Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 27 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 27. an die Regierung mit der Forderung um Gleichberücksichtigung herantreten. Wenn ich aber dafür plaidiere, daß unseren Rabbinern Gelegenheit gegeben werde, der Oeffentlichkeit gegenüber ihr profanes Wissen zu dokumentieren, so hänge ich nicht an der gegenwärtigen Matnritätsformel so sehr, daß ich sie gewissermaßen als Unsehlbarkeitsdogma unterschreibe. Wir müssen mit Fug und Recht unser altehrwürdiges hebräisch-talmudisches Studium als geistigen Reisestoff Hochhalten, ja wir könnten sogar von der Regierung verlangen, daß dieses Studium miteiugerechnet werde in das Examen, vielleicht als Tausch gegen einen anderen Literatur- und Geschichtsgegenstand, was wohl in Erwägung gezogen werden kann. Wir können ferner auch für einen Mittelschulplan im jüdischen Sinne, für ein jüdisches Gymnasium eintreten, wie es bei anderen Volksstämmen geschieht! Allein ein Non possumus seitens der Chassidün und Zadikim als den Willeusausdruck des jüdischeit Volkes in Galizien hinzustelleit, das geht nicht an, ebenso darf es nicht geduldet werden, daß ein jndenverachtender Jude (einerlei wer immer and was immer er ist) sich herausnimmt, eitle jüdische Lehranstalt zu errichten, in welcher unjüdische und sremdnatiouale Tendenzen gezüchtet werden sollten!!!-— — Was uns also uottnt, um unseren Rabbinenzuwuchs und unser Judentum zu heben, zu erweitern und zu pstegen. das liegt nicht in der Maturitätsprüfungsnegation, sondern in Errichtung einer oder zweier großer jüdischer Lehranstalten mit dem Plane eines Gymnasiums, eventuell Realgymnasiitms. Diese werden die bewährten Lnft- und Wärmepflanzstätten für den jüdischen Geist werden, diese iverden uns moderne Geister schaffen, welche als echte rechte Juden das Niveau unseres Volkstums ungeahnt erheben — ein neuer Sinai für das wiederbelebte, nenerstandene Israel. Zum Schluffe dieser Ausführungen kann ich nicht umhin, den Blick des geehrten Leserkreises rückwendend aus das Jahr 1878 zu lenken, da wir im Vereine „Schomer Israel" ans die Tagesordnung des I. galizischen Gemeindetages die Errichtung eines achtklassigen Proseminariums gesetzt haben,, zu welchem Unternehmen eine Viertelmilliau Gulden zur Verfügung stand. Dieser heilvolle, lichte Gedanke wurde aber von der Finsternis des Belzer-Zadikismus zurückgedrängt und leider stieg mit demselben nicht auch das unjüdische und unlautere rebbische Non possumus mit ins Grab. Das edle jüdische Volk in Galizien kann seine Finsterlinge nicht missen. Gibt es aber Helldenkende im galizischen Israel, so rafft Euch aus, organisiert Euch, konzentriert Euch in unserem Vereine „Schomer Israel" und zum Nationaldienste — der Wahrung der höheren geistigen, politischen, sozialen und ökonomischen Interessen unserer Brüder. Es ist hoch — wenn nicht schon garhöchst an der Zeit. Dr. Rüben Vierer. Die Indensrage in der Kulrowina. Pros. Dr. Eugen Ehrlich hat im Sozialwissenschaftlichen Akademischen Verein der Universität Czernowitz im letzten Wintersemester einen Vortrag über „Die Ausgaben der Sozialpolitik im österreichischen Osten, insbesondere in der Bukowina", unter besonderer Berücksichtigung der Juden- und Bauernsrage gehalten (Buchdruckerei Guteuberg- Czernowitz), dem wir nachstehende interessante Ausführungen entnehmen: ..Die zweite brennende Frage in der Bukowina ist die Judensrage. Bevor ich darauf zu sprechen komme, möchte ich eines bemerken: Ich selbst gehöre noch einem Geschlechte an, für das es keine andere Lösung der Judenfrage gibt als ein vollständiges Aufgehen der Juden im Deutschtum. Das galt nicht nur für die Juden, die unter den Deutschen wohnen, sondern auch für die Juden hier im Osten, die mitten unter slawischen Völkern ihren Sitz haben. Das Judentum des Ostens stellten wir uns vor als eine Erweiterung der deutschen Machtstellung bis lies in das Gebiet fremder Völker und Reiche hinein. Wir beurteilten die Judensrage ausschließlich vom Standpunkte der deutschen Interessen und schätzten den Wert des Deutschtums für die Juden ausschließlich von einem gewissen allgemein menschlichen, kulturellen, sittlichen Standpunkte ein. Wenn dieser ganze Plan jetzt aufgegeben