Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 27 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27. Die Wahrhen Seite 5. Was ist aus dieser großen Volkspartei geworden. Mit dem j Prokuristen von Rothschild schloß sie zuerst ihren Frieden und von damals an datiert der Verfall. Greg orig haben sie j hinausgeschmissen, den Vertreter des Proletariats, Mittermayer, hinansgeworfen, den Sch eich er in einen Mastkästg gesetzt und die große Trennung begann. Die tötende Einsamkeit brach herein und trennte die geschlossene Greisler-Phalanx. Lueger sitzt beheimratet, abgesondert vom christlichen Volke, im Rathaus, eventuell im Auto. Geßmanu muß für das christliche Volk die Exzellenzenbürde und 20.000 Kronen Pension tragen. Und so wandelt er einsam seinen mühevollen christlichen Weg vom Skriptor bis zum Minister. Einsam zieht er seine Straße als Apostel, als Märtyrer, als Nachfolger Christi. Einsam sitzt der große Schönerer auf seinen Gütern und verißt seinen Kninmer über das treulose Glück und über den wildgewordeiten Wolf. Einsam steht der Mitbegründer des alldeutschen Prograntins als k. k. Führer der Revolution an der Spitze des Proletariats. Einsam sitzt der ehemalige Speisenansträger in seinem Bureau als Chef der psychiatrischen Klinik. Einsam ans glänzender Höhe, mit einem der bestgehenden jüdischen Blätter, der Gegner der ersten antisemitischen Generation! — wie undankbar Juden sind. Einsam sitzt S ch e i ch e r in seinem Dorf, erdrückt und eiugesthlnmmert von erreichten, erbittert über nicht erreichte Ehren und Würden und träumt furchtbare Ketzereien. Einsam ist G r e g o r i g in seiner Gruft, und einsam Schneider im Rathanskeller. Gin jüdisches klon po88umu5. Es war der „dreizehnte" Juni, die Sonne senkte sich, um hinter den Hügeln im Westen unserer Lemberger Metropole zur Rüste zu gehen, da kamen zwei Repräsentanten der reichen Orthodoxie, Rabbi Schmelke Roksach und sein Herr Schwiegersohn Rabbi Dr. Munk. Die Wiege des Schwiegervaters stand im heiligen Zarenreiche, die des Schwiegersohnes im aufgeklärten Deutschen Reiche. Wir wollen für diesmal das Zauberwörtchen „Doktor" rot unterstreichen, da diese abendländische christliche Morenn eben in Frage kommt. Wenn ein Millionär ruft, kommen die Geldhungrigen wie die Hühnchen, so ihr Züchter ihnen Futter streut. Und so kamen auch unsere halbenterbten Frommen in das Vereinssynagogchen der Szpitalna Ulica, um das heilige Wort jener Gotteskümpfer zu vernehmen. Um was handelt es sich den Herren? wird man fragen, daß sie sich abmühen, um im Schweiße ihres Angesichtes zum Volke zu sprechen. Doch um nichts geringes! Sie unterbreiten dem lauschenden Publikum ein unbeschriebenes Blatt, auf welchem dann prangen wird in lapidarem Stile die Forderung des Hauses Israel, bei Besetzung eines Rabbinatspostens von dem Rabbinatskandidaten keine Matura zu verlangen. Wir wollen und können nicht eingehen in das Labyrinth von Gedanken, welche alle die Nutzlosigkeit oder Gefährlichkeit der Matura für einen gottesfürchtigen galizischen Raw zu beweisen hätten, denn wer möchte eine Wanderung unternehmen in das unendliche Reich der Pilpnlistik, über einen Gegenstand, der kaum einen Anhaltspunkt in der heiligen Lehre besitzt. Allein diese beiden Herren wußten itits über fünf Stunden in jenem Reich der Gedankeitschleisen herumzuführen, tim zuletzt die Unterschriften von jenem Pttblikum zu verlangen, das dort hineingeraten war. Die Herren haben nach bewährten Mustern blinden Gehorsam verlangt und die Unterschrift an das Ministerium — eine Diskussion, ein Wort ehrlicher Ueberzeugnng seitens eines Nichtmillionärs war ganz ausgeschlossen. Sie werden daher, verehrter Herr Redakteur, vielleicht der guten Sache dienen, so Sie die Spalten Ihres geschätzten Blattes einer oppositionellen Atisicht öffnen. Wir müssen uns die Frage vorlegen: Welchen Schaden gewährt das profane Wissen, das seine obere Grenze im Maturikätswissen gezogen hat? Ist dasselbe wirklich so massig, oder wirkt es wegen seiner geistigen Aetzkraft zersetzend auf unsere jüdische Lehre?! Denn nur von diesem Gesichtspunkte aus müßte das jüdische Gewissen bis zur Aufregung, ja bis zum Siedepunkte aufwallen und mit allen erlaubteit, ja selbst unerlaubten Mitteln diesen Feind aus der Hütte Jakobs