Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 27 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 27. Die Wahrheit. Seite 7. bedeutende Kenner des Judentums, vor allein Erneste .N e n a n, l destreiten überhaupt den Zusammenhang der östlichen Inden mit den westlichen. Sie nehmen an, daß die östlichen Inden nur zu sehr geringem Teile von den alten Inden abstammen, nur insofern ihre Vorfahren ans Deiuschland eingewanderl sind. Die große Mehrzahl ist derselben Abstammung wie die Völkerschaften, unter denen sie wohnen, die im Laufe des XIV. und XV. Jahrchnnderts in großem Maße zum Jndentnme übergegangen sind. Schon viel früher, im IX. Jahrhundert, hat der sinnische Volksl'tamm der Chazaren. der in der Nähe der Krim gewohnt hat, die jüdische Religion angenommen. Aus eigener Wahrnehmung kann ich nur sagen, daß die Inden des Ostens sich durch Körperbildung, Gesichlsformen und ihre ganze Art sehr von den westlichen unterscheiden. Die Jndenfrage des europäischen Ostens ist, ähnlich wie die russische Revolution, ein Ausdruck der Tatsache, daß die östliche Gesellschaft gerade jetzt in einer Umwälzung begriffen ist. Die Jndenfrage hier gleicht den großen Verrückungen in -unserem Erdkörper, mit denen er, ans seinem bisherigen Gleichgewicht gebracht, sich der neuen Lage anznpassen sucht, und die sich einstweilen in den schrecklichen, Länder und Völker verheerenden Katastrophen Luft machen. Was aber dem Westen Europas als Jndenfrage erscheint, ist nur ein leises Fernbeben, das dem erschreckten Seismologen die grauenhaften Verwüstungen -ankündet, die. tausende Kilometer weit, elementare Umwälzungen ungerichtet haben. Gäbe es keine Jndenfrage im Osten, würde der durch wilde Stürme aus seinen bisherigen Sitzen aufgescheuchte Jude des Ostens nicht jeden Augenblick ein neues, unbequemes Problem nach dem Westen tragen, kein Mensch im Westen würde mehr an eine Jndenfrage denken. Darum muß auch die Jndenfrage im Osten mit einem ganz anderen Maßstabe 'gemessen werden als im Westen. Dort ist sie ein so kleines, unscheinbares, bedeutungsloses Problem, daß man nur über die 'Menge des Staubes staunen muß, die sie aufgewirbelt hat. Und selbst die größten Torheiten, die bei ihrer Behandlung begangen werden, können der Gesamtheit nicht gar viel schaden bringen. Was heißen denn die paar Juden in Deutschland, Frankreich 'ttnd Westösterreich (allerdings mit Ausnahme der größtenteils slawischen Länder Böhmen, Mähren, Posen)? Aber für die Völker des Ostens, für die Polen, Südrusfen, Rnthenen, Rumänen und teilweise auch für die Ungarn handelt es sich um Leben oder Tod. Gelingt es ihnen, die Jndenfrage zu einer friedlichen und gedeihlichen Lösung zu bringen, dann steht ihnen, nach meiner besten Ueberzengung. eine Zeit wirtschaftlicher und kultureller Blüte bevor, die nichts nachgibt der höchsten Blütenentfaltung .irgend eines anderen Volkes der Welt. Die Juden, in ihren eigenen Volkskörper ausgenommen und angeglichen, könnten ihn mit einer ganzen Reihe von intellektuellen und wirtschaftlichen Kräften ausstatten, die ihm bisher noch gefehlt haben. Gelingt ihnen diese Art der Lösung der Jndenfrage nicht, dann zweifle ich nicht daran, daß sie sich daran verbluten. Die fortwährenden Kämpfe und Stürme, wilden Ausbrüche und ohnmächtigen Zuckungen werden für absehbare Zeit der wirtschaftlichen Entwicklung den Weg verlegen, das politische und gesellschaftliche .Leben vergiften. Glauben Sie nicht, daß wir heute schon wirtschaftlich viel weiter wären, wenn wir es dazu bringen könnten, 'daß in Laden und Werkstätte jüdische und christliche Arbeiter und Angestellte nebeneinander ihr Werk verrichten würden? Und nun möchte ich' allen denen, die soviel von der Jndenfrage reden, die Juden wegen ihres Reichtums verunglimpfen und beneiden, sagen, daß es vielleicht in ganz Europa kein größeres Elend gibt, als es unter den Juden des Ostens herrscht. Selbst das tiefste Lumpenproletariat Süditaliens und Spaniens dürfte ihnen, zumal, wenn man das günstigere Klima in Rechnung stellt, in Lebenshaltung und Einkommen nicht nachstehen. Wenigstens habe ich mich mit eigenen Augen überzeugt, daß die berüchtigsten Zuflnchlstätten des Lasters und des Elends in Süditalien, insbesondere auch in Neapel, den, der eine galizische oder Bnkowiner Judenstadt gesehen hat, nicht zu schrecken vermögen. All diese jüdische Halb- und Viertelexistenzen, alle diese