Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 28 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6. Die Wahrheit Nr. 28, Linie ein Manu, der die Vermittlung des Kapitals besorgt und, historisch genommen, hat der Wucherer eine wichtige gesellschaftliche Arbeit vollzogen. Bei jedem Volke, sobald die Voraussetzungen dafür gegeben sind, ist daher immer der Wucherer auf dem Plane erschienen; und der Wucherer war nicht immer ein Jude. Nun kommt eine Zeit, wo der Wucherer nicht nur entbehrlich, sondern auch schädlich wird. Sobald der Bauer etwas gebildeter, gescheidler und menschenwürdiger gestellt sein wird, werden alle diese Wucherer, die heute in der Bukowina noch einigen Ellbogenraum haben, verschwinden müssen, mit oder ohne Gewalt. Und diese notwendige Besreiung des Bauers vom Wucherer wird sich, wie wir alle wissen, vor allem auf Kosten der Juden vollziehen. Und wie wird es mit der Befreiung des Bauern von der Alkoholpest sein? Auch die wird kommen, sobald der Bauer nur etwas gebildeter, gescheiter, menschenwürdiger gestellt sein wird. Und wer wird in der Bukowina durch den Antialkoholismus in erster Linie getroffen werden? Wieder die Juden. Und glauben Sie, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Bukowina und die Bildung ein wenig fortgeschritten sein werden, daß man für die tausenden und aberlausenden Geschäftsvermittler, Mäkler, Faktoren, Sensale, Verwendung haben wird, die hier jetzt das Leben fristen? Sie verdanken ihren ganzen Erwerb heute nur noch der wirtschaftlichen Zurückgebliebenheit des Landes und der schrecklichen Unbeholfenheir der Bevölkerung, vor allem des lese- und schreibunkundigen Bauern. In einem Lande, das auf einer gewissen Höhe steht, schon im Westen Oesterreichs, gibt es solche Leute gar nicht, weil ein Mensch von einer gewissen Bildung eines Faktors oder Mäklers in der Regel nicht bedarf. Meine Damen und Herren! Ich spreche nicht etwa vom anliseminschen oder philosemitischcn Standpunkte. Anti- und Philosemitismus sind mir vollständig gleichgültig. Ich will Ihnen nur die Wahrheit sagen, damit Sie wissen, daß die Juden vor einer Katastrophe stehen, die spätestens in zehn oder zwanzig Jahren zu erwarten ist. Bon den 100.000 Juden der Bukowina haben vielleicht 10.000 Stellungen und Berufe, die ihre wirtschaftliche Grundlage und Berechtigung haben. 90.000 haben ihre Stellung der Zurückgebliebenheit des Landes zu verdanken. Wie sich nun das Land hebt, wird die wirtschaftliche Mündigkeit dieser ihrer Stellungen aufhören und sie müssen nach etwas anderem suchen. Im Zusammenhang damit steht die F l n ch 1 der Inden in die gelehrten Berufe. Sie werden staunen: An unserer Universität sind 50 Prozent jüdische Studierende, obwohl sie in der gesamten Bevölkerung höchstens 10 Prozent ausmachen. Warum ist das? Deswegen, weil die Juden es fühlen, daß es in den Beriifen, die sie bisher gehabt haben, einfach nicht weiter geht. Und das ist ganz richtig. Ich möchte nicht, daß aus dem, was ich soeben gesagt habe, irgendwelche Folgerungen im Sinne des Antisemitismus gezogen werden. Zunächst muß ich nachdrücklichst hervorheben, daß die Wucherer, Schänker und Geschäftsvermittler im ganzen europäischen Osten zwar einen bedenklich großen, aber nirgends einen überwiegenden Teil der jüdischen Bevölkerung ansmachen. Die g r o ß e M a s s e sind K a n f l e u t e, Handwerker, Arbeiter, Taglöhner und A n g e st e l l t e, die zwar sehr unter der Ungunst der Verhältnisse leiden, sozusagen von der Hand in den Mund leben, aber zu Betrachtungen vom antisemitischen Standpunkte aus keinen Anlaß geben. Aber ganz abgesehen davon hat die besondere wirtschaftliche Stellung der Juden im Osten mit ihrer Rasse oder Abkunft nicht das Geringste zu tun, sie ergibt sich, wie ich dargelegt habe, aus der wirtschaftlichen Entwicklung, aus der rechtlichen Lage, in der sie sich in den vergangenen Jahrhunderten befunden haben, ans den Zurücksetzungen, die sie erlitten haben und sogar den Privilegien, die ihnen zugestanden worden sind. Die Folgen davon dauern überall in Europa bis auf den heutigen Tag, am stärksten sind sie jedoch hier im Osten fühlbar. Und was den Wucher- und Brantweinverschleiß betrifft, so sind sie nichts als besondere Formen der Kriminalität. Ich habe aber in den vielen Jahrzehnten, seit ich die Juden im Westen Oesterreichs und auch hier im Osten zu beobachten Gelegenheit hatte, bei ihnen keine besonderenAn lagen z n r K r i m i n a l i t ä t in irgend einer Richtung zu bemerken Gelegenheit gehabt. Ich stimme ganz damit überein, was jüngst von Liszt in einer Abhandlung über die Kriminalität der Juden gesagt hat, daß sie nichts anderes sei, als ein Ausfluß der besonderen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und rechtlichen Lage der Juden, und sich mit dieser wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und rechtlichen Lage ändert. Irgend ein Einfluß der Rasse, oder Abkunft läßt sich nicht Nachweisen. Ich habe keine Erfahrung init Schnapsjchänkcrsöhneu, aber ich kenne mehrere Wucherersöhne als nützliche, tüchtige und angesehene Mitglieder der menschlichen Gesellschaft: wo ist hier der Einfluß der Rasse und Abkunft? Einen ganz überzeugenden Beweis dagegen bietet gerade der europäische Osten, denn die Kriminalität der gerade hier so zahlreichen jüdischen Handwerker. Arbeiter und Taglöhner zeigt nicht den geringsten Zusammenhang mit den allgemeinen Zügen der jüdischeit Kriminalität und unterscheidet sich von der Kriminalität ihrer christlichen Schicksalsgenossen am ehestenzu ihrem Vorteile. Und im allgemeinen darf ich wohl sagen, daß sich unter den wenigen, unbedingt zuverlässigen und a n st ä n d i g e n Menschen, die mir auf meinem Lebenswege in die Quere gekommen sind, unverhältnismäßig v i e l I u d e n befanden, zum Teil gerade aus den östlichen Gegenden. Und nun stehen wir vor der wichtigsten Frage: Was fangen wir mit den 90 Prozent Juden an. denen heute eine Katastrophe droht? Das ist mir vollständig klar, daß sie nicht alle Advokaten, Aerzte, Beamte und Professoren werden können. Die Flucht in die gelehrten Berufe wird daher auch aufhören müssen, je früher, desto bester; denn auch hier ist eine Katastrophe im Anzuge. Nun, ich würde ebenfalls über mein Programm hinansgehen, wenn ich sagen wollte, wie ich mir die Rettung der Juden aus ihrer heutigen Stellung denke. Aber ich werde hier versuchen, wenigstens das, was bisher von anderen gesagt worden ist, kurz zu besprechen. Einer der wichtigsten Versuche, diese Frage zu lösen, von den Inden selbst ausgehend, ist der Zionismus im Zusammenhänge mit den Kolonisationsbestrebungen in Palästina, in Argentinien oder meinetwegen in Uganda. Der Zionismus kommt vor allem in Betracht als besondere Richtung in der jüdisch-nationalen Bewegung. Davon will ich hier absehen. Man kann es von mir nicht verlangen, daß ich der jüdisch-nationalen Bewegung viel Sympathie entgegenbringe. da ich doch soeben dargetan habe, daß dieser Riemen ans der Haut der deutschen Machtstellung in Oesterreich geschnitten wird. Der Zionismus hat aber auch Bedeutung als eine kolonisatorische Bewegung und ich kann sagen, daß ich dem Zionismus als einer rein kolonisatorischen Bewegung, wobei ich von seiner nationalen Bedeutung vollständig absehe, sympathisch gegenüberstehe. Ich halte ihn für einen vollständig berechtigten Versuch. Es ist nur zweifellos, daß eine derartige Kolonisationsbestrebnng mit großen Schwierigkeiten und Hindernissen zu kämpfen hat, und daß sie selbstverständlich doch schließlich nur einen Teil der jüdischen Bevölkerung und nicht ihre Gesamtheit ergreift. Und endlich müssen wir uns sagen, daß jede Kolonisation dem Volke, von dem sie ausgeht, gerade die tüchtigsten, energischesten und wertvollsten Kräfte entzieht. Wenn der Zionismus tatsächlich einen Teil seines Programmes ansführt, so werden die Juden zunächst Weggehen, die unser Land am meisten braucht, und die werden uns bleiben, die wir nicht ungern ziehen lassen möchten. Und deswegen glaube ich. der Zionismus löst die Judenfrage vielleicht für einen Teil der Inden, nicht aber für die Länder, wo es eine Jndenfrage gibt. Eine Lösung des Problems, die meinen Vorstellungen ani besten entspräche, wäre es, wenn wir in der Bukowina imstande wären, nicht etwa bloß den Bauern zu heben, sondern auch eine Großindustrie zu schaffen. Das ist allerdings ungeheuer schwierig, denn eine Großindustrie läßt sich nicht plötzlich ans den Boden stampfen.' Aber das Land hat natürliche Schätze in Hülle und Fülle, die es schlecht oder gar nicht verwertet. Ich erinnere an den ungeheuren Waldreichtum der Bukowina, der dazu verwendet wird, fremde Papier- oder Zellnlosefabriken zu füttern, anstatt im Lande verwertet zu werden. Ich erinnere an den I großartigen Obstreichtum der Bukowina. Könnte er nicht für