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Die Wahrheit · 1909-07-09 · Heft 27 (9.7.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 27 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 27. Volk sind, wird kaum ein Einsichtiger heute leugnen wollen. Aber ein jüdisches Volk ohne Religion, ohne Kenntnis von dieser ist ein Unding. Wir meinen, es ist ein großes Unglück, daß man unsere Religion in das verworrene politische und soziale Getriebe unserer Zeit gezerrt hat. Es ist unsere innigste Ueberzeugung, daß alle Antisemiten uns nicht soviel schaden können, als diejenigen, welche jeden Fehler, den sie an einem Juden finden, jedes Wort, das dieser spricht, jede Geste eines Juden in Zerrbildern zum großen Gaudium unserer Gegner ausposaunen und au die große Glocke hängen. Leute, die vom Judentum keine Idee haben, machen sich über die Institutionen unserer Religion lustig. Und die nennen sich Juden. Sie entweihen die Sabbathe und Feste, setzen sich über die Vorschriften der Religion hinweg und wollen als Patent-Juden gelten, möchten Richter über uns sein. Wer hat sie zu Richtern eingesetzt? Gilt wirklich nur derjenige als Jude, der im schnoddrigen frechen Tone zu reden versteht und durch eine mehr als gewöhnliche Arroganz sich hervortut? Das also ist das moderne Judentum? Dann wundert man sich über die Abfälle, spottet über die Getauften.und diejenigen, welche daran gehen, diese Universalkur an sich vollziehen zu lassen, und ahnt nicht, daß man selbst die Saat pflanzt, welche giftig in die Halme schießt. Mit Recht spotten wir der Assimilanten. Wir verachten diejenigen, welche sich Fremden anbiedern, ohne daß diese von ihnen etwas wissen wollen. Aber wir betrachten und verachten auch als Assimilanten solche, welche ihre Waffen und Programme den Fremden entlehnen, ihre Unsitten nachahmen, dem gröbsten Materialismus huldigen, sich schlagen und kneipen, die Religion als Aberglauben und Märchen bespötteln. Es wäre an der Zeit, daß alle, denen die heilige Sache des Judentums am Herzen liegt, solange es nicht zu spät ist, endlich einmal von dem Terrorismus sich befreien, der heute von einer gewissen Seite ansgeübt wird gegen diejenigen, denen das Judentum doch noch etwas mehr bedeutet, als eine possenhafte Reklame. Gleichgiltigkeit aus der einen Seite, zynischer Materialismus ans der anderen, Indolenz und Verlogenheit, ein häßliches, theatralisches Spiel mit dem Heiligsten, Heuchelei und verwässerte Moral, sie schädigen unser Judentum, 'das uns ein mweräußerliches Erbe ist, welches unsere Väter uns übergaben. Ein Judentum, das nicht in der Vergangenheit wurzelt, auf tausendjährigen Traditionen begründet, welches nur ein Aushängeschild ist für selbstische Interessen, ein Mittel, um egoistische Ziele zu verfolgen, ist kein Judentum. Und wir rufen allen, die es zu diesem Zerrbilde gemacht haben, ein kräftiges: „Hände weg von diesem Heiligtums!" zu. Mit giftigen Spottworten wird man das Judentum nicht retten, die Abtrünnigkeit nicht aufhalten. Gift kann nur verderben, sei es nun das Gift der Gleichgiltigkeit oder des Hohnes. Wir bedürfen, um die Austritte aufzuhalten, des kräftigen Brotes der Belehrung, der Begeisterung. Greisenhafte Schwäche ebenso wie bübischer Ungestüm und freche Ungezogenheit vermögen nur die Krankheit, die uns ergriffen hat, zu verbreiten. Allen, denen es ernst ist um den Bestand des Judentums und die seinen gesunden Kern erhalten wollen, sei es zugerufen: Auf, zum Kampfe gegen die Schwachen und die Frechen! Jehudi. Einsam. Von I Mendel. Da haben sie ihn in die kühle Gruft versenkt; ihn, den ehemaligen Pfaidler; ihn, den Abfertiger des Rektors der Wiener Universität; ihn, den großen Krämer ohne Furcht und Tadel; ihn den Ochlokraten; ihn, den erhabenen Träumer der Judenersäufuug; ihn, den großen idealen Hasser; ihn, den Hinausgeschmissenen; ihn, den vereinsamten armen Gewerbetreibenden in der Sommervilla. Es lichten sich die Reihen der Heroen, der „Gründer", der Schöpfer der antisemitischen Partei. Josef Greg orig, der Grollende vom Neubau ist nicht mehr — physisch. Das Heldengeschlecht, die große Generation, die mit ihren Ochsenziemern und Derbflüchen, mit ihrem Krawallmachen und Fensterzertrümmern das christliche Volk