hinausjagen. Man höre und staune: Der jüdische Jüngling, welcher von Kindesbeinen der jüdischen Wissenschaft seine ganze Zeil gewidmet und seine Gehirnkammern vollgepfropft hat mit talmudischem Feingehalte, soll das bißchen allgemeines Wissen scheuen und in freien Mußestunden seinem Geiste nicht eine Abwechslung des Denkmateriales bieten dürfen? Gerade eine derartige Abwechslung wirkt ungefähr ' so belebend, wie die Abwechslung der Speisen im Bereiche der Berdanungsorgane. ilitm wird uns entgegenhalten wollen, daß ein echter konservativer Rabbiner genug jüdische Wissenschaft, genug jüdische Arbeit in seiner Gemeinde zu leisten hat und darum die Beschäftigung mit dem profanen Wissen ein sündhaftes Versäumnis darstelle. Diesbezüglich verweise ich ans das eben Gesagte: Der Wechsel in dem Lehr- und Lernstoff gleicht durch seine Verschiedenartigkeit den Verlust aus. Gerade Herr Tr. M u n k liefert ein klassisches Beispiel für unsere Behauptung und von ihm konnte ich nicht erwarten, daß er seine bessere Ueberzeuguug und persönliche Erfahrung einem Linsengerichte Belzer-Zadikinm opfern würde. Fürchten etwa unsere Frommen, das bißchen Laleiit J und Griechisch könnte auch den heidnischen Götzendienst in Israel einführen — wie etwa vor 3000 Jahren? Das gewiß doch nicht! Der Talmndschüler erlangt durch das Studium dieser antiken Sprachen Einblick in den Geist jener berühmten Völker, deren Weisheitsqnellen unsere weisen Lehrer anfsuchten, wie wir dies in: Talmud so oft erwähnt finden. Es verbleiben also noch die anderen Sprachen! Welche Sünde aber begeht ein Talmndschüler, so derselbe diese geistigen Hilfsmittel für sein Fortkommen in sich aufnimmt. Was bedeutet heutzutage ein D*nar b-ijr. Man merke wohl die tiefe Bedeutung, diesen echt biblischen Ausdruck für einen, dem nicht die Sprache rein und klar von den Lippen fließt. Wie oft im Jahre geschieht es, daß ein Rabbiner vor seinem Volke hintreten muß, um in Gegenwart von Behörden und Andersnationalen in ihrer Sprache zu reden. Endlich kommen die naturhistorischen und mathematischen Gegenstände. Und welcher Mensch in der Gegenwart und in der lichten Zukunft der Mathematik -und Mechanik kann ohne diese eine hervorragende Stellung im Leben einnehmen? Nicht ohne tiefdurchdachten Grund stellten unsere Väter den Grundgedanken auf p« -p-r cs rmn Eia und wir fragen das Haus Israel, wen es zu Führern und moralischen Leitern sich setzen will: Rabbiner mit offenen Augen, gelehrtem Mund — und umfassendem, allseitigem Wissen, Männer, die uns mit der Fackel der Weisheit, der Erkenntnis voraneilen, oder solche, welche abgeschlossen von der flutenden Welt Kameaschreiberei betreiben und um eine halbe Krone bensche n. Wenn die Regierung an der Institution des Rabbiners festhält und ihn als verantwortungsvolles Oberhaupt der Gemeinde betrachtet, dann muß er auch auf der Höhe der Zeit und des Wissens stehen. Das Judentum und die Judenheit gewinnt auf diesem Wege sehr viel und die christliche Behörde, welche den rabbinischen Maßstub nicht anznlegen vermag, besitzt dann ein Kriterium der Wertschätzung des ..geistlichen" Standes unseres Volkes. Ans Grund der erworbenen profanen Kenntnisse erst kann man die Regierung auch zu Beitrügen heranziehen, um den materiellen Stand unserer Rabbiner -zu heben und ihnen ein menschenwürdiges Dasein sichern. Das sei unsere Herzenspflicht unseren Rabbinern gegenüber, daß die armen Gottesgelehrten nicht verhungern, so die Kälber, Ochsen oder Kühe trefe geworden sind, oder richtiger befunden worden sind. Wahrlich diejenigen unserer frommen Brüder (ich will schon nicht von überfrommen Menschenanbetern sprechen) begehen ein Verbrechen an unserem Volkstum, die sich entgegenstellen einem sach- und zeitgemäßen Ausbau unseres ehrwürdigen Rabbinerstandes. Genug des Schmachtens und des Fastens, genug der Unterwürfigkeit unserer Rabbiner vor jedem wunderlichen Pidjonimheld! Licht werde aus der Finsternis! Weshalb festhalten an Lug und Trug der Verketzerung? Der Rabbiner der Gegenwart darf nicht in die Belzer Sklaverei gedrängt werden. Unsere Rabbiner sollen das gleiche Vorstudium absolvieren wie die christlichen Geistlichen, schon deshalb, damit dieselben auch als Staatsbeamten gleich den christlichen Geistlichen dienen können. Erst dann kann man