werden muß, so liegt es ausschließlich an dem Antisemitismus, der das deutsche Volk ergriffen hat. Viele Juden werden gewiß noch immer beim Deutschtum bleiben, zumal wenn sie durch Religionswechsel. Familienbeziehungen, persönliche Verbindungen oder auch ihre Eigenart und ihre persönlichen Erfahrungen hingezogen werden, aber für die große Masse der Juden, zumal die im Osten wohnenden, ist es kaum möglich, Deutsche z u b l e i b e n, w e n n d i e ü b e rwiegende Menge des deutschen Volkes voll ihnen n i ch t s hören will. Deutsche Politik können die Inden nur treiben mit den Deutschen, nicht gegen die Deutschen. Beginnt doch unter dem Einflüsse des Antisemitismus selbst im Stammlande des liberalen Judentums, in Böhmen, ein großer Teil der Juden bereits seine eigenen Wege zu gehen. Wem die Interessen des deutschen Volkes in Oesterreich und die Weltstellung des Deutschtums am Herzen liegen, und zu denen gehöre ich auch — der kann das nur bedauern; ich glaube, daß dieser nicht sehr gescheidte Studentenulk, der Antisemitismus, hier eine verhängnisvolle historische Rolle gespielt hat, daß er die Deutschen um ein M a ch t g e b i e t oder um mindestens eine Einflußsphäre gebracht hat, die einst vom Böhmerwald bis Odessa gereicht hatte. Hier hat der Deutsche überall Menschen gefunden, die deutsch sprachen, ihre Kinder mit Schiller und Goethe erzogen, sich zu den Deutschen in einem besonderen Nahverhältnis und zur Wahrung der politischen und wirtschaftlichen Interessen des Deutschtums berusen fühlten — nicht selten sogar aus durchaus slawischen Gegenden deutsche Abgeordnete nach Wien entsendeten — und eigentlich nichts dafür verlangten, als daß man ihnen erlaubt, sich Deutsche zu nennen. Ein Volk mit einigem politischen Verständnis hätte sich solche Vorteile schon zu sichern gewußt. Der Man n, der einmal die Geschichte schreiben wird, wie O e st e r r e i ch a u f g e h ö r t hat, ein deutscher Staat und ein Vorposten deutscher Kultur im Osten zu sein, der wird dem d e u t s ch e n A n t i s e m i t i s m u s' einen längeren Abschnitt w i d m e n müssen. Es ist ja schließlich nicht ganz gleichgiltig, ob man die anderthalb Millionen österreichischer Juden für sich oder gegen sich hat. Ich habe den Gedanken des Zusammenhanges der Juden und Deutschen im Osten noch nicht anfgegeben, aber man wird ihm schwerlich so bald wieder näher treten können. Allerdings dürfte die Stimmung bei den Deutschen ziemlich bald Umschlagen, Anzeichen dafür mehren sich mit jedem Tage, zumal bereits die Wunden sichtbar hervortreten, die ihnen der Antisemitismus geschlagen hat, aber ich zweifle, ob die Stimmung bei den Juden in absehbarer Zeit Umschlagen wird, und darauf kommt es schließlich auch an. Bei einem Teile der mehr nach Westen vorgeschobenen Juden halte ich das für immerhin möglich, nicht aber bei den Inden, die hier im Osten mitten unter Slawen wohnen; die dürften jetzt für das Deutschtum e n d g i l t i g verloren sein. Und so will ich den Fall, daß es noch einmal gelingen könnte, die Inden auch bei uns, in der Bukowina, den Interessen des Deutschtums dienstbar zu machen, von der ferneren Betrachtung ansschließen, trotz meiner persönlichen Wünsche und Hoffnungen. Die praktische Politik darf nicht persönliche Wünsche und Hoffnungen zur Grundlage haben und nicht mit entfernten, unwahrscheinlichen Möglichkeiten rechnen. Ich möchte, bevor ich zur Sozialpolitik der Judensrage, wenn auch nur mit den durch den Gegenstand dieses Vortrages gebotenen zeitlichen und örtlichen Beschränkungen übergehe, ganz kurz bemerken, daß alle die, die heute im europäischen Westen an der Judenfrage herumpatzen, hernmschwätzen, herumschimpfen, von ihrem wahren Wesen und wirklicher Tragweite auch ^nicht die blässeste Vorstellung haben. Das ist ja auch gar nicht anders möglich, da sie doch immer nur westliche Verhältnisse vor Augen haben. Der Sitz der Judensrage ist aber der europäische Osten: Südrußland. Galizien, Polen. Bukowina, teilweise Rumänien und Ungarn. Und hier sieht jeder, der nichr sehr gründlich die Angen verschließt, daß die Judenfrage weder eine Rassen-, noch eine nationale Frage, weder eine religiöse, noch im gewöhnlichen Sinne eine wirtschaftliche Frage ist. Sehr