söhne, für die er in seiner kleinen Wirtschaft keine Verwendung hätte, in der Fabrik als Arbeiter und Angestellte wird anbringen können, wenn wir all das intelligente Proletariat, das wir in unseren Mittelschnlen und leider auch an der Universität so massenhaft zeugen, in den Fabriken als Direktoren, Ingenieure, Buchhalter oder Disponenten werden anbringen können. Es ist eine traurige Lehre, die noch auf die Zeiten zurnckgeht. da der Mensch ein Raubtier war, daß es einem nur gut gehen könne, wenn es einem anderen schlecht geht, daß jeder Reichtum nur durch Raub oder Diebstahl, Wucher oder Betrug begründet werde. Wirtschaftlich ist der Reichtum des einzelnen ein Teil des Volksreichtnms. und lohnende Arbeit für den einzelnen bedeutet Wohlstand für alle." Das Stndinm des Talmuds nnd der Kadbalah in der Türkei im sechzehnten Jahrhundert. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Durch die Abfassung des „Schnlchan Aruch" hat R. Josef Karo sich ein schönes Verdienst erworben, indem er dadurch gleichsam einem Bedürfnisse der Zeit eutgegengekommen ist. „Es mangelte in der Tal," bemerkt Grütz, „an einer das ganze Gebiet der religiösen Praxis umfassenden Norm, nicht aus Uukuilde, wie ehemals in Maimunis Zeit, sondern gerade wegen Ueberladung des Wissens. Die Wanderung der Inden von West nach Ost, von Nord nach Süd, und die Bnchdruckerknnn hatten nämlich einen bedeutenden Umschwung erzeugt. Die jüdischen Druckereien in Italien hatten die Beschaffung von sonst teuren und seltenen Schriften ungemein erleichtert. Je mehr der Talmud, die Kommeularien dazu, die Religionskodizes verschiedener Art und die Gutachtensammlungen vervielfältigt worden waren, desto mehr nahm die Zahl der Talmndbeflifsenen in fortschreitendem Verhältnisse zu. Die begabten Armen erhielten diese Bücher durch den frommen Sinn Reicher, oder konnten sie in Biblrotheken benutzen, welche fast jede größere Gemeinde in einem unterhaltenen Lehrhause besaß. Die zahlreichen Gemeindeparzellen, welche sich namentlich im türkischen Reiche Europas und Asiens bildeten, machten das Bedürfnis nach Rabbiner fühlbar; jede Gemeindegrnppe stellte einen Rabbiner nnd meistens gar ein Kollegium an. Jeder nur irgendwie beanlagte Kops verlegte sich daher aus das Studium der talmudischen und rabbinischen Literatur, weil jeder sicher war, irgendwo ein Unterkommen zu finden. Die Zahl der Talmudkundigen war daher im sechzehnten Jahrhundert viel, viel größer als bis dahin. Dadurch trat aber eine große Zerfahrenheit ein. Da der Talmud und noch mehr die späteren Religionskodizes eine Meinungsverschiedenheit über