gerettet, stirbt allmählich aus. Mit Josef Gregorig ist der Ejnb der Judenfresser zu Grabe getragen. Glorreiche Tage, als sich fein großes Greißlerherz von der demokratischen Partei, die im Niedergange sich befand, mit Eckel und Abscheu abwand. Große Tage, als Gregorig von der Aushungerung und Verjagung Israels sprach und damit die Bierbegeisterung seiner Zuhörer bis zum Siedepunkt steigerte. Oh, wer ihn im göttlichen Zorne sah, den judenliberalen Statthalter aubrüllend, der wird nie wissen, was uns der Held vom Neubau war. Oh, wie herrlich war es, als man noch deine Altäre schmückte heilige Göttin Kovallosia! Goldenes Zeitalter,. als man die bezylinderten, befrackten liberalen Hofräte vom „Goldenen Luchsen" mit deutscher, gemütlicher Gründlichkeit in das bessere Jenseits der Bierbude, beförderte. Wie schön, wie erhaben, als die „Freie Presse" an den Anstand appellierte und die großen Demokraten den Appell mit einem tüchtigen Rüpel beantworteten.-Wie faszinierend, wie fesselnd, wie göttlich humorvoll, wie burgtheatermäßig waren die Prophezeiungen der „Freien Presse" vor jeder Wahlschlacht über die bevorstehende vernichtende Niederlage der Christlichsozialen und die jedesmaligen überwältigenden Siege der Letzteren. Wie unvergleichlich schön waren die Liberalen nach jeder Ohrfeige, nach jedem Rippenstoß, nach jedem Knochenbruch, den sie davontrugen. Mit welchem Schick, mit welcher Eleganz erhoben sie sich, richteten Kragen und Krawatte, staubten ihre Kleider ab, dankten verbindlichst und humpelten zu Benedikt, der sie hinter seiner mit Bildern überreich geschmückten Leitartikelschürze versteckte. Sehe ich mich um, so überkommt mich eine große Wehmut, ob der verblaßten Herrlichkeit, ob der Verfinsterung der Sonne. Was wisset ihr Jungen von dem verlorenen Paradies. Betrete ich die heiligen Hallen der Volksvüter und zähle die Häupter meiner Lieben, so fehlen die Häupter: Gregorig, Schönerer und Schneider. Und mit dem Sprecher der überlebenden Gironde rufe ich ans: Oh, wer ersetzt uns die Tugend, eines Gregorig, die Ehrlichkeit eines Schönerer und die rabbinische Gelehrsamkeit eines Schneider. Ewig wird mir das Bild in Erinnerung bleiben, wie Schneider, die gelehrte Stirne gefaltet, dem damaligen Floridsdorfer Rabbiner schwierige Rambam-Partien erklärte. So müßte der Node b. Jehuda, als er den Schinr vortrng, ansgesehen haben. Und Schönerer, der Tapfere, wie er Oesterreich zertrümmerte und die Juden fraß. Und der Kooperator S ch e i ch e r, der Priester der Liebe, wie er von Kannibalismus tros. Und G eßmann, wie er die Korruption geißelte. Und Pattai, wie er den Präsidenten znrechtwies. Und L u e g e r, wie er die Bourgeoisie, das Kapital, die Börse, den Adel niederwienerte. Und Viktor Adler — draußen — wie er 'die Anarchisten, sprich Sozialisten, Revolutionäre, aus der Partei herausdenunzierte. Und P e r n e r st o r f e r, der „Hofrepublikaner", wie er über die Höchsten herfiel. Und der Iudenliberale, Baron C h l u m e c ck y, wie er den einzigen jüdischen Vertreter unmöglich machte. Und der große B i e h l o l a w e k zu Füßen des verewigten Gregorig. Und M i t t e r m a y e r, der Vertreter des christlichen Proletariats. Und S t r o h b a ch, der Glückliche. Und der arme schwarze Prinz. Und das Höchste und Größte, der unübertreffliche Zug zur und gegen die Burg. Die Revolutionierung aller ehrsamen Schuster und Bäcker, aller Kerzelweiber, aller Hausknechte imb Hausbesorger, aller geborenen und beeideten Loyalisten und Patrioten im Namen des Patriotismus und der Loyalität. Und wie wir infolge der Versicherung des Herrn Benedikt jeden Tag den Zusammenbruch der christlichsozialen Wirtschaft erwarteten. Nein, nicht nur der christlichsozialen, sondern der Wirtschaftsordnung überhaupt. Und wie wir alle tatsächlich, mit Gevatter Schneider, das Hereinbzechen des für die Liberalen so gefährlichen jüngsten Gerichtes befürchteten. Nein, Kinder, meine Feder ist zu schwach, um euch alles Erlebte schildern zu können. Wohl mir, daß ich dabei war. Aber meine geliebten Kinder im Herrn, so sich mir das Herz weitet, wenn mein Blick in die Vergangenheit schweift, so krümmt es sich zusammen, wenn ich die Gegenwart überblicke

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