Mäkler, Faktoren, Schüuker, Greisler, Handwerker, Taglöhner verdienen kaum so viel als ein halbwegs geschickter Lnmpenproletarier durch gelegentliche Arbeit, Bettel oder Laster im Westen verdient; und diese Zustände reichen hoch ins Jntelligenzproletariat hinauf. Brauchen wir eines weiteren Beweises, daß die Judenschaft des Ostens als solche Gegenstand sozialpolitischer Fürsorge sein sollte? Sie haben, als ich Ihnen von der sozialen Schichtung der Bukowina zu sprechen begonnen habe, mit Erstaunen bemerkt, daß ich die Inden in der Bukowina als eigenen Stand betrachte. Die Jltden als Stand zu betrachten, das würde mir selbstverständlich nirgends anderswo einfallen, aber in der Bukowina muß ich es wohl oder übel. Ein Teil der Juden sind hierzulande aitch Advokaten, Aerzte, Großindustrielle, Großgrundbesitzer, Großkattfleute und Kaufleitte, es soll auch hier in der Bukowina jüdische Bauern geben, davon aber spreche ich selbstverständlich nicht. Aber ein großer Teil der Inden sind in der Bukowina ebenso wie in Galizien ziemlich ausgesprochen ein Stand. Ich b.emerke ausdrücklich, daß ich keine unsinnige Rassenpolitik und auch keine konfessionelle Politik betreiben will. Ich spreche hier weder von Rasse, noch von Konfession, ich spreche bloß von der gesellschaftlichen Schichtung der Bukowina und von der Stellung, die den Juden innerhalb dieser gesellschaftlichen Schichtung zukommt. Wie es dazu gekommen ist, daß die Juden in Galizien und der Bukowina, überhaupt im Osten Europas, einen Stand bilden, das ist eine ungeheuer schwierige Frage. Ich habe mich damit eingehend beschäftigt, bin aber zu einer Lösung nicht gekommen und sie liegt tatsächlich nicht klar. Ich glaube, die Sache ist die, daß der Osten Europas im 13. und 14. Jahrhundert sich einmal auf einer Entwicklungsstufe befunden hatte, auf der sich die westlichen Länder Europas um viele Jahrhunderte früher befanden. Einerseits war die Landwirtschaft noch die ausschließliche Nahrung der Bevölkerung, andererseits fehlte jeder Zusammenhang der einzelnen wirtschaftlichen Gruppen, jeder Zusammenhang der Gemeinden, jeder einzelnen wirtschaftenden Familie. Es fehlte vollständig jeder Handel nnd Verkehr. Es fehlten daher auch beinahe vollständig die Städte. Es ist mir zumal aus der Geschichte Polens bekannt nnd dürfte auch Ihnen bekannt sein, daß lange hindurch die Deutschen und Polen die Aufgabe halten, dieses Bindeglied zwischen den einzelnen wirtschaftlichen Gruppen zu bilden, den Handel und den Verkehr 311 organisieren und zu pflegen. Sie gründeten hier die Städte, wurden mit großen Privilegien ausgestattet, und gelangten zu einem beträchtlichen Reichtum. Sie wissen, daß bis in das 15. und 16. Jahrhundert die Städte in Polen beinahe ausschließlich deutsch waren. Der Deutsche war dort Kaufmann, Geschäftsvermittler, d. h. er hat aus dem Westen Waren bezogen, hat sie an die Bauern und Gutsbesitzer verkauft, hat auch von den Bauern und Gutsbesitzern gekauft und nach dem Westen geschickt. Jkki Laufe des 15. Jahrhunderts beginnt nun eine noch nicht genügend aufgeklärte Auswanderung der Deutschen aus Polen. Die Deutschen verlassen die polnischen Städte und kehren nach Deutschland zurück — aus welchem Grunde, weiß man nicht — und an ihre Stelle rücken nun die Juden und übernehmen die Aufgabe, die bisher den Deutschen zugefallen ist. nämlich diesen wirtschaftlichen Zusammenhang der einzelnen wirtschaftlichen Gruppen, den Handel und Verkehr, zu vermitteln. Das war damals eine wirtschaftlich vollständig gerechtfertigte Aufgabe. Mau brauchte die Leute, gab ihnen ähnliche Privilegien, wie sie die Deutschen zuvor gehabt haben, behandelte sie verhältnismäßig gut, und Sie wissen, daß damit die heutige wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung der Juden in Polen zusammenhängt.. In nuferer Bukowina hat sich, ebenso wie in Galizien, Südrnßland und zum Teile auch in Rumänien, diese Stellung der Juden noch bis heute erhalten, sie haben heute noch diese Stellung, die sie während des Bestandes des alten Polen erobert haben. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß alles, was eigentlich die wirtschaftliche Voraussetzung dieser Stellung gewesen ist. sich seither vollständig geändert hat. Diese wirtschaftliche Voraussetzung ist, daß die Menschen mehr oder weniger isoliert wirtschaften und daß sie einen Vermittler brauchen, dem sie tatsächlich für diese Vermittlerarbeit Dank wissen. (Forts, folgt.)