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Die Wahrheit · 1909-07-16 · Heft 28 (16.7.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 28 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 28 Chassid (frommen Schwärmer), dem Zeloten („Gottes Kosak"!), dem frommen Ungelehrten, dem Pvsche (Frevler), dem Epikores (Zweifler), dem Kulturmenschen („Darsch"!). Man lese über diese sonderbare Gesellschaft in des Verfassers Werke „Nom Ghetto zur modernen Kultur" nach. Ein Stück Kulturgeschichte, in der Tal, atier was haben diese Leute mit dem „Organismus" des Judentums zu tun? Gehört dies in eme Einleitung zu einer Realkonkordanz des Talmud? Diese Auswüchse stellen, für Front er allerdings nur, den Organismus des Judentums dar. Merkt jemand hier nicht die Absicht und wird man ob dieser Tendenz nicht sehr verstimmt? Aus diesen verkrüppelten Erscheinungen seines polnischen Ghettos konstruiert sich Fromer und denen, für die er sein Buch wohl nur geschrieben hat, es scheinen dies aber nicht unsere Freunde zu sein, sein biblisches und hellenistisch-talmudisches Judentum. Man höre an einem Beispiele, wie er dies tut: „Der Zelot der Bibel", sagt er, „ist ein cholerischer Prophet und heftiger und gefährlicher als der Eiferer im Ghetto. Er begnügt sich nicht damit, die Feinde Gottes zu verprügeln, sondern schlägt sie tot. Er stürzt ins Gemach eines Israeliten, der hier mit einer Götzendienerin" weilt (wir haben hier ein schwächeres Wort als Fromer gewählt) „und spießt beide aus." (Nnm. 25, 7.) Hier hat sich Herr Fromer geirrt, denn nicht von einem Propheten, sondern von Pinchas, dem Priestersohne, wird uns die Tatsache berichtet. Und wie wird der fromme Eifer des Pinchas, der durch seine Tat ein ganzes Volk rettet, durch diese Worte entstellt! Fromer weist auf den Zelotismns des Elijohu hin. (I. Kön. 18, 40.) Aber, wird nicht der fanatische Eifer des Propheten in der wunderbaren Legende, die van der Erscheinung des Herrn am Berge Horeb erzählt, in seine Schranken gewiesen? Die Zeloten des Talmud nennt Fromer „Rabulisten". „Die Rabulistik, Pilpnl genannt, hat das Spintisieren (sie!) zum Hauptzweck, das Ergebnis ist Nebensache." Nach dieser klassischen Definition sind ihm Akiba den Joses und Nabbi Me'ir die hervorragendsten Rabulisten der talmndischen Periode. Diese beiden herrlichen Lehrer und Heldengestalten unserer Geschichte vergleicht der Mann der aus dem polnischen Ghetto gekommen imd in Charlottenburg landete, mit den Pilpulisten seiner „Gasse". Ich denke, mau wird die Gelehrsamkeit dieses Mannes der Wissenschaft durchschauen und von ihr zur Genüge verkostet haben. Was er über Pharisäer, Saddagäer, Essener sagt, gleicht dem Angeführten und wir werden doch lieber zu den Werken Geigers und S ch ü r e r s greisen, um uns über diese jüdischen Parteien zu unterrichten, als zu den Darstellungen Fromers, denen jede Vorurteilslosigkeit und Objektivität fehlt. Soviel wir von historischer Forschung wissen, sagt sie uns, daß man jede Zeit ans ihren Quellen erforschen muß, um sie zu verstehen. Das größte Unheil richtet der an, welcher ans Erscheinungen der Gegenwart vergangene Verhältnisse erklären will. Deshalb treten wir an die „Benutzbarmachnng des Talmud" (die Bezeichnung stammt von Fromer selbst), wie'er sie unternehmen will, mit gerechtem Mißtrauen heran. Soll die geplante Realkonkordanz so aussallen, wie diese „Einleitung", dann verzichten wir gern aus dieses Werk. Eine Üebersetznng des Talmud ist mit großen Schwierigkeiten verbunden. Gewiß. Nichtsdestoweniger glauben wir, daß aus diesem Gebiete noch Bedeutendes wird geleistet werden, Aehuliches wie W ü n s ch e uns ans dem des Midrasch schon darbot. Aber Fromer scheint nicht der Mann zu sein, von dem wir Ersprießliches ans diesem Felde erwarten könnten. „Der Organismus des Judentums" hat uns wieder darüber belehrt, vor wen wir Inden uns zit hüten haben. Im Thamus 5669. Dr. M. Grün seid. Fortschritt! Bon I. Mendel. Die meisten Menschen bleiben bei denjenigen Anschauungen stehen, die sie von 16 bis 24 Jahren ausgenommen. Was sie in dieser Zeit erworben, erhört, erlernt, halten sie unter tausend Variationen fest. Der ehrliche, alte Hofrat-Liberale hält sich für fortgeschritten, freisinnig, demokratisch, völkisch, volksbefreiend. Was er in Wahrheit ist, weiß heute jedes Kind: reaktionär, verknöchert, volksfeindlich, egoistisch, rücksichlslos, höflich tyrannisch. Es ist merkwürdig, wie wenig Menschen die Fortschrittsprüfiing bestehen können, wie wenig Menschen frei und unabhängig von Schlagwörtern sich selbständig ein Urteil zu bilden imstande sind, wie wenig Menschen über, ich möchte sagen, die Anlvemanzipalion verfügen, sich von liebgewordenen Ideen und Empfindungen im Namen der Freiheit und des Fortschrittes zu befreien. Fortschritt, ein sehr gefährliches Wort. Wo und wann hat es nicht eine Partei gegeben, die sich nicht bis zu einem gewissen Grade mit Recht als Fortschritt gegen das Frühergewesene betrachten konnte. Heißt Fortschritt Neues, Sensationelles, neue Szenerien, so bringt jeder Tag einen Fortschritt. Aber dieses Neue kann die Menschheit in ihrem Erlösungsprozeß, auf ihrem Wege nach den ewigen Gefilden der Freiheit auf Jahrtausende zurückwersen. Der rein zeitliche Maßstab, das post hoc versagt hier ganz. Also, ein anderer Wertmesser, der nicht der zeitränmlicheu Welt, sondern der der Ideen, nein, der des reinen Willens entnommen ist. Fortschritt ist dasjenige Denken, Tun und Handeln, welches die Erlösung, d. h. den Befr-nnngsprozeß der Menschheit beschleunigt, zumindest befördert. Nicht alles, was heute existiert, ist fortschrittlich. Umgekehrt. So manches Scheinfundament des Fortschrittes wird von den späteren Geschlechtern als ärgste Reaktion mit der Wurzel ausgerottet werden. Und vieles, was uns Klugen des 20. Jahrhunderts als Abgelebtes und Totes erscheint, wird wieder neu erstehen, weil sein Ausfall kein Fortsondern ein Rückschritt war, weil sein Auferstehen ein notwendiges Moment des Fortschrittes ist. Herr Dr. Vierer hat gewiß gute Absichten, er möchte das Judentum, ich meine das galizische, heben; er möchte den niederträchtigen Belzianismus — übrigens wies ich schon einmal nach, daß dies Magyarismus in galizischer Verunstaltung ist — bekämpfen und vernichten. Aber, und ich spreche es hier aus als Landeskind und als einer, der dem heutigen Geschlecht viel näher steht, als Herr Dr. Vierer, mit unglücklichen, mit verunglückten Waffen. Ich stimme mit Dr. Vierer überein, daß die Rabbiner nicht nur über einen gewissen, sondern über einen sehr hohen Grad von Intelligenz verfügen müssen. Freilich fordere ich noch etwas anderes. Ich stimme mit ihm überein, daß das Rabbinertum in Galizien bankerott ist. Ich stimme mit ihm überein, daß man reformieren — ich scheue nicht dies alte, verbrauchte, mißbrauchte Wort aufzunehmen. Beim Wie trennen sich unsere Wege. Zum besseren Verständnis aber Herr Doktor will ich Sie erinnern, daß unserer beider Klagen nicht neu, und daß die Abhilfe in dem von Ihnen gewünschten Sinne schon lange geschaffen wurde. Sind Sie zufrieden? Wie ich Sie zn kennen glaube, müssen Sie nein sagen. Also war die Medizin nicht am Platze. Doch Herr Doktor, warum sollen wir in Parabeln sprechen, in vagen Andeutungen? Lieber offen. Glauben Sie, Herr Doktor, daß Intelligenz und Reifezeugnis identisch sind? Wissen Sie nicht, daß 98 Perzent der Gereisten unter Mittel stehen? Wissen Sie nicht, daß die erleuchtetsten und weitblickendsten Geister von der Reife nichts wissen wollen, sie als überlebt, als bildungshemmend, als intelligenzfeindlich ansehen? Wissen Sie nicht, daß die besten Erzieher, die feinsten Psychologen den ganzen Lehrplan, nein. Lehrpläne derjenigen Anstalten, wofür Sie schwärmen und von welchen Sie das Heil unserer galizischen Brüder abhängig machen, als Geistes- und Körperverkrüppelnng ansehen? Wissen Sie nicht, Herr Doktor, daß das bischen Intelligenz, worüber mancher von uns verfügt, tvir außerhalb der Mittelschule und trotz der Mittelschule erworben haben? Und haben die Rapaport, die Krochmal. die Achad-Ham eine Mittelschulbank gedrückt? Und sind Sie mit den westlichen nnd westlichisierten Rabbiner (nicht Rabonim) zufrieden? Bringen diese das Volk weit? Beeinflussen sie die Mächtigen zn unserem Gunsten? Können sie dies? Heben sie die Sittlichkeit des Volkes? Heben sie die religiösen Gefühle? Füllen sie di;' Tempel? Vermögen sie dies? Erlernt man dies mit dem Aorist mit den äsopischen Fabeln? mit Kainzischer Mimik? mit Oedipus? Herr Doktor, es ist nicht so arg. Unsere weisen Lehre? haben die Weisheitsqnellen der mörderischen Römer nicht stark ausgesucht, ja ich wage beu Barbarismus, auch nicht die der

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