Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 28 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063497--06164-3073145- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
V - re ayfyert Redaktion und Administration: Wien, Ilft Novaragasse 27 Telephon der DruLerei 15302. K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 1000.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Hertschrift für jüöische Inlere^e«. KrscheinL jeden IreiLag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Ganzjährig.K 14.— Halbjährig.K 7.— Für Kultusbeamte: Ganzjährig.K 10.— Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. Ar. 28. Wien, 16. Inli Inhalt: Der Organismus des Jndenrums. — Fortschritt! — Ein jüdischer Vizedürgermeister in Lemberg. — Die Judenfrage m der Bukowina. — Das Studium des Talmuds und der Kabbalaki in der Türkei im sechzehnten Jahrhundert. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Eine gebildete Frau. — Allstritte aus dem Judentum. Der Organismus -es Judentums. Ein Titel, der so tönt, als hätte Apion unseligen Angedenkens die Lärnitrominel seines Rntnnes geschlagen. Man läuft zusammen, begierig zn hören und zu lesen, denn natürlich handelt es sich schon wieder um eines der Werke, die heute über das Judentum geschrieben wurden, zahllos, end- und ziellos, und siehe, der kreisende Berg hat abermals ein Mäuslein geboren. Pompös die Aufschrift, leer der Inhalt, so könnten wir am besten das dickleibige Buch bezeichnen, mit dem uns Herr Dr. Jakob Fromer begabt hat.*) Der Name Fro m er ist im Judentum und seiner neuesten Bewegung wohlbekannt. Man erinnert sich daran, wie sein Buch ..Das Wesen des Judentums" — auch ein Pflänzchen, das im Schatten Harnacks wie der Kikajon Jonas über Nacht erwuchs und über Nacht verdorrte — seinerzeit ein wenig Staub auswirbelte in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen, von Getauften und noch nicht Getauften gelesen, von Manchen sogar gelobt und als neue Verkündigung gepriesen wurde. Maximilian Harden ist diesem Buche zu Gevatter gestanden und hat zuerst in seiner „Zukunft" dem Verfasser dieser Schrift Gastfreundschaft gewährt. Das sonderbare Geschick dieses Werkes und seine eigenen vielverschlnngenen Lebenspfade schilderte uns Fromer in seinem Buche „Vom Ghetto zur modernen Kultur". Das ist das Dokument eines Mannes, der, aus dem russischen Ghetto hervorgegangen, zu einer Stellung in der Berliner jüdischen Gemeinde gelangte, sich mit dieser zerschlug und nun seinen ehemaligen Volks- oder Glaubensgenossen ..das Untertanchen" predigte. Der Einsichtige weiß genug. In dem letztgenannten Buche veröffentlichte der Verfasser den Plan einer Realkonkordanz der talmndischen Literatur. Dieser war übrigens schon in der „Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft" (Jahrgang 25, 1905, Heft 2) angekündigt worden. Ein neuer Plan beschäftigt jetzt den Verfasser. Er entschloß sich nämlich, seine „Operationsbasis" zu verengern und zunächst aus den babylonischen Talmud zu beschränken. Dessen „brauchbaren" Teil will er heransgreifen, signieren und hermeneutisch ausstatteu. Das Werk soll in vier bis fünf Jahren hergestellt sein und einen Umfang von 300 Bogen haben. Wir wollen uns mit der Zukunft und den Plänen F-romers nicht befassen. Eine Realkonkordanz des Talmud, d. h. eine Zusammenstellung aller seiner aus einen bestimmten Gegenstand und Gedanken sich beziehenden Stellen wäre gewiß *) „Der Organismus des Judentums" (als „Einleitung" zu einer Realkonkordanz des babylonischen Talmud).. 1909, Selbstverlag des Verfassers, Charlottenburg. sehr zu begrüßen. Wir glauben nicht, daß ein Mann imstande ist, ein solches Riesenwerk zu schaffen. Vielleichl bringt eS Fromer zuwege. Aber, wenn wir diese „Einleitung", die sich stolz als „Organismus des Judenmms" bezeichnet, betrachten, so setzen wir auf die zukünftigen Arbeiten Fromers lvenig Hoffnung, ja wir lehnen sie entschieden ab. „Organismus des Judentums". Da erwartet doch jedermann, sei er Gelehrter, sei er Laie, einen wissenschaftlichen Aufbau des jüdischen Körpers, wenn wir bei der naturwissenschaftlichen, zoologischen Bezeichnung bleiben. Und, was bietet uns das umfangreiche, 336 Seiten umfassende Buch? Ein Potpourri der verschiedensten Materien, mit denen sich die jüdische Wissenschaft beschäftigt. Exkurse über die mannigfaltigsten Materien der jüdischen Geschichte und Literatur, Jnhaltsangabeu und Uebersetznngspi oben des Talmud, die wir in anderen Werken viel besser vorfinden, Dinge, durch die der Laie nicht belehrt wird, die aber dem Eingeweihten wie eine Kompilation erscheinen. Und wäre das Buch nur eine gute Kompilation. Aber diesem „Organismus" fehlt es an jeglicher geordneten Organisation. Kurz — aus d e m Werke wird niemand klug werden, der sich über Judentum, seine Parteien, über Mischna, Talmud, Midrasch. RabbinismuS wird unterrichten wollen. Unwillkürlich legt man das Buch, das an Verworrenheit Großes leistet, zur Seite und nimmt Goethes „Faust" zur Hand, aus diesem die Worte zitierend: „Mir wird von alledem so dumm, als ginge mir ein Mühlrad im Kopfe herum." Den ersten Teil nennt Fromer „Die Struktur des Judentums". Man lieft begierig. Wie konstruiert dieser Mann das Judentum? Nun höre und staune man. Er geht vom „Ghettojudentum der Gegenwart" ans und will aus diesem auf das biblische und talmndische Judentum Schlüsse ziehen. Ein sonderbarer Historiker in der Tat. Ihm dient das „Judentum des Ostens" gleichsam zu Anschannngszwecken, um daraus die große Vergangenheit unseres Volkes zn rekonstruieren. Er gebt nicht von den Quellen aus, denn „die Züge, die sie aufweisen, sind derart lückenhaft und verwischt, daß von ihnen nur vereinzelnte Punkte wahrznnehmen sind. Eine, wenn auch nur annähernde Rekonstruktion kann also hier nur durch die Betrachtung des gegenwärtigen Judentums erzielt werden." Das heißt wirklich, das Pferd beim Schweife aufzäumen, aus der Mündung aus die Quelle des Stromes schließen wollen. Im ersten Abschnitte schildert er demnach das Ghettojndentum der Gegenwart, d. h. das Judentum, wie er es in seiner russisch-polnischen Heimat in den Achtziger- und Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts kennen gelernt hat. Wir hören vom Lamdan (dem frommen Gelehrten), dem Parusch (Abgesonderten, Mönch! 8io